Fr, 21:35 Uhr
03.06.2016
nnz-Forum
Egon Krenz – eine gute Wahl…
…angesichts all der Schönfärberei, politischen Unfähigkeit und Verdrängung, die wir im gegenwärtigen System, analog den Verhältnissen in der DDR, wieder erleben müssen. Dazu Anmerkungen eines Lesers der nnz...
Das Herder-Gymnasium und die Schüler, die Krenz besuchten, sind zu beglückwünschen. Sie nutzten nicht die meist gleichgeschaltet einseitige und ahnungslose (West-)Presse, um sich ihr Bild von der DDR zu vervollständigen, sondern sie besuchten den, der einst die Jugend eines ganzen Landes vereinheitlichte und gleichschaltete.
Sie besuchten einen Zeitzeugen, eine historische Figur aller erster Wahl. Jugendliche ohne Blauhemd zu Gast beim ehemaligen Chef des FDJ-Zentralrates, jeder von ihnen mit einer eigenen Meinung und garantiert ohne Angst, sie gegenüber Krenz zu sagen. Das jedenfalls wäre vor 1990 nicht vorstellbar gewesen.
Krenz scheint diesen grundlegenden Fehler der gesamten DDR-Apparates erkannt zu haben: Die FDJ hätte mehr Offenheit gebraucht, mehr Dialog statt Monologe und größere Differenziertheit im einheitlichen Jugendverband, sagte er gegenüber den jungen Besuchern aus Nordhausen laut nnz.
Vielleicht auch erkennt der ehemalige SED-Generalsekretär heute die schlimmen Auswirkungen erst richtig: Hätte nämlich die DDR eine Strahlkraft entwickeln können, ohne Einsperren, Knebeln und teilweises Verfolgen seiner Bürger, sondern mit Argumenten und Tatsachen, die den Menschen gefallen, dann hätten wir vielleicht bis heute den so wichtigen Wettstreit zweier Systeme.
Und vielleicht wäre eben irgendwann doch eine Alternative zum alles zerstörenden und ebenso selbstkritiklosen Kapitalismus lebensfähig geworden.
Krenz & Co haben viel Schuld auf sich geladen: Die einmalige Chance, es besser machen zu können, haben sie verspielt.
Die Berührungsängste gegenüber Vertretern des jeweils vorhergehenden Systems ist leider weit verbreitet. Sehr spät erst wagten sich zum Beispiel die Medien an Interviews mit früheren SS-Leuten oder Wehrmachtsoffizieren heran. Heute wissen wir durch diese Gespräche viel besser, wie sehr eine Ideologie Menschen beeinflussen und verändern kann. Und wir haben ein geschlosseneres Bild über das Vergangene und über das Verhalten unserer Vorfahren erhalten, als es ohne derartige Gespräche möglich wäre.
Ich persönlich würde mich freuen, wenn Egon Krenz nach Nordhausen käme. Die Aufarbeitung der DDR-Geschichte darf nie zu Ende sein. Sie ausschließlich mit Stasiakten und einst Verfolgten zu unternehmen, blendet wichtige Details aus. Wer Angst davor hat, dass die letzten lebenden DDR-Spitzenfunktionäre bei heutigen Kontakten mit den Menschen einseitige kommunistische Propaganda verbreiten könnten, stellt sich selbst als schwach hin.
Die Angst der heute herrschenden Parteien und der Medien vor grundlegender Kritik, und zwar egal von wem, ist groß: Das können wir immer wieder beobachten, ob sich nun Genscher, Gorbatschow oder andere frühere Verantwortungsträger äußerten.
Erlaubt sein aber sollte dies auch früheren DDR-Verantwortungsträgern, und da schließe ich Krenz & Co ein, über Alternativen zum Heutigen zu sprechen.
Frühere höhere SED-Funktionäre können mit ihrem Wissen über das eigene Versagen und im Angesicht eines alles vernichtenden Weltkapitalismus wichtige Gedanken ins Spiel bringen: denn die DDR wurde zur Diktatur durch die Menschen, die sie führten, nicht aber durch die Sehnsucht nach wirklicher Menschlichkeit und Zukunftsfähigkeit.
