Mi, 16:09 Uhr
28.09.2016
Neues aus Bad Frankenhausen
Mittel für die Orgel
Ein weiterer Baustein für die Große-Strobel-Orgel ist überreicht worden, kn berichtete bereits. Hier weitere Informationen die kn zu diesem Thema erreichten...
Ist das liebe Geld vorhanden, ist das Ende meistens gut – so formulierte einst Bertold Brecht in seiner Dreigroschenoper. Noch ist das Ende der Sanierungsmaßnahmen des Instrumentes nicht greifbar, aber es ist ein wenig näher gerückt.
Mitte September gab es in der Unterkirche Bad Frankenhausen einen Großen Empfang für alle die, die gekommen waren. In der Regel gibt es in der Kirche keine geschlossene Gesellschaft, sondern alle die kommen wollen, sind eingeladen – so auch in diesem Falle. Anlaß war die offizielle Übergabe des Fördermittelbescheids vom Thüringer Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie (TLDA) und der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen über 11.000 € für die Frankenhäuser Orgel.
Geschäftsführer der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen, Thomas Wurzel im Gespräch mit der Kantorin Laura Schildmann.
In den vergangenen 17 Jahren wurden durch das Land Thüringen historische Orgeln mit fast 3,5 Millionen € gefördert. Auch die Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen beteiligt sich seit 2009 an einem beachtlichen Orgelrestaurierungsprogramm, so dass in diesem Zeitraum bereits 59 Orgelprojekte in gemeinsamer Förderung durch die Stiftung und das TLDA unterstützt werden konnten.
In diesem Jahr erhielten sieben Kirchgemeinden Fördergelder aus diesem Programm. Neben Buttelstedt, Heiligenstadt, Großfurra u. a. bekam auch Bad Frankenhausen einen positiven Bescheid zum zuvor gestellten Antrag.
Es ist guter kirchlicher Brauch, dass zu solch einem Anlaß auch ein wenig über ein biblisches Wort nachgedacht wird. Nach einem musikalischen Beginn durch Kantorin Schildmann auf dem Interims-Instrument und der Begrüßung übernahm es Superintendent i.R. Roland Voigt (Vorstandsmitglied des Orgelfördervereins), ein auf den Anlaß bezogenes biblisches Zitat zu interpretieren:
Liebe Gemeinde!
Heute ist wieder so ein großer Tag, den die Kirchgemeinde, der Verein der Orgelfreunde der Großen Strobel-Orgel und alle Freunde dieser Orgel mit Freuden begehen können. Denn es gibt einen sehr erfreulichen Anlass dafür. Das TLDA hat zusammen mit der Sparkassen-Kulturstiftung entschieden, die Restaurierung dieser Orgel mit einem Betrag von 11.000 € zu fördern. Heute nun soll nach dieser kleinen Andacht der Förderbescheid mit dem entsprechenden Scheck übergeben werden.
Es sind, Gott sei Dank, wieder einmal, und diesmal für unser Orgelprojekt, Gelder ausgeschüttet worden, um dieses kulturell bedeutsame Vorhaben finanziell zu unterstützen. Ein solch selbstloses Handeln liegt ganz im Sinn des Verfassers des Hebräerbriefes, der da, nach der Lutherübersetzung, schreibt: Gutes zu tun und mit anderen zu teilen, vergesst nicht; denn solche Opfer gefallen Gott. Dieser Wortlaut ist uns vertraut, so vertraut, dass wir´s leicht drüber weg hören. Daher nun noch einmal in eigener Übersetzung: Wohltun und Anteilgeben vergesst nicht; denn Gott hat an derartigen Opfergaben Gefallen.
Wohltun und Anteilgeben. Oder anders gesagt, etwas tun, was dem Wohle dient und dabei etwas abgeben von dem, was uns gehört - was immer es auch sei - bzw. dass Fördergelder ausgereicht werden, das ist uns allen ans Herz gelegt. Nicht, um uns damit vor anderen und vor Gott zu rühmen, sondern um anderen zu helfen.
Wem hilft das nun konkret? Nun, vordergründig helfen die vielen Spenden, Zuwendungen und Förderungen - und nun auch diese Zuwendung - der Kirchgemeinde und dem Orgelverein, die Restaurierung dieser wunderbaren Strobel-Orgel finanzieren zu können.
Doch wir sehen natürlich weiter. Die Kirchgemeinde und der Verein tun das ja nicht zum Selbstzweck. Orgeln haben einen wichtigen Platz im kirchlichen und kulturellen Leben in unseren Orten. Sie sind, um es gleich vorwegzunehmen, die Mittlerin zwischen Kunst und Kultus. Die Orgel ist Einzelstimme und ganzes Orchester - Vieldeutigkeit macht ihr Wesen aus. Neben den Glocken ist die Orgel das Instrument der christlichen Kirche, welches Transzendenz wesenhaft verkörpert.
In aller Kürze etwas Historisches zur Orgel:.
