Do, 14:37 Uhr
11.10.2012
Von der 8. Ebelebener Werkstattlesung
Annette Leo aus Berlin stellte in der 8. Ebelebener Werkstattlesung gestern ihr im Sommer erschienenes, viel beachtetes Buch Erwin Strittmatter- Die Biografie im Versammlungsraum der Mühlhäuser Werkstätten für Behinderte e.V. vor. Dazu erreichte kn folgender Bericht...
Dieser Lesung wohnten gut 70 Zuhörer bei, die aus der Helbestadt, dem Kreisgebiet, dem Unstrut- Hainich- Kreis und darüber hinaus gekommen waren. Bürgermeister Uwe Vogt begrüßte die zahlreichen Gäste, unter ihnen auch zahlreiche Personen des öffentlichen Lebens. Er lobte die gute Teamarbeit bei diesen Veranstaltungen, vom bewährten Kooperationspartner, der Landeszentrale für Politische Bildung über den Gastgeber, den Mühlhäuser Werkstätten bis hin zur Bücherstube Neumann. Danach übernahm Peter Reif- Spirek von der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen die Moderation. Er sei angenehm überrascht, wie in einer so kleinen Stadt schon eine richtige Tradition in Form der Werkstattlesungen entstanden sei. Das ist Zeugnis dafür, das bei entsprechendem Engagement Kultur auch auf dem flachen Land möglich sei. Danach stellte er die Autorin Annette Leo vor, die aus Berlin kommt und nach ihrem Studium für Geschichte und Romanistik dort als Historikerin und Publizistin arbeitet.
Frau Leo hatte in akribischer Kleinarbeit den Nachlass des berühmten DDR- Schriftstellers in mehrjähriger Arbeit gesichtet. Dabei konnte sie auf eine gute Zusammenarbeit mit zwei Söhnen des Autors bauen. Erwin Strittmatter lebte von 1912 bis 1994 und wäre in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden. Damit hatte sein Leben eine Spanne, die vom Kaiserreich, über die Weimarer Republik, das Dritte Reich, die DDR bis in das vereinigte Deutschland reichte.
Frau Leo sprach davon, dass das Leben und die Karriere des bekannten Autors mit zahlreichen Anpassungsleistungen verknüpft ist. Aus ihrem im Aufbau- Verlag erschienenen Buch las sie einige Passagen aus dem Kapitel Die schwarze Box- Der Krieg. 1941- 1944. Gerade dieses Kapitel in Strittmatters Leben hatte landesweit zu kontroversen Debatten geführt. Strittmatter hatte sich freiwillig zum Wehrdienst und zur SS gemeldet, nicht aus politischen Gründen, sondern um die anstrengende und gesundheitsschädliche Arbeit im Chemiewerk Schwarza zu verlassen, Eindruck beim autoritären Vater zu machen und um der damaligen Familie den Rücken zu kehren. So kam er zum Kriegseinsatz u.a. in Tirol, Slowenien, Karelien und in Griechenland.
Die Gebirgsjägerausbildung sollte die Vorbereitung für einen Einsatz im Kaukasus sein, wozu es aufgrund der Frontentwicklung nicht mehr kam. Frau Leo zitierte aus einigen Briefen Strittmatters von der Front, in welchem er Einsätze seiner Einheit der Schutzpolizei schilderte. Dies geschah im Rahmen von Säuberungsmaßnahmen im Partisanengebiet Sloweniens, die heute allgemein als Massaker bezeichnet werden. Im letzten Kriegsjahr war er als Kriegsberichtserstatter in Ostpreußen tätig. An manchen Stellen der Biografie hat die Autorin noch keine lückenlose Kette erstellen können, Grund genug, um auch in Zukunft weiter am Thema zu arbeiten.
Zu DDR- Zeiten verschleierte Strittmatter bewusst Details seiner Kriegszeit aus Karrieregründen, da er hier zum viel beachteten Schriftsteller und Parteifunktionär wurde. Frau Leo sieht bei der Analyse der Entwicklung Strittmatters ein gewisses Schamgefühl und inneres Schuldeingeständnis. Deshalb sprach sie auch von einem innerlichen und äußerlichen Wandlungsprozess zum gelebten Antifaschisten, alles nun besser zu machen, was auch die Zerrissenheit des Autors widerspiegelt.
Aus einem weiteren Kapitel las Annette Leo, welches sich mit Strittmatters Verhältnis zu Frauen und seinen Kindern beschäftigt. Dabei ging sie insbesondere auf das Leben mit seiner dritten Frau Eva ein.
