Fr, 06:57 Uhr
27.01.2012
Aus einer 102-jährigen Zeitung (5)
Seit einigen Tagen stöbert Bodo Schwarzberg ab und zu im "Volksblatt für Nordthüringen" aus dem Jahre 1910, das er bei einem Bekannten einsehen kann. In loser Folge möchte er Sie, liebe nnz/kn-Leserinnen und -Leser mit einigen Veröffentlichungen der damaligen Zeit vertraut machen. Heute: Volksbräuche aus Nordthüringen...
"...Das Pulver von den verbrannten Tüchern, mit welchen der Tote gewaschen wurde, und das Leichenwasser, werden zu allerhand Sympathiemitteln verwandt. Ist der Tote aufgebahrt, so gibt man ihm Geld, einen Zehr- und Reisepfennig (wie die Griechen einen Obolos für Charon) in den Sarg, dem Kinde ein Püppchen, dem Raucher seine Tabakspfeife, dem Trinker die Schnapsflasche. Solange der Sarg offen ist, darf man angesichts des Toten keine Träne weinen, das würde die Ruhe der Toten stören. Die in das Trauerhaus eintretenden Gäste reden die Leidtragenden mit den Worten an: "Es tut mir leid, Ihre Betrübnis", worauf diese antworten: "Es ist Gottes Wille gewesen.'
Die schöne Sitte, dass bei einem Begräbnis aus jedem Haus des Dorfes ein Einwohner am Leichenzuge teilnimmt, findet sich in Nordthüringen nicht. In einigen Gemeinden beteiligen sich nur Männer am Zuge, während die Frauen im Trauerhause zurückbleiben. Man sagt nicht: "Ich gehe zum Begräbnis", sondern: "Ich gehe zur Leiche", und man nennt den Leichenzug schlechthin "die Leiche". So hört man häufig bei größeren Leichenzügen, wobei besonders der Sarg reich geschmückt ist, sagen: 'Es war eine schöne Leiche'. In manchen ländlichen Gemeinden tragen die jeweiligen Standes- und Altersgenossen des Entschlafenen die Leiche zu Grabe, bei verheiratet gewesenen Toten Männer, bei Kinderleichen Jünglinge."
Der Tod, liebe nnz-Leserinnen und nnz-Leser war und ist zu jedem Zeitpunkt der menschlichen Gesellschaftsentwicklung aktuell. Wir haben das Glück, für einige Zeit am Leben zu sein. Und das ist ein seltenes Privileg, wenn man sich die Statistik anschaut. Irgendwo bei Wikipedia las ich nämlich, dass von allen Menschen, die jemals lebten, sage und schreibe 106 Milliarden bereits wieder verstorben sind. Gerade 7 Milliarden bevölkern unseren Planeten wohl gegenwärtig, das sind weniger als zehn Prozent. Der Tod ist also die Regel, nicht die Ausnahme in der Menschheitsgeschichte. Und es wäre für unsere gebeutelte Erde schlimm, wenn es sich mit den Zahlen umgedreht verhielte.
Nun noch ein Auszug aus der Rubrik "Politische Rundschau" vom 12. November 1910. Folgendes steht gleich zu Beginn (Auszug): "Der Besuch des Kaisers von Russland bei unserem Kaiser in Potsdam hat zu mancherlei Erörterungen Anlass gegeben. Besonders beunruhigt darüber ist man in England, da man fürchtet, Russland werde immer mehr von dem Freundschaftsverhältnis mit England abrücken. In Petersburg suchte man die Freunde jenseits des Kanals zu beruhigen, da 'sich in Russlands Politik nichts ändern werde.' Wir wollens abwarten. Jedenfalls können wir in Deutschland es ruhig an uns kommen lassen, ob Russland sich mehr oder weniger freundschaftlich gegen uns stellen will. Es gilt noch immer Bismarcks Wort: 'Wir sind gern mit jedermann gut Freund, aber wir laufen niemandem nach."
Glücklicherweise haben sich die Zeiten geändert. Niemand muss heute mehr Bedenken haben, wenn sich Herr Putin oder Herr Medwedjew mit Frau Merkel oder mit Herrn Wulff trifft, auch nicht der britische Premier. In den politischen Beiträgen jener Zeit schwang stets eine gewisse Spannung, ja vielleicht sogar Kriegsangst mit. Und die war damals mehr als berechtigt. Viele Worte werden in den Texten gebraucht, die in den heutigen politischen Medien meist vermieden werden: "schädlich", "abgrundtief", "räuberisch" u.s.w.. Zwischen den damaligen europäischen Staaten herrschte vielfach Misstrauen, ja Missgunst.
Trotz aller Euro- und sonstigen Wirtschaftskrisen: Für uns sind Frieden und Sicherheit zur Selbstverständlichkeit geworden. Manchmal denke ich, viel zu selbstverständlich: So haben wir zwar aktive Castorgegner, aber keine Demonstranten mehr, die den noch immer allgegenwärtigen mehrfachen Overkill durch die Atomwaffenarsenale dieser Welt anprangern.
Das fast vergessene Wort "Overkill" hat eine ganze Menge mit dem oben thematisierten Wort "Tod" zu tun. Und beides wird, ebenso wie die unabsehbaren existenziellen Gefahren des Klimawandels, massenhaft verdrängt, - trotz oder gerade wegen der Allgegenwärtigkeit dieser abstrakt erscheinenden Tatsachen. Das Verdrängen der Realität aber hat noch nie geholfen. Das beweist die Geschichte in den 35 Jahren nach der hier zitierten Zeitungsausgabe.
