eic kyf msh nnz uhz tv nt
Anzeige symplr (4)
Mo, 12:03 Uhr
26.12.2011

nnz/kn-Forum: 108

Johannes Heesters ist gestorben. Im Alter von 108 Jahren. Dazu veröffentlichen wir die Meinung eines Lesers von nnz und kn.


Allen bösen, ja bösartigen Lästereien zum Trotz: Johannes "Jopie" Heesters hat sich nicht von seinem voyeuristischen Publikum kleinkriegen lassen, das sich über den über hundertjährigen Greis amüsierte, wenn er sich kaum noch auf seinen Beinen halten konnte, am Flügel lehnte oder von seiner Frau gehalten werden musste. Viele zog es nur noch zu seinen Auftritten wegen seines aus ihrer Sicht längst überschrittenen "Verfallsdatums".

Mich persönlich haben die oftmals hämischen Kommentare in den Medien oftmals traurig gemacht. Zugegeben: Ich bin kein großer Theater- und Operettengänger: Aber ich habe ihn bewundert. Diesen alten Mann, begnadeten Emtertainer und nimmermüden Optimisten, der dem Tod 108 Jahre gekonnt ein Schnippchen schlug, um einfach nur er selbst zu sein bzw. das, was er für sein Publikum immer sein wollte: Ein Stimmungsmacher, der ungeachtet der Dramatik seines eigenen Jahrhunderts andere Menschen verzaubern und in seine Welt aus Freude, Erotik, Gesang und halt guter Laune entführen wollte.

Als unsäglich empfand ich auch die Diskussionen über seinen Besuch im damaligen Konzentrationslager Dachau 1941. Sich als Nachkriegsgeborener hinzustellen und über das Verhalten eines Künstlers in der damaligen Zeit zu urteilen, hat genauso ein Geschmäcke, wie dieser Besuch von Heesters selbst. Natürlich nahm er damals den Platz vieler emigrierter deutscher Künstler ein und hatte dadurch nach 1936 die Chance, unter den Nazis berühmt zu werden. Aber weder war er NSDAP-Mitglied, noch hat er sich je während dieser Zeit antijüdisch oder pro-nationalsozialistisch geäußert. In der Presse findet man im Gegenteil Berichte, die Auftritte mit einem jüdischen Ensemble in den Niederlanden des Jahres 1938 beschreiben.

Zudem hatte der eigentliche Holocaust im Jahre 1941 noch nicht eingesetzt. Dachau galt als "sauberes" Schulungslager für die KZ-Wachmannschaften andere Lager und hatte jahrelang den Status eines Vorzeigelagers mit aus Nazisicht besonders "geordneten Verhältnissen". Das soll absolut keine Entschuldigung für das Grauen sein, das auch dort geschah. Aber 1941 zu erahnen, was für einen gezielten Vernichtungswahn Hitler nach der für Millionen Juden verhängnisvollen Wannsee-Konferenz entfachen würde, dürfte gerade in Dachau nicht ganz einfach zu durchschauen gewesen sein.

Ich weiß von vielen älteren Menschen, wie sehr ihnen damals die Auftritte der Künstler geholfen haben, mit der ständigen Angst vor dem Tod eigener Angehöriger, den Bombenangriffen und dem Mangel wenigstens halbwegs zurechtzukommen. Kunst war immer auch ein Instrument der jeweils Herrschenden für oder gegen das eigene Volk. Auch Heesters wurde entsprechend vereinnahmt. Reichspropagandaminister Goebbels trug ihn auf Händen.

Ich glaube, dass er selbst ein recht unpolitischer Mensch war, der einfach Kunst machen wollte und sich, wie es alle Künstler gerne tun, vom Applaus seines Publikums ein wenig betäuben ließ. Das aber dürfte zugleich ein Dilemma vieler Künstler sein, nicht nur jenes von Johannes Heesters. Politikverdrossenheit und diesbezügliche Blindheit für die existenziellen Probleme dieser Welt aber begegnet uns auch heute als Massenerscheinung. Mit allen Gefahren und mit aller Schuld, die aus ihr erwachsen.

