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Fr, 08:13 Uhr
09.10.2015
Studium läuft Ausbildung den Rang ab

Volle Hörsäle – leere Werkbänke

Die duale Berufsausbildung bangt um Nachwuchs. Nicht aufzuhalten scheint der Ansturm auf die Hochschulen. Die geburtenschwachen Jahrgänge lassen die Zahl der Auszubildenden zusätzlich sinken. Mit wie vielen Azubis können die Betriebe 2030 noch rechnen? Eine Studie hat dazu verschiedene Szenarien berechnet...


Wenn sich der Trend zum Studium aus den vergangenen zehn Jahren ungebrochen fortsetzt, werden 2030 nur noch etwas mehr als 400.000 junge Menschen eine betriebliche Ausbildung beginnen. Das sind rund 80.000 weniger als heute, was einen Rückgang um 17 Prozent bedeutet.

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Dies geht aus einer Studie der Prognos AG im Auftrag der Bertelsmann Stiftung hervor. Trotz des demographischen Wandels und der deshalb sinkenden Zahl an Schulabgängern werden die Hochschulen hingegen kaum Studienanfänger einbüßen.

Vor zwei Jahren verzeichnete Deutschland eine Zäsur in der nachschulischen Bildung. 2013 begannen erstmals mehr junge Menschen ein Studium als eine Berufsausbildung. Nur acht Jahre zuvor hatten rund 350.000 Studienanfängern noch 520.000 Azubis gegenübergestanden. Diese Entwicklung scheint vorerst unumkehrbar: Die Studie berechnet neben einer Fortschreibung der bisherigen Trends einen realistischen Korridor, in dem sich Studierneigung und Anziehungskraft von betrieblicher Ausbildung in den kommenden 15 Jahren entwickeln könnten. Allen Szenarien ist gemeinsam: Die Schere zwischen Studien- und Ausbildungsanfängern wird bis 2030 noch weiter auseinandergehen.

Fachkräfte: Wenig Nachwuchs, viele gehen in Rente

Die geburtenschwachen Jahrgänge stellen die duale Ausbildung in den Betrieben vor sehr viel größere Herausforderungen als die Hochschulen. Bereits im vergangenen Jahr blieben knapp 40.000 Lehrstellen unbesetzt. Ein weiterer Rückgang der Azubi-Zahlen könnte in vielen Branchen einen Fachkräftemangel beschleunigen oder auslösen, weil sich zugleich geburtenstarke Jahrgänge in den Ruhestand verabschieden. Schätzungen zufolge werden bis 2030 rund 10,5 Millionen Beschäftigte mit abgeschlossener Berufsausbildung oder Fachabschluss (Meister/Techniker) aus dem Erwerbsleben ausscheiden.

Währenddessen bleibt der Run auf die Hochschulen ungebrochen. Bleibt die Studierneigung weiter so hoch wie in den vergangenen zehn Jahren, sinken die Erstsemesterzahlen bis 2030 gegenüber heute um lediglich knapp fünf Prozent. Der Anteil der Abiturienten, die ein Studium aufnehmen, steigt zwar nicht mehr nennenswert. Allerdings erwerben immer mehr Schüler einen Abschluss, der zur Aufnahme eines Studiums berechtigt. Hinzu kommt, dass die deutschen Hochschulen immer attraktiver werden für ausländische Studierende. Zuwanderung in die betriebliche Ausbildung hingegen findet bislang kaum statt.

Studiengänge mit Praxisbezug immer beliebter

Den stärksten Zulauf verzeichnen voraussichtlich diejenigen Studiengänge, die stark an der Praxis orientiert sind. Seit 1995 stieg der Anteil der Fachhochschüler an allen Studienanfängern von 26 auf 39 Prozent. Bis zum Jahr 2030 rechnet die Studie mit einem Anstieg auf mehr als 43 Prozent. Auch Angebot und Nachfrage nach dualen Studiengängen wachsen. Rund 21.000 junge Menschen nahmen 2013 ein Studium auf, das einen Bachelor-Abschluss mit einer Berufsausbildung oder längeren Praxisphasen in Unternehmen verbindet. Bis 2030 wird sich diese Zahl nach den Berechnungen der Studie auf 38.000 Studienanfänger pro Jahr erhöhen.

„Der Trend zur Akademisierung ist nicht zu stoppen. Der gesamte nachschulische Bildungsbereich muss sich verändern und anpassen“, sagte Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung. Die traditionell strikte Trennung zwischen akademischer und betrieblicher Ausbildung gelte es zu überwinden, zumal der Arbeitsmarkt diese klare Abgrenzung längst aufweiche. Schon heute konkurrieren Bachelor-Absolventen mit beruflich Qualifizierten um dieselben Jobs.

Dräger spricht sich deshalb für stärkere Verzahnung und Durchlässigkeit der Bildungswege aus: „Wir sollten Berufsausbildung und Studium nicht gegeneinander ausspielen, sondern stärker miteinander verknüpfen.“ Geschehen könne dies durch wechselseitige Anerkennung von Leistungen, mehr Hochschulangebote für beruflich Qualifizierte, mehr praxisorientierte Studiengänge und neue Modelle. Die Bertelsmann Stiftung empfiehlt etwa die Einführung einer zweijährigen Kombination aus Studium und Ausbildung, an deren Ende drei Optionen offenstehen: Fortführung der Berufsausbildung, des Studiums oder Aufnahme eines dualen Studiums.

