Fr, 14:13 Uhr
11.04.2025
kn-Leserpost
Erinnerungen an eine schlimme Zeit
Peter Zimmer wurde 1939 geboren, als der Krieg zurück nach Deutschland kam und auch den Kyffhäuser erreichte, war er sechs Jahre alt. Was Erinnerung und was Erzählung war, ist nicht immer leicht auseinanderzuhalten, doch einige Ereignisse haben sich tief in das Gedächtnis eingebrannt...
Als im Mai 1939 Geborener hat man kaum noch Erinnerungen an die Zeit, wo man vier bis sechs Jahre alt war. Man muß aufpassen, daß das, was man als Erinnerungen ausgibt, tatsächlich die eigenen Erinnerungen sind und nicht Erinnerungen, die durch wiederholtes Erzählen von Älteren zustande gekommen sind.
In der Zeit 1943 bis 1945 gab es aber Ereignisse, die auch für einen Vier- bis Sechsjährigen so einprägsam gewesen sind, daß man sie bis jetzt nicht vergessen kann.
Meine Großmutter – sie war extrem schwerhörig – und ich wohnten damals in der Schlossstrasse gegenüber dem heutigen Regionalmuseum. Meine Mutter war bis Ende 1944 in einem Berliner Arzthaushalt als Hausangestellte dienstverpflichtet.
Als im Lauf des Jahres 1944 die Bomberstaffeln der Alliierten vom Westen kommend nach Mitteldeutschland flogen, wurde in Bad Frankenhausen immer Fliegeralarm ausgelöst. Gleichgültig ob Tag oder Nacht habe ich dann immer meine Großmutter darauf aufmerksam gemacht oder sie aus dem Schlaf gerüttelt und ihr mit meinen jungen Jahren darauf hingewiesen, daß wir doch in den Luftschutzraum des Schlosskellers gehen müssten. Manchmal hatte aber meine Oma dazu keine Lust. Sie beruhigte mich dann mit dem Argument, daß, wenn Bomben fallen würden, es gleichgültig wäre, wo wir uns befänden, es würde sowieso nicht übrigbleiben. Erfolgte der Fliegeralarm tagsüber, stellten wir uns dann oft ans Flurfenster (wir wohnten in der 1. Etage), welches nach Westen ging, und beobachteten, wie die Bomberstaffeln über uns hinwegflogen.
Das für mich beeindruckendste Ereignis fand mit dem Einzug der Amerikaner am 11. April 1945 statt. Meine Mutter war inzwischen – ehe der Ring um Berlin geschlossen wurde – zu uns nach Bad Frankenhausen gekommen. Am frühen Vormittag jenes Tages wurde wieder mal Sirenenalarm ausgelöst und Oma, Mutter und ich eilten den kurzen Weg zum Luftschutzkeller im Schloß. Wir lagerten uns ziemlich am Ende des Kellerganges linker Hand auf einen Treppenaufgang, der wohl ursprünglich ins Schloßinnere führte. Nach einer längeren Zeit des Ausharrens – für ein Kind eine sehr langweilige Zeit – wurden die Menschen um uns herum sehr unruhig. Es ertönten barsche Rufe in Kellergang, mehrere mir fremd anmutende Soldaten stürmten den Kellergang hinunter und herauf.. Dann wurden wir aufgefordert, den Keller mit erhobenen Händen zu verlassen.
Wir konnten, als wir zum Kellerausgang kamen, nicht gleich feststellen, was uns erwartete. Vor dem eigentlichen Kellereingang befand sich eine mannshohe Bretterwand, eine sogenannte Splitterwand, so daß man den Keller nicht direkt, sondern seitlich des Eingangs verlassen musste. Als wir endlich das Licht des Tages erblickten, schauten wir alle einen Augenblick sehr erschrocken. Auf der Straße vor dem Schloß – vom Abzweig von der heutigen B 85 bis zum Jungfernstieg/Ecke Schloßstraße (es wird ein Viertelkreis beschrieben) – standen dicht an dicht Panzer und ihre Rohre waren wie die Speichen eines Rades alle auf uns gerichtet. Für mich ein Eindruck, den ich bis heute nicht vergessen kann. Mit Sicherheit kann ich sagen, daß ich mir damals noch nicht der Tragweite bewusst gewesen bin, was es bedeutet hätte, wenn….
Später, wenn darüber gesprochen wurde, wurde mir deutlich: Hätte nur einer von den wenigen Volkssturmännern am Kellereingang die Nerven verloren, wären wir alle zu Kriegstoten geworden.
Meine Mutter ist dann, kurz nachdem wir den Keller verlassen hatten, noch einmal zurück in den Keller. In der hektischen Aufbruchsstimmung vergaßen wir die Kamelhaardecke, auf der wir die ganze Zeit im Keller gelagert hatten. Aber diese war nicht mehr auffindbar. Ein anderer hat sie wohl genauso gut wie wir gebrauchen können.
In der darauffolgenden Nacht haben wir kaum geschlafen, denn wir hörten ständig die lauten Geräusche der fahrenden Panzer und anderen Armeefahrzeuge, die sich weiter in Richtung Saale/Elbe bewegten.
P.S. Als die amerikanische Armee die in der Oberkirche eingelagerten Lebensmittel, Armeekleidung u. a. zur Plünderung frei gab, hatten natürlich die Bewohner der Oberstadt einen großen Vorteil, während meine Mutter erst sehr spät davon erfuhr, aber noch einen unbeachtet am Boden liegenden schmutzigen Militärmantel fand. Aus diesem fertigte sie mir dann im Spätsommer eine Seppelhose zur Schuleinführung, die in Bad Frankenhausen erst Anfang November 1945 stattfand.
