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Fr, 11:20 Uhr
20.11.2020
Eine "erschreckende Momentaufnahme"

Lehrerverband untersucht Thüringer Schulen

Als eine „erschreckende Momentaufnahme“ bezeichnet Rolf Busch, der Landesvorsitzende des tlv thüringer lehrerverband, die Ergebnisse einer aktuellen Umfrage unter den Schulleitungen, Lehrern, Erziehern und Sonderpädagogischen Fachkräften des Landes...

Die Umfrage, erklärt Busch, sei vom 17. bis zum 19. November durchgeführt worden, „um ein realistisches Bild dessen zu erhalten, was in den Schulen gerade passiert“. Befragt wurden neben den tlv-Mitgliedern auch die Schulleitungen, unabhängig von ihrem Mitgliedsstatus. Insgesamt nahmen 584 Personen an der Umfrage teil, darunter 143 Schulleiter/innen und stellvertretende Schulleiter/innen. „Die Umfrage ist nicht repräsentativ, weil wir die Teilnehmenden nicht nach statistischen Kriterien ausgewählt haben. Allerdings sind Ergebnisse in dieser Größenordnung unserer Ansicht nach durchaus aussagekräftig.“

Ein Drittel der Schulleitungen melden infizierte Schüler

Im Rahmen der Umfrage wurden zunächst die Zahlen der Infizierten und der Quarantänefälle erfasst. Demzufolge sind nach den Angaben der Schulleitungen in 34 Prozent der Schulen derzeit Infektionsfälle unter den Schülern bekannt – durchschnittlich 2,3 Schüler/innen pro betroffener Schule. Für das Kollegium melden 18 Prozent der Schulleitungen Infektionsfälle, das sind 0,3 Personen pro betroffener Schule.

69 Prozent der teilnehmenden Schulleitungen haben derzeit Schüler in Quarantäne, im Schnitt 14,2 pro Schule. Eine teilnehmende Schule meldete gar mehr als 200 Schüler/innen in Quarantäne. Innerhalb der Kollegien sind an 43 Prozent der teilnehmenden Schulen Quarantänefälle gemeldet worden, durchschnittlich 2 pro Schule. Hier liegt der höchste angegebene Einzelwert bei 19 Personen.

„Diese Zahlen lassen sich nicht verlässlich hochrechnen“, beurteilt Busch die Ergebnisse insgesamt. „Aber wir können wohl davon ausgehen, dass es bei knapp 800 staatlichen Schulen in Thüringen mehrere Hundert infizierte Schülerinnen und Schüler gibt.“ Aber selbst wenn der Ministerpräsident mit den am Anfang der Woche kommunizierten 240 Infizierten in den Reihen der Schüler recht haben sollte, so bedeute das nicht, dass die Situation leicht handhabbar sei. „Denn jede einzelne nachgewiesene Infektion zieht eine Reihe von organisatorischen Herausforderungen nach sich.“

Wie viel erfahren die Lehrer/innen?
Was zudem aufgefallen sei: Während die Zahl der Antwortenden bei den meisten Fragen gleichbleibend hoch war – jeweils über 500 der insgesamt 584 Teilnehmenden antworteten – brachen sie bei den Fragen nach konkreten Zahlen deutlich ein. Hier gaben nur noch zwischen 280 und 350 Personen Antworten – ein Zeichen dafür, dass viele nicht wüssten, wie es konkret um ihre Schule bestellt ist, so Busch. Auch bei der Auswertung der Antworten, die ausschließlich von den Schulleitungen kam, sei ein deutlicher Rückgang der Teilnehmer für die Fragen nach konkreten Zahlen in den Schulen zu verzeichnen gewesen.

