Mo, 18:24 Uhr
04.04.2016
Betrachtung zum Zeitgeist
Böhmermann, geh du voran…
Das Kabarett ist tot. Jedenfalls im deutschen Fernsehen. An seine Stelle ist Comedy getreten und so genannte Satiresendungen. In den letzten Tagen sorgte das zu Recht für einiges Aufsehen, meint Olaf Schulze...
Intelligente Kabarettisten wie Urban Priol oder Volker Pispers ziehen sich zurück, weil sie erkannt haben, dass die eingetretenen Realitäten in Politik und Gesellschaft nicht mehr überspitzt ironisch (also satirisch) dargestellt werden können.
Ihr eigener Ansatz ist längst zu einer politischer Aufklärung mutiert, die anderswo nicht geleistet wird, abgesehen von einzelnen Bundestagsreden der LINKE-Politiker Gysi und Wagenknecht, die ähnlich treffend (und folgenlos) den Weltenlauf beschreiben.
Unterdessen feiern die selbsternannten Comedians fröhlich-doofe Urstände. Geistesgrößen wie Mario Barth oder Bülent Ceylan strapazieren ihr Publikum inzwischen mit plattesten Kalauern in Bereichen weiter unter der Kniescheibe. Was aber ist mit der guten alten Satire passiert, von der Karl Krauss einst sagte, wenn sie der Zensor verstünde, gehöre sie mit Recht verboten?
In den öffentlich-rechtlichen deutschen Medien wird sie vollmundig angepriesen in Sendungen wie heute Show, Die Anstalt, extra 3 oder eben auch im ZDF neo Magazin Royale. Wie politisch und korrekt es dabei zugeht mag jeder Betrachter für sich selbst entscheiden. Auffällig ist aber, dass es oft die gleichen Themen und Personen sind, die von allen gleichzeitig genüsslich bis geschmacklos durchgekaut werden zu einem medialen Einheitsbrei.
Die Grenze zwischen Kritik und Beleidigung, zwischen Spott und Zynismus ist dabei fließend und wird spätestens seit Stefan Raab skrupellos überrannt. Andersdenkende gering zu schätzen und auf den Gefühlen der Verspotteten herumzutrampeln gehört längst zum Alltag der Fernsehunterhaltung.
Diese Respektlosigkeit ist bei weitem kein rein deutsches Phänomen, wie die Vorfälle um die Pariser Satirezeitschrift Charlie Hebdo schmerzlich bewiesen haben. Religiöse Gefühle von Mitbürgern immer wieder zu verletzen wird eben nicht mit dem Recht auf freie Meinungsäußerung abgedeckt. Es ist ein latenter Rassismus, der sich da Bahn bricht.
Zum türkischen Präsidenten Erdogan ist sicherlich viel Kritisches vorzubringen, gerade nach seiner dünnhäutigen Reaktion auf ein satirisches Liedchen im NDR. Aber in einer beim ZDF produzierten und in alle sozialen Netzwerke verteilten Sendung ein durchgehend beleidigendes Schmähgedicht zu verlesen und bspw. über ihn zu texten: Am liebsten mag er Ziegen ficken und Minderheiten unterdrücken überschreitet nicht nur die Grenze des guten Geschmacks. Hier wird gezielt und hasserfüllt diskreditiert.
Das ZDF fand diese Art Tobak schließlich doch zu stark und schnitt das in einen einfältig erklärenden Sermon eingebettete Machwerk aus der Sendung. Allerdings erst nachdem es schon verbreitet war. Der verantwortliche Satiriker Jan Böhmermann wird indessen im Internet für seinen Mut bei der Verteidigung der Meinungsfreiheit gefeiert. Das beim Verlesen der Schmähschrift anwesende Studiopublikum hatte sich glänzend amüsiert, wenn man den bewegten Bildern glauben kann.
Humor gehörte ja wahrlich nie zu den deutschen Exportschlagern, es stand aber auch kaum zu befürchten, dass das Niveau noch weiter sinken könne als von Raab & Co zelebriert. So bleibt zu konstatieren, dass der ZDF-Angestellte Böhmermann seine Popularität und seinen Marktwert weiter ausbauen konnte. Was er dabei an gesellschaftlichem Porzellan zerschlagen hat wird sich noch herausstellen. In seiner nicht nachahmenswerten Art entschuldigte er sich inzwischen: "Sollte ich bei der gebührenfinanzierten Erfüllung meines pädagogischen Auftrags die Gefühle eines lupenreinen Demokraten verletzt haben, bitte ich ergebenst um Verzeihung.
