Mo, 14:02 Uhr
05.05.2025
Gedanken von Wolfgang Lehmann
Die Geschichte, die nicht erscheinen sollte
Eine Geschichte, die selbst eine Geschichte hat. Kein guter Stern, der über sie leuchtet. Warum ist das so? Weil eine ihrer Hautfiguren einer untergegangenen Gesellschaft angehörte. Hat sie deshalb jede gesellschaftliche Anerkennung verloren?...
Hat diese in der Vergangenheit wirkende Person wirklich nichts bewirkt? Gibt es wirklich nichts, was wir mit ihr heute noch teilen können? Was gibt es, was die Kritiker kennen, was ich nicht weiß?
Es war im Sommer des Jahres 1845. Ein Mann sitzt auf einer Bank am Großen Parkteich, beobachtet die Schwäne und Enten, die sich im Wasser abkühlen. Vor zehn Jahren hat er das Amt von seinem Vater übernommen.
Es ist Fürst Günther Friedrich Carl II. von Schwarzburg Sondershausen. Man sieht es ihm an, er denkt nach. Er denkt zurück an seine Jugendzeit, an seine Mutter und seinen Vater und das, was diese ihm für das Leben mitgegeben haben. Er will ihr Erbe wahren und weiterentwickeln. Gern denkt er daran zurück, wie er mit seiner Mutter, Fürstin Caroline, die Welt bereiste und so die Sitten und Bräuche anderer, fremder Länder kennenlernte. Der Vater hat ihm von den Ereignissen und zu lösenden Problemen im Fürstentum erzählt.
Heute auf der Parkbank erinnert er sich, dass der Vater vom Erscheinen der Truppen Napoleons in Sondershausen erzählte. Damals war er fünf Jahr alt. Friedrich Wilhelm III. von Preußen traf nach der verlorenen Schlacht bei Jena und Auerstedt am 16. Oktober 1806 morgens gegen 09 Uhr in Sondershausen ein und wollte weiter nach Berlin. Er war auf der Flucht vor den französischen Truppen. Sein Vater, der damals regierende Fürst Günter Friedrich Carl I., stellte dem König sechs seiner besten Pferde für den königlichen Reisewagen zur Verfügung, damit er schnell und sicher durch den Harz entkam.
Gegen Mittag erreichte der Befehlshaber der französischen Truppen, Marschall Soult, die Stadt, stieg am Schloss ab und aß auf Einladung des Fürsten dort zu Mittag. Nachdem der Marschall das Schloss wieder verlassen hatte, plünderten seine Truppen drei Tage lang die Stadt und das Schloss. Beinahe alle Pferde wurden aus dem Marstall geraubt.
Die zum Fürstentum gehörende Stadt Greußen wurde ebenso Opfer der Truppen, obwohl sich das Fürstentum neutral verhalten hat. Das war also ihr Dank für die erwiesene Gastfreundschaft. Der junge Fürst fragt sich, ob das wohl die Zukunft der Menschen sein soll. Krieg und Undank, die Uneinigkeit der Menschen. Das kann er nicht verstehen. Er würde lieber den Park in einen großen Landschaftsgarten mit Teichen, seltenen und exotischen Bäumen sowie schönen Plätzen zum Verweilen vorantreiben.
Sein Blick geht hinauf zum Schloss. Auch hier hat er sich vorgenommen noch Vieles zu verändern. Er hat bereits mit einigen Umbauten begonnen und es gibt noch viel zu tun, schließlich soll der ganze Schlosskomplex klassizistisch umgestaltet werden.
Dazu engagierte er einen der besten Architekten, den er bekommen konnte, den Berliner Architekten Carl Scheppig, der von nun an bis zu seinem Lebensende in Sondershausen wirken sollte. Scheppig war ein Schüler des berühmten Architekten Carl Friedrich Schinkel in Berlin.
Jetzt denkt der Fürst an seine Kinder. Die sollen, wie er, gut behütet und in Frieden aufwachsen und eines Tages sein Werk fortsetzen.
Heute, etwa 180 Jahre nach dem Besuch des Fürsten, sitze ich, wie schon oftmals, auf einer Bank am Großen Parkteich in Sondershausen. Ich schaue über den Teich hinauf zum Schloss, denke an die Zeit des Fürsten, was damals war und was heute geschieht. Heute war etwas anders, als sonst. Beinahe alle Bewohner des Parkteiches waren zusammengekommen.
Den Nilgänsen wird invasives und aggressives Verhalten vorgeworfen. Ihre eigentliche Heimat ist Afrika. In den letzten Jahren haben sie sich jedoch immer mehr in Europa ausgebreitet, eben auch bis zu unserem Parkteich. Über dieses Verhalten der Nilgänse wurde auch in einem Artikel in den Kyffhäuser-Nachrichten berichtet. Hat denn diese Uneinigkeit, der Hass und Neid der Menschen untereinander jetzt auch schon unsere Tiere befallen?