Nach der Lesung gab Peter Reif- Spirek den Einstieg in die anschließende Diskussion und lobte die gut gelungene Annäherung an die Biografie in Form der Spurensuche. In der Diskussion gab es Nachfragebedarf. So wollte Norbert Breitenstein aus Kaisershagen, der selbst seine Examensarbeit über Strittmatter schrieb, wissen, wie Frau Leo dazu kam, sich dem Thema Strittmatter fast 15 Jahre nach dessen Tod zu widmen. Der Auslöser des Schreibens an der Biografie war die im Jahre 2008 beginnnende kontroverse Debatte über die Rolle des Autors während des Krieges. In der Diskussion war man sich einig, dass Strittmatter im Gegensatz zu Günter Grass, glimpflich bei der öffentliche Beurteilung seiner Kriegsvergangenheit davonkam. Breiten Raum nahm die Ehrlichkeitsdebatte ein, insbesondere die Verantwortung gegenüber den Opfern.
Bürgermeister Vogt meinte in diesem Zusammenhang, dass der in der DDR verordnete und gelebte Antifaschismus zur Verdrängung vieler Biografieabschnitte von Kriegsteilnehmern in der Einstellung zur Vergangenheit im Dritten Reich führte. Diesen Sachverhalt bekräftigte Frau Leo, dass oft Abducken und Verdrängen dieser Zeit in der Nachkriegsära der Normalfall gewesen seien, da in der Nachbetrachtung die Verblendung im Dritten Reich zu Scham geführt habe. Deshalb seien die Kriegserlebnisse Strittmatters Synonym für das Leben vieler Menschen in dieser Zeit. Genauso wie der Umgang mit dieser Zeit im Nachgang mit der fehlenden ehrlichen Aufbereitung.
Abschließend urteilte die Autorin über das Gesamtwerk Strittmatters: Gute Literatur überlebt die Widersprüchlichkeit des Autors, und hatte damit die Zuhörerschaft auf ihrer Seite.
Nach der Lesung und verdientem Applaus für die Autorin konnten die Zuhörer noch die Biografie von Frau Leo signieren lassen.
Schon am 8.November, 19 Uhr, folgt am gleichen Ort die 9. Ebelebener Werkstattlesung, dann wird die 86- jährige ungarische Holocaustüberlebende Eva Pusztai aus ihrem Buch Die Seele der Dinge lesen.
Uwe Vogt
Autor: khhDieser Lesung wohnten gut 70 Zuhörer bei, die aus der Helbestadt, dem Kreisgebiet, dem Unstrut- Hainich- Kreis und darüber hinaus gekommen waren. Bürgermeister Uwe Vogt begrüßte die zahlreichen Gäste, unter ihnen auch zahlreiche Personen des öffentlichen Lebens. Er lobte die gute Teamarbeit bei diesen Veranstaltungen, vom bewährten Kooperationspartner, der Landeszentrale für Politische Bildung über den Gastgeber, den Mühlhäuser Werkstätten bis hin zur Bücherstube Neumann. Danach übernahm Peter Reif- Spirek von der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen die Moderation. Er sei angenehm überrascht, wie in einer so kleinen Stadt schon eine richtige Tradition in Form der Werkstattlesungen entstanden sei. Das ist Zeugnis dafür, das bei entsprechendem Engagement Kultur auch auf dem flachen Land möglich sei. Danach stellte er die Autorin Annette Leo vor, die aus Berlin kommt und nach ihrem Studium für Geschichte und Romanistik dort als Historikerin und Publizistin arbeitet.
Frau Leo hatte in akribischer Kleinarbeit den Nachlass des berühmten DDR- Schriftstellers in mehrjähriger Arbeit gesichtet. Dabei konnte sie auf eine gute Zusammenarbeit mit zwei Söhnen des Autors bauen. Erwin Strittmatter lebte von 1912 bis 1994 und wäre in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden. Damit hatte sein Leben eine Spanne, die vom Kaiserreich, über die Weimarer Republik, das Dritte Reich, die DDR bis in das vereinigte Deutschland reichte.
