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16.07.2017
Mario's Bücherkiste

Woher kommt die Sprache?

Er wurde 1959 in Nordhausen geboren, hat in Redaktionen vieler großer Deutscher Zeitungen gearbeitet. Und der Mann liest gern. Für die Nordthüringer Online-Zeitungen stöbert Mario Bartsch in den Neuerscheinungen auf dem Büchermarkt...


Der Schriftsteller Tom Wolfe versucht in seinem jüngsten Buch „Das Königreich der Sprache“ den Ursprung der menschlichen Sprache zu bestimmen. Auf rund 180 Seiten kanzelt er dabei genüsslich den Wissenschaftsbetrieb ab. Und erledigt mit Charles Darwin und Noam Chomsky gleich zwei Säulenheilige der Forschung.

In den vergangenen 150 Jahren wurden von der Entdeckung des Penizillins über die Entschlüsselung der menschlichen DNS bis zum Nachweis des Higgs-Bosons kolossale Fortschritte gemacht. Doch an einer der drängendsten Fragen der Menschheitsgeschichte - Wo liegt der Ursprung der menschlichen Sprache? - scheitert die Wissenschaft bis heute. In „Das Königreich der Sprache“ vertritt Wolfe die These, wonach die Sprache die erste kulturelle Leistung des Menschen und somit nicht mit der Evolutiontheorie oder wissenschaftlicher Systematik zu erklären ist.

So vage sich das Thema für manche anhört, es geht am Ende doch um die „Theorie von allem“. Denn wenn die Evolutionslehre, die von ihren Anhängern, die darüber zu Atheisten wurden, mit religiösem Eifer verbreitet wird, den Anspruch erhebt, die Entstehung der Arten – und darin die des Menschen – aufdecken zu können, wie, bitte schön, wird dann der Ursprung der Sprache erklärt?

Abrechnung mit Darwin und Chomsky

Darwins Idee, das Sprachvermögen des Menschen habe sich irgendwie aus der Imitation tierischer Laute entwickelt, wurde schon bald und sehr entschieden von dem in Dessau geborenen, in Oxford lehrenden Philologen und Religionswissenschaftler Max Müller in Frage gestellt: „Die Sprache ist unser Rubikon, und kein Tier wird wagen, ihn zu überschreiten.“ Nur der Mensch besitze die überlegene Macht der Sprache und kein Tier werde jemals darüber verfügen.

Es ist über weite Strecken ein Lehrstück über Obsessionen, das Wolfe zu erzählen hat, ein Wettstreit über Theorien, die mit heiligem Ernst vorgetragen wurden und absolute Gefolgschaft verlangten. Darwin kam der Gedanke, Sprache „habe im Zuge der Vogelgesänge zur Paarungszeit begonnen“. Der Mensch habe die Vögel imitiert und irgendwann begonnen, bestimmte Vogellaute spezifischen Vorgängen zuzuordnen und sie so zu „benennen“. Aber auch anderes, abstraktes Denken, Moral, Religion, Selbstbewusstsein und so fort, fand Darwin – so schrieb er 1871 in „The Descent of Man“ – bei den Tieren vorgebildet. Wolfe beschreibt ausführlich das Hin und Her der Meinungen, denn diese Darwin’sche Sprachtheorie, die sich relativ leicht widerlegen lässt, wurde natürlich sofort wieder bestritten, und so landet er schließlich in der Jetzt-Zeit, bei Noam Chomsky.

Cover (Foto: Blessing Verlag) Der 1928 als Sohn von aus der Ukraine ausgewanderten Juden geborene Amerikaner, der bereits mit seiner 1955 vorgelegten Dissertation sein Fach Linguistik revolutionierte, hat es schließlich zur zweifelhaften Auszeichnung als „meistzitierter Intellektueller“ der Welt gebracht. Wie zuvor bei Darwin gibt es um ihn herum eine straff organisierte Form von Jüngerschaft, die keinen Glauben an „andere Götter“ (und im übrigen auch an Gott) duldet, wann immer jemand den vom Großdenker in die Welt gesetzten Theorien zu nahe kommt – wie Tom Wolfe mit ätzendem Spott berichtet.

Chomsky Grundidee war zunächst: „Sprache sei nicht etwas, das man, lerne‘, Sprache funktioniere vom Moment des Geborenwerdens an, so wie das Herz sofort zu pumpen oder die Nieren sofort zu filtern und auszuscheiden beginnen.“ Eine Art „Sprachorgan“ befähige schon kleine Kinder dazu, relativ bald mit Hilfe einer „Universalgrammatik“ das Sprechen in ganzen Sätzen zu erlernen. Hintergrund dafür war Chomskys Vermutung, „dass alle Sprachen auf diesem Planeten, von geringfügigen lokalen Abweichungen abgesehen, in Wirklichkeit ein und dieselbe seien“.

