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So, 07:00 Uhr
14.10.2018
Marios Bücherkiste

„Er ist ein Idiot“: Kernschmelze im Weißen Haus

Der investigative Journalist Bob Woodward enthüllte in den 70ern den Watergate-Skandal. Nun nimmt er sich in derzeitigen Präsidenten vor und enthüllt den erschütternden Zustand des Weißen Hauses unter Donald Trump. Für das Buch verschaffte er sich Zugang zu sensiblen Dokumenten und führte Hunderte Interviews. Es ist ein Blick hinter die Kulissen...


In den USA hat Woodwards Buch „Fear“ („Furcht: Trump im Weißen Haus“), alle Kassenrekorde gebrochen. Kein Wunder: Das, was wir hier aus dem Treiben im Weißen Haus erfahren, ist brisant.

Und demoralisierend für alle, die in den USA noch immer einen Hort ungebrochener demokratischer Zivilisiertheit sehen. Als die ersten pikanten Details bekannt wurden, ließ der Verlag Simon & Schuster gleich das Siebenfache der ursprünglichen Erstauflage drucken: über eine Million Exemplare.

Das Weiße Haus wies die Darstellungen des Pulitzer-Preisträger Bob Woodward scharf zurück. Das Buch enthalte nichts anderes als „Lügengeschichten, viele davon von verärgerten früheren Mitarbeitern“, teilte Trumps Sprecherin Sarah Sanders mit. Stabschef Kelly wies besonders die Darstellung Woodwards zurück, wonach er - Kelly - Trump als „Idioten“ bezeichnet habe. „Das ist ein weiterer erbärmlicher Versuch, die Menschen zu beschmutzen, die Präsident Trump nahestehen, und von den vielen Erfolgen der Regierung abzulenken.“

Was erfährt man über Trump als Präsidenten?
Darf man Woodwards Quellen glauben, dann erfahren wir in „Furcht“ tatsächlich jede Menge über Trump. In kleiner Runde wird er schon mal „Idiot“ genannt. Ein Politikerdarsteller mit der mentalen Kapazität „eines Fünft- oder Sechstklässlers“. Einer, dem man, um Schlimmeres zu verhindern, schon mal eine Beschlussvorlage vom Schreibtisch nimmt und heikle Memos einfach nicht weiterleitet. Man könnte das einen schleichenden Coup d'État nennen in militärischer Diktion erfüllt solche Quertreiberei den Tatbestand der Sabotage. „Es geht nicht darum, was wir für das Land taten. Es geht darum, woran wir ihn hindern konnten“ so Gary Cohn, damals der ranghöchste Wirtschaftsberater des Präsidenten (und vormals Chef der Wall-Street-Bank Goldman Sachs).

Trump wollte Assad töten
Nach dem Giftgas-Anschlag von Syriens Diktator Bashar al-Assad im April 2017 rief Trump dem Buch zufolge US-Verteidigungsminister Jim Mattis an und sagte ihm, dass er Assad töten wolle. „Lasst uns ihn verdammt nochmal töten. Lasst uns da reingehen. Lasst uns ganz viele von ihnen töten“, wird Trump von Woodward zitiert. Mattis habe dem Präsidenten versichert, dass er sich darum kümmern werde.

Cover (Foto: Rowohlt Buchverlag) Aber nachdem er aufgelegt hatte, meinte er gegenüber einem Assistenten: „Wir werden nichts davon tun. Wir werden sehr viel maßvoller sein.“ Danach präsentierte der Nationale Sicherheitsrat dem Präsidenten mehrere Einsatzoptionen, von denen keine eine gezielte Tötung des syrischen Präsidenten vorsah. Die effektivste Weise, Trump einzuhegen, war stets, erst einmal Zeit zu gewinnen und darauf zu setzen, dass seine Wut irgendwann verrauchen würde.

Im Weißen Haus herrscht Angst
Unter Trump zu arbeiten das bedeutet, einen Hire-and-Fire-Job zu haben. Unter den Angestellten im Schatten der Macht herrscht eine feindselige Atmosphäre, keiner traut dem anderen über den Weg. Niemand weiß, wer als Nächster gedemütigt, isoliert, geschasst wird. Wie viele andere vor ihm musste auch Stabschef John Kelly gehen. Die Trennungsgründe sind so wirr und diffus wie fast alles, was aus der Regierungspraxis des Egomanen auf dem Präsidentensessel bekannt ist. Kelly und nicht nur er wusste, worauf er sich einließ, als er den Job im Trump-Stab annahm. Sein Vorgänger Reince Priebus hat das Willkürregime im Weißen Haus einmal so beschrieben: „Wenn man eine Schlange, eine Ratte, einen Falken, einen Hasen, einen Hai und eine Robbe in einen Zoo ohne Trennwände packt, dann fließt irgendwann Blut.“

Keine Fake News
Auch wenn Trump tönt, Woodward sei „ein Lügner“, klar ist: Bob Woodwards Renommee als kritischer politischer Journalist ist immens. Er ist eine Ikone des amerikanischen Enthüllungsjournalismus; er ist der Mann, der Anfang der 70er Jahre mit seinem Reporter-Kollegen Carl Bernstein für die Washington Post den Watergate-Skandal aufdeckte, der US-Präsident Richard Nixon zu Fall brachte. Seit 40 Jahren arbeitet Woodward in Washington. In diesen Jahren verfasste er 19 Bücher über die wichtigsten Exponenten der amerikanischen Politik, u.a. über alle Präsidenten von Nixon bis Obama. Für Fake News ist Woodward definitiv nicht bekannt.
Mario Bartsch

Bob Woodward: „Furcht: Trump im Weißen Haus“
Gebundene Ausgabe; 512 Seiten
Rowohlt Buchverlag; 2018
22,95 Euro
ISBN-13: 978-3498074081
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