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Do, 11:56 Uhr
06.07.2017
Meldungen aus dem Kirchenkreis

Festgottesdienst zu 500 Jahre Reformation:

Müntzer – der ungeliebte Bruder Luthers. Zum 490. Jahrestag der Schlacht auf dem Weißen Berg (heute Schlachtberg) bei Bad Frankenhausen, der als endgültige Niederschlagung der Bauernaufstände in Mitteldeutschland in die Geschichte einging, fand im Regionalmuseum Bad Frankenhausen ein Podiumsgespräch mit acht Vertretern des öffentlichen Lebens statt, Thema: „Rückblick / Einblick / Ausblick“...

Es wurde u.a. vorgeschlagen – ähnlich wie die Lutherdekade – eine „Müntzerdekade“ zu organisieren. Auch eint Teil einer Thüringer Landesausstellung anlässlich des 500. Jahrestages der Bauernaufstände könnte man sich für Bad Frankenhausen vorstellen. Der Vertreter der Evangelisch – Lutherischen Kirchgemeinde Bad Frankenhausen – gefragt nach Ausblicken für die kommenden Jahre – unterbreitete den Vorschlag, in gewissen Zeitabständen einen besondere Gottesdienst „im Geiste Müntzers“ unter Einbeziehung der sogenannten „Müntzermesse“ zu organisieren.

Festgottesdienst zu 500 Jahre Reformation: (Foto: Peter Zimmer) Festgottesdienst zu 500 Jahre Reformation: (Foto: Peter Zimmer)

Im Juni dieses Jahres war es soweit, es bot sich einfach an, denn 500 Jahre Reformation stand auf der Tagesordnung. Siw Kirchgemeinde Bad Frankenhausen schloß sich nicht dem allgemeinen Trend bzgl. Luther und 500. Jahrestag des Thesenanschlags an. Es wurde Müntzer zum Thema genommen – sowohl seine Übertragung der Lateinischen Liturgie ins Deutsche (sogenannte „Müntzermesse“) und seine einzig überlieferte Predigt vor den Fürsten (bekannt als „Fürstenpredigt“). Da aber fast 500 Jahre vergangen sind (bezogen auf Müntzer) und es auch heute noch genügend „Fürsten“ gibt, denen man ins Gewissen reden muß, entschloss sich die Kirchgemeinde zu einer „modernen Fürstenpredigt“.
Ehe es aber soweit war, musste erst mal fleißig geübt werden. Schließlich ist man es nicht gewohnt, eine gregorianische Litanei zu singen, auch wenn man schon lange im Chor tätig ist. Mitglieder der Kantoreien Oldisleben und Bad Frankenhausen trafen sich wöchentlich zu den Proben, schließlich singt man ja unisono, d.h. jeder falsche Ton ist sofort hörbar.


Den schwierigsten Part hatte Superintendent Bàlint, musste er sich doch in den Text der Müntzer’schen Fürstenpredigt einarbeiten, Sekundärliteratur studieren und sich bzgl. des Textes auch noch zeitlich beschränken.

Der Festgottesdienst am 18. Juni entsprach im Ablauf der damaligen wie auch heute noch gültigen Struktur. Wie immer, gab es zu Beginn eine Begrüßung.
Pfarrerin Magdalena Seifert als Lektorin erläuterte dabei auch die für heutige Hörer ungewohnte „Müntzer’sche Messe“:

„Herzlich willkommen zum besonderen Gottesdienst heute in unserer Unterkirche. Wir feiern ihn im Rahmen des Reformationsjubiläums in diesem Jahr. „Reformation geht weiter …“ – das ist das Motto des Jubiläums. Man kann ergänzen … „Reformation reicht auch weiter“. Sie reicht weiter bis hin zu „Luthers ungeliebten Brüdern“. Einer von ihnen ist Thomas Müntzer. 1523/ 1524 war er Pfarrer in Allstedt. In diese Zeit fällt die Veröffentlichung seiner „Deutschen evangelischen Messe“.
Sie fällt in eine ungemein bewegte Zeit: die Ideen der Reformation verbreiten sich in Windeseile.

