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So, 09:35 Uhr
20.10.2013

Aus der Geschichte Roßlebens (2)

In Schriften aus der Geschichte Roßlebens hat unser Leser Ernst Pannen recherchiert und einige interssante Zeitdokumente (Aufzeiuchnungen) ans Licht gefördert, die er in loser Folge vorstellt. Hier die zweite Folge...

Er schreibt:
Dr. Stephanie Willrodt, die Ehefrau von Peter Willrodt, führte ein Tagebuch. Die Aufzeichnungen ihres Mannes ergänzend, sende ich Ihnen für Roßleben wohl recht interessante Auszüge zu.


24. August 40.

Jetzt ist fast ein Jahr Krieg. Wir haben die Polen besiegt, fielen eines Tages in Dänemark u. Norwegen ein. Dänemark ergab sich kampflos, während Norwegen in den Krieg eintrat. Wir begannen den Krieg mit diesen Ländern, „um ihre Neutralität zu schützen“. Am Freitag, den 10. Mai, zwei Tage vor Pfingsten begann der Krieg mit Holland, Belgien und Luxemburg. Und schließlich kam der Kampf mit Frankreich und der Waffenstillstand mit Frankreich in Versailles. Heute leben unsere Truppen als Besatzung in Paris. Es ist alles so sonderbar schnell gegangen, so akkurat wie ein Manöver. Jetzt stehen wir vor dem Kampf mit England. Oder hat der Hauptkampf schon begonnen? Wir sitzen ab und an im Luftschutzkeller. Neulich waren die Engländer bis in Leuna. Unsere Flak soll sehr ungenügend in der Abwehr gewesen sein. Die Leute lagen mit ihren Geschützen in den Feldern, gaben sich der Hühner- und Hammelzucht hin u. wurden schlafmützig für ihren Dienst. Sie sollen sofort durch eine andere Abteilung abgelöst worden sein.

Jeden Abend sehen wir nach dem Himmel, ob Aussicht ist, dass Flieger kommen. Augenblicklich ist es stürmisch und regnerisch und es waren mehrere Nächte keine hier. Schlimm ist es für die Luftschutzleitung. Der Obersteiger Cramme, Dr. Schwarz und Donner (?) müssen oft Nacht für Nacht heraus. Sie werden von Halle aus alarmiert. Der Luftschutz gibt nach eigenem Ermessen dann allgemeinen Fliegeralarm.

Ich flüstere manchmal vor mich hin: Lieber Gott, hilf der Gerechtigkeit zum Siege! Wenn ich daran denke, was den Kommunisten und Juden bei uns geschehen ist und geschieht, dann kann ich nicht anders als sagen: Wir haben den Sieg nicht verdient. Wir? Ach es sind genug Deutsche da, die ebenso wie ich all die begangenen Ungerechtigkeiten verabscheuen. Ob aber einer darunter ist, der da denkt wie ich: Ich will gar nicht, dass diese Regierung siegt. Denn wenn sie siegt, bleibt sie bestehen, und wenn sie bestehen bleibt, nimmt die Ungerechtigkeit kein Ende. Und die Vergewaltigung des ganzen deutschen Volkes ...


Roßleben, den 31.8.40

Lieber Väter, wenn ich im Luftschutzkeller sitze, dann denke ich immer daran, dass auch Sie in Halle die unwirtlich gewordene Oberwelt haben verlassen müssen und eine Region tiefer Schutz suchen. Heute Nacht waren wir wieder im Stollen, das dritte Mal in dieser Woche. Eine Nacht ließen sie uns jedes Mal dazwischen zum Verschnaufen. Vom Mittwoch zum Do. begann es schon um ½ 12 Uhr. Anfangs erschreckt mich der Alarm sehr. Jetzt bin ich nur müde und ärgerlich, wenn die Sirene geht. Die englischen Flieger hatten Leuchtkugeln abgeworfen; es sah aus, als ob eine Leuchtkugel direkt über dem Nebenhause liegt. Das ganze Werk war für einige Minuten hell erleuchtet. Man denkt natürlich sofort, man sei gemeint. Aber dann sage ich mir, dass die Engländer größere und wichtigere Werke aussuchen werden als unser kleines Kaliwerk. Trotzdem - am nächsten Tag wurde die Bromfabrik getarnt. Der Gedanke ist ja auch scheußlich, 6-8 Tonnen Brom ganz in der Nähe zu haben. Gestern Abend habe ich vorsorglich die Karte von Rossleben und Umgebung studiert, um zu wissen, wohin wir bei dem jeweiligen Wind rennen müssen.