Die Vermutung, dass diese Informationen nicht überall ins Kollegium gelangen, hätten schriftliche Rückmeldungen bestätigt, die nach der Umfrage beim tlv eingegangen seien: „Ich hätte gern an der Umfrage teilgenommen, aber leider gibt es keinerlei Informationen über die Anzahl Erkrankter“, schrieb etwa ein Gymnasiallehrer aus dem Saale-Holzland-Kreis. Und eine Gemeinschaftsschullehrerin aus dem Landkreis Sonneberg meldete: „Zahlen über Infizierte usw. kennt man als Lehrer nicht.“

Ampelsystem: Viele fühlen sich in der falschen Stufe
Ebenfalls ernüchternd, so der tlv-Landesvorsitzende weiter, sei die Auswertung anhand der Ampelsystem-Stufen gewesen. „Unser Umfrage zeigt, wie uneinheitlich die Dinge in Thüringen gehandhabt werden“. So gäbe es in allen drei Stufen Schulen mit 0 infizierten Schülern, aber auch Schulen mit 20 und noch mehr Infizierten. Ähnlich verhalte es sich bei den Infektionszahlen im Kollegium: Hier reiche die Bandbreite von 8 Infizierten bei Stufe grün bis hin zu 0 Infizierten bei Stufe rot.

Auffallend sei zudem, dass viele Umfrageteilnehmer der Auffassung sind, ihre Schule müsse anders eingestuft werden. „67 Prozent der Teilnehmenden aus den ‚grünen‘ Schulen denken, sie müssten auf Stufe gelb oder sogar rot sein“, berichtet Busch. „36 Prozent der Kollegen in Schulen mit Status gelb denken, sie sollten auf rot hochgestuft werden.“ Gleichzeitig würden aber nur 7 Prozent der Personen aus Schulen mit dem Status rot finden, dass sie in die Stufe gelb gehören. „Die Menschen, die tagtäglich mit dem Infektionsrisiko konfrontiert sind, schätzen die Situation also um einiges dramatischer ein als die zuständigen Behörden. Das sollte zu denken geben.“

Mehrheit lehnt Masken im Unterricht ab
Befragt nach den derzeit angewandten Schutzmaßnahmen, gaben 99 Prozent der Schulleitungen an, dass sie regelmäßig lüften. 57 Prozent bieten unterschiedliche Laufwege in den Schulen, 39 Prozent versetzte Pausenzeiten. In 36 Prozent der Schulen kann ausnahmslos in festen Lerngruppen unterrichtet werden, 27 Prozent nutzen die regelmäßigen Coronatests für das Personal. Was auffalle, so Busch: Nur 23 Prozent der Schulleitungen geben an, dass ihnen die lückenlose Kontaktnachverfolgung gelinge. Und keine einzige Schule verfügt bislang über mobile Luftfiltergeräte. Auch können nur in 21 Prozent der teilnehmenden Schulen die Schüler in Quarantäne durch Fernunterricht beschult werden.

Das Tragen von Masken während des Unterrichts allerdings lehnt die Mehrheit der Teilnehmenden ab: 71 Prozent der über 500 Antwortenden für diese Frage wollen nicht, dass die Schüler im Unterricht einen Mund-Nasen-Schutz tragen müssen. Die Frage, ob Lehrer während des Unterrichts Masken tragen sollten, verneinten sogar 74 Prozent.

Dringend gewünscht: Personelle Unterstützung
73 Prozent der Umfrageteilnehmer sind der Auffassung, dass die Schulen auch unabhängig vom Lehrermangel personelle Unterstützung brauchen – und das dauerhaft. Weitere 13 Prozent fordern dies zumindest für die akute Krisensituation.

An erster Stelle stehen hier zusätzliche Personen zur Unterstützung bei der Aufsicht (58 Prozent), gefolgt vom Wunsch nach Unterstützung bei der Bewältigung organisatorischer Aufgaben (50 Prozent), Schulpsychologen (45 Prozent), Schulsozialarbeitern (40 Prozent) sowie Schulgesundheitsfachkräften (29 Prozent).