Peter Zimmer
Autor: redAls im Mai 1939 Geborener hat man kaum noch Erinnerungen an die Zeit, wo man vier bis sechs Jahre alt war. Man muß aufpassen, daß das, was man als Erinnerungen ausgibt, tatsächlich die eigenen Erinnerungen sind und nicht Erinnerungen, die durch wiederholtes Erzählen von Älteren zustande gekommen sind.
In der Zeit 1943 bis 1945 gab es aber Ereignisse, die auch für einen Vier- bis Sechsjährigen so einprägsam gewesen sind, daß man sie bis jetzt nicht vergessen kann.
Meine Großmutter – sie war extrem schwerhörig – und ich wohnten damals in der Schlossstrasse gegenüber dem heutigen Regionalmuseum. Meine Mutter war bis Ende 1944 in einem Berliner Arzthaushalt als Hausangestellte dienstverpflichtet.
Als im Lauf des Jahres 1944 die Bomberstaffeln der Alliierten vom Westen kommend nach Mitteldeutschland flogen, wurde in Bad Frankenhausen immer Fliegeralarm ausgelöst. Gleichgültig ob Tag oder Nacht habe ich dann immer meine Großmutter darauf aufmerksam gemacht oder sie aus dem Schlaf gerüttelt und ihr mit meinen jungen Jahren darauf hingewiesen, daß wir doch in den Luftschutzraum des Schlosskellers gehen müssten. Manchmal hatte aber meine Oma dazu keine Lust. Sie beruhigte mich dann mit dem Argument, daß, wenn Bomben fallen würden, es gleichgültig wäre, wo wir uns befänden, es würde sowieso nicht übrigbleiben. Erfolgte der Fliegeralarm tagsüber, stellten wir uns dann oft ans Flurfenster (wir wohnten in der 1. Etage), welches nach Westen ging, und beobachteten, wie die Bomberstaffeln über uns hinwegflogen.
Das für mich beeindruckendste Ereignis fand mit dem Einzug der Amerikaner am 11. April 1945 statt. Meine Mutter war inzwischen – ehe der Ring um Berlin geschlossen wurde – zu uns nach Bad Frankenhausen gekommen. Am frühen Vormittag jenes Tages wurde wieder mal Sirenenalarm ausgelöst und Oma, Mutter und ich eilten den kurzen Weg zum Luftschutzkeller im Schloß. Wir lagerten uns ziemlich am Ende des Kellerganges linker Hand auf einen Treppenaufgang, der wohl ursprünglich ins Schloßinnere führte. Nach einer längeren Zeit des Ausharrens – für ein Kind eine sehr langweilige Zeit – wurden die Menschen um uns herum sehr unruhig. Es ertönten barsche Rufe in Kellergang, mehrere mir fremd anmutende Soldaten stürmten den Kellergang hinunter und herauf.. Dann wurden wir aufgefordert, den Keller mit erhobenen Händen zu verlassen.
Wir konnten, als wir zum Kellerausgang kamen, nicht gleich feststellen, was uns erwartete. Vor dem eigentlichen Kellereingang befand sich eine mannshohe Bretterwand, eine sogenannte Splitterwand, so daß man den Keller nicht direkt, sondern seitlich des Eingangs verlassen musste. Als wir endlich das Licht des Tages erblickten, schauten wir alle einen Augenblick sehr erschrocken. Auf der Straße vor dem Schloß – vom Abzweig von der heutigen B 85 bis zum Jungfernstieg/Ecke Schloßstraße (es wird ein Viertelkreis beschrieben) – standen dicht an dicht Panzer und ihre Rohre waren wie die Speichen eines Rades alle auf uns gerichtet. Für mich ein Eindruck, den ich bis heute nicht vergessen kann. Mit Sicherheit kann ich sagen, daß ich mir damals noch nicht der Tragweite bewusst gewesen bin, was es bedeutet hätte, wenn….
Später, wenn darüber gesprochen wurde, wurde mir deutlich: Hätte nur einer von den wenigen Volkssturmännern am Kellereingang die Nerven verloren, wären wir alle zu Kriegstoten geworden.
Meine Mutter ist dann, kurz nachdem wir den Keller verlassen hatten, noch einmal zurück in den Keller. In der hektischen Aufbruchsstimmung vergaßen wir die Kamelhaardecke, auf der wir die ganze Zeit im Keller gelagert hatten. Aber diese war nicht mehr auffindbar. Ein anderer hat sie wohl genauso gut wie wir gebrauchen können.
In der darauffolgenden Nacht haben wir kaum geschlafen, denn wir hörten ständig die lauten Geräusche der fahrenden Panzer und anderen Armeefahrzeuge, die sich weiter in Richtung Saale/Elbe bewegten.
P.S. Als die amerikanische Armee die in der Oberkirche eingelagerten Lebensmittel, Armeekleidung u. a. zur Plünderung frei gab, hatten natürlich die Bewohner der Oberstadt einen großen Vorteil, während meine Mutter erst sehr spät davon erfuhr, aber noch einen unbeachtet am Boden liegenden schmutzigen Militärmantel fand. Aus diesem fertigte sie mir dann im Spätsommer eine Seppelhose zur Schuleinführung, die in Bad Frankenhausen erst Anfang November 1945 stattfand.
Peter Zimmer
