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Do, 14:23 Uhr
22.01.2015

Keine Entwarnung an der "Drogenfront"

Wir hatten in der vergangenen Woche sehr ausführlich über das Phänomen des sogenannten Koma-Saufens unter Jugendlichen berichtet. Doch das allein ist nicht besorgniserregend. Wir haben uns mit einem Fachmann unterhalten...


Nach aktuellen Informationen der DAK-Gesundheit kamen allein im Landkreis Nordhausen 12 Kinder und Jugendliche mit einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus. Das sei lediglich die Spitze des Eisberges, kommentiert der Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Nordhäuser Südharz Klinikum, Prof. Dr. Philip Heiser die Zahlen.

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Heiser verweist in diesem Zusammenhang auf ganz andere Ergebnisse aus dem Gesundheitsmonitoring des Robert-Koch-Institutes. Demnach weisen in Deutschland ein Fünftel aller Kinder im Alter zwischen 3 und 17 Jahren psychische Auffälligkeiten auf. Dieser Anteil hat sich zwischen 2003 und 2012 kaum verändert. Nach dem Sozialstatus unterschieden, ist die Quote bei einem niedrigen sozioökonomischen Status (Bildungsniveau, berufliche Stellung und Haushaltsnettoeinkommen der Eltern) noch höher, sie beträgt 33,5 Prozent und ist gegenüber der ersten Erhebungswelle angestiegen. Prof. Heiser geht nach den Erfahrungen in seiner Klinik davon aus, dass die Nordthüringer Region statistisch nicht abweichen würde.

Die sozialen Herkunft spielt nicht nur bei der Häufigkeit von psychischen Erkrankungen eine Rolle, sondern Heiser erinnert auch an Ergebnisse von PISA-Studien. So schnitten Schülerinnen und Schüler aus wohlhabenderen Familien in Mathematik deutlich besser ab als ihre Klassenkameraden aus ärmeren Familien. Die OECD spricht von einem Lernvorsprung von fast eineinhalb Jahren. Im Vergleich mit Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund beträgt der Unterschied fast zwei Schuljahre.

Die Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KIGGS) kommt zu dem Ergebnis, dass der Alkoholkonsum unter Jugendlichen zwar insgesamt zurückgegangnen ist, das Rauschtrinken allerdings von 11,5 Prozent der Jugendlichen zwischen 11 und 17 Jahren regelmäßig praktiziert werde. Bei dieser exzessiven Form des "Alkoholgenusses" spielt die soziale Herkunft keine Rolle, sagt Prof. Heiser. "Unter Jugendlichen ist viel Alkohol im Spiel, oftmals ist es eine Herausforderung, ist es pubertäres Verhalten oder das Verdrängen von Ängsten, Emotionen und Depressionen", konstatiert der Experte für Nordthüringen. Allein im Jahr 2012 mussten in deutschen Krankenhäusern 26.673 Kinder und Jugendliche im Alter von 10 bis 19 Jahren wegen übermäßigem Alkoholkonsum stationär behandelt werden - dreimal soviel wie im Jahr 2000.

In Deutschland geht unter Kindern und Jugendlichen der Tabakkonsum kontinuierlich zurück. Gaben bei einer Befragung zwischen 2003 und 2006 noch 20 Prozent der 11 bis 17 Jährigen an, regelmäßig zu rauchen, so waren es sechs Jahre später nur noch 12 Prozent. Jedoch spielt der soziale Status hier wieder eine Rolle. Jugendliche mit einem hohen Sozialstatus rauchen weniger als Gleichaltrige mit einem niedrigeren Status.

Prof. Dr. Heiser beobachtet mit großer Sorge eine immer früheren Beginn der Einnahme von Drogen (außer Alkohol und Tabak). Schon mit 12 Jahren wird gekifft. Einstiegsdroge ist häufig Cannabis. Was danach kommt, das macht einfach Angst. Im Osten dieses Deutschlands ist Crystal ungehemmt auf dem Vormarsch. Ist der Einstieg in die Welt der Drogen mitunter auch der Neugierde geschuldet, so erwächst daraus immer mehr eine Flucht vor Alltagsproblemen, wie zum Beispiel in der Schule.

"Wir beobachten aber zunehmen auch, dass Drogenkonsum oder Drogenmissbrauch vererbt wird. Jeder dritte Jugendliche aus suchtbelasteten Familien geriet selbst in eine Abhängigkeit", berichtet Heiser. Es ist für die Mediziner und Therapeuten am Nordhäuser Klinikum immer wieder erschreckend zu sehen, was gerade Crystal für einen Schaden anrichtet und welches Suchtpotential in dieser Droge steckt. Zu viele Kinder und Jugendliche mussten in Nordhausen bereits stationär behandelt werden.

Offizielle Statistiken der Polizei gehen davon aus, das die Zahl der Drogendelikte in Nordthüringen eher nach unten geht. Prof. Heiser traut dem nicht, seine Erfahrungen zeigen in die andere Richtung. Vielleicht liegt der polizeiliche Trend auch in der Tatsache begründet, dass es immer weniger Polizeibeamte in Thüringen gibt...
Peter-Stefan Greiner
Autor: red

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