Die Orgel hat seit ihrer Erfindung im 3. Jahrhundert vor Christus einen Wandel vollzogen. Gegen und mit allen Zeitströmungen etablierte sie sich ihren Platz bei kultischen Handlungen. Orgelspiel, so wird berichtet, war zeitweilig eine Disziplin bei den Olympischen Spielen. Von den Griechen erbten die Römer die Kenntnisse zum Bau von ‚mit Wasser betriebenen Windanlagen‘, was der ursprüngliche Name Hydraulis für die Orgel bedeutete. Die Römer setzten das Instrument unter anderem bei Ein- und Auszügen des Imperators oder bei kultähnlichen Massenveranstaltungen in ihren Zirkusarenen, also auch während der Christenverfolgungen, ein. Im 10. Jahrhundert vollzog die Orgel die Bekehrung vom Saulus zum Paulus nach, als sie ‚als Herrschaftssymbol Christi oder seines irdischen Stellvertreters in Person des Kaisers oder Papstes, später auch eines Bischofs oder Abtes Einzug in den christlichen Gottesdienst hielt.
Die Spannungsbreite der Wertschätzungen, welche der Orgel zuteil wurde, war groß. In der Frühzeit bezeichnete der eine Teil des Klerus sie als ‚ancilla domini‘ (Dienerin Gottes), der andere als ‚des Teufels Dudelsack‘. Für die protestantische Kirchenmusik versinnbildlichte die Orgel ‚ein feste Burg‘, welche den Gemeindechoralgesang trug. Die Wertschätzung, welche die meisten Reformatoren der Orgel entgegenbrachten, ist mehrfach belegt. Sie hat ihre Funktion darin, Gottes Wort über die Musik zu verkündigen, also weiterzutragen zu den Menschen, und den Gemeindegesang zu begleiten. Dies hat in der Reformationszeit seinen Anfang genommen. Von Calvin und Zwingli und deren Anhängern wurde sie jedoch rigoros abgelehnt. Viele Orgeln wurden abgerissen oder mussten während des Gottesdienstes geschlossen bleiben.
In der Renaissance und im Barock wurde die Orgel zum Hauptinstrument der Liturgie und zur Königin der Instrumente. Die besten Komponisten wurden von ihr inspiriert und schufen musikalische Glanzleistungen. Seither ist sie das Hauptbegleitinstrument für den Gottesdienst. In den christlichen Ostkirchen wurden übrigens noch nie Orgeln im Gottesdienst eingesetzt.
Doch auch außerhalb der Kirchenmusik lehnen sich Komponisten an den Klang der Orgel als Symbol für Sakrales an, oft z. B. Richard Wagner.
Was aber sind die Geheimnisse der Orgel, die die Menschen so faszinieren? Mit dieser Frage rücke ich nun auch den kulturellen und menschlichen Aspekt mit in das Blickfeld.
Jochen Kirchhoff schreibt in seinem Buch Klang und Verwandlung. Klassische Musik als Weg der Bewusstseinsentwicklung: Die fünf Grundelemente der Musik (Melodik, Rhythmik, Harmonik, Klangfarbe, Tonart) werden überwölbt und durchdrungen von dem Grundprinzip alles Musikalischen: Dem Streben nach Zusammenklang, nach Harmonie, nach konsonierender Spannungsauflösung. Harmonie als Ziel: das ist offenbar ein Grundzug der Natur - wie auch der Wille zur ständig höheren Organisation von Sein und Bewusstsein. Das Menschliche Gehör folgt hier natürlich-genetisch vorgegebenen Bahnen: es ist geeicht auf harmonische, konsonierende Klangmuster, die zugleich eine ökologische Bedeutung haben, also nicht willkürlich durchbrochen werden können.
Die fast unerschöpflichen Klänge der Orgel sind offenbar in der Lage, unbewusst die Sehnsucht nach grenzenlosem Klangerlebnis in besonderer Weise zu stillen. Und dazu kommt - das wissen wir aus der Musiktherapie -, dass von den natürlich erzeugten Tönen eine positive Wirkung auf das menschliche Gemüt seelisch Kranker ausgeht.
Ich könnte das alles insgesamt nicht besser auf den Punkt bringen wie Michael Kaufmann, Professor für Musikgeschichte und Orgel sowie Präsidiumsmitglied der Vereinigung der Orgelsachverständigen Deutschlands: Die Orgel ist ein die Sinne anregendes Musikinstrument: Augen- und Ohrenmenschen erleben den hörbaren Klang und die sichtbare Architektur, dem Spieler erschließt sich über den Tastsinn die Sensibilität der Mechanik. Gefühlsregungen wie Freude und Schmerz, Bitte und Dank lassen sich zuweilen in Orgelmusik eher ausdrücken als in Worten. Unsagbares wird in Töne gefasst. Klänge von Orgeln können verzaubern, öffnen dem inneren Ohr Zugänge zu anderen Welten. Aus einer durch Gottesdienst mit ansprechendem Wort und Klang gefestigten Gemeinde kann seelische Kraft und Sensibilität erwachsen, sich äußeren Problemen zu öffnen; die Musik der Pfeifenorgel vermag dabei besonders als Mittler zwischen Gott und den Menschen zu dienen.