Der wichtigste Grund, aus dem heraus ich aber diesen Beitrag schreibe, ist mein Respekt vor seinem Alter und vor seiner Haltung dazu. Immerhin war er er älteste aktive Schauspieler der Welt und gehörte zugleich zu den ältesten Menschen dieses Planeten überhaupt.

Zugegeben: Mit 47 ist es schwer, einzuschätzen, wie es einem selbst mit 70, 80 oder gar 90 Jahren ergehen könnte. Aber Menschen wie Heesters zeigten uns Wege auf, den Leidensweg des Alters als ausgefüllten Teil des Lebensweges zu sehen und entsprechend zu gestalten. Eines der größten Probleme des Alters ist wohl, sich aufzugeben und mit dem unabwendbaren Schicksal zu hadern, sich zu bemitleiden und sich komplett den Ärzten auszuliefern. Angesichts der auf dem Kopf stehenden Alterspyramide, der ständigen Zunahme des Anteils älterer Menschen, steht wohl nicht nur eine Reformierung des Pflegesystems und der Sozialsysteme auf der Tagesordnung: Auch eine neue Art des Alterns sollten wir erlernen. Johannes Heesters machte es uns vor. Zwar gab er das Rauchen erst mit 107 auf, aber täglich soll er sich auch an Fitnessgeräten geschafft haben.

An erster Stelle aber für sein biblisches Alter stand wohl neben guten Genen seine Selbstdisziplin, sein Glaube an den nächsten Auftritt, seine Freude auf den nächsten Film und ganz einfach auf den nächsten Tag und das trotz am Ende völliger Blindheit. Jopie ist zugleich ein Beispiel für die lebensspendende Funktion der Eitelkeit.
Wir sollten uns in unserer alternden Gesellschaft ein Beispiel an ihm nehmen. Auch in diesem Sinne wird der begnadete Entertainer unvergessen bleiben.

Um all dies zu unterstreichen, möchte ich Ihnen, liebe nnz-Leser, einige Sprüche des Stars zum besten geben, die ich aus der Online-Ausgabe der Stuttgarter Zeitung entnahm:

Johannes Heesters: 5.12.1903 bis 24.12.2011 (Quelle: Stuttgarter Zeitung online)
"Ich lebe weiter, als wenn ich 80 wäre. Wer kann das schon von sich behaupten?"
"Soll ich zu Hause sitzen und warten, bis man mich holt?"
"Sagen Sie, wie lange muss ich hier noch stehen? Man ist ja schließlich keine 100 mehr!"
"Ich wollte hier gerne noch länger singen. Aber Sie sind sicher müde und müssen schlafen gehen."
"Ich weiß nicht, wie man 100 wird. Aber ich weiß, dass man es nicht alleine wird."
"Die Leute hören nicht auf zu klatschen. Wie wunderschön, sie mögen mich immer noch."
"Ich danke Gott für all die schönen Jahre. Es ist sehr schön gewesen."
Bodo Schwarzberg
Autor: nnz

Anmerkung der Redaktion:
Die im Forum dargestellten Äußerungen und Meinungen sind nicht unbedingt mit denen der Redaktion identisch. Für den Inhalt ist der Verfasser verantwortlich. Die Redaktion behält sich das Recht auf Kürzungen vor.
Anzeige symplr (6)
Kommentare
Klaro
26.12.2011, 13:38 Uhr
johannes Heesters
Ihr Kommentar läßt keine Fragen offen.
Respekt. Besser kann man die Person Heesters und seine Situation in der unrühmlichsten Zeit der deutschen Geschichte nicht beschreiben.
Paulinchen
27.12.2011, 12:05 Uhr
Viel Spaß Jopi...
...jetzt darfst Du im "MAXIM" für immer bleiben. Danke, dass es Dich gab, meint Paulinchen.
Kommentare sind zu diesem Artikel nicht mehr möglich.
Es gibt kein Recht auf Veröffentlichung.
Beachten Sie, dass die Redaktion unpassende, inhaltlose oder beleidigende Kommentare entfernen kann und wird.
Anzeige symplr (8)