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Fr, 07:30 Uhr
30.08.2013

Mit 90 Jahren hoch hinaus!

Wer hat schon nach 64 Jahren im Alter von 90 Jahren die Gelegenheit, an seinen ehemaligen ungewöhnlichen Arbeitsplatz zurückzukehren? Peter Zimmer aus Bad Frankenhausen hatte die Gelegenheit.

In der Unterkirche steht zur Zeit ein großes Gerüst zwecks Renovierung des Kirchenschiffs und unter der Decke in 16 m Höhe befindet sich eine Arbeitsfläche von rund 320 qm.

Fritz Wallrodt (Ehrenbürger der Stadt Bad Frankenhausen), erst kürzlich 90 Jahre alt geworden, äußerte den Wunsch, noch einmal seinen früheren Arbeitsplatz in Augenschein zu nehmen. Am 14. August war es so weit, im Bild mit Hut.

Mit 90 Jahren hoch hinaus! (Foto: Peter Möbius) Mit 90 Jahren hoch hinaus! (Foto: Peter Möbius)

So wie man es von ihm gewöhnt ist, kam er nicht unvorbereitet zur „Arbeit“, sondern brachte eine von ihm angefertigte Skizze mit, die den Anwesenden zeigen sollte wie Mitte des Jahres 1949 zweimal ein Gerüst aufgebaut wurde zwecks Malerarbeiten am Gemälde und an der Rosette über dem Taufstein. Es ist eine bekannte Tatsache, dass die Unterkirche 1934 renoviert wurde und seit 1933 Hitler in Deutschland das Sagen hatte. Und in Bad Frankenhausen hatte sich die Evangelische Kirchgemeinde den „Deutschen Christen“ angeschlossen. So erklärt sich auch, dass in dem Gemälde „Totentanz“ Elemente dieser Zeit dargestellt wurden.

Mit 90 Jahren hoch hinaus! (Foto: Peter Möbius) Mit 90 Jahren hoch hinaus! (Foto: Peter Möbius)

Die Kirchgemeinde wurde nach 1945 immer wieder bei Besichtigungen diesbezüglich angesprochen, so dass der damalige Gemeindekirchenrat unter Leitung von Superintendent Dr. Deter im Februar l1949 beschloß, die „anstößigen“ Elemente zu retuschieren.
Also erhielt die Firma Paul Schröder in Frankenhausen den Auftrag, nachdem sie eine Kostensumme von 300 DM garantierte. Wie uns Fritz Wallrodt erklärte wurde das Gerüst mittels 10 m und 8 m langen Holzleitern, die ineinander verhakt wurden, im Quadrat aufgestellt und durch Stahlstangen diagonal stabilisiert; d.h. nur bis zu 10 m Höhe standen 4 Leitern im Quadrat, die restlichen 6 m bis zur Arbeitsfläche bestanden aus 2 Leitern, auf denen dann die Arbeitsbohle gelegt wurde.

Mit 90 Jahren hoch hinaus! (Foto: Peter Möbius) Mit 90 Jahren hoch hinaus! (Foto: Peter Möbius)

Am oberen Ende unter der Decke wurde das schwankende Gerüst mittels 4 Seilen mit den Emporensäulen verbunden. Um dann die entsprechenden Arbeiten ausführen zu können war unter der Decke lediglich eine vier Meter lange und etwa 20 cm breite Bohle vorhanden. Fritz Wallrodt wurde von seiner Firma ausgesucht, weil er ja Flieger (also Pilot) gewesen und deshalb schwindelfrei sei. Nach Absprache über die zu verändernden Stellen im Gemälde und ausgestattet mit Heizkörperpinsel ging es an den senkrecht stehenden Leitern 16 m in die Höhe und die Arbeit konnte beginnen. Superintendent Deter schaute von unten zu und gab zusätzlich weitere Anweisungen. Zwischenzeitlich wurden diverse Farbtöpfe mittels Strick nach oben gezogen bzw. nach unten abgeseilt.
Nach der „Neutralisierung“ des Gemäldes wurde das Leitergerüst ab- und um den Taufstein wieder aufgebaut. Die Arbeit an der Rosette über dem Taufstein war dann nur noch eine „Kleinigkeit“, musste doch diese Fläche nur in heller Farbe übermalt werden.
Als 26-jähriger Mann hat Fritz Wallrodt diese Arbeiten ausgeführt – Arbeitsschutz war damals ein Fremdwort.

Heute nun als 90-jähriger konnte er – körperlich für sein Alter äußerst fit – mittels der modernen Gerüstetagen über kurze Leitern die 6 Etagen ersteigen und direkt unter der Decke den anwesenden Fachleuten (die Restauratoren Goldstein aus Mühlhausen und Seifert aus Bad Frankenhausen) seine damals ausgeführten Übermalungen erläutern. Viele interessante Details waren durch den Zeitzeugen Fritz Wallrodt zu erfahren.

Das Motto des diesjährigen Tags des offenen Denkmals „Das ungeliebte Denkmal“ ist der Ev.-Luth. Kirchgemeinde Anlaß, zu einem Vortrag am 7. September 2013 um 19.00 Uhr in die Unterkirche einzuladen – es soll das Gemälde „Totentanz“ von Jürgen Wegener, die Werksgeschichte und die Wertung im Mittelpunkt stehen. Kantorin Laura Schildmann wird passende Musik dazu spielen.
Übrigens: Fritz Wallrodt und alle anderen sind gesund und munter wieder am Fuße des Gerüstes angekommen und haben noch eine kleine Weile miteinander geredet.

Peter Zimmer
(Skizze: Fritz Wallrodt/Fotos: P. Möbius)
Autor: khh

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