Orgeln sind, wie wir es soeben in den Blick genommen haben, die Mittlerin zwischen Kultus und Kunst in einer Art und Weise, wie es sonst kein Musikinstrument vermag und wo sogar manchmal Worte diese Tiefe in uns nicht erreichen und anrühren.
Und damit komme ich wieder zurück auf den Bibelspruch, den ich an den Anfang stellte: Wohltun und Anteilgeben vergesst nicht; denn Gott hat an derartigen Opfergaben Gefallen.
All die Spenden so vieler Menschen hier und in der Ferne, die Zuwendungen und Fördermittel, wie wir sie überreicht bekommen, helfen, dass unsere Strobel-Orgel restauriert werden kann und sie dann diese Wirkung und Faszination ausstrahlen kann. Die Restaurierungsarbeiten haben ja bereits, Gott sei Dank, schon beginnen können.
So zu handeln gefällt Gott. Das liegt ganz im Sinne unseres heutigen Bibeltextes, den wir nun noch einmal als Lutherwort hören: Gutes zu tun und mit anderen zu teilen, vergesst nicht; denn solche Opfer gefallen Gott.
Amen.
Landeskonservator Holger Reinhardt
Sowohl Landeskonservator Holger Reinhardt als auch als auch der Geschäftsführer der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen, Thomas Wurzel, betonten in ihren Grußworten die Bedeutung der Orgeln als Königin der Instrumente mit ihrer Vielfalt an möglichen Stimmungen und die besondere Bedeutung der Orgeln im ländlichen Raum. Beide machten dabei deutlich, dass der Frankenhäuser Orgel eine besondere Stellung zukommt. Dies spiegelt sich auch u.a. in der Pressemitteilung des TLDA wider:Die Unterkirche in Bad Frankenhausen beherbergt eine Orgel der ehemals ortsansässigen Werkstatt Strobel. Der Bau fiel in die Jahre 1883 bis 1886.
Nachdem der Firmengründer Julius Strobel über der Ausführung verstorben war, vollendeten seine Söhne dessen Konzeption. In den Neubau wurden Elemente der Vorgängerorgeln integriert. Der Klangkörper befindet sich hinter einem barocken Prospekt, der 1703 von Johann Nordt aufgestellt worden war. Daß bauzeitliche Prospektpfeifen vor der Reichsmetallmobilmachung verschont geblieben sind, ist ein seltenes Zeugnis dafür, dass sie auch schon in Kriegszeiten für besonders wertvoll erachtet worden sind. Mit 49 klingenden Stimmen für drei Manuale und Pedal sit die Orgel der Frankenhäuser Unterkirche das größte erhaltene Werk der Werkstatt und das größte Sachzeugnis der international bedeutsamen Schulze-Schule (aus Paulinzella). Darüber hinaus ist sie die größte der erhaltenen Orgeln thüringischer Provenienz aus dem 19. Jahrhundert.
Das Restaurierungsvorhaben zur Wiederherstellung des Zustandes von 1886 stellt in Abstimmung zwischen der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands (EKM) und dem TLDA den Schwerpunkt der Orgeldenkmalpflege dar. Das Engagement der Kirchgemeinde und des Fördervereins wird durch die finanzielle Beteiligung am zweiten Abschnitt des Restaurierungsprojekts durch die Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen mit 11.000 € gewürdigt. Das TLDA fördert die Maßnahme in diesem Jahr mit 40.000 €.
Orgelsachverständige der EKM Peter Zimmermann
Der Orgelsachverständige der EKM Peter Zimmermann informierte die Anwesenden über den aktuellen Stand der Sanierungsarbeiten sowohl am Standort Unterkirche als auch in der ausführenden Werkstatt der Orgelbaufirma Eule in Bautzen. Zwei schon bearbeitete Metallpfeifen hatte er mitgebracht, damit man sich eine Vorstellung vom künftigen Aussehen der Prospektpfeifen machen kann.
Gespräch an der Orgel
Im Anschluß gab es für alle Anwesenden einen kleine Stehempfang (gesponsert von den Gemeindegliedern). Dieser wurde von allen Besuchern wahrgenommen, hatte man so doch die Gelegenheit, mit der Prominenz ins Gespräch zu kommen – dies wurde auch reichlich genutzt.
Nachtrag: Bereits eine Woche später erhielten der Orgelförderverein und die Kirchgemeinde Bad Frankenhausen die Zusage von Fördermitteln seitens des Bundes aus einem Sonderprogramm zur Sanierung national bedeutsamer Orgeln.
Text und Fotos:
Peter Zimmer
Bad Frankenhausen





