eic kyf msh nnz uhz tv nt
Anzeige symplr (4)
Sa, 13:52 Uhr
05.05.2012

Wer hat hier zur Nacht gebetet?

Ein Stück aus den Top 100 der Weltliteratur, Shakespeares Vorzeigetragödie "Othello", hatte gestern am Nordhäuser Theater in einer Inszenierung des Theater Rudolstadt Premiere. Und es war wahrlich keine leichte Kost, die da serviert wurde. Für die nnz saß Olaf Schulze im Saal.

Zum Programmheftchen gibt es einen Begleitzettel, der besagt, dass die Inszenierung nunmehr nur noch 1 Stunde und 50 Minuten dauert und es keine Pause gibt. Das ist aussagekräftig und deutet daruf hin, dass es von der Inszenierung differierende Meinungen im Auditorium gab. Oder nach der Pause in Rudolstadt der eine oder andere Platz im Zuschauerraum leer blieb. Diese Chance hatte das Nordhäuser Publikum gestern Abend nicht. Einige Zuschauer machten ihrem Unmut allerdings mit theatralisch lautem und Türen knallenden Verlassen der Vorstellung Luft.

theater (Foto: theater nordhausen) theater (Foto: theater nordhausen)
Der vielleicht berühmteste Intrigant der Weltliteratur: Jago (David Engelmann) manipuliert Rodrigo (Johannes Arpe)

Unmut worüber? Über klischeehafte Erwartungen, die nicht bedient wurden? Weil die Schauspieler schlecht waren? Die Kostüme? Die Inszenierung? Weil Shakespeares Stück nicht mehr zu erkennen war?

An den Schauspielern lag es mit Sicherheit nicht. Die wurden nach ihrer engagierten Leistung am Ende völlig zu Recht mit warmem Applaus belohnt. Die Kostüme (Ausstattung von Vincent Gertler) waren wohl modern, aber nicht so grässlich, dass man deshalb den Saal hätte verlassen müssen. Doch die Inszenierung machte einem Teil des Publikums zu schaffen. Wobei hier unterschieden werden muss zwischen inszenatorischer Absicht und handwerklichem Geschick.

Absicht der Regie war es, uns die mannigfaltigen Ungerechtigkeiten der Welt vor Augen zu führen. Beispielsweise den Rassismus und die Arroganz der weißen Rasse gegenüber der schwarzen. Neid und Missgunst war ein großes Thema, heute nennen wir es auch Mobbing und haben täglich im Kollegenkreis damit zu tun. Häusliche Gewalt schließlich ist gestern veranschaulicht worden - Prügel, Notzucht, Vergewaltigung, Totschlag.

theater (Foto: theater nordhausen) theater (Foto: theater nordhausen)
Das junge Glück im spießigen Eigenheim - Miriam Gronau als Desdemona und Benjamin Griebel als Othello

Das alles steht auch im "Othello" – irgendwie. Und so wie sich einst Shakespeare (oder der, der Shakespeares Werke schrieb) sehr freizügig einer italienischen Renaissance-Novelle als Vorlage bediente, so nutzen Regisseur Carlos Manuel und Dramaturg Thorsten Bihegue jetzt den Shakespeare-Text, um sich herauszupicken, was ihnen heute davon wichtig scheint. Dagegen wäre nichts einzuwenden, wenn es nicht mit einer schon realsozialistisch anmutenden Didaktik daher käme. Anstelle des guten alten Holzhammers wird in einer "modernen" Inszenierung jedoch der Baseballschläger verwendet. Mit diesem wird am Ende das während der Inszenierung Stück um Stück errichtete Eigenheim der Familie Othello zerschlagen. Was für ein Bild! Und wie überflüssig.

theater (Foto: theater nordhausen) theater (Foto: theater nordhausen)
Der rasende Hahnrei vor der Mordtat. Im Hintergrund betrachtet Jago sein Werk.

Die Inszenierung gewinnt immer dann an Spannung, wenn die Protagonisten ernsthaft miteinander sprechen. David Engelmann ist ein brillanter, aalglatter Jago, der jede sich bietende Gelegenheit nutzt, um seine Rache und abgründigen Hass in die Tat umzusetzen. Wie er dem leichtgläubigen Othello Tropfen um Tropfen seines Giftes ins Ohr träufelt, wie er den weichlichen Leutnant Cassio und den unglücklich in Othellos Frau verliebten Rodrigo manipuliert, das verdient Respekt.
Miriam Gronaus Desdemona wandelt zwischen Partygirl und listiger Moderatorin, immer auf der Höhe des Geschehens. Benjamin Griebel gibt einen anfangs prall lebenden und liebenden, später zerrissenen und gefährlichen Othello und auch die Offiziere York Hoßfeld (Cassio) und Rodrigo (Johannes Arpe) sowie der Herold (Markus Seidensticker) wussten zu gefallen – wenn sie nicht schreiend und grölend über die Bühne rennen mussten, was oftmals keinen erkennbaren Grund hatte und die Handlung sinnlos aufhielt.

Das Ende ist dann trotz Othellos Frage an seine Gattin, ob sie bereits zur Nacht gebetet habe, nicht unbedingt das, was Shakespeare vorgegeben hat. Allerdings haben da außer dem Rudolstädter Team Manuel/Bihegue schon ganz andere den Ausgang der Geschichte nach ihrer Fasson verbogen. Weniger Gesang, Gerenne und inszenatorische Unterbrechungen mit untauglichen Mätzchen hätten gestern Abend eine bessere Inszenierung ergeben. Schade, die Ansätze waren da.
Olaf Schulze
Autor: nnz

Anzeige symplr (6)
Kommentare

Bisher gibt es keine Kommentare.

Kommentare sind zu diesem Artikel nicht möglich.
Es gibt kein Recht auf Veröffentlichung.
Beachten Sie, dass die Redaktion unpassende, inhaltlose oder beleidigende Kommentare entfernen kann und wird.
Anzeige symplr (9)
Anzeige symplr (8)