Das allein aber wird nicht ausreichen, um die aus dem Erwerbsleben ausscheidenden Fachkräfte zu ersetzen. „Die betriebliche Ausbildung muss für neue Zielgruppen möglich und attraktiv werden“, sagt deshalb Jörg Dräger. Die Studie regt an, Zuwanderern, Flüchtlingen und bislang als nicht ausbildungsreif geltenden Schulabgängern den Zugang zur betrieblichen Ausbildung zu erleichtern. Eine weitere große Gruppe möglicher Azubis sind Studienabbrecher. 28 Prozent der Studierenden brechen ihr Studium ab, von denen jedoch nicht einmal jeder Vierte eine Ausbildung beginnt.

Zusatzinformationen

Die Studie stützt sich auf Angaben des statistischen Bundesamtes und der Kultusministerkonferenz zu demographischer Entwicklung, Schulabgängern, Übergangsquoten an die Hochschulen sowie Ausbildungs- und Studienanfängern. Daraus hat die Prognos AG die Anfängerzahlen in den einzelnen nachschulischen Bildungsbereichen bis 2030 mittels einer Trendfortschreibung berechnet. Diese Trendfortschreibung wird um zwei Szenarien ergänzt, die alternative Entwicklungen aufzeigen.

Das erste Szenario geht von höheren Anfängerzahlen im Studium aus. Zu den Annahmen dieses Szenarios gehört, dass der Anteil der Schulabgänger mit einer Studienberechtigung leicht höher liegt als in den Prognosen der Kultusministerkonferenz. Das zweite Szenario geht von einem geringeren Rückgang der Anfängerzahlen in der beruflichen Bildung aus, weil etwa mehr Jugendliche aus dem Übergangsbereich in Ausbildung gebracht werden.
Autor: red

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Kommentare
altmeister
09.10.2015, 10:15 Uhr
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Warum will denn keiner mehr eine Arbeit machen, bei der sich schmutzig gemacht werden könnte? Handwerk, ach nee!
Wenn schon schmutzig machen, dann als Angestellter im öffentlichen Dienst, da bekommt man wenigstens Rabatte bei Versicherungen und sollte mal ein Kredit nötig sein sieht das doch viel besser aus.
Ein Handwerker, Wirt oder Dienstleister möchte einen Kredit?
Wenn, dann mit jeder Menge Sicherheiten, Bürgschaften und mit einem Zinsaufschlag, denn die Kleinen sind mit zu viel Risiken behaftet! Solidarprinzip? Aber nicht beim Geld, da hört die Freundschaft auf!
Wo bleibt für die Hauptsteuerzahler dieses Staates die Anerkennung, wie sie sich privilegierte Arbeitsbereiche schon fast erpressen konnten? Eine Lobbyarbeit, wie z.B. für Großindustrie, Ärzte, Anwälte, Steuerberater, Beamte, Piloten, öffentlich Angestellte gibt es von Handwerkskammern oder IHK nicht, trotz Zwangsmitgliedschaft. Gefördert werden die Industrie, die Banken. Mit Milliarden! Die Klein- und Kleinstbetriebe werden geschröpft, mit immer neuen Auflagen versehen. Wo bleiben da sinnvolle Förderprogramme?
Somit ist es nur nachvollziehbar, dass ein gut bezahlter und sicherer Job als Akademiker, noch dazu in Verbindung mit einer viel höheren gesellschaftlichen Anerkennung, natürlich dem mit vielen Risiken verbundenen als z.B. Handwerker, vorgezogen wird.
Und, die Studienabbrecher, welche keinen Berufsabschluss machen, die finden wir oft auf den Wahlplakaten wieder...
Peter59
09.10.2015, 15:52 Uhr
Studium um jeden Preis?
Recht hat der Vorkommentator, mit den Händen arbeiten ist in Deutschland zu einem "no go" geworden. Allerdings sieht man da wenigstens ein Ergebnis. Gymnasiasten haben manchmal Probleme einen Nagel gerade in die Wand zu schlagen..... Wenn alle nur noch "intellektuell" tätig sein wollen, stellt sich die Frage, haben die Angst vor"richtiger Arbeit"? So ein Beispiel für "Dauerstudenten" habe ich in der eigenen Familie am Buckel. Da kommt immer das Wort "Stress...." Was würde diese Generation getan haben beim Aufbau Deutschlands nach 45? Mit schwulstigen Reden und Gedöhns kommt man manchmal nicht weiter, man muss auch zupacken können, aber da ist die Generation, von der ich spreche, teilweise ganz schön überfordert....
ApfBi
14.10.2015, 11:58 Uhr
Imagekampagne zur Aufwertung des Handwerks
Leider können sich junge Leute heute kaum noch für das Handwerk begeistern. Das liegt aber auch daran, daß sie kaum damit vertraut gemacht werden, wie toll es ist, mit den eigenen Händen etwas zu schaffen. Fächer wie UTP (Unterricht in der technischen Produktion) gibt es nicht mehr.
Auch wenn uns das Feilen und Sägen manchmal nervte: Ich kann das heute noch und auch mit dem Maßschieber umgehen. Und wie sehr hilft es ein Handwerk zu erlernen, wenn man ein eigenes Haus bauen möchte oder sanieren möchte. Dann muß man nicht alles einer Firma überlassen.
Nur leider ist es wirklich so, daß auch bei Banken und Versicherungen das Handwerk kein so hohes Image hat, wie ein freiberuflicher Beruf. Und deshalb sollte endlich mal eine Imagekampagne gestartet werden, auf den Sendern und in den Medienformaten, die Jugendlich erreichen, um das Handwerk aufzuwerten und für die Berufe zu werben. Und auch die Banken sollten umdenken. Ebenso sollte es bessere Förderungen für Handwerksfirmen geben, grad um auch mal ein Fahrzeug anzuschaffen oder moderne Ausrüstung. Nicht immer nur Kredite, auch mal Zuschüsse. Auch, um den Meister machen zu können, wären auch Zuschüsse hilfreich.
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