Und die Menschen wollen daran teilhaben. Dazu gehört, den Gottesdienst nun in der neuen Form feiern zu können – und vor allem in deutscher Sprache. So erbitten der Rat und die Bürger von Leisnig Anfang des Jahres 1523 von Martin Luther eine Ordnung „zu singen und beten und lesen.“ Luther sagt zu, kann aber gar nicht so schnell sein, wie es gewünscht ist – vor allem auch des Druckes wegen. Schriften und vor allem Noten zu drucken braucht einfach seine Zeit. Ähnlich geht es Thomas Müntzer. Als er nach Allstedt kommt, ist die reformatorische Lehre zwar schon da. Aber sie kann im Gottesdienst noch nicht gelebt werden. Es fehlt an einer neuen Ordnung des Gottesdienstes.

Thomas Müntzer widmet sich diesem Anliegen mit aller Kraft. Er will „der Gemeinde eine kleine Zeit verdeutlichen, was ihr jahrhundertelang durch die Kleriker und ihre lateinischen Messen, entgegen dem Willen des Apostels Paulus vorenthalten worden ist“. Seine Gottesdienste haben für ihn vor allem eine katechtische Funktion – sie sollen den Gläubigen helfen, die Heilige Schrift zu verstehen und so im Glauben zu wachsen. Denn nicht mehr lange – „eine kleine Zeit“ – nur noch wird es dauern und Jesus Christus kommt wieder und wird mit den wahrhaft Glaubenden, den Auserwählten, sein Reich auf dieser Erde vollenden. Davon ist Müntzer überzeugt und er kann viele mit seiner Überzeugung anstecken. Seine neuen deutschen Gottesdienstordnungen werden mit Begeisterung aufgenommen. Auch er steht vor dem Problem, dass der Druck seiner Schriften eine gewaltige Herausforderung ist – zeitlich und finanziell. Aber er hat die Unterstützung des Rates von Allstedt – der schießt 100 Gulden zur Finanzierung des Ganzen vor. Und nicht nur die Allstedter kommen zu den Gottesdiensten, aus allen umliegenden Orten kommen die Menschen in großer Zahl. Sie kommen auch aus dem Gebieten, in denen die reformatorische Lehre noch verboten ist. Die Menschen nehmen Strafen in Kauf und lassen sich den Besuch der Gottesdienste nicht verbieten. Im Sommer 1524 müssen auswärtige Gottesdienstbesucher Verfolgung und Inhaftierung von ihren altgläubigen Obrigkeiten erleiden.

Auch die Wittenberger Reformatoren sind über die Anziehungskraft der Allstedter Gottesdienste nicht glücklich – Martin Luther schreibt 1526 seine Deutsche Messe.



Doch Müntzers deutsche Gottesdienstordnungen sind so eindrücklich, dass sie sich trotz der Bauernkriegsereignisse auch im Amt Allstedt über den Tod Müntzers hinaus erhalten. Das wird bei einer Visitation 1533 festgestellt. Und auch später behält Müntzers deutsche Messe ihren Einfluß auf Gottesdienstordnungen in evangelischen Landeskirchen.
In Bad Frankenhausen ist die Deutsche Evangelische Messe von Thomas Müntzer in den letzten Jahren schon öfter erklungen.

Bei einer dieser Gelegenheiten sagte der damalige Landesbischof Dr. Bräcklein, der übrigens einmal Pfarrer in Esperstedt war – „ Die Deutsche evangelische Messe von Müntzer sollte hier in Bad Frankenhausen eine Heimat haben“. Das ist ein schöner und wichtiger Gedanke. Gott segne uns unseren Gottesdienst.“
Anschließend gab es dann die einzelnen Abschnitte des Gottesdienstes – aber diesmal eben die deutsche Version der lateinischen Messe – von Müntzer ins Deutsche übertragen. Trotz der jahrhundertalten Melodik übst diese Art Gesang einen besonderen Reiz auf die Zuhörer aus – zumal in unserer Zeit, die möglichst alles verkürzt. Trotz allen Bangens gelang den Männern der Schola eine gute Leistung.


Festgottesdienst zu 500 Jahre Reformation: (Foto: Peter Zimmer) Festgottesdienst zu 500 Jahre Reformation: (Foto: Peter Zimmer)

In der modernen „Fürstenpredigt“ unternahm Superintendent Bálint den Versuch einer Kürzung des Originals, ohne die eigentliche Struktur zu verändern. So wurden geschickt Originalzitate der Müntzerpredigt in einem Dialog (vorgetragen von Kantorin Schildmann) eingeblendet, um auch die Art des Müntzer’schen Predigtaufbaus zu verstehen:
„Liebe Gemeinde, unser heutiges Predigtunterfangen würde grandios in die Irre gehen, wenn wir uns nicht zuvor die Frage stellten, in welche Zeit und Situation hinein diese Predigt gehalten wurde.