Weiterhin sind die Schwäne, inklusive des diesjährigen Nachwuchses, erschienen. Die Kleinen sind seit ihrem Schlüpfen enorm gewachsen. Bei Lufttemperaturen höher als 25°C ziehen sie sich schon auch mal an die Ufer der Wipper mit ihren schattenspendenden Schilfbewuchs, den Kleinen Parkteich oder den Hamma-Teich, zurück. Heute sind sie hier erschienen. Die Schwäne leben vermutlich ebenso wie die anwesenden heimischen Stockenten seit Erbauung der Parkteiche hier.
Seit einiger Zeit leben auch zwei oder drei Reiher an den Parkteichen. Wenn es denen zu bunt wird, findet man sie auch einmal auf einem Baum.
Dann waren noch die Fische da. Man sieht sie nicht. Sie können ja nicht aus dem Wasser kommen. Aber man sieht ab und zu einige Luftblasen aufsteigen und sich ausbreitende kreisrunde Wellen.
Ebenso unsichtbar aber deutlich hörbar sind die Kröten und Frösche in Gras und Büschen. Auch sie haben zum Thema etwas zu sagen.
Ab und zu kommen einzelne Vertreter der heimischen Singvögel vorbei, setzen sich am Uferrand nieder, geben ihr Statement ab und verschwinden wieder.
Aus der Runde heraus werden die Nilgänse gefragt, warum sie überhaupt Afrika verlassen haben und jetzt hier am Parkteich seien.
Dazu argumentieren die Nilgänse, dass der Klimawandel auch in Afrika Auswirkungen hat, die ihren Lebensraum einschränkten. Steigende Temperaturen führen zunehmend zu Trockenheit und Dürren. Starkregen führen zu großflächigen Überflutungen. Im Übrigen seien sie hier nicht mit offenen Armen empfangen worden und manchmal müsse man sich eben auch seines Federkleides wehren.
Ein Kommuniqué konnte ich zu diesem Gipfeltreffen bisher noch nicht lesen. Aber vielleicht hat man ja auch Stillschweigen vereinbart. Ich hoffe, die Tiere haben sich darauf geeinigt, auch künftig gemeinsam und friedlich die Parkteiche zu bewohnen. Das liegt schließlich auch im Interesse der Menschen, ob jung oder alt. Ich jedenfalls möchte mich noch oft auf die Bank am Großen Parkteich setzten und mit den Tieren plaudern.
Ich frage mich auch, was der Fürst zu dieser Sache gesagt hätte. Vermutlich hätte er sich über das Dasein der Nilgänse an seinem Parkteich gefreut. Als Kind und Jugendlicher hat er zusammen mit seiner Mutter mehrere Auslandsreisen unternommen und hat viel gesehen.
Am Fürstenhof stand man exotischen Dingen schon immer offen gegenüber. Zur Regierungszeit des Fürsten waren in den Hofgärten zum Beispiel Lorbeerbäume, Zypressen, Zitrusfrüchte, Kamelien, Passionsblumen und mehr als 1200 Ananaspflanzen zu finden. Ananasfrüchte züchtete man schon seit Ende des 18. Jahrhunderts. Sie schmeckten nicht nur den Fürsten und ihren Gästen gut. Verkäufe füllten die fürstliche Kasse. Zu ihrer Zucht wurde einst die Orangerie am Südhang des Lustgartens errichtet.
Diese wurde beim Bombenangriff auf Sondershausen am 08. April 1945 zerstört. Im Schloss selbst findet man unter anderen ein Römisches und ein Maurisches Zimmer mit spanisch-islamischer Ornamentik.
Sicher würde Günther Friedrich Carl II. uns heute sagen, dass wir den Park sauber halten sollten. Plastikflaschen und sonstiger Müll gehören nicht hierhin. Schon gar nicht ist es erlaubt, alte und wertvolle Bäume anzuzünden.
Das gilt auch für Gebäude. Für solche Schandtaten hätte man einige Tage auf dem Marktplatz am Pranger gestanden, wenn ein milder Richter das Urteil gesprochen hätte. Vielleicht hätte er auch noch gesagt, dass es gut ist, dass wir mittlerweile in Frieden mit Frankreich leben. Da braucht man keine plündernden französische Soldaten mehr zu fürchten.
Ich stand nun auf von der Bank am Großen Parkteich, aber ich ging nicht direkt nach Hause.
Ich ging westwärts entlang der Mühlwipper bis zum Lohplatz. Hier ließ unser Fürst Günther Friedrich Carl II. durch seinen Landesbaumeister Scheppig eine Musikhalle errichten. Erstmals 1837 spielte die Hofkapelle dort. Wie schon zu Zeiten des Vaters unseres Fürsten, waren alle Sondershäuser zum kostenfreien Besuch dieser Konzerte eingeladen. Sie kamen zu Hunderten und lauschten der Musik.