In Richtung Halle sah man gestern Abend auch einige Zeit den Flackerschein des Mündungsfeuers der Flak. Meist sieht man diesen unablässig am Horizont hinflackernden Schein im Osten, wo Leuna liegt. Dazwischen blitzt ab und an hell das Feuer einer Granate auf wie ein zischendes Streichholz beim Anbrennen. Von Kölleda und Erfurt her hört man auch das Schiessen bis zu uns hin. Ein Wahnsinn, ein wahrer Wahnsinn, was wir hier in Europa betreiben. 1940 Jahre nach Christi Geburt bescheint das Bethlehem Gestirn von Jupiter und Mars, die sich genau wie damals sehr nahe sind, ausgerechnet ein rasend gewordenes, allerchristliches Europa. Manchmal erscheint mir alles wie ein wüster Traum. Und dabei sind wir höchstwahrscheinlich erst am Anfang aller Schrecken. Es ist ein bitterer Gedanke, dass wir es in 1940 Jahren mit Hilfe des Christentums nicht weitergebracht haben. Wir brüsten uns: „Grabesstätten auch in Norwegen in Obhut.“ oder: „Göring sorgt, dass die alten Wikingerschiffe geschützt werden; so handelt der deutsche Barbar.“ Mit solchen Mätzchen u. solchem Firlefanz glauben wir in Kultur zu machen, während wir die Blüte unseres Volkes schutzlos der Vernichtung preisgeben. Und wofür? Ich frage wofür? Neulich sagte jemand, darum geschehe dies alles, damit Deutschland auch einmal seine Chance habe. Ausgerechnet diesem Deutschland mit dieser Regierung wird die Chance gewünscht, dass es höher kommt und sich durchsetzt. Die Welt hätte ein zweites Sparta. Aber ein Sparta braucht die Welt nicht. Das sage ich, obgleich ich deutsch bin bis in die Knochen. Ich will nicht, dass dieses Deutschland groß wird, weil die Welt im Allgemeinen dadurch zurück, aber nicht vorwärts kommt.
Wollen Sie mal in Platons Staat S. 176-178 nachlesen? Nicht einmal an Platon reichen wir heran: Mit Barbaren dürfen die Athener Krieg führen - aber mit Hellenen, d.h. mitverwandten Völkern sollen sie nur Zwist haben, d.h. immer doch ihr bestes im Auge behalten.

Was bedeutet das auf uns bezogen? Verwandte Völker sind für uns die in Europa und Amerika, meine ich. Müssen wir in Europa uns befehden, weil Deutschland absolut an der Spitze sein will? Es ist das große Unrecht H´s, Europa in diesen Krieg gestürzt zu haben, dass sich bitter rächen wird. Jetzt haben wir zwei Jahre Krieg. Wie lange Zeit liegt noch vor uns. Sie glaubten, dass wir in diesem Jahr noch wieder eine unserer schönen Autofahrten unternehmen könnten. Ach Väter, ich kann Ihre ganze optimistische Einstellung nicht fassen. Vielleicht will ich sie auch nicht haben. Ich fürchte unseren Sieg ebenso, wie Sie ihn erhoffen. Ja, nun stehen sie hier in Worten meine geheimsten Wünsche, die ich nicht einmal vor meinem Mann aussprechen mag: Ich will nicht, dass wir siegen, oder besser, dass diese Regierung siegt. Sie hat zuviel Unrecht und Ungerechtigkeit auf sich geladen. Ich habe Ihnen immer noch nicht die Memoiren der Madame Rémusat (Im Schatten Napoleons, Hrg. Friedrich Freiherr von Falkenhausen) zurückgegeben. S. 286 schreibt sie von Napoleon: „Von da an war es deutlich, dass der zwischen der Gewaltherrschaft in ihrer ganzen Ausdehnung auf der einen Seite und der freiheitlichen Verfassung auf der, wie sie das englische Volk beherrscht und beseelt auf der anderen Seite nur mit dem völligen Zusammenbruch des einen oder anderen der beiden Kämpfer enden werde. Die Gewaltherrschaft ist unterlegen, und was es uns auch gekostet hat, man muss der Vorsehung um des Heiles der Völker und um der Lehre für die Nachwelt willen Dank dafür wissen!“ So denke ich Väter genauso. Aber die Nachwelt hat nichts aus dem Fall Napoleon gelernt. Er wird als großer Mann in der Geschichte gefeiert. Die Nachwelt hat schon nicht mehr verstanden, was er für seine Mitmenschen bedeutete: Knechtung, Knechtung, Knechtung! (wie heute) Verherrlichung seiner Person wie der einer Gottheit.

