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Mi, 13:00 Uhr
25.03.2020
Theaterintendant Daniel Klajner im Gespräch mit Olaf Schulze

Ohne Zweifel ein Südharzer

Im nnz-Interview spricht der Nordhäuser Intendant über seine Sicht als Schweizer auf die Deutschen, über das Nordhäuser Theater, die schwere Zeit ohne Spielplan und die Wünsche und Hoffnungen für die Zukunft…

Daniel Klajner (Foto: Theater Nordhausen) Daniel Klajner (Foto: Theater Nordhausen)

Der im Kanton Zürich geborene Schweizer Daniel Klajner ist seit 2016 Intendant der Theater Nordhausen/Loh-Orchester Sondershausen GmbH. In Wien wurde er zum Dirigenten ausgebildet und arbeitet seit über dreißig Jahren in diesem Beruf.

Herr Klajner, mit dem Blick eines Schweizers auf die Deutschen. Was mögen Sie an Ihren Nachbarn?
Deutschland und die Deutschen bieten in Bezug auf die Theater- und Orchesterlandschaft den wohl dichtesten Kulturraum Europas an. Die gewachsene und gelebte Kultur, die Dichte an Museen und Bibliotheken ist einzigartig, und ich schätze es unglaublich, dass jeder Deutsche Goethe, Schiller und Beethoven kennt, auch wenn zuweilen nur subkutan.

Und was stört Sie an den Deutschen?
Nichts Nennenswertes. Der Unterschied zwischen Thüringen und der Schweiz ist nicht größer als der zwischen Vorpommern und Bayern. Aber grundsätzlich empfand ich es immer als bereichernd, mich in anderen Kulturkreisen zu bewegen. Von Japan war ich ebenso fasziniert wie von den USA oder Hong Kong.

Sie hatten in Biel, Stralsund, Würzburg, Dortmund, Bern, Straßburg und Mühlhausen im Elsass gearbeitet. Dirigiert haben Sie aber auch an der Mailänder Scala und der Pariser Bastille. Welche Station hat Sie als Musiker besonders geprägt?
Ganz klar meine Studienzeit in Wien, wo ich eine hervorragende Ausbildung genossen habe, fantastische Konzerte besuchen durfte und mit großen internationalen Künstlern zusammentraf. Wie etwa Leonard Bernstein, dessen Assistent ich sein durfte. Jede Station im Verlauf meiner Karriere war dann auf ihre Art und Weise wichtig und prägend. Auf dem Weg der stetigen Vervollkommnung musste jeder Schritt gegangen werden, war aufbauender Teil meiner Erfahrungen und ließ mich reifen.

Dann kam 2015 das erste Engagement im grünen Herzen Deutschlands. Gibt es etwas Besonderes in Thüringen, was Sie woanders nicht erlebt haben?
Als ich früher im Bundesgebiet gastierte, habe ich nicht darüber nachgedacht, ob ich gerade in Köln oder Berlin war und zu welchem Bundesland der Ort gehörte, in dem ich gearbeitet habe. Die Kultur, die Musik und der Austausch war wichtig, aber nicht die umgebenden politischen Grenzen. Erst mit der administrativen Arbeit war ich aufgefordert, mich tiefergehend mit den länderspezifischen Angelegenheiten auseinanderzusetzen. Aber ob es in Thüringen anders ist als woanders, kann ich nicht beurteilen, dafür fehlen mir die Vergleichsmöglichkeiten. Ich weiß nur, dass in meinem Umfeld die Zusammenarbeit auf allen Ebenen extrem gut klappt, was wohl eher mit den handelnden Personen als mit dem Bundesland zu tun hat. Aber regionale, kulturelle Unterschiede gibt es beispielsweise in den Hierarchien an Theatern: in der Schweiz sind diese viel flacher als in Deutschland, und in Frankreich geht es im Vergleich dazu wesentlich „royalistischer“ zu.

Wie das?
In Straßburg passierte es mir einmal, dass der örtliche Bürgermeister kein Verständnis dafür aufbringen konnte, als ich einen Förderverein aufbauen wollte. Er sagte mir: „Wozu wollen Sie das machen? Sie haben doch mich.“

Das Theater in Nordhausen gilt als kulturelles Zentrum der Stadt. Wie wichtig ist das für die Region?
Es ist äußerst bemerkenswert, dass obwohl es dutzende deutscher Städte in derselben Größe wie Nordhausen gibt, sich nur zwei oder drei ein eigenes Theater leisten. Diese Determination, sich dieses Kleinod zu erhalten, macht Nordhausen unverwechselbar. Die unerschütterliche Identifikation mit dem Haus kommt niemals ins Wanken. Einen so selbstverständlichen und stolzen Willen dem Erhalt des Theaters gegenüber, hatte ich andernorts so noch nicht erlebt.