Frau Leo sprach davon, dass das Leben und die Karriere des bekannten Autors mit zahlreichen Anpassungsleistungen verknüpft ist. Aus ihrem im Aufbau- Verlag erschienenen Buch las sie einige Passagen aus dem Kapitel Die schwarze Box- Der Krieg. 1941- 1944. Gerade dieses Kapitel in Strittmatters Leben hatte landesweit zu kontroversen Debatten geführt. Strittmatter hatte sich freiwillig zum Wehrdienst und zur SS gemeldet, nicht aus politischen Gründen, sondern um die anstrengende und gesundheitsschädliche Arbeit im Chemiewerk Schwarza zu verlassen, Eindruck beim autoritären Vater zu machen und um der damaligen Familie den Rücken zu kehren. So kam er zum Kriegseinsatz u.a. in Tirol, Slowenien, Karelien und in Griechenland.
Die Gebirgsjägerausbildung sollte die Vorbereitung für einen Einsatz im Kaukasus sein, wozu es aufgrund der Frontentwicklung nicht mehr kam. Frau Leo zitierte aus einigen Briefen Strittmatters von der Front, in welchem er Einsätze seiner Einheit der Schutzpolizei schilderte. Dies geschah im Rahmen von Säuberungsmaßnahmen im Partisanengebiet Sloweniens, die heute allgemein als Massaker bezeichnet werden. Im letzten Kriegsjahr war er als Kriegsberichtserstatter in Ostpreußen tätig. An manchen Stellen der Biografie hat die Autorin noch keine lückenlose Kette erstellen können, Grund genug, um auch in Zukunft weiter am Thema zu arbeiten.
Zu DDR- Zeiten verschleierte Strittmatter bewusst Details seiner Kriegszeit aus Karrieregründen, da er hier zum viel beachteten Schriftsteller und Parteifunktionär wurde. Frau Leo sieht bei der Analyse der Entwicklung Strittmatters ein gewisses Schamgefühl und inneres Schuldeingeständnis. Deshalb sprach sie auch von einem innerlichen und äußerlichen Wandlungsprozess zum gelebten Antifaschisten, alles nun besser zu machen, was auch die Zerrissenheit des Autors widerspiegelt.
Aus einem weiteren Kapitel las Annette Leo, welches sich mit Strittmatters Verhältnis zu Frauen und seinen Kindern beschäftigt. Dabei ging sie insbesondere auf das Leben mit seiner dritten Frau Eva ein.
Nach der Lesung gab Peter Reif- Spirek den Einstieg in die anschließende Diskussion und lobte die gut gelungene Annäherung an die Biografie in Form der Spurensuche. In der Diskussion gab es Nachfragebedarf. So wollte Norbert Breitenstein aus Kaisershagen, der selbst seine Examensarbeit über Strittmatter schrieb, wissen, wie Frau Leo dazu kam, sich dem Thema Strittmatter fast 15 Jahre nach dessen Tod zu widmen. Der Auslöser des Schreibens an der Biografie war die im Jahre 2008 beginnnende kontroverse Debatte über die Rolle des Autors während des Krieges. In der Diskussion war man sich einig, dass Strittmatter im Gegensatz zu Günter Grass, glimpflich bei der öffentliche Beurteilung seiner Kriegsvergangenheit davonkam. Breiten Raum nahm die Ehrlichkeitsdebatte ein, insbesondere die Verantwortung gegenüber den Opfern.
Bürgermeister Vogt meinte in diesem Zusammenhang, dass der in der DDR verordnete und gelebte Antifaschismus zur Verdrängung vieler Biografieabschnitte von Kriegsteilnehmern in der Einstellung zur Vergangenheit im Dritten Reich führte. Diesen Sachverhalt bekräftigte Frau Leo, dass oft Abducken und Verdrängen dieser Zeit in der Nachkriegsära der Normalfall gewesen seien, da in der Nachbetrachtung die Verblendung im Dritten Reich zu Scham geführt habe. Deshalb seien die Kriegserlebnisse Strittmatters Synonym für das Leben vieler Menschen in dieser Zeit. Genauso wie der Umgang mit dieser Zeit im Nachgang mit der fehlenden ehrlichen Aufbereitung.
Abschließend urteilte die Autorin über das Gesamtwerk Strittmatters: Gute Literatur überlebt die Widersprüchlichkeit des Autors, und hatte damit die Zuhörerschaft auf ihrer Seite.
Nach der Lesung und verdientem Applaus für die Autorin konnten die Zuhörer noch die Biografie von Frau Leo signieren lassen.
Schon am 8.November, 19 Uhr, folgt am gleichen Ort die 9. Ebelebener Werkstattlesung, dann wird die 86- jährige ungarische Holocaustüberlebende Eva Pusztai aus ihrem Buch Die Seele der Dinge lesen.
Uwe Vogt