Thomas Müntzer lebt, wie viele seiner Zeitgenossen, in einer großen Naherwartung der Wiederkunft des HERRN, also im Angesicht und in Erwartung des Endgerichtes. Alles muss so konsequent wie nur möglich an der Heiligen Schrift ausgerichtet werden. Das erklärt seine Strenge und unnachgiebige Klarheit. Alles, was falsch ist, gehört gegeißelt, denn der Zorn Gottes ist allemal schlimmer als der Zorn eines Menschen je sein könnte.
So verwundert es nicht, wenn er sagt:

„Es ist zu wissen, daß der armen, elenden, zerfallenden Christenheit weder zu raten noch zu helfen ist, es sei denn daß die fleißigen, unverdroßnen Gottesknechte täglich die Biblien treiben mit Singen, Lesen und Predigen…Wie soll man ihm aber anders tun, dieweil die Christenheit so jämmerlich durch reißende Wölfe verwüstet ist, wie geschrieben ist… vom Weingarten Gottes? Denn gleich wie zur Zeit der lieben Propheten Jesajas, Jeremias, Hesekiel und der andern die ganze Gemein der Auserwählten Gottes also ganz und gar in die abgöttische Weise geraten war, daß ihr auch Gott nicht helfen mochte, sondern mußte sie gefangen wegführen lassen und sie unter den Heiden so lange peinigen, bis daß sie seinen heiligen Namen wieder erkannten…; also auch nichtsdestoweniger ist bei unser Väter und unser Zeit die arme Christenheit noch viel höher verstockt und doch mit einem unaussprechlichen Scheine göttlichen Namens…, da sich der Teufel und seine Diener hübsch mit schmücken…“.

Thomas Müntzer hat diese siebzig- bis hundertminütige Predigt am 13. Juli 1524 dem späteren Kurfürsten Johann dem Beständigen und seinem Sohn und Nachfolger Johann Friedrich gehalten. Sie hörten ihm wohl notgedrungen und beim Frühstück in der heute noch vorhandenen Hofstube sitzend zu, denn Müntzer war ein Magnet. Er musste allwöchentlich sonntags drei bis vier Gottesdienste halten, weil bis zu 4.000 Menschen aus nah und fern sich zu den Gottesdiensten in Allstedt versammelten. Ein Zustand, der die heutige Wirklichkeit nicht mehr so ganz abbildet.

Ein Fürst aber will wissen, was sein Volk denkt, auch wenn zur damaligen Zeit der niedere Stand zu denken und zu tun hatte, was der hohe Stand dachte. Insofern waren die beiden Fürsten gut beraten, das Frühstück bei einer ordentlichen „Katechese“ zu sich zu nehmen.
Festgottesdienst zu 500 Jahre Reformation: (Foto: Peter Zimmer)
Festgottesdienst zu 500 Jahre Reformation: (Foto: Peter Zimmer)

Mit einer bis dahin noch nie dagewesenen Schärfe setzt Müntzer eine Zäsur in der Geistesgeschichte: der einfache Bauer und Handwerker als bedingungslos gehorchender Untertan wird zum Individuum, mit eigener Begründungsmöglichkeit für Gehorsam oder Verweigerung desselben, wenn die Herren z.B. gegen das Wort der Schrift verstießen. Dafür war es nötig, den Gottesdienst und die Bibel ins Deutsche zu übertragen, denn jeder sollte selbst aus der Schrift lesen und schlussfolgern können, ohne Abhängigkeit von weltlicher oder geistlicher Obrigkeit und deren zuweilen willkürlicher Auslegung.

„Aber das ist wohl wahr: Christus, der Sohn Gottes, und seine Aposteln, ja auch vor ihm seine heil'gen Propheten haben wohl ein rechte, reine Christenheit angefangen, den reinen Weizen in den Acker geworfen, das ist: das teure Wort Gottes in die Herzen der Auserwählten gepflanzt, wie Matth. 12, Mark. 4, Luk. 8 geschrieben und Hes. 36. Aber die faulen nachlässigen Diener derselbigen Kirchen haben solches mit emsigem Wachen nicht wollen vollführen und erhalten, sondern sie haben das Ihre gesucht, nicht was Jesu Christi war…. Derhalben haben sie den Schaden der Gottlosen, das ist das Unkraut, kräftig lassen einreißen….“