„Hier zeigt sich deutlich, dass der wir mit unserer seit Jahren vorgetragenen Forderung nach multiprofessionellen Teams richtig lagen und liegen“, sagt der tlv-Landesvorsitzende. „Gerade jetzt in der Krise brauchen die Schulen dringend Hilfe von außen. Es herrscht wirklich Land unter.“

In ihren Rückmeldungen an den Verband hätten Mitglieder zudem weitere Sorgen geäußert: „Ein Gymnasiallehrer aus Jena zum Beispiel kann nicht verstehen, warum die Klassenräume nicht mit CO2-Detektoren ausgestattet werden. Er fragt uns, warum die Schulen als Hotspots offenbleiben müssen, nur damit die Wählergruppe Eltern besänftigt wird, obwohl es aus medizinischer Sicht keine Rechtfertigung den Schulbetrieb gäbe. Und wir wissen einfach nicht, was wir darauf antworten sollen.“

Ebenfalls nahegegangen sei ihm die E-Mail einer Kollegin, die schrieb: „Was in der Freizeit unter Strafe verboten ist, wird täglich in der Schule von uns verlangt. Die Klassenräume sind voller kranker Kinder. Kinder mit Fieber und Kopfschmerzen werden nicht getestet, mit der Begründung, dass sie keinen Husten haben. Man spielt mit unserer Gesundheit. Viele leben mit Risikopatienten unter einem Dach oder pflegen diese.“

tlv erneuert Forderung nach früherem Beginn der Weihnachtsferien
Es sei erschütternd, so Busch, dass die Verantwortlichen in der Politik bislang so wenig auf die Sorgen der in den Schulen Beschäftigten eingehen würden. „Selbst den aus unserer Sicht sinnvollen Vorschlag, die Weihnachtsferien ausnahmsweise zwei Tage früher beginnen zu lassen, hat man einfach weggewischt. Unsere Umfrage zeigt: 81 Prozent der Betroffenen wünschen sich dies, um das Infektionsrisiko an den Feiertagen etwas zu reduzieren. Aber solange sich unsere Landesregierung offen gegen die Absichten der Bundesregierung stellt, die zum Schutz der Gesundheit aller schärfere Maßnahmen vorgesehen hat, solange werden viele Kolleginnen und Kollegen weiterhin tagtäglich mit Angst zur Arbeit gehen müssen.“
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Kommentare

20.11.2020, 16.09 Uhr
Peter59 | Das kann man so unterstützen.....
Alles was dort steht, ist richtig, Wir schließen die Schulen nicht, weil dann Eltern wieder gefragt sind, Gesundheit scheint keine Rolle zu spielen. Das erste Gut ist die Gesundheit und dann kommt alles andere. Aber das interessiert keinen. "Wir steigern das Bruttosozialprodukt!" So geht das nicht....

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20.11.2020, 16.33 Uhr
Senta | Kann die Sorgen absolut nachvollziehen
Ich kann die Sorgen der Lehrer absolut nachvollziehen.
DIe Kinder dürfen sich maximal mit einem Freund treffen, aber machen mit 29 Mitschülern Unterricht in einem 40 Quadratmeterraum.
Herr Ramelow schießt gern quer, aber warum weiß er sicher selbst nicht! Fakt ist, sollte die Situation sich nicht bald bessern, werde ich mein Kind nicht mehr zur Schule schicken. Da kann die Ampel von mir aus auf blau oder sonst was stehen. Die Gesundheit geht vor und nicht Ramelows Entscheidungen.

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20.11.2020, 18.52 Uhr
N. Baxter | Ja
an erster Stelle steht die Gesundheit und dazu gehört indirekt auch die Zukunft unserer Kinder, wozu Gemeinschaft und Bildung essentiell sind.

Wie heißt es bei der Seenotrettung: Frauen und Kinder zuerst. Klingt hart, ist aber wohl auch moralisch so vertretbar oder?

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21.11.2020, 08.49 Uhr
Marco Müller-John | ....Gejammer der Lehrer nervt
Kinder gehören in die Schule. Wenn sich die "Kollegen" ungeschützt fühlen, dann bitte FFP2 tragen.

Das Leben ist kein Ponyhof und auch Lehrer müssen ihren gesellschaftlichen Beitrag leisten, wie wir alle anderen tagtäglich auch.

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