Und zwar (genau wie heute) organisierte Verherrlichung. Lügnerische Propaganda. Kein Mensch durfte etwas anderes sagen, als vorgeschrieben war. Jemand sagte über Napoleons Zeit, die Menschen seien dazumal besonders unpolitisch gewesen. Das sagte der betreffende vor 33. Ob er heute nach den Erkenntnissen von 33 wohl noch das Gleiche behaupten würde? Ich selbst habe auch nicht erkannt, was Unfreiheit für den Menschen bedeutet, bis ich sie selbst erlebt habe. Immer war es für mich ein Problem, dass große Männer oft so undankbar von ihrem Volk behandelt wurden. Ach diese „großen Männer“ der Geschichte, die ihr Volk so groß gemacht haben. Wiegen all die Mühsale, das Leid, die Tränen die „Größe“ auf, die sie brachten? Da stehen da Baudenkmäler u. ich weiß nicht, wer weiß alles. Sie nennen es hohe Kultur. Ich pfeife auf dies steinerne u. marmorne Zeug, solange ein Mensch in der Welt hungern und darben muss. Warum setzen wir uns nicht einmal und strengen all unsere geistigen Kräfte an, zuerst einmal vor allen Dingen, allen Menschen das Leben zu verschönern, allen Menschen Freude zu bringen bevor wir „Kulturdenkmäler“ schaffen? Stattdessen tun wir nichts als uns gegenseitig Leid an. Für mich ist nur der ein großer Mann, der das Glück in der Welt vermehrt.

2.10.40

Tilla (Prof. Dr.Mathilde Vaerting, eine der Schwestern von Dr. Stephanie Willrodt, geborene Vaerting. Mathilde V. war eine der ersten Professorinnen Deutschlands. Sie wurde 1933 a. G. des „Gesetzes zur Herstellung des Berufsbeamtentums“ aus dem Hochschuldienst entlassen) ist heute nach Berlin zurückgefahren und hat meinen Füller zur Reparatur mitgenommen. Die Tage mit Tilla waren sehr schön. Leider zu wenig Schlaf, da wir bis in die Nächte hinein redeten: „Und wenn das Scheusal tot ist, dann tanzen wir Tag und Nacht.“ Es ist ein Glück, dass Peter und meine Geschwister politisch genau wie ich denken. Sonst wär´s nicht zum aushalten. Den letzten Tag, gestern hat Peter mir mit schlechter Laune verdorben u. dann macht er mir Vorwürfe, dass ich dran schuld sei, dass er in die Partei gegangen wäre. Ist doch wirklich belanglos, dass er drin ist. Man muss manchmal das Gute unterlassen, um das Bessere zu tun. Gewiss, es wäre gut gewesen, wenn er nicht hineingegangen wäre, aber besser war es, mich mit seinem Eintritt aus der Gefahr, in der ich war, zu retten. Ich kann nicht begreifen, dass er solche Oper daraus macht, in der Partei zu sein. Zu ändern ist ja doch nichts daran. Er kann nicht heraus, ohne sein Leben aufs Spiel zu setzen. Wie grauenhaft. Und wenn das Scheusal tot ist, dann tanzen wir Tag und Nacht.
Autor: khh

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