Müntzer geht schonungslos mit sich, mit seiner Kirche und das ist das Neue, auch mit seiner Obrigkeit um. Er provoziert sie, weil er sie zurück auf den rechten Weg zu locken beabsichtigt. Er will sie gewinnen, indem er Ihr vorhält, dass ihr Tun nicht recht ist, wenn es sich nicht an der Heiligen Schrift orientiert. Angesichts eines nahe bevorstehenden Weltgerichtes, ist dies insbesondere von Wichtigkeit, da nicht mehr viel Zeit für eine Umkehr zu rechtem Tun bleibt. Ganz wie ein alttestamentlicher Prophet sagt er: „Es kommt jetzt darauf an“, denn die Wirklichkeit sieht Müntzer unverhohlen und weist auf Jesu Worte in der Apostelgeschichte hin:

„Habt Acht drauf auf euch selber und auf die ganze Herde, über welche euch der Heil'ge Geist gesetzt hat zu Wächtern, daß ihr sollt weiden die Gemeinde Gottes, welche er durch sein Blut erworben hat, denn ich weiß, daß nach meinem Abschied werden unter euch reißende Wölfe kommen, die die Herden nicht verschonen werden. Es werden auch von euch selber Männer aufstehn, die da verkehrte Lehre reden, die Jünger nach sich selbst zu ziehen. Drum seht drauf!“

Müntzer kommt es ganz und gar darauf an, Christus wieder zu seiner Größe
zu verhelfen, ist ER doch von der Kirche und der weltlichen Obrigkeit zu ei
ner Hanfpotze (= Vogelscheuche) gemacht worden. Christus wird von Münt
zer als „Fußhader (= Ein Lumpen, mit dem der Dreck aufgewischt wird)
der ganzen Welt“ vor Augen gestellt. Aus all diesem führt nur die völlige Gottesfurcht. Müntzer sagt
:
„Solchem muß man zuvorkommen in der Furcht Gottes. Wenn dieselbige allein in uns ganz und rein versorgt würde, dann so möchte die heil'ge Christenheit leicht wieder zum Geist der Weisheit und Offenbarung göttlichen Willens kommen. Dies alles ist verfasst in der Schrift…. Die Furcht Gottes aber muß rein sein, ohne alle Menschen- oder Kreaturenfurcht…. Oh, die Furcht ist uns hoch vonnöten! Denn gleich so wenig als man seliglich zwei Herren dienen mag…, so wenig mag man auch Gott und Kreaturen seliglich fürchten. Gott mag sich auch über uns nicht erbarmen (als die Mutter Christi, unsers Herrn, sagt), es sei denn, daß wir ihn aus ganzem Herzen allein fürchten.“

Erst nach ca. einer viertel Stunde spricht Thomas Müntzer die beiden Fürsten direkt an. Er sagt: „Gott mag sich auch über uns nicht erbarmen…, es sei denn, daß wir ihn aus ganzem Herzen allein fürchten. Drum sagt Gott…: »Bin ich euer Vater, wo ist dann meine Ehre? Bin ich euer Herr, wo ist dann meine Furcht?« Also, ihr teuren Fürsten, ist not, daß wir in diesen ganz gefährlichen Tagen… den allerhöchsten Fleiß verwenden, wie alle liebe Väter, in den Biblien verzeichnet, vom Anfang der Welt solchem hinterlistigen Übel zu begegnen. Denn die Zeit ist jetzt gefährlich, und die Tage sind böse…. Warum? Allein darum, daß die edle Kraft Gottes so gar jämmerlich geschändet und verunehret wird, daß die armen groben Menschen also durch die heillosen Schriftgelehrten verführt werden mit großem Geplauder als der Prophet Micha 3 davon saget, welches jetzt fast aller Schriftgelehrten Art ist und gar wenig ausgenommen, das die lehren und sagen, daß Gott seinen lieben Freunden seine göttlichen Geheimnise nicht mehr offenbart durch rechte Gesichte oder sein mündliches Wort etc.“

Thomas Müntzer nimmt das Gesicht (= Vision) des Königs Nebukadnezar aus dem 2. Kapitel des Danielbuches auf, um mit der Erzählung der Vision indirekt eine Gegenwartsanalyse vorzunehmen. Gesellschaftskritik ohne die Mächtigen, bei Brot und Fasan, Bier und Braten sofort zu vergrätzen. Ein klug angewandtes Stilmittel.

