eic kyf msh nnz uhz tv nt
Anzeige symplr (4)
Fr, 11:08 Uhr
30.09.2011

Von der 6. Ebelebener Werkstattlesung

„Da hätte man eine Stecknadel fallen hören können“, so das Fazit von Mitwitzs Vizebürgermeister Jürgen Kern. In Kooperation mit der Landeszentrale für politische Bildung hatte Bürgermeister Uwe Vogt zur nun schon 6. Lesung in der Reihe eingeladen. Grit Poppe aus Potsdam las aus ihrem Buch „Weggesperrt“ und mit Kerstin Kuzia aus Berlin hatte sie eine Zeitzeugin mitgebracht, die den Zuhörern den Atem stocken ließ....

Claudia Vogt verwies in ihrer Einführung darauf, dass die Werkstattlesungen den Bogen zwischen Vergangenem und Gegenwärtigem spannen. Das Buch „Weggesperrt“ hat Grit Poppe eigentlich für ihre Kinder geschrieben. Für den Roman wurde sie 2010 mit dem Gustav- Heinemann- Friedenspreis ausgezeichnet. Das authentische Buch wirkt beklemmend und handelt von einem dunklen Kapitel der DDR, nämlich den Jugendwerkhöfen. Die Autorin meint zu Recht, dass dieses Kapitel deutscher Geschichte heute den Jugendlichen kaum vermittelt wird. Zu DDR- Zeiten waren Jugendwerkhöfe ein Tabu- Thema, die Aufarbeitung fällt heute noch schwer. Frau Vogt hatte aus einem DDR- Lexikon zitiert, in dem Jugendwerkhöfe der Jugendhilfe und dem Ministerium für Volksbildung unterstellt worden sind. In den DDR- Annalen ist nachzulesen, dass diese Normal- bzw. Spezialheime dazu dienten, um Erziehungsschwierige bzw. Strafffällige zu sozialistischen Persönlichkeiten umzuerziehen. Heute sind die Methoden Drill, Zwang, Isolation und Übergriffe der Öffentlichkeit bekannt. In Baden- Württemberg wurde das Buch sogar Pflichtlektüre in der Schule. Zu Ende der DDR- Zeit gab es 32 Werkhöfe, wobei der geschlossene Vollzug von Torgau berüchtigt war.

Frau Poppe hatte zahlreiche Zeitzeugen, darunter Kerstin Kuzia, befragt, welche die Grundlage des Buches „Weggesperrt“ ergab. Mit der 14- jährigen Anja wurde der beklemmenden Thematik im Buch ein Gesicht gegeben. Und mit dem Stellen eines Ausreiseantrages durch die Mutter beginnt für das Mädchen der Horrortrip bis in die sächsische Stadt. Die Autorin las einige Kapitel des Buches an, was Neugier bei den Lesern erweckte. Nach der Pause, die wie immer vorzüglich durch die Mühlhäuser Werkstätten mit Canapés und Getränken vorbereitet wurde, sprach dann Kerstin Kuzia als Zeitzeugin über ihre beklemmende Kindheit und Jugend.

Als eines von vier Kindern war sie ohne Vater aufgewachsen und kam mit sechs Jahren aufgrund Bettnässens in die Kinderpsychiatrie. Später folgten ein Spezialkinderheim und zwei Durchgangsheime, bevor sie in den Jugendwerkhof Hummelshain südlich von Jena kam. Dort wurden die Jugendlichen zu Teilfacharbeitern (Hilfsarbeitern) auf unterem Niveau ausgebildet. Frau Kuzia wurde aufgrund eines Wutanfalls, nachdem die einzige Vorgesetzte, zu der sie Vertrauen gefasst hatte, zwangsversetzt wurde, in den geschlossenen Jugendwerkhof wegen „Organisation eines Massenausbruchs“ nach Torgau gebracht. Hier handelte es sich um ein früheres Kriegsgefängnis, welches auf Anweisung der damaligen Bildungsministerin Margot Honecker mit hohen Mauern und mehreren Stahltoren versehen worden war. Scharfe Hunde bewachten die Anlage, um Ausbrüche zu verhindern. Die hierher gebrachten Jugendlichen waren nicht verurteilt sondern aufgrund von Gutachten der Jugendämter eingewiesen worden.

Bedrückend waren die Schilderungen von Frau Kuzia über Sprechverbot und mit militärischem Drill vergleichbaren Methoden. Der Waschraum glich nach ihren Schilderungen einem solchen im KZ, welches sie im Rahmen von Jugendweihefahrten gesehen hatte. Einzelzellen, Gruppenbestrafungen oder Essensentzug, alles das waren Dinge, mit denen die Zeitzeugin die Zughörerschaft konfrontierte. Zum Schluss sollten die Jugendlichen nur noch funktionieren. Sie habe Torgau erlebt, durchlebt und überlebt, so das Fazit von Frau Kuzia. Bei der Entlassung mussten Stillschweigeerklärungen unterschrieben werden. Sie selbst habe eine langjährige Therapie, z.T. in der geschlossenen Psychiatrie durchmachen müssen.

Ein betroffenes Publikum folgte fast drei Stunden den Ausführungen von Autorin und Zeitzeugin und hatte im Anschluss noch einige Fragen an die beiden Frauen. Ein hochinteressanter Abend, dem mehr als 70 Zuhörer gespannt verfolgten, so das Resümee vieler Besucher. Im Anschluss an die Lesung signierten Autorin und Zeitzeugin das Buch.
U. Vogt
Autor: khh

Anzeige symplr (6)
Kommentare

Bisher gibt es keine Kommentare.

Kommentare sind zu diesem Artikel nicht möglich.
Es gibt kein Recht auf Veröffentlichung.
Beachten Sie, dass die Redaktion unpassende, inhaltlose oder beleidigende Kommentare entfernen kann und wird.
Anzeige symplr (9)
Anzeige symplr (8)