Ausgewählt, zitiert und kommentiert von Bodo Schwarzberg
Autor: nnzVolksbräuche aus Nordthüringen
4. Tod und Begräbnis (Fortsetzung)"...Das Pulver von den verbrannten Tüchern, mit welchen der Tote gewaschen wurde, und das Leichenwasser, werden zu allerhand Sympathiemitteln verwandt. Ist der Tote aufgebahrt, so gibt man ihm Geld, einen Zehr- und Reisepfennig (wie die Griechen einen Obolos für Charon) in den Sarg, dem Kinde ein Püppchen, dem Raucher seine Tabakspfeife, dem Trinker die Schnapsflasche. Solange der Sarg offen ist, darf man angesichts des Toten keine Träne weinen, das würde die Ruhe der Toten stören. Die in das Trauerhaus eintretenden Gäste reden die Leidtragenden mit den Worten an: "Es tut mir leid, Ihre Betrübnis", worauf diese antworten: "Es ist Gottes Wille gewesen.'
Die schöne Sitte, dass bei einem Begräbnis aus jedem Haus des Dorfes ein Einwohner am Leichenzuge teilnimmt, findet sich in Nordthüringen nicht. In einigen Gemeinden beteiligen sich nur Männer am Zuge, während die Frauen im Trauerhause zurückbleiben. Man sagt nicht: "Ich gehe zum Begräbnis", sondern: "Ich gehe zur Leiche", und man nennt den Leichenzug schlechthin "die Leiche". So hört man häufig bei größeren Leichenzügen, wobei besonders der Sarg reich geschmückt ist, sagen: 'Es war eine schöne Leiche'. In manchen ländlichen Gemeinden tragen die jeweiligen Standes- und Altersgenossen des Entschlafenen die Leiche zu Grabe, bei verheiratet gewesenen Toten Männer, bei Kinderleichen Jünglinge."
Der Tod, liebe nnz-Leserinnen und nnz-Leser war und ist zu jedem Zeitpunkt der menschlichen Gesellschaftsentwicklung aktuell. Wir haben das Glück, für einige Zeit am Leben zu sein. Und das ist ein seltenes Privileg, wenn man sich die Statistik anschaut. Irgendwo bei Wikipedia las ich nämlich, dass von allen Menschen, die jemals lebten, sage und schreibe 106 Milliarden bereits wieder verstorben sind. Gerade 7 Milliarden bevölkern unseren Planeten wohl gegenwärtig, das sind weniger als zehn Prozent. Der Tod ist also die Regel, nicht die Ausnahme in der Menschheitsgeschichte. Und es wäre für unsere gebeutelte Erde schlimm, wenn es sich mit den Zahlen umgedreht verhielte.
Nun noch ein Auszug aus der Rubrik "Politische Rundschau" vom 12. November 1910. Folgendes steht gleich zu Beginn (Auszug): "Der Besuch des Kaisers von Russland bei unserem Kaiser in Potsdam hat zu mancherlei Erörterungen Anlass gegeben. Besonders beunruhigt darüber ist man in England, da man fürchtet, Russland werde immer mehr von dem Freundschaftsverhältnis mit England abrücken. In Petersburg suchte man die Freunde jenseits des Kanals zu beruhigen, da 'sich in Russlands Politik nichts ändern werde.' Wir wollens abwarten. Jedenfalls können wir in Deutschland es ruhig an uns kommen lassen, ob Russland sich mehr oder weniger freundschaftlich gegen uns stellen will. Es gilt noch immer Bismarcks Wort: 'Wir sind gern mit jedermann gut Freund, aber wir laufen niemandem nach."
Glücklicherweise haben sich die Zeiten geändert. Niemand muss heute mehr Bedenken haben, wenn sich Herr Putin oder Herr Medwedjew mit Frau Merkel oder mit Herrn Wulff trifft, auch nicht der britische Premier. In den politischen Beiträgen jener Zeit schwang stets eine gewisse Spannung, ja vielleicht sogar Kriegsangst mit. Und die war damals mehr als berechtigt. Viele Worte werden in den Texten gebraucht, die in den heutigen politischen Medien meist vermieden werden: "schädlich", "abgrundtief", "räuberisch" u.s.w.. Zwischen den damaligen europäischen Staaten herrschte vielfach Misstrauen, ja Missgunst.
Trotz aller Euro- und sonstigen Wirtschaftskrisen: Für uns sind Frieden und Sicherheit zur Selbstverständlichkeit geworden. Manchmal denke ich, viel zu selbstverständlich: So haben wir zwar aktive Castorgegner, aber keine Demonstranten mehr, die den noch immer allgegenwärtigen mehrfachen Overkill durch die Atomwaffenarsenale dieser Welt anprangern.
Das fast vergessene Wort "Overkill" hat eine ganze Menge mit dem oben thematisierten Wort "Tod" zu tun. Und beides wird, ebenso wie die unabsehbaren existenziellen Gefahren des Klimawandels, massenhaft verdrängt, - trotz oder gerade wegen der Allgegenwärtigkeit dieser abstrakt erscheinenden Tatsachen. Das Verdrängen der Realität aber hat noch nie geholfen. Das beweist die Geschichte in den 35 Jahren nach der hier zitierten Zeitungsausgabe.
Ausgewählt, zitiert und kommentiert von Bodo Schwarzberg