Bodo Schwarzberg
Autor: nnzDas Herder-Gymnasium und die Schüler, die Krenz besuchten, sind zu beglückwünschen. Sie nutzten nicht die meist gleichgeschaltet einseitige und ahnungslose (West-)Presse, um sich ihr Bild von der DDR zu vervollständigen, sondern sie besuchten den, der einst die Jugend eines ganzen Landes vereinheitlichte und gleichschaltete.
Sie besuchten einen Zeitzeugen, eine historische Figur aller erster Wahl. Jugendliche ohne Blauhemd zu Gast beim ehemaligen Chef des FDJ-Zentralrates, jeder von ihnen mit einer eigenen Meinung und garantiert ohne Angst, sie gegenüber Krenz zu sagen. Das jedenfalls wäre vor 1990 nicht vorstellbar gewesen.
Krenz scheint diesen grundlegenden Fehler der gesamten DDR-Apparates erkannt zu haben: Die FDJ hätte mehr Offenheit gebraucht, mehr Dialog statt Monologe und größere Differenziertheit im einheitlichen Jugendverband, sagte er gegenüber den jungen Besuchern aus Nordhausen laut nnz.
Vielleicht auch erkennt der ehemalige SED-Generalsekretär heute die schlimmen Auswirkungen erst richtig: Hätte nämlich die DDR eine Strahlkraft entwickeln können, ohne Einsperren, Knebeln und teilweises Verfolgen seiner Bürger, sondern mit Argumenten und Tatsachen, die den Menschen gefallen, dann hätten wir vielleicht bis heute den so wichtigen Wettstreit zweier Systeme.
Und vielleicht wäre eben irgendwann doch eine Alternative zum alles zerstörenden und ebenso selbstkritiklosen Kapitalismus lebensfähig geworden.
Krenz & Co haben viel Schuld auf sich geladen: Die einmalige Chance, es besser machen zu können, haben sie verspielt.
Die Berührungsängste gegenüber Vertretern des jeweils vorhergehenden Systems ist leider weit verbreitet. Sehr spät erst wagten sich zum Beispiel die Medien an Interviews mit früheren SS-Leuten oder Wehrmachtsoffizieren heran. Heute wissen wir durch diese Gespräche viel besser, wie sehr eine Ideologie Menschen beeinflussen und verändern kann. Und wir haben ein geschlosseneres Bild über das Vergangene und über das Verhalten unserer Vorfahren erhalten, als es ohne derartige Gespräche möglich wäre.
Ich persönlich würde mich freuen, wenn Egon Krenz nach Nordhausen käme. Die Aufarbeitung der DDR-Geschichte darf nie zu Ende sein. Sie ausschließlich mit Stasiakten und einst Verfolgten zu unternehmen, blendet wichtige Details aus. Wer Angst davor hat, dass die letzten lebenden DDR-Spitzenfunktionäre bei heutigen Kontakten mit den Menschen einseitige kommunistische Propaganda verbreiten könnten, stellt sich selbst als schwach hin.
Die Angst der heute herrschenden Parteien und der Medien vor grundlegender Kritik, und zwar egal von wem, ist groß: Das können wir immer wieder beobachten, ob sich nun Genscher, Gorbatschow oder andere frühere Verantwortungsträger äußerten.
Erlaubt sein aber sollte dies auch früheren DDR-Verantwortungsträgern, und da schließe ich Krenz & Co ein, über Alternativen zum Heutigen zu sprechen.
Frühere höhere SED-Funktionäre können mit ihrem Wissen über das eigene Versagen und im Angesicht eines alles vernichtenden Weltkapitalismus wichtige Gedanken ins Spiel bringen: denn die DDR wurde zur Diktatur durch die Menschen, die sie führten, nicht aber durch die Sehnsucht nach wirklicher Menschlichkeit und Zukunftsfähigkeit.
Bodo Schwarzberg
Anmerkung der Redaktion:
Die im Forum dargestellten Äußerungen und Meinungen sind nicht unbedingt mit denen der Redaktion identisch. Für den Inhalt ist der Verfasser verantwortlich. Die Redaktion behält sich das Recht auf Kürzungen vor.
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