Einzuschätzen, welcher Teil dieses Satzes Satire ist und welcher bittere Realität, überlasse ich dem geneigten Leser.
Olaf Schulze
Autor: nnzIntelligente Kabarettisten wie Urban Priol oder Volker Pispers ziehen sich zurück, weil sie erkannt haben, dass die eingetretenen Realitäten in Politik und Gesellschaft nicht mehr überspitzt ironisch (also satirisch) dargestellt werden können.
Ihr eigener Ansatz ist längst zu einer politischer Aufklärung mutiert, die anderswo nicht geleistet wird, abgesehen von einzelnen Bundestagsreden der LINKE-Politiker Gysi und Wagenknecht, die ähnlich treffend (und folgenlos) den Weltenlauf beschreiben.
Unterdessen feiern die selbsternannten Comedians fröhlich-doofe Urstände. Geistesgrößen wie Mario Barth oder Bülent Ceylan strapazieren ihr Publikum inzwischen mit plattesten Kalauern in Bereichen weiter unter der Kniescheibe. Was aber ist mit der guten alten Satire passiert, von der Karl Krauss einst sagte, wenn sie der Zensor verstünde, gehöre sie mit Recht verboten?
In den öffentlich-rechtlichen deutschen Medien wird sie vollmundig angepriesen in Sendungen wie heute Show, Die Anstalt, extra 3 oder eben auch im ZDF neo Magazin Royale. Wie politisch und korrekt es dabei zugeht mag jeder Betrachter für sich selbst entscheiden. Auffällig ist aber, dass es oft die gleichen Themen und Personen sind, die von allen gleichzeitig genüsslich bis geschmacklos durchgekaut werden zu einem medialen Einheitsbrei.
Die Grenze zwischen Kritik und Beleidigung, zwischen Spott und Zynismus ist dabei fließend und wird spätestens seit Stefan Raab skrupellos überrannt. Andersdenkende gering zu schätzen und auf den Gefühlen der Verspotteten herumzutrampeln gehört längst zum Alltag der Fernsehunterhaltung.
Diese Respektlosigkeit ist bei weitem kein rein deutsches Phänomen, wie die Vorfälle um die Pariser Satirezeitschrift Charlie Hebdo schmerzlich bewiesen haben. Religiöse Gefühle von Mitbürgern immer wieder zu verletzen wird eben nicht mit dem Recht auf freie Meinungsäußerung abgedeckt. Es ist ein latenter Rassismus, der sich da Bahn bricht.
Zum türkischen Präsidenten Erdogan ist sicherlich viel Kritisches vorzubringen, gerade nach seiner dünnhäutigen Reaktion auf ein satirisches Liedchen im NDR. Aber in einer beim ZDF produzierten und in alle sozialen Netzwerke verteilten Sendung ein durchgehend beleidigendes Schmähgedicht zu verlesen und bspw. über ihn zu texten: Am liebsten mag er Ziegen ficken und Minderheiten unterdrücken überschreitet nicht nur die Grenze des guten Geschmacks. Hier wird gezielt und hasserfüllt diskreditiert.
Das ZDF fand diese Art Tobak schließlich doch zu stark und schnitt das in einen einfältig erklärenden Sermon eingebettete Machwerk aus der Sendung. Allerdings erst nachdem es schon verbreitet war. Der verantwortliche Satiriker Jan Böhmermann wird indessen im Internet für seinen Mut bei der Verteidigung der Meinungsfreiheit gefeiert. Das beim Verlesen der Schmähschrift anwesende Studiopublikum hatte sich glänzend amüsiert, wenn man den bewegten Bildern glauben kann.
Humor gehörte ja wahrlich nie zu den deutschen Exportschlagern, es stand aber auch kaum zu befürchten, dass das Niveau noch weiter sinken könne als von Raab & Co zelebriert. So bleibt zu konstatieren, dass der ZDF-Angestellte Böhmermann seine Popularität und seinen Marktwert weiter ausbauen konnte. Was er dabei an gesellschaftlichem Porzellan zerschlagen hat wird sich noch herausstellen. In seiner nicht nachahmenswerten Art entschuldigte er sich inzwischen: "Sollte ich bei der gebührenfinanzierten Erfüllung meines pädagogischen Auftrags die Gefühle eines lupenreinen Demokraten verletzt haben, bitte ich ergebenst um Verzeihung.
Einzuschätzen, welcher Teil dieses Satzes Satire ist und welcher bittere Realität, überlasse ich dem geneigten Leser.
Olaf Schulze