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Mo, 15:46 Uhr
11.05.2015

Fast jeder zehnte Thüringer ist überschuldet

In Thüringen ist fast jeder zehnte Einwohner überschuldet. Konkret: Mehr als 170 000 Frauen und Männer kommen nach den neuesten Statistiken mit ihren Schulden nicht mehr klar...


Hauptauslöser für Schulden sind nach Angaben der Fachberatungsstelle für Schuldner- und Verbraucherinsolvenzberatungsstellen und Schuldenprävention in Thüringen Arbeitslosigkeit, Trennung bzw. Scheidung und gescheiterte Selbstständigkeit.

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Die Schuldnerquote in Thüringen hat sich von 8,94 Prozent im Vorjahr auf aktuell 9,07 Prozent erhöht. Die Beratungsstellen verzeichnen einen regelrechten Ansturm der Hilfesuchenden. „Die Problemlagen werden immer komplexer“, so Susette Schubert von der Fachberatungsstelle der LIGA der Freien Wohlfahrtspflege.

Regional sind die Schuldnerquoten sehr unterschiedlich. Hohe Überschuldungsquoten von mehr als zehn Prozent werden in Eisenach (12,16 Prozent), Erfurt (11,45 Prozent), Gera (11,9), im Kyffhäuserkreis (10,97), Suhl (10,11) und Weimar (10,49 Prozent) gemessen. Auch in Thüringen kommt es, wie in ganz Deutschland, in den Städten zu einer höheren Überschuldung als in den ländlichen Regionen, begründet ist dies auch durch stärkere Konsumanreize.

Aber auch in strukturschwachen Regionen des Freistaats werden deutlich höhere Schuldnerquoten als im Landesschnitt verzeichnet. Thüringen belegt mit einer durchschnittlichen Schuldnerquote von 9,07 Prozent Rang drei im bundesweiten Ländervergleich nach Bayern (sieben Prozent) und Baden-Württemberg (8,02 Prozent), gleichwohl verharrt diese Quote seit Jahren auf hohem Niveau.

Bei einer LIGA-Fachtagung der Schuldnerberatung in Kooperation mit der Friedrich-Ebert-Stiftung Thüringen, der LAG Schuldnerberatung in Thüringen und dem Thüringer Ministerium für Migration, Justiz und Verbraucherschutz am Mittwoch, dem 13. Mai, soll das Thema mit Experten aus Wissenschaft und Politik, von kommunalen und freien Trägern beraten werden. Mit am Tisch sitzen werden auch Vertreter der Justiz sowie von Gläubigern.

Dabei soll vor allem beraten werden, wie man mit den neuen Herausforderungen in diesem Bereich umgeht. Denn von Überschuldung besonders betroffen sind nicht nur Menschen in speziellen sozialen Situationen, das Problem zieht sich vielmehr durch alle gesellschaftlichen Schichten und hat weitreichende soziale Folgen für den Einzelnen wie auch das gesamte familiäre Umfeld. Die Überschuldeten, die sich an die Beratungsstellen wenden, haben nicht nur Probleme mit ihren finanziellen Verhältnissen. Viele leiden auch unter gesundheitlichen Problemen wie Angstzuständen oder Suchterkrankungen. Die Berater und Beraterinnen müssen auch diese Problemfelder für eine nachhaltige Regulierung der Schulden im Blick haben, so Schubert. Oft müssen auch andere soziale Hilfsangebote vermittelt werden.

In Thüringen gibt es derzeit 25 anerkannte Schuldner- und Verbraucherinsolvenz-beratungsstellen. 55 Beratungskräfte sind dort tätig.

Ein typischer Fall: Wenn man der Handy-Schulden nicht mehr Herr werden kann
Die Beraterinnen und Berater haben es mit Fällen wie dem des 20-Jährigen zu tun, der seiner Handy-Schulden nicht mehr Herr werden kann. Vor zwei Jahren hatte er sich erstmalig einen Handyvertrag inklusive einem neuen Handy zugelegt. Monatlich bezahlt er hierfür 30 Euro.
Nach einem Jahr wurde ihm das Handy gestohlen.

Um wieder zum vermeintlichen Nulltarif an ein Handy zu kommen, schloss er einen zweiten 2-Jahres-Vertrag ab und hat nun monatliche Kosten von 60 Euro. Beide Verträge kann er bald nicht mehr bedienen, da er nach seiner Ausbildung den sicher gewähnten Job nicht bekommen hat und arbeitslos ist. Es flattern erste Mahnungen ins Haus, die er ignoriert.

Nachdem bereits ein Inkassounternehmen eingeschaltet wurde, belaufen sich die Schulden auf mittlerweile 300 Euro. Beide Verträge werden nun wegen Zahlungsunfähigkeit von den Mobilfunkanbietern gekündigt, so dass alle ausstehenden Monats-Grundgebühren und weitere Kosten (Handysperre, Zinsen) fällig werden. Innerhalb weniger Monate betragen die Schulden knapp 2000 Euro. Mit dem Vollstreckungsbescheid vom Amtsgericht haben die Gläubiger einen 30 Jahre gültigen Titel, der es erlaubt, in dieser Zeit immer wieder Sach- und Taschenpfändungen vom Gerichtsvollzieher vornehmen zu lassen. Die Zwangsvollstreckung beinhaltet außerdem Maßnahmen wie Vermögensauskunft und Forderungspfändungen mit Zugriff auf zukünftiges Gehalt, Sozialleistungen, Bankguthaben etc.