Er vergleicht, ohne Scham und Scheu, die Wahrsager und Traumdeuter Nebukadnezars mit der (katholischen) Kirche und Ihren Potentaten. Feingeistige und spitzzüngige Kritik ist seine Sache nicht. Wir hören Sätze wie diese über seine Kirche und Ihre „Mächtigen“:
„Solche Schriftgelehrten sind die Wahrsager, die da öffentlich die Offenbarung Gottes leugnen. Und fallen doch dem Heiligen Geist in sein Handwerk, wollen alle Welt unterrichten, und was ihrem unerfahrenen Verstande nicht gemäß ist, das muß ihnen alsbald vom Teufel sein.

Und sind doch ihrer eigen Seligkeit nicht versichert, welches sie doch nothalben sein sollten…. Sie können hübsch vom Glauben schwatzen und einen trunkenen Glauben einbrauen den armen, verwirrten Gewissen… Darüber sind sie in einem verkehrten Sinne verstockt und sind jetzt der ganzen Welt von Tag zu Tage dargestallt in Sünden und Schanden wie die untätigen Lotterbuben. Dennoch sind sie blind in ihrer Torheit. Nichts anderes hat sie verführt und nach auf diesen heutigen Tag je weiter verführt denn der Aberglaube“.

Machen wir uns bewusst, Müntzer redet hier von der Kurie, der Kirche mit dem Papst an der Spitze, die gewohnt war, dass das Wort ihrer Priester als sakrosankt verstanden wurde und die dies zuweilen auch bewusst nutzte, um möglichst oft ihren Vorteil zu erlangen.
Im dritten Abschnitt seiner Predigt geschieht etwas, was nach damaligem Dafürhalten ungeheuerlich ist. Müntzer macht den einzelnen zum Richter über das rechte Verständnis der Welt und der Schrift.

„Wir müssen wissen und nicht allein in den Wind glauben, was uns von Gott gegeben sei oder vom Teufel oder der Natur. Denn so unser natürlicher Verstand daselbst soll zur Dienstbarkeit des Glaubens gefangen werden…, so muß er kommen auf den letzten Grad aller seiner Urteile… Das Wort ist nicht weit von dir. Sieh, es ist in deinem Herzen. Nun fragst du vielleicht, wie kommt es denn ins Herz? Antwort: Es kommt von Gott oben hernieder in einer hohen Verwunderung…Und welcher Mensch dieses nicht gewahr und empfindlich geworden ist durch das lebendige Zeugnis Gottes…, der weiß von Gott nichts gründlich zu sagen, wenn er gleich hunderttausend Biblien hätt gefressen.“
Das war bis dahin das alleinige Vorrecht der Geistlichkeit, die sich von nichts und niemand die Hoheit der Schriftauslegung streitig machen ließ und lieber jemand verbrennte, als den einzelnen über die Rechtmäßigkeit der Schriftauslegung urteilen zu lassen.

Auch seinem Ärger über Luther ließ er freien Lauf und lässt ihn in der Mitte seiner Predigt als „Bruder Mastschwein“ und „Bruder Sanftleben“ aufblitzen. Ich möchte nicht der Feind Müntzers oder Luthers gewesen sein…
Wenn aber der Mensch das klare Wort Gottes in der Seel nicht vernommen hat, so muß er Gesichte (= Visionen) haben.

Müntzer stellt detailliert dar, warum es Gesichte, also Visionen braucht und dass sie nicht einfältiges Gerede, sondern Gottes direkte Anrede in das Leben des Visionärs darstellen. Sie sind gleichsam Jetzt-Offenbarungen, vergleichbar in ihrer Bedeutsamkeit mit der Heiligen Schrift selbst.

„Daraus schließ ich nun, daß, wer da will aus fleischlichem Urteil also unbeschieden den Gesichten feind sein und sie alle verwerfen oder alle aufnehmen ohne allen Bescheid, darum, daß die falschen Träumer der Welt solchen Schaden getan haben durch die Ehrgeizigen oder Genießsucher, der wird nicht wohl anlaufen, sondern wird sich stoßen an den Heil'gen Geist,… da Gott klar sagt wie dieser Text Daniels von der Veränderung der Welt: Er will sie in den letzten Tagen anrichten, daß sein Name soll recht gepreiset werden. Er will sie von ihrer Schande entledigen und will seinen Geist über alles Fleisch ausgießen, und unsere Söhne und Töchter sollen weissagen und sollen Träume und Gesichte haben etc.

