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Fr, 08:45 Uhr
09.08.2019
Lichtblick

Mal zu sich selber finden

Die Ferienzeit nähert sich ihrem Ende, viele kehren aus fernen Urlaubslanden in die Heimat zurück. Im Lichtblick zum Wochenende macht sich Superintendent Kristóf Bálint Gedanken über Reiseziele in Nah und Fern und den Weg, den man gehen kann, um zu sich selbst zu finden...


Wohin fahren Sie in den Urlaub?“ ist wohl eine der derzeit meistgestellten Fragen. Die Antworten fallen unterschiedlich aus. „An die Ostsee“, „in die Südsee“, „in die Alpen“, „nach Balkonien“. Nicht nur nach Lust und Laune, zuweilen auch nach Geldbeutel oder persönlichem Geschmack.

„Warum soll ich weit herumreisen, wenn ich auch zu Hause bewegungslos im Garten in der Sonne liegen kann?“ Das hat etwas, zumal es keine extra Übernachtungskosten verursacht und weil es nicht „Flugscham“-besetzt ist (siehe Lichtblick vom 19.07.).

Es gibt wirklich Menschen, die um die halbe Welt jetten oder „kreuzfahren“, um dann an weit entfernten Gestaden, mit einer irrwitzigen Öko-Bilanz zwölf Stunden am Strand zu liegen oder sich in einer Bar volllaufen zu lassen, nur weil es „all inclusive“ ist. Da ist das gewohnte Bett näher, die Speisen vertrauter/verträglicher und die Ökobilanz stimmt auch, zumal wenn die Erkundigungen im Umland mit dem Fahrrad oder dem Zug unternommen werden.

Es gibt auch Menschen, die in der Ferne Aktiv-, Erkundungs- und Bildungsurlaube machen. Das geht natürlich nur, wenn sie in die Ferne fahren, um buddhistische Pagoden, hinduistische Tempel, die jüdische Klagemauer und Synagogen, islamische Moscheen, zoroastristische Feuertürme u.ä. zu betrachten (merkwürdig, dass bei bereisten Sehenswürdigkeiten unserer heutigen Touristen Mausoleen kommunistischer Potentaten und sozialistische Betonbauwerke so selten vorkommen, sondern eher Bauwerke religiöser Architekturen, obwohl sie deren Gläubige oft für rückschrittlich halten).

Es gibt auch die Menschen, die von ihrem Alltag so gestresst und mitgenommen sind, dass Sie sich zurückziehen, in die Abgeschiedenheit, in das Schweigen, in die Stille. So sind Angebote von Klöstern (u.a. in Volkenroda, das in unserem Kirchenkreis liegt oder von Werningshausen ganz in der Nähe) sehr beliebt. Urlaub für die Seele oder Urlaub vom Alltag wird dort möglich, mit regelmäßiger Teilnahme an geistlichen Angeboten.

Nicht zu vergessen die Menschen, die einen spirituellen Urlaub wünschen und ebenso in Klöster gehen – ob in Indien, Nepal, Italien, Frankreich oder hier. Sie sind auf der Suche nach sich selbst, weil sie sich verloren glauben, in einer Zeit und einer Berufswelt, die den Menschen „auffrisst“. Sie suchen ihre Mitte und ihren Halt.

Gerade nach schweren persönlichen Erlebnissen sind solche Rückzugs-Urlaube und –Zeiten nicht selten. Nach dem Verlust eines lieben Menschen, nach einer OP, deren Erfolg nicht absehbar ist, so dass das Erwachen danach wie ein zweiter Geburtstag erscheint. Sie suchen nach neuer Orientierung, nach Halt, womöglich nach GOTT.

Bernhard von Clairvaux hat für solche Sucher ein wichtiges Wort parat, das ich uns allen als Lichtblick in Erinnerung rufen möchte:
“Du musst nicht über Meere reisen,
musst keine Wolken durchstoßen und
musst nicht die Alpen überqueren.
Der Weg, der dir gezeigt wird, ist nicht weit.
Du musst deinem GOTT nur bis zu dir selbst entgegengehen.“


Genau das aber ist für Viele sehr/zu schwer. Bis zu uns selbst gehen bedeutet, dass wir die Stille suchen und auch aushalten müssen. Uns nicht ablenken lassen, von frühmorgendlichen Gedudel der Radiosender, die uns brandheiß und wegen unseres Rechtes auf Informationen, alle möglichen Nachrichten eintrichtern, damit wir nur ja nicht zu uns selbst kommen und uns fragen, was wirklich wichtig ist in unserem Leben. Was trägt uns, abseits von Ablenkung? Welche Antworten haben wir parat auf die Frage nach unserem Lebenssinn, wenn die OP gelungen ist und wir wieder aufwachen? Was wollen wir anders machen als vorher, wenn wir die Möglichkeit dazu haben und „Händ und Füße, Zung und Lippen“ wieder regen können?

Urlaubszeit ist Ferienzeit. Das Wort Ferien kommt vom lateinischen „feriae“ und bedeutet Fest- oder Feiertag. Nehmen wir die Urlaubstage als Feiertag für das Leben wahr? Und wenn nicht, was müssten wir tun, damit sie das werden, denn unser Leben ist nicht selbstverständlich und es ist auch nicht in unsrem Besitz. Es ist uns nur geliehen und kann schnell unserer Hand entrissen werden. Sehr schnell.

Urlaubszeit will uns für das Leben sensibilisieren. Freilich müssen wir dafür ein Ohr haben und nicht ständig auf Smartphone, Radio, Fernseher oder andere Medien schielen. Es bedarf der bewussten Versenkung in uns und der Frage, was steigt in mir hoch, wenn ich mal ganz still bin? Diese Dinge sind es, die uns zutiefst beschäftigen und die wir ansehen müssen, damit wir sie bewältigen und sie uns nicht (unterbewusst) beherrschen.

Deshalb ist es gut, dass wir Urlaub haben. Es ist eine Chance und eine Notwendigkeit, denn Hirnforscher erklären uns, dass unser Gehirn Auszeiten braucht, um sich zu regenerieren. Wir dürfen uns diese Auszeigen „erlauben“, was im Übrigen der ursprüngliche Wortsinn von Urlaub ist, denn es ist ein substantiviertes Verb aus dem Mittelhochdeutschen: „urloup“ von erlauben (sich zu entfernen).

Wir dürfen uns von den Dingen entfernen, die uns von uns selbst ablenken. Sie werden ganz unterschiedliche Erfahrungen machen. Manch Ängstigendes, Berührendes, Verunsicherndes, Befreiendes könnte auftauchen. Auf jeden Fall kämen Sie sich deutlich näher, als wenn Sie, abgelenkt von vielen Dingen um Sie herum, um die halbe Erde reisen. Das Gute liegt, wie so oft, ganz nah. Probieren Sie es einmal, der Heilige Bernhard gibt uns einen guten Einstiegstext an die Hand. Suchen wir uns, dann sind wir auch frei GOTT zu begegnen.

Ich wünsche Ihnen Zeiten der Stille und der Begegnung mit sich selbst
Ihr Superintendent K. Bálint
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