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Mi, 15:59 Uhr
18.07.2018
Wirkung von Lichtquellen auf Insekten

Wird die Nacht zum Tag stirbt die Umwelt

Aktuelle Forschungen zeigen, dass die Lichtverschmutzung unserer Umwelt katastrophale Auswirkungen auf Insektenpopulationen hat. Und Insektizide dafür nicht allein ursächlich sind...

Insekten im Licht (Foto: Leonid Eremeychuk - Fotolia.com)
Ökologen des Berliner Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei untersuchen in einem Forschungsversuch in Brandenburg die Wirkung von nächtlichen Lichtquellen auf Insektenpopulationen. Die bisherigen Ergebnisse zeigen: Straßenlaternen wirken wie Staubsauger und dezimieren Fluginsekten in einem bisher nicht gekannten Ausmaß.

Mehr noch: Lineare Lichtquellen, etwa entlang von Straßenführungen, wirken wie künstliche Zäune und zergliedern Insektenpopulationen mit der Folge, dass deren Genpool verarmt. Nach einer Studie aus 2017 ging in nur 27 Jahren die Biomasse bei Fluginsekten in deutschen Naturschutzgebieten um mehr als 75 % zurück – im Offenland. Für den Wald traf die Studie dagegen keine Aussage.

Insekten sind für den Menschen unersetzlich
„Insekten sind die artenreichste Gruppe aller Lebewesen und stellen über 70 % der Tierarten weltweit. Auch für die heimischen Wälder sind sie durch ihre vielfältigen ökosystemaren Funktionen unersetzlich. Durch unsere nachhaltige und naturnahe Waldwirtschaft schützen wir nicht nur Insekten, sondern fördern sie auch“, erläutert Volker Gebhardt, ThüringenForst-Vorstand.

Für den Menschen sind die Leistungen der blütenbestäubenden Insekten von zentraler Bedeutung, bestäuben sie doch 80 Prozent aller Nutzpflanzen. Insekten bilden aber auch die Nahrungsgrundlage für Spinnen, Vögel, Reptilien, Amphibien und Säugetiere. Am und im Boden sind Insekten Teil der Nährstoffkreisläufe sowie die Humusbildung. Im Wasser lebende Insektenlarven tragen zur Gewässerreinigung bei.

Forscher sind sich einig: Licht ist ein Insektenkiller
An einem einmaligen Laternentestfeld in Brandenburg erforschen die Leibniz-Ökologen seit 2012 die Lockwirkung von Laternenlicht. Wurden Hell-Dunkel-Felder verglichen, so fanden sich an Straßenlampen bis zu 267-mal so viele Insekten. Die Lampen wirken wie Staubsauger, die Insekten werden angezogen, umkreisen die Lichtquellen bis zur Erschöpfung und stürzen sodann auf den Boden, wo die Fressfeinde schon warten.

Künstliche Lichtquellen, da sind sich die Forscher einig, greifen massiv ins Verhalten der Insekten ein. Statt zu fressen, sich zu paaren und zu jagen kreisen sie um Straßenlampen, egal, ob ältere Natriumdampflampen oder moderne LED-Leuchtmittel. Weiterer fataler Effekt: Linear angeordnete Lichtquellen, etwa entlang von Straßen, wirken wie ein künstlicher, unüberwindbarer Zaun. So werden Insektenpopulationen zergliedert und deren Genpool eingeschränkt. Neu ist die Erkenntnis allerdings nicht. In einer Studie aus den 1960er Jahren wurden ähnliche Phänomene an einer neu eröffneten, intensiv beleuchteten Tankstelle beschrieben.

ThüringenForst setzt auf naturnahe und nahezu pflanzenschutzmittelfreie Forstwirtschaft
„Auch wenn die jüngsten Forschungsergebnisse erkennen lassen, dass Pflanzenschutzmittel nicht die einzige Ursache für das Insektensterben sind, werden wir deren Verwendung bei ThüringenForst noch mehr als bisher minimieren“, so Gebhardt weiter. Erst vor kurzem legte die Landesforstanstalt einen Bericht vor, demnach der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln 2017 im Staatswald im neunten Jahr in Folge sank. Auf flächigen Insektizideinsatz wurde gar vollständig verzichtet.

Zentralpunkt ist für Gebhardt eine naturnahe, ausdrücklich insektenfreundliche Forstwirtschaft, auch wenn die meisten heimischen Waldbäume windbestäubt werden. Die vielfältigen Funktionen der Insekten, etwa in den Nahrungsnetzwerken des Waldes oder für die Bodendurchlüftung wie auch –humusbildung, sind derart systemrelevant, dass deren Schutz und Förderung für Förster und Waldbesitzer große Bedeutung zukommt. Und mit dem Insektenschutz kennen sich die Grünröcke traditionell gut aus: Den Ameisenschutz im Wald lernen Forsteleven schon im ersten Forstschutzsemester, lange bevor sie die Grundlagen der Holzernte vermittelt bekommen.

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Kommentare

18.07.2018, 16.54 Uhr
Fönix | Wenn die arten- und Individuenreichste Tiergruppe
auf unserem Globus (Bakterien etc. mal ausgenommen) so massiv wie beschrieben unter Druck steht, dann ist es mindesten 5 (Milli-)Sekunden vor 12. Sie bilden zusammen mit den Algen und den Blütenpflanzen die Basis für unsere Nahrungsnetze. Fallen Sie in Größenordnungen aus, zerfällt das ganze System irreparabel. Es wäre vermessen zu glauben, der Mensch wäre in der Lage, einen adäquaten Ersatz oder gar eine rein (gen-)technokratisch organisierte Lebensgemeinschaft auf der Erde zu installieren. Selbst heute ist die Wissenschaft nur in Ansätzen in der Lage, die Wechselwirkungen in der Natur in ihrer Komplexität zu ergründen oder auch nur zu ermitteln.
Wenn die Wissenschaftler vom IGB jetzt so deutlich warnen, ist das unbedingt ernst zu nehmen. Aus eigener Erfahrung in entsprechenden Projekten kann ich nur bestätigen, dass die Mitarbeiter des IGB absolute Experten sind und ihre Arbeit sorgfältig und unabhängig ausführen. Jeglichen Gedanken an politischen Einfluss oder Lobbykratismus kann man hier ausschließen.
Es ist an der Zeit, die wirklich wichtigen Dinge in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik neu zu denken.
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