Denn so die Christenheit nicht sollte apostolisch werden …, warum sollte man dann predigen? Wozu dient dann die Biblien von Gesichten? Es ist wahr und ich weiß fürwahr, daß der Geist Gottes jetzt vielen auserwählten, frommen Menschen offenbart: eine treffliche, unüberwindliche, zukünftige Reformation von großen Nöten sein. Und es muß ausgeführt werden, es wehre sich gleich ein jeglicher wie er will, so bleibt die Weissagung Daniels ungeschwächt, ob ihr wohl niemand glauben will…“
In Analogie zu Daniel 2 sieht Müntzer das 5. Reich angebrochen, das, in dem Eisen und Ton vermischt sind und keinen wirklichen Halt mehr haben. Als der „große Stein“ dagegen stieß, fiel die Statue im Traum des Nebukadnezar um. Wir sagten heute: das Weltende ist nah.

Indiz dafür ist, dass sich Geistlichkeit und die weltlichen Hoheiten sich zu einer unheiligen Allianz zusammen tun.
„Man sieht jetzt hübsch, wie sich die Öle und Schlangen zusammen verunkeuschen auf einem Haufen. Die Pfaffen und alle bösen Geistlichen sind Schlangen, wie sie Johannes, der Täufer Christi, nennt…, und die weltlichen Herren und Regenten sind Öle, wie figuriert ist 3. Moses am 11. Kapitel von Fischen etc.

Da haben sich die Reiche des Teufels mit Ton beschmiert. Ach, lieben Herren, wie hübsch wird der Herr da unter die alten Töpfe schmeißen mit einer eisernen Stange…. Darum, ihr allerteursten liebsten Regenten, lernt euer Urteilt recht aus dem Munde Gottes und laßt euch durch eure heuchlerischen Pfaffen nicht verführen und mit gedichteter Geduld und Gute aufhalten. Denn der Stein, ohne Hände vom Berge gerissen, ist groß worden. Die armen Laien und Bauern sehn ihn viel schärfer an als ihr.“
Ich stelle mir regelrecht vor, wie den beiden Fürsten, die gewiss schon ans Ende Ihrer Mahlzeit gekommen waren, der Bissen im Halse stecken blieb. Hier spricht einer, der von sich überzeugt ist wie ein alttestamentlicher Prophet, in Gottes Auftrag. Er ruft dessen Botschaft in die Welt. Furchtlos und aggressiv spricht er zur Machtelite der damaligen Zeit.

Unverhohlen seine Drohung, genauer hinzusehen, denn die Bauern und Laien sehen das Herannahen des Ende dieses Reiches und des Anbruchs eines neuen, göttlichen Reiches schon viel genauer. Wenn die beiden nicht einschreiten und für Ordnung sorgen, besser noch den Weg für das neue (tausendjährige) göttliche Reich bahnen, dann wird ihnen die Macht genommen und sie hinweggefegt.

Doch Müntzer wirbt um Johann den Beständigen und seinen Sohn Johann Friedrich. Er sagt: „Drum, ihr teuren Regenten von Sachsen, tretet keck auf den Eckstein, wie der heilige Petrus tat…, und sucht die rechte Beständigkeit göttlichen Willens! Er wird euch wohl erhalten auf dem Stein…. Eure Gänge werden richtig sein. Sucht nur stracks Gottes Gerechtigkeit und greift die Sache des Evangeliums tapfer an. Denn Gott steht so nah bei euch, daß ihr's nicht glaubt. Warum wollt ihr euch denn vor dem Gespenst des Menschen entsetzen…?“

Kurze Zeit später wird offenkundig, wofür sich Thomas Müntzer hält: „Drum muß ein neuer Daniel aufstehn und euch eure Offenbarung auslegen, und derselbige muß vorn, wie Moses lehrt…, an der Spitzen gehn. Er muß den Zorn der Fürsten und des ergrimmten Volkes versöhnen.“

