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Sa, 06:47 Uhr
01.03.2014

Schonung ist schädlich

Bundesweit und im Bundesland Hessen bleiben Rückenschmerzen die Volkskrankheit Nummer 1. Aktuellen Gesundheitsberichten zufolge entfallen in Hessen zwischen 22,5 und 24 Prozent aller beruflichen Fehlzeiten auf Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems. Tendenz: weiter steigend...

Dr. Andreas Wehenkel (Foto: privat) Dr. Andreas Wehenkel (Foto: privat)

Statistisch gesehen waren Erwerbstätige deshalb 2012 knapp vier Tage krankgeschrieben. Ab Mitte 30 schnellt die Kurve rapide in die Höhe. Unter den 60 bis 64-Jährigen sorgen degenerative Veränderungen der Wirbelsäule und Rückenschmerzen 2012 sogar für acht Arbeitsunfähigkeitstage.

nnz: Körperlich schwere Arbeit, Übergewicht, Entzündungen wie Rheuma, Verschleiß oder ungünstige Körperhaltungen, etwa durch dauerhaftes Sitzen im Büroalltag – woher rühren die meisten Erkrankungen?

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Dr. Wehenkel: Rückenschmerzen können viele Ursachen haben. Der weitaus größte Teil resultiert zweifellos aus Schreibtischarbeit. Im Laufe eines Arbeitslebens sitzen wir so an die 80000 Stunden. Aber nicht nur im Büro. Dazu kommen Autofahren und die Freizeitgestaltung vor dem Fernseher oder Computer.

nnz: Warum ist das ständige Sitzen für den Rücken so strapaziös?

Dr. Wehenkel: Die Wirbelsäule wird dabei statisch und nicht dynamisch gefordert. Die Bandscheiben werden nicht ausreichend mit Nährstoffen versorgt und verlieren ihre Elastizität. Folge: Die Rückenmuskulatur schlafft ab und kann die Wirbelsäule nicht mehr ausreichend stützen.

nnz: Kann man richtiges Sitzen trainieren und mit einem ergonomisch gestalteten Arbeitsplatz gegensteuern?

Dr. Wehenkel: Es ist ratsam, möglichst aufrecht zu sitzen und die Position häufig zu wechseln. Dazu sollten Lehne sowie Sitzhöhe des Bürostuhls und am besten auch des Schreibtischs verstellbar sein. Allerdings kann das beste Mobiliar mangelnde Bewegung nicht ersetzen. Stehen Sie häufig auf und gehen umher. Zum Beispiel beim Telefonieren. Auch kann man womöglich im Büroalltag die Treppe dem Fahrstuhl vorziehen, die Pause im Stehen verbringen oder zum kleinen Spaziergang nutzen.

nnz: Der normale Impuls bei Rückenschmerzen lautet doch eher: ruhig verharren und sich schonen. Diese Reaktionen sind falsch?

Dr. Wehenkel: Gelegentliche Rückenschmerzen sind normal. Dauern sie länger, ist Schonung Gift und Bewegung alles. Man sollte höchstens 1 bis 2 Tage im Bett bleiben und sich dann so schnell und konsequent wie möglich wieder mobilisieren. Es gilt, wirbelsäulengerechte Bewegungsabläufe unter Anleitung von Krankengymnasten zu trainieren. Aktivität ist der Schlüssel einer erfolgreichen Rückenschmerzbehandlung.

nnz: Wie groß ist die Gefahr der Überbelastung, von Muskelverspannungen oder Gelenkproblemen?

Dr. Wehenkel: Sport stärkt die Muskeln und reduziert Stress. Gymnastische Übungen, Schwimmen, Wandern oder Radfahren sind ein guter Ausgleich – sofern man es nicht übertreibt. Yoga oder progressive Muskelentspannung helfen gegen psychische Auslöser von Rückenschmerzen. Die Krankenkassen bezuschussen viele Gesundheitskurse wie Nordic-Walking oder Pilates.

nnz: Bei fast 85 Prozent der Rückenleiden finden sich keine genauen Ursachen. Röntgenbilder liefern keine Erklärung für die Schmerzen.

Dr. Wehenkel: In mehr als 90 Prozent aller Fälle liegen die Ursachen in der Rückenmuskulatur. Dahinter können auch psychische Begleitprobleme stecken. Kummer und Stress führen oft zu Verkrampfungen. In der Muskulatur treffen körperliche und seelische Faktoren aufeinander. Umgekehrt haben übrigens Patienten mit scheinbar ruinierten Wirbelkörpern oder malträtierten Bandscheiben mitunter keine Schmerzen.

nnz: Welche Indikationen sprechen für eine Operation?

Dr. Wehenkel: Wenn Nerven ihre Funktion plötzlich einstellen und Taubheit oder gar Lähmung die Folge sind. Auch wenn die Haut an Teilen der Beine gefühllos wird oder der Stuhlgang gestört ist, sollte umgehend eine neurologische Ambulanz aufgesucht werden.

nnz: Viele Patienten hoffen, vom Schmerz befreit zu werden. Die Zahl der Wirbelsäulen-Operationen ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Experten kritisieren zunehmend, dass vorschnell operiert wird.

Dr. Wehenkel: Die langfristigen Erfolge schmerzlindernder Bandscheibenoperationen sind umstritten. Generell sollte man über etliche Wochen erst alle konservativen Behandlungsmethoden ausschöpfen, bevor man einen Eingriff in Betracht zieht. Denn auch nach einer OP sind nicht alle Probleme gelöst. Auch dann muss man weiter etwas für seinen Rücken tun.

Dr. Andreas Wehenkel ist Leiter des Sozialmedizinischen Dienstes (SMD) der Knappschaft in Bad Homburg
Autor: red

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