Wie wichtig ist dieser erfreuliche Zustand für Sie und Ihr persönliches Wohlbefinden?
Sehr wichtig. Wenn mein Leben als Intendant hauptsächlich darin bestünde, den Erhalt und die Finanzierung zu sichern, würde ich mich anders fühlen. Aber es gibt eine großartige Rückendeckung von Seiten der Politik, der Gesellschaft, den Bürgern. Das hält mir den Rücken frei für die originären künstlerischen Aufgaben. Darüber bin ich sehr dankbar.

Wenn Sie die Zeit Ihrer Intendanz hier Revue passieren lassen, was waren die größten Erfolge, die Sie hier erlebt haben?
Der schönste Erfolg ist für mich, wie die Belegschaft und das Ensemble zusammenhalten, wie das Theater in der Stadt tief verwurzelt ist und man das jeden Tag spüren kann. Das ist auch eine sehr exemplarische Sache in Nordhausen und trägt zum anhaltenden Erfolg des Theaters und zum Funktionieren in die Stadt hinein bei. Und natürlich sind meine großartigen Vorstände Anette Leistenschneider, Ivan Alboresi und Michael Helmrath unverzichtbare Garanten des Erfolges. Durch ihre wuchtigen künstlerischen Persönlichkeiten bringen die drei ihre Sparten und ihr gemeinsames Wirken zum Strahlen. Alles ist in unserem Theater sehr gut unterfüttert.

Was waren die bittersten Momente Ihrer Intendanz?
Die jetzige Zeit ist die einschneidendste. Wir alle wissen nicht, wie es in den nächsten Wochen weitergeht. Nicht nur die Kunst, auch alle anderen gesellschaftlichen Bereiche hängen in der Luft und sind extrem verunsichert. Wir sind im Gegensatz zu anderen nicht existentiell bedroht, was mich einerseits für meinen Verantwortungsbereich beruhigt, mich aber in Gedanken an die Kranken oder wirtschaftlich Bedrohten in Alarmbereitschaft versetzt.

Die Theaterschließung auf unbestimmte Zeit muss für das gesamte Theater ein Riesenschock gewesen sein. Wie gehen Sie damit um?
Natürlich hoffe ich zuerst einmal, dass die ganze Sache möglichst glimpflich und zeitnah vorübergeht. Das organisatorische Innenleben, das Zusammenwirken, die Disposition eines Theaters ist unglaublich komplex. Das gleicht der Fahrplanerstellung bei der Deutschen Bahn. Wir haben uns sofort darangesetzt, um ab dem 20. April wieder zu spielen. Auch wenn es momentan utopisch erscheint, das Theater dann wieder für unser Publikum zu öffnen, sind wir darauf vorbereitet und freuen uns darauf. Wenn es hingegen weitere Beschränkungen geben sollte, werden wir ebenso reagieren und uns von Neuem darauf einstellen. Ich fände es fahrlässig, nichts zu tun und planlos abzuwarten.

Welche Inszenierungen müssen Sie jetzt aufgrund des Probenausfalls schon definitiv absagen?
Obwohl in dem Zeitraum bis zum 19. April gleich fünf Premieren der veränderten Situation zum Opfer fielen, versuchen wir an vieren festzuhalten, und wir werden sie nachholen. Wenn sich die Sperrzeit um zwei weitere Wochen verlängert, können wir zumindest die Schlossfestspiele noch absichern. Sollte es bis Ende Mai so bleiben, müssen wir neu entscheiden. Bei der Wiedereröffnung des Spielbetriebes wird es interessant sein zu beobachten, ob sich unser Publikum traut, spontan zurückzukommen oder ob Veranstaltung wie die unseres Theaters noch als Gefährdung empfunden werden.

Ist die neue Spielzeit derzeit überhaupt verantwortungsvoll planbar?
Ich bin ein unheilbarer Optimist: wir planen im guten Glauben, dass wir spielen werden. Auf der anderen Seite bin ich auch wie ein Schachspieler und versuche jeden möglichen Zug bis zum Ende der Partie vorauszusehen, um keine Überraschungen zu erleben. Wann es weitergehen wird, darauf haben wir keinen Einfluss. In diesem Punkt begebe ich mich ohne zu hadern vertrauensvoll in die Hände der Politik und der assoziierten Gesundheitsbehörden. Wir werden unser Handeln selbstverständlich an den Entscheidungen der politisch Verantwortlichen ausrichten.

Werden die Kollegen in Kurzarbeit gehen müssen oder reichen die Subventionen auch ohne die Besuchereinnahmen aus, um die Gehälter weiter zu zahlen?
Im Moment schließe ich eine Kurzarbeit aus, da sie rechtlich gar nicht durchzusetzen wäre. Momentan können wir die Einnahmeausfälle auch noch verkraften. Aber sollte die Schließung weitere Wochen und Monate dauern, müssten natürlich Maßnahmen getroffen werden. Aber davon sind wir noch weit entfernt.