Diese Annahmen konnten sich, so Wolfe, auch deswegen so gut durchsetzen, weil sie von jemandem kamen, der sich stets als Freund der Dritten Welt und Kritiker der „imperialistischen“ US-Außenpolitik gerierte und der mit großem Charisma für seine Thesen einzutreten verstand. Ganz nebenbei erledigte er noch die Behaviorismus-These des amerikanischen Verhaltensforschers B.F. Skinner. Dieser hatte aus der Tatsache, dass es ihm gelungen war, Ratten, die er mit Futter lockte, relativ leicht zu einem erlernten Verhalten zu bringen, geschlossen, dass man auch Menschen „konditionieren“ könne und zog so Rückschlüsse auf das menschliche Sprachvermögen.

Wolfe zeigt uns, wie Chomsky den Rivalen „20 000 Wörter lang schrotete“, so sehr durch den Kakao zog, dass Skinners Theorie sich in nichts auflöste. „Noam Chomsky wurde eine Macht, mit der es sich niemand mehr zu verscherzen wagte.“ Einer tat das dann doch, 2005, in einem harmlos erscheinendem Artikel über einige Besonderheiten der Piraha-Sprache, die von wenigen hundert Indianern des brasilianischen Amazonasbeckens gesprochen wird.

Daniel L. Everett, hatte als Missionar lange dort gelebt, sich die als unlernbar geltende Sprache angeeignet und war auf etwas aufmerksam geworden, was Guru Chomsky nicht gefallen konnte: Everett „war auf die schlichteste Gesellschaft der bekannten Welt gestoßen. Die Piraha dachten nur im Präsens. Sie verfügten über eine begrenzte Sprache; sie kannte keine Rekursion (= Bezugnahme auf Bekanntes oder Gewesenes), die sie in die Lage versetzt hätte, sich endlos in jede Richtung und in jeden Zeitrahmen auszudehnen. Sie stellten keine Artefakte her, ausgenommen Pfeil und Bogen“, kannten nicht einmal Häuser. Weil jeder ihrer Sätze für sich allein stehe und sich nur auf ein bestimmtes Ereignis des Jetzt beziehe, schloss Everett, dass eine universelle Grammatik hier nicht greife. Was die Indianer von sich gäben, „entstamme ihrer Kultur und nicht einer vorexistenten geistigen Schablone“.

Da läuteten bei Noam Chomsky alle Alarmglocken: „Prompt wechselten er und sein Kommando in den vollen Kampfmodus.“ Everett wurde auf Betreiben Chomskys von Seiten der brasilianische Regierung die Erlaubnis zum Besuch des Indianerreservats entzogen.

Wolfe benennt die wissenschaftlichen Artikel, die man nun, Kanonensalven gleich, aufeinander abfeuerte, von ihrem Umfang her: 10 000 gegen 15 000, 35 000 gegen 60 000 Zeichen. Schließlich ging es um viel, um die Deutungshoheit, darum, wer der beste Sprachforscher ist.

Das Ende vom Lied, von dieser Wissenschafts-Saga mit abenteuerromanhaften Zügen, ist geradezu banal, weil vorhersehbar: Chomsky hat seine These von der angeborenen Sprache und eingeborenen Universalgrammatik im Kern zurückziehen oder besser „modifizieren“ müssen. Everetts Idee, es sei schlicht falsch, Sprache als „angeboren“ zu bezeichnen, ist die nun herrschende.

In einem Artikel von 2014 gab Chomsky, der seine Meinung offiziell nie revidiert hat, zu: „Die Evolution des Sprachvermögens bleibt weitgehend ein Rätsel.“ Tom Wolfe beendet sein grandioses Buch mit einer Ode an die Macht der Zunge: „Die Behauptung, Tiere hätten sich zu Menschen entwickelt, gleicht der Behauptung, Carrara-Marmor habe sich zu Michelangelos David entwickelt. Der Sprache huldigt der Mensch in jedem nur erdenklichen Moment“.

Über den Autor

Tom Wolfe, 1931 in Richmond, Virginia, geboren, arbeitete nach seiner Promotion in Amerikanistik als Reporter u.a. für The Washington Post, Esquire und Harper's. In den 1960er-Jahren gehörte er mit Truman Capote, Norman Mailer und Gay Talese zu den Gründern des "New Journalism". Der vielfach preisgekrönte Schriftsteller (National Book Award u.a.) war mit Büchern wie The Electric Kool-Aid Acid Test (1968) international längst als Sachbuchautor berühmt, ehe er mit Fegefeuer der Eitelkeiten (1987) seinen ersten Roman vorlegte, der auf Anhieb zum Weltbestseller und von Brian de Palma mit Tom Hanks verfilmt wurde. Es folgten mit Hooking Up eine Sammlung von Essays und Erzählprosa (Blessing 2001) und weitere erfolgreiche Romane, darunter Ich bin Charlotte Simmons (Blessing 2005) und zuletzt der SPIEGEL-Bestseller Back to Blood (Blessing 2013). Der Autor lebt in New York.
Mario Bartsch

Tom Wolfe: „Das Königreich der Sprache“
Aus dem Amerikanischen von Yvonne Badal
Gebundenes Buch; 224 Seiten
Blessing Verlag; 2017
19,99 Euro
ISBN 978-3-89667-588-0
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