So, 16:13 Uhr
27.11.2011
Genial daneben
Mit Sonderbares aus Sondershausen (10) meldet sich mal wieder mit spitzer Feder unser Leser Eric Sommer zu Wort. Wen er dieses Mal aufs Korn genommen hat, erfahren Sie hier...
Wo Jazz-Club draufsteht, ist noch lange kein Jazz drin. Zumindest ist das in Sondershausen so. Und so gesehen hat der Sondershäuser Jazz-Club, was das musikalische Genre betrifft, mal wieder daneben gegriffen, wenn auch, zugegebenermaßen und wie schon so oft, genial daneben, denn wer sich am Samstag in den Keller des Achteckhauses aufgemacht hatte, konnte sich wohl kaum des Gefühls erwehren, mit diesem Abend vorzeitig ein kostbares Weihnachtsgeschenk erhalten zu haben.
Der dreiköpfigen Berliner Band um Cristin Claas gelang es auf Anhieb und innerhalb weniger Minuten, eins der Hauptprobleme der Veranstaltungen des Sondershäuser Jazz-Club zu lösen. Das zwar verständliche, aber oft störende Kommunikationsbedürfnis des Publikums, dass wegen der besonderen akustischen Bedingungen des kreisrunden Kellergewölbes schon einige Male für Verstimmung gesorgt hatte, erstarb mit dem Erklingen der Stimme von Cristin Claas und wich einem fast schon andächtigen Lauschen.
Die Band nahm die Herausforderung an und spielte Musik so zart und leise, leiser ging es nicht. In einer Fantasiesprache ins Mikrofon geflüsterte Klänge von Cristin Claas, getragen von Christoph Reuters sphärischen Strings am Fender Rhodes, gestützt durch minimalistisches Zupfen an Stephan Bormanns Gitarre erfüllten den Raum. Kein Tuscheln, kein Husten, kein Stühlerücken. Und als sich der erste Song dem Ende näherte, stand die Zeit scheinbar still, bis die Sandsteinmauern den letzten Oberton verschlungen hatten. Erst dann, aber unaufhaltsam toste ein Beifall auf, der einer Unterschrift unter einen Geheimvertrag glich, den Publikum und Band in diesem Augenblick geschlossen hatten: Purer Musikgenuss gegen ungeteilte Aufmerksamkeit.
Nicht dass es den ganzen Abend so ruhig zuging. Wenn die drei, die ihre Instrumente meisterhaft beherrschten, von der Leine gelassen wurden, ging richtig die Post ab. Cristin Claas verstand es allerdings ganz besonders, das Publikum immer wieder mit ihren leisen Tönen und nachdenklichen Texten zu fesseln. Dann herrschte jedes Mal am Ende eines Liedes für Sekunden eine fast andächtige Stille, in der man bemerkte, dass der ganze Keller den Atem anhielt.
Als tatsächlich einmal eine leere Bierflasche klappernd umfiel und über den Boden rollte - ja, man konnte das Rollen deutlich hören - griffen die drei den Umstand schmunzelnd auf und improvisierten mal eben eine Songphrase dazu.
Nebenbei bemerkt, und das muss man der "Programmfindungskommission" zugutehalten, wüsste selbst der Verfasser dieses Artikels nicht, in welche der handelsüblichen Schubladen man Cristin Claas und ihre Band einsortieren sollte. Daher auch der Verzicht auf jeglichen Versuch, zu beschreiben, was die drei eigentlich machen. Songpoesie eben.
Wo Jazz-Club drauf steht, ist noch lange kein Jazz drin. Und das ist gut so. Und das sollte auch so bleiben. Und solange das noch nicht alle Sondershäuser wissen, bekommt man bestimmt weiterhin einen guten Platz im Jazzkeller.
© Eric Sommer
Autor: khhWo Jazz-Club draufsteht, ist noch lange kein Jazz drin. Zumindest ist das in Sondershausen so. Und so gesehen hat der Sondershäuser Jazz-Club, was das musikalische Genre betrifft, mal wieder daneben gegriffen, wenn auch, zugegebenermaßen und wie schon so oft, genial daneben, denn wer sich am Samstag in den Keller des Achteckhauses aufgemacht hatte, konnte sich wohl kaum des Gefühls erwehren, mit diesem Abend vorzeitig ein kostbares Weihnachtsgeschenk erhalten zu haben.
Der dreiköpfigen Berliner Band um Cristin Claas gelang es auf Anhieb und innerhalb weniger Minuten, eins der Hauptprobleme der Veranstaltungen des Sondershäuser Jazz-Club zu lösen. Das zwar verständliche, aber oft störende Kommunikationsbedürfnis des Publikums, dass wegen der besonderen akustischen Bedingungen des kreisrunden Kellergewölbes schon einige Male für Verstimmung gesorgt hatte, erstarb mit dem Erklingen der Stimme von Cristin Claas und wich einem fast schon andächtigen Lauschen.
Die Band nahm die Herausforderung an und spielte Musik so zart und leise, leiser ging es nicht. In einer Fantasiesprache ins Mikrofon geflüsterte Klänge von Cristin Claas, getragen von Christoph Reuters sphärischen Strings am Fender Rhodes, gestützt durch minimalistisches Zupfen an Stephan Bormanns Gitarre erfüllten den Raum. Kein Tuscheln, kein Husten, kein Stühlerücken. Und als sich der erste Song dem Ende näherte, stand die Zeit scheinbar still, bis die Sandsteinmauern den letzten Oberton verschlungen hatten. Erst dann, aber unaufhaltsam toste ein Beifall auf, der einer Unterschrift unter einen Geheimvertrag glich, den Publikum und Band in diesem Augenblick geschlossen hatten: Purer Musikgenuss gegen ungeteilte Aufmerksamkeit.
Nicht dass es den ganzen Abend so ruhig zuging. Wenn die drei, die ihre Instrumente meisterhaft beherrschten, von der Leine gelassen wurden, ging richtig die Post ab. Cristin Claas verstand es allerdings ganz besonders, das Publikum immer wieder mit ihren leisen Tönen und nachdenklichen Texten zu fesseln. Dann herrschte jedes Mal am Ende eines Liedes für Sekunden eine fast andächtige Stille, in der man bemerkte, dass der ganze Keller den Atem anhielt.
Als tatsächlich einmal eine leere Bierflasche klappernd umfiel und über den Boden rollte - ja, man konnte das Rollen deutlich hören - griffen die drei den Umstand schmunzelnd auf und improvisierten mal eben eine Songphrase dazu.
Nebenbei bemerkt, und das muss man der "Programmfindungskommission" zugutehalten, wüsste selbst der Verfasser dieses Artikels nicht, in welche der handelsüblichen Schubladen man Cristin Claas und ihre Band einsortieren sollte. Daher auch der Verzicht auf jeglichen Versuch, zu beschreiben, was die drei eigentlich machen. Songpoesie eben.
Wo Jazz-Club drauf steht, ist noch lange kein Jazz drin. Und das ist gut so. Und das sollte auch so bleiben. Und solange das noch nicht alle Sondershäuser wissen, bekommt man bestimmt weiterhin einen guten Platz im Jazzkeller.
© Eric Sommer