Wie müssen wir uns die Ausfälle konkret vorstellen?
Wie gesagt haben wir jetzt schon fünf Premieren absagen müssen in dem kurzen Zeitraum bis zum 19. April. Das ist der Wahnsinn, denn die Produktionen waren ja künstlerisch und materiell bereits fertiggestellt, zum Beispiel „Die Lustige Witwe“, die am Freitag Premiere hätte haben sollen. Die wollen wir nun als erste Premiere der neuen Spielzeit anbieten. Aber für diesen Zeitpunkt im Herbst war ja schon eine andere Inszenierung mit fertigen Verträgen und Absprachen geplant. Die muss nun auf einen späteren Zeitpunkt rücken, an dem auch schon etwas anderes vorgesehen war. Das löst alles eine Riesen-Kettenreaktion aus. In diesem Zusammenhang war ein weiteres Problem unsere Abonnenten, die ein Anrecht auf eine Vorstellung der „Lustigen Witwe“ gehabt hätten. Aber wir haben eine elegante, schöne und attraktive Lösung gefunden, die wir zur gegebenen Zeit kommunizieren werden.

Und die Künstler sind derzeit im „Home-Office“ und beschäftigt?
Ja, alle. Ballettdirektor Ivan Alboresi etwa hat seinen Tänzern Trainingspläne erarbeitet, um sicherzustellen, dass sie sich fit halten. Er will, dass alle das hohe Niveau halten und sofort wieder einsetzbar sind, wenn es weitergeht. Genauso bereiten sich die Sängern im Solo- und Chorbereich auf die kommenden Aufgaben vor und halten sich in Form. Die Orchestermusiker üben ihre Instrumente täglich. Unsere Künstler sind mit Leistungssportlern zu vergleichen, die ja auch weiter trainieren, um am Tag X wieder voll einsatzfähig zu sein.

Viele Kollegen haben am Sonntag aus den Fenstern ihrer Wohnungen heraus musiziert? Wie empfinden Sie diese Aktion? Was kann sie bewirken?
Das war wunderbar. Es war ja eine internationale abgestimmte Aktion der Musiker. Dabei gefallen mir drei Aspekte: zum einen tragen diese Beiträge, die auf allen Social media-Kanälen gepostet wurden, dazu bei, zu ermuntern und zu unterhalten. Auch sind diese Aktionen da, um nah an unserem Publikum zu bleiben und einer unserer Kernaufgaben nachzukommen, in der Öffentlichkeit aufzutreten und für die Menschen da zu sein. Und drittens zeigen sie den Menschen, dass die Mitarbeiter der TN LOS GmbH insgesamt es vermissen, nicht auf der Bühne für den Südharz da zu sein. Aber auch wenn das alles „nur“ kleine Konzerte, Performances und szenisch-musikalische Auftritte waren, wir kommen zurück, sobald wir wieder dürfen und die Gefahr vorbei ist.

Wie wird sich der Umbau des Hauses weiter gestalten. Ruhen die Arbeiten? Werden die Fördergelder weiter fließen? Welche Signale sendet in diesen Tagen die Thüringer Landesregierung an das Theater?
Da geht alles seinen geplanten Gang. Am Theater gehen die Arbeiten weiter, wir erwarten jetzt die Archäologen zur Prüfung, die parallel zu den Erdarbeiten vonstatten gehen. Auch alle Ausschreibungen laufen weiter und werden abgearbeitet.

Ihre Amtszeit geht im nächsten Jahr zu Ende. Haben Sie schon Pläne für die Zukunft? Möchten Sie gerne in Nordhausen bleiben oder zieht es den Europäer Daniel Klajner wieder hinaus in die weite Welt?
Die Antwort ist simpel: ich bin im Gespräch mit dem Nordhäuser Oberbürgermeister als Vertreter des Hauptgesellschafters, um meinen Vertrag zu verlängern. Der Umbau steht an, es gibt viele neue Projekte anzugehen, und ich will gerne noch einige Impulse setzen. Auch möchte ich keinen Zweifel daran lassen, dass ich ein Südharzer bin.

Was möchten Sie den nnz-Lesern gerne noch sagen?
Am wichtigsten in dieser Zeit ist es, sich mit allen Menschen vor Ort zu solidarisieren, den lokalen Einzelhandel zu nutzen und allen Hilfe angedeihen zu lassen, die welche brauchen. Wenn wir uns als Gesellschaft gegenseitig stützen, wenn wir das hinbekommen, dann werden wir auch diese Krise überwinden und wieder auf die Beine kommen, alle gemeinsam.
Das Gespräch führte Olaf Schulze
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Kommentare

26.03.2020, 08.45 Uhr
Zebra | Danke Herr Klajner,
für Ihre positiven Worte. Sobald es möglich ist, werden wir unser Theater wieder besuchen und freuen uns darauf ! Bis dahin wünschen wir ihnen und den Mitarbeitern alles Gute ! Bleiben Sie bitte gesund, wir brauchen Sie !

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