Müntzer hält sich selbst für den neuen Daniel, der der Bewegung vorangehen muss, im Auftrage Gottes. Er umschmeichelt die Fürsten, die von der falschen Geistlichkeit an der Nase herumgeführt worden sind und sich selbst als Opfer verstehen, nun aber vorangehen und das Reich errichten müssen. Er gibt ihnen auf den Weg: „Sollt ihr nun rechte Regenten sein, so müßt ihr das Regiment bei der Wurzel anheben und handeln, wie Christus befohlen hat. Treibt seine Feinde von den Auserwählten! Denn ihr seid die Mittler dazu. Lieber, gebt uns keine schalen Fratzen vor, daß die Kraft Gottes es tun soll ohne euer Zutun des Schwerts, es möchte euch sonst in der Scheiden verrosten. Gott geb es!“
In seiner Predigt steigert er sich zum Ende hin sogar zu einer Drohung, die ihresgleichen sucht: „Daß aber dasselbige nun redlicherweise und fuglich geschehe, so sollen das unsere teuren Väter, die Fürsten, tun, die Christus mit uns bekennen. Wo sie aber das nicht tun, so wird ihnen das Schwert genommen werden…, denn sie bekennen ihn also mit den Worten und leugnen ihn mit der Tat…“
Wenn ihr nicht macht, was ich, der neue Daniel, sage, dann wird euch das Schwert, sprich die Macht, genommen werden und ihr selbst habt euch als unwahre Christen erwiesen, die es zu strafen gilt.

Liebe Gemeinde,
wenn wir bisher in den Dialog mit der Predigt Müntzers getreten sind, die er weiland den beiden Fürsten beim Frühstück hielt, so ist die Frage, was uns davon heute konkret betrifft, nicht weit hergeholt. Sechs Gedanken seien mir gestattet:
1. Es täte uns sehr gut, wenn wir stärker in der Grundstimmung lebten, die die Menschen zur Zeit Jesu und Pauli zu einem außerordentlich lebendigen und glaubwürdigen Zeugnis befähigte. Wir sprechen zwar im Glaubensbekenntnis „von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten“, aber dass das heute oder morgen passiert, das ist uns nicht vorstellbar. Dabei ist es eine durchaus ernst zu nehmende Möglichkeit, die unser Handeln vermutlich radikal veränderte, wenn wir sie uns vor Augen hielten.

2. Es ist (lebens-)notwendig, dass wir unser Denken, Reden und Handeln stärker an der Bibel ausrichten. Dass wir uns immer wieder fragen, was das verbum Dei konkret in unser Leben hineinsprechen und wohinein es uns „verwickeln“ will. Das geht los beim Umgang mit den uns begegnenden Mitmenschen, bei denen wir auffällig anders und zugewandter handeln soll(t)en, erstreckt sich über Fragen der Ethik und der Konsequenz, dass Christen bestimmte Dinge nicht machen, weil sie dem Leben nicht dienen, und hört bei Rendite versprechenden Geldanlagen in Rüstungsfirmen oder zwielichtigen Firmen nicht auf.
3. Es ist dem Leben dienlich, wenn der soziale Friede im ganzen Land gewahrt bleibt. Unsere heutigen Regenten („Fürsten“) sind vom Volk gewählt, aber sie sind es mit dem klaren Auftrag (das „Schwert der Macht“) des Volkes, dies zum Wohle des Volkes zu tun und nicht für sich, eine Oberschicht, Gewinne suchende Konzerne oder Lobbygruppen. Oberstes Prinzip der „Fürsten“ unserer Tage muss es deshalb sein, dass die Gesellschaft ausgewogen existiert. Eine sozial auseinandergehende Schere gefährdet nicht nur das Wohl der Armen sondern auch das der Besitzenden.

Wenn Menschen nichts mehr zu verlieren haben als ihre Ketten („Mögen die herrschenden Klassen vor einer kommunistischen Revolution zittern. Die Proletarier haben nichts in ihr zu verlieren als ihre Ketten. Sie haben eine Welt zu gewinnen. Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ Karl Marx, Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, 1848), um mal einen jüngeren Zeitgenossen als Müntzer zu zitieren, dann ist es für ein gedeihliches Miteinander, für ein sorgsam abgewogenes Verhältnis zu spät, dann bricht sich Gewalt Bahn - erst mündlich, dann brennen Häuser und schließlich begehren alle gegen alle auf (siehe aktuell in Venezuela).
4.. Auch weil die Fürsten zu lange zögerten und die, aus unserer Sicht eigentlich lapidaren Forderungen der zwölf Artikel von Memmingen der Bauern nicht erfüllten, kam es zu diesen scheußlichen Gemetzeln im süddeutschen Raum und auf dem Weißen Berg oberhalb unserer Stadt Frankenhausen, das damals noch keinen Bad-Status hatte.

5. Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet zwei Parteien in unserem heutigen Parteienspektrum das Thema Gerechtigkeit wie eine Monstranz vor sich hertragen, die sich der Arbeiterbewegung in besonderer Weise verpflichtet fühlen.