Vermutlich kommt der junge Mann ohne die Hilfe einer Schuldnerberatungsstelle nicht mehr aus dieser Schuldenspirale heraus. Was können die Experten der Beratungsstelle tun? Sie werden schuldnerschützende Maßnahmen zur Existenzsicherung einleiten, wie P-Konto und Korrespondenz mit Gläubigern bis hin zum Verbraucherinsolvenzverfahren als eine mögliche Regulierungsmaßnahme. Wichtig im Beratungsprozess ist zudem das Aufstellen eines Haushaltsplanes, um den Überblick über Einnahmen und Ausgaben zu erfassen und weitere mögliche Überschuldungsgefahren zu vermeiden. „Voraussetzung für die kostenfreie Beratung ist immer die Einsicht des Betroffenen, seine Freiwilligkeit sowie Vertrauen“, so Schubert.

Ansturm auf die Beratungsstellen

Wegen des Ansturms der Schuldner kommt es auch oft zu längeren Wartezeiten, ehe ein Fall wirklich umfassend bearbeitet werden kann. Ein Erstgespräch, in dem die Dringlichkeit des Falls geklärt wird, findet in der Regel zwar relativ schnell statt. Wenn keine existentielle Krise droht, auf die sofort reagiert werden muss, wie drohende Obdachlosigkeit, unmittelbar bevorstehende Stromsperre oder Kontopfändung – kann es bis zu drei Monate dauern, bis ein Fall im Detail aufgenommen wird.

Die Beratungsstellen arbeiten oft jenseits ihrer Kapazitätsgrenzen. Einen Ausbau des Beratungsnetzes halten die Experten in Thüringen für dringend geboten. Auch darüber soll beim Fachtag gesprochen werden. Momentan finanziert das Land eine volle Beratungsstelle je 100 000 Einwohner. Gezahlt wird aber ausschließlich für die Verbraucherinsolvenzberatung und die Fachberatungsstelle, die Schuldnerberatung finanzieren dagegen die Kommunen – und das in teils unterschiedlicher Höhe.

„Überschuldung kann jeden treffen“, sagt Susette Schubert. Auffällig ist der Anstieg der Überschuldung bei den über 50-Jährigen und bei Menschen ohne deutsche Staatsbürgerschaft. Hauptgläubiger sind die Banken (47 Prozent), gefolgt von der öffentlichen Hand (17,7 Prozent).
Autor: red

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Kommentare
hamster
11.05.2015, 16:09 Uhr
Umgelagert, hört sich besser an.
Bei den niedrigen Löhnen und höchsten Abgaben, kein Wunder aber wer hat Schuld, dass Handy mit der All-Net-Flat.
Eckenblitz
11.05.2015, 17:13 Uhr
Gut für die Wirtschaft
es ist kein wunder der konsum in deutschland steigt, über 10% der thüringer bürger ist überschuldet und wer hat den gewinn von dieser überschuldung, na wer schon die wirtschaft, oder? die banken gehen mit krediten förmlich hausieren, oder nicht? gehen sie in irgendein geschäft, hier muss ich wohl extra sagen, dass lebensmittelgeschäfte ausgeschlossen sind, sonst kommt mir noch so ein kluger kommentarschreiber und belehrt mich eines besseren, oder?
ansonsten werden sie in fast jeden geschäft mit ratenzahlungsvereinbarungen überhäuft. den verkäufer interessiert es wenig, ob und wie sie mit der ratenzahlung fertig werden. für ihn zählt nur der umsatz, wie er zustande kommt ist dabei völlig nebensache, oder?
Eckenblitz
11.05.2015, 19:27 Uhr
Ratsknecht
Ich befürchte, wenn der Trend so anhält, dann werden sich viele Familien ihre Nahrung auch nur noch auf RATEN kaufen können. Ach ja wir haben ja noch die Tafeln, die wie Unkraut aus der Erde schießen, ohne den sehe es schon sehr traurig aus in Deutschlands blühenden Landschaften, ala Kohl.
Herr Taft
13.05.2015, 13:59 Uhr
alles schön, ratsknecht
...meinen Sie nicht, dass der mündige Bürger selbst in der Lage ist zu entscheiden, ob er sich etwas leisten kann oder nicht ? Nicht die Löhne, Banken oder Geschäfte sind schuld....jeder selbst trägt die Verantwortung für sein Handeln. Verlockungen gab es schon immer und wird es immer geben. Jeder macht auch mal eine Dummheit....aber sollte dann gefälligst daraus lernen.
Zukunft
13.05.2015, 20:06 Uhr
Suechtig
Kauf- und Konsumsuechtige gibt es wahrscheinlich zugenuege. Das Leben scheint nur noch aus Kaufen zu bestehen. Einen anderen Sinn scheinen eine Vielzahl von Menschen in ihrem Leben nicht mehr zu finden.Nur schauen was andere haben und dann fuer sich festlegen, dass muss ich auch haben. Die Verlockungen sind heute gross. Wenn Kauf- und Konsumsuechtige als Krankheit eingestuft werden wuerde, wäre wahrscheinlich ueber 50% der Bevölkerung krank.
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