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Do, 18:00 Uhr
29.07.2021
Corona drückt auch auf dem Ausbildungsmarkt

Auf zehn Alte kommen drei Junge

Im Handwerk hielten sich die Corona-Auswirkungen größtenteils in Grenzen, volle Auftragsbücher, wenig bis keine Kurzarbeit. Die Folgen des Pandemie-Jahres bekommt man trotzdem zu spüren, vor allem in der ohnehin schwierigen Nachwuchsfrage…

Mit Reiz des kreativsten Handwerks versucht man bei der Firma Pichler Nachwuchs zu locken, bei Azubi Lena hat das geklappt (Foto: agl) Mit Reiz des kreativsten Handwerks versucht man bei der Firma Pichler Nachwuchs zu locken, bei Azubi Lena hat das geklappt (Foto: agl)

Das Damokles-Schwert der Infektionen und den damit verbundenen Folgen hat auch über dem Malerbetrieb Pichler aus Nordhausen gehangen, erzählt Geschäftsführer Christian Lauer heute beim Pressetermin mit der Agentur für Arbeit. Der Kelch ging glücklicherweise an den Malern vorüber, drei Quarantänen habe man gehabt sowie ein paar Ausfälle zwecks Kinderbetreuung und einige Abläufe waren etwas schwieriger als üblich aber davon ab habe man die Einschränkungen gut kompensieren können.

Die Auftragsbücher waren trotz oder vielleicht auch wegen der Pandemie zuletzt prall gefüllt. Karsten Froböse, Leiter der Agentur für Arbeit, fasst die Lage am Vormittag mit einem griffigen Beispiel aus dem Eichsfeld zusammen. Hier habe ihm ein Handwerker berichtet: „hätten wir kein Fernsehen geschaut, hätten wir nicht mitbekommen das Corona ist“.

Das alte Sprichwort vom „goldenen Boden“ des Handwerks, es gilt scheinbar auch in dieser Krise. Ganz und gar verschont wurde man aber nicht, die ohnehin schwierige und vielfach drängende Frage nach dem Fachkräfte-Nachwuchs hat sich durch die Pandemie noch einmal verschärft. Rein rechnerisch kommen in Nordthüringen auf zehn ältere Arbeitnehmer über 55, die ihrer Rente schon entgegen lediglich drei jugendliche Arbeitskräfte unter 25 Jahren. Die „Alterspyramide“ sehe auch bei ihnen ähnlich aus, kann Lauer berichten. Drei Kollegen musste man zuletzt in den verdienten Ruhestand verabschieden, in der gleichen Zeit kamen in der Ausbildung nur zwei neue Kräfte hinterher. Der Unterschied klingt nicht gravierend, hält der Trend jedoch an, steht man vor einem Problem. Die Anwerbung von ausgebildeten Fachkräften ist in der aktuellen Marktlage so gut wie unmöglich, das Feld ist abgegrast. Und die jungen Leute lassen sich zum einen Zeit und haben zum anderen die Qual der Wahl.

Kamen 2020 auf 1.298 Ausbildungsstellen noch 1.138 mögliche Bewerber liegt die Differenz in diesem Jahr bei 1.319 Stellen zu 855 Bewerbern. In vielen Haushalten scheint man lieber Vorsicht walten zu lassen, der Nachwuchs bleibt noch ein Jahr länger in der Schule und wiederholt die „Corona-Klasse“ freiwillig. Für die Ausbildung ist das ein zweischneidiges Schwert. Jugendliche, die sich jetzt bewerben haben jetzt beste Chancen den Ausbildungsberuf ihrer Wahl zu erhaschen. Entgegen der landläufigen Meinung laufe es etwa im Bereich Produktion und Fertigung im Moment sehr gut, führt Froböse aus, in Nordthüringen stehen derzeit 269 Azubis 576 offenen Stellen gegenüber. Der Bedarf auf der Arbeitgeberseite ist da. Auf der anderen Seite dürfte die Situation für diejenigen, die jetzt zögern schwieriger werden, wenn nach der Ehrenrunde mit einem mal deutlich mehr Jugendlichen auf den Markt drängen. „Es hat sich in den letzten Jahren sehr viel getan, die Situation ist mit früher kaum noch zu vergleichen. Die Region zu verlassen, weil es hier keine Arbeit gibt, diese Erfahrung gehört der vergangenen Generation“, sagt Froböse und legt dem Nachwuchs nahe, die sehr guten Chancen in diesem Jahr doch noch zu nutzen.

Azubi Lena hat ihren Platz bei Pichler ein wenig dem Zufall und ein bisschen "Vitamin B" zu verdanken. Sie wollte eigentlich in eine ganz andere Richtung gehen, erzählt die Auszubildende, der Vater hatte ihr dann aber ein Praktikum beim Malermeister organisiert und sie fand gefallen am Beruf. Im Handwerk sei der einer der kreativsten, meint Meister Lauer, man schafft "sichtbares und schönes". Dass sie am Ende mit Stolz ihrer Hände Werk betrachten kann, gefällt auch Lena, die inzwischen im zweiten Lehrjahr ist. Wie man am besten an den Nachwuchs herankommt? Der direkte Kontakt scheint zu helfen, mit den eigenen Azubis in der Hinterhand. Über die Ausbildungsbörse der Agentur für Arbeit konnte man so vor kurzem noch einmal zwei willige Jugendliche werben, berichten die Maler.

Bei allen Mühen wird der Altersschwund durch Ausbildung allein aber nicht zu decken sein, die „Alterspyramide“ spricht da eine deutliche Sprache. Der Anteil der unter 25jährigen Beschäftigten liegt in Nordthüringen aktuell bei 8,1 Prozent. Die angehenden Ruheständler über 55 machen 26,3 Prozent der Beschäftigten aus.

Die Malermeister würden ihren Bedarf gerne über Fachkräfte aus dem Ausland decken, nur das gestalte sich nach wie vor schwierig. Ausländischen Facharbeitern werde es immer noch schwer gemacht in Deutschland. Dabei habe man selber in der Vergangenheit gute Erfahrungen gemacht, besonders mit Facharbeitern aus den Balkan-Gebieten, erzählt Lauer. Man tue als Firma was man könne, halte Kontakt zu den Behörden und helfe wo es geht, aber dem sind enge Grenzen gesetzt. Mal eben eine Woche Probearbeit für einen potentiellen neuen Kollegen? Undenkbar.

Das Thema Ausbildung und Fachkräftebedarf werde „das Zukunftsthema“ der nächsten Jahre, meint auch Karsten Froböse, egal ob Corona nun noch eine Weile bleibt oder bald im Rückspiegel der Geschichte verschwindet.
Angelo Glashagel
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