Ihr Gerechtigkeitsverständnis hat jedoch das grundsätzliche Defizit, dass es sich nur aus ihren eigenen Ansichten legitimiert, die durchaus eigenwillig sind. Ihr eigener Wille ist, dass Arme so viel haben wir Reiche, den einen weggenommen wird, was andere bekommen. Das hat nachweislich noch nie funktioniert und ist auch nicht biblisch, denn dort funktioniert das nur auf Freiwilligkeitsbasis oder es funktioniert eben nicht, wie uns Hananias und Saphira sehr eindrücklich belegen. Es braucht dazu eine klare gesellschaftliche Übereinkunft, die auf einer Basis gründet, die außerhalb jeder menschlichen Verfügung liegt: für mich ist das Gott. Diesen jedoch leugnen große Teile der beiden Parteien und gelangen deshalb nicht an ihr prinzipiell gutes Ziel.
6. Wir erleben derzeit, dass es, Thomas Müntzer gleich, heute wieder Menschen gibt, die sich für Anführer einer Bewegung halten und vorgeben Daniel ähnlich zu sein, selbst wenn Sie ihn nicht kennten. Es gibt die menschlich verständliche Sehnsucht nach einem Führer, der Ordnung in das als Chaos empfundene Jetzt, Hier und Heute bringt. Doch ist es in den seltensten Fällen der Geist Gottes, der sie treibt, sondern der Geist der Selbstdarstellung. Dabei ist es egal, ob das in Ungarn, in der Türkei, in Russland oder in den USA ist, um nur vier Beispiele zu nennen.

Hier hört jemand völlig andere Einhauchungen als die des Geistes des HERRN. Hier gilt es, die Augen und Ohren offen zu halten und im Gebet zu prüfen, wes Geistes diese Potentaten sind und ihnen nicht nachzulaufen bzw. ihnen deutlich zu widersprechen.
7. Zuletzt sei mir noch der Gedanke gestattet, dass Thomas Müntzer ein wichtiger Reformator war. Er hat große Impulse gegeben und sah sich von Gottes Geist getrieben. Jedoch glaubte er, dem Geist Gottes nachhelfen zu müssen, wie das einst Judas tat. Das kann nicht gelingen. Als er sein Eigenbild dem Bilde Gottes hinzufügte, entmächtigte er sich selbst, denn kein Mensch kann in Vollmacht reden, wenn er nicht in Gottes Auftrag spricht. Sein Kampf gegen „Bruder Sanftleben“ war von der Vorstellung getrieben, das er mehr recht hat als Luther. Das ist der Beginn und Ausdruck von Eitelkeit, die dem Prophetenamt nicht geziemt.

Wäre Müntzer der einzige Reformator in deutschen Landen gewesen, die Reformation hätte es schwer gehabt zu wirken und zu bestehen, weil sie immer mit Gewalt in Verbindung gebracht worden wäre. Der Geist Gottes verschafft sich sein Recht aber nicht durch Gewalt.

Die anderen Reformatoren haben gemeinsam mit Müntzer die Vielfalt der Offenbarung Gottes erschlossen und dazu beigetragen, dass die Welt individueller, gerechter, selbstbestimmter und offener wurde. Sie wussten, dass wir allein aus Gnade Gottes existieren, diese allein durch den Glauben allein an und durch Christus erfassen können und alles allein in der Schrift finden. Dafür danken wir allen und dafür danke ich auch Ihnen, Herr Müntzer. Amen.“

Nach dem Gottesdienst gab es bei einem Kirchenkaffee Gelegenheit zu anregenden Gesprächen und Austausch zur modernen „Fürstenpredigt“. Die etwa 120 Besucher dieses Festgottesdienstes äußerten sich überaus positiv. Leider waren diejenigen, die mit der Historie des Bauernkrieges und Thomas Müntzer schon aus beruflichen Gründen zu tun haben, nicht vertreten. Es wird eine spannende Geschichte – der 500. Jahrestag des Bauernkriegsgeschehens in Mitteldeutschland 2025 kommt schneller als man denkt.
P.S.: Es war eine erfreuliche Tatsache, dass Bürgermeister Kreyer aus Sondershausen an diesem besonderen Ereignis teilnahm.
(die kursiv hervorgehobenen Teile sind Originalzitate aus der „Fürstenpredigt“ von Thomas Müntzer)

Zusammenstellung/Text: Peter Zimmer
Fotos: Unbenannt/Zimmer
Autor: khh

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