Damals lebten etwa 5000 Menschen in Sondershausen. Wie ich da in der Sonne stand, hörte ich das Lohorchester die 9. Sinfonie Beethovens spielen, ein Chor sang gerade Schillers An die Freude. Ich hörte den Vers: Alle Menschen werden Brüder… und ich wurde wach: Wo ist die Musikhalle? Wo ist das Lohorchester? Wo sind die Menschen?
Viel ist passiert, seit Fürst Günther Friedrich Carl II. auf der Parkbank saß. Die klassizistische Umgestaltung des Schlosses hat er abgeschlossen, auch wenn manche Vorhaben infolge knapper Finanzen, kleiner ausgeführt wurden, als geplant oder ganz entfielen. Hier haben ihm seine Reisen mit der Mutter und auch spätere und das Gesehene sehr geholfen. Seine Nachfolger haben später noch einige historistische Umbauten vorgenommen.
Was der Fürst nicht wissen konnte, als er auf der Parkbank saß, war, dass die Märzrevolution im Jahr 1848, die weite Teile Europas überzog, auch sein Fürstentum erfasste.
In Sondershausen, Arnstadt, Ebeleben und Gehren kam es zu großen Versammlungen und auch zur Errichtung von Barrikaden. Jetzt war der politisch handelnde Fürst gefragt. Würde es ihm gelingen, diesen Konflikt friedlich und für alle Seiten annehmbar zu lösen? Den Werken von Heimatforschern und Chronisten dieser Zeit, kann man entnehmen, dass die Revolution im Fürstentum, anders als in Berlin, unblutig verlief. Am 14. März erschienen Abgeordnete aus allen Landesteilen auf dem Marktplatz in Sondershausen und übergaben eine Petition in der die Abstellung schwer drückender Lasten und um Erlasse zur Besserung der bürgerlichen Zustände gefordert wurden. Noch am gleichen Tag wurde eine Proklamation des Fürsten verkündet, in der möglichste Erfüllung der vorgetragenen Wünsche zugesagt wurde. Dazu gehörte auch die Forderung nach Pressefreiheit, der am 18. März mit ersten Bestimmungen entsprochen wurde. Am 28. März genehmigte der Fürst die Errichtung von Bürgerwehren. Die Bundesversammlung beschloss Truppen in die gefährdeten Staaten zu entsenden. Vertreter der fürstlichen Regierung trugen in Frankfurt die Bitte vor, diese Truppen im Fürstentum nicht zu stationieren. Dieser Bitte wurde jedoch nicht entsprochen und Anfang November zogen diese Truppen in Sondershausen, Ebeleben, Arnstadt und Gehren ein und rückten Anfang 1849 wieder ab. Als Folge der Revolution trat im Fürstentum am 12.Dezember 1849 eine neue, liberale Verfassung in Kraft, in der auch die Rechte des Fürsten beschnitten wurden. Allerdings wurde diese im Sommer 1857 wieder zurückgenommen und die alte Ordnung weitgehend wieder hergestellt. Die nun folgende Verfassung galt als eine der rückständigsten im Reich.
Was wurde aus Schillers Gedicht An die Freude? Wurden wirklich alle Menschen Brüder? Wird es vielleicht in naher Zukunft so sein oder wird das weitere Jahrhunderte nur Fantasie bleiben? Auch heute toben wieder fürchterliche Kriege und niemand scheint diese beenden zu können. Niemand weiß, was noch alles passieren kann. Nach wie vor herrscht große Uneinigkeit unter den Menschen.
Der Fürst, neben den Tieren eine Hauptfigur dieser kleinen Geschichte, wer war er? Welche Rolle spielte er in der Geschichte? War er der skrupellose Monarch? Oder war er der aufgeklärte, fortschrittlich denkende Mann, wie es seine Eltern wünschten?
Wolfgang Lehmann
Autor: emwHat diese in der Vergangenheit wirkende Person wirklich nichts bewirkt? Gibt es wirklich nichts, was wir mit ihr heute noch teilen können? Was gibt es, was die Kritiker kennen, was ich nicht weiß?
Es war im Sommer des Jahres 1845. Ein Mann sitzt auf einer Bank am Großen Parkteich, beobachtet die Schwäne und Enten, die sich im Wasser abkühlen. Vor zehn Jahren hat er das Amt von seinem Vater übernommen.
Es ist Fürst Günther Friedrich Carl II. von Schwarzburg Sondershausen. Man sieht es ihm an, er denkt nach. Er denkt zurück an seine Jugendzeit, an seine Mutter und seinen Vater und das, was diese ihm für das Leben mitgegeben haben. Er will ihr Erbe wahren und weiterentwickeln. Gern denkt er daran zurück, wie er mit seiner Mutter, Fürstin Caroline, die Welt bereiste und so die Sitten und Bräuche anderer, fremder Länder kennenlernte. Der Vater hat ihm von den Ereignissen und zu lösenden Problemen im Fürstentum erzählt.
Heute auf der Parkbank erinnert er sich, dass der Vater vom Erscheinen der Truppen Napoleons in Sondershausen erzählte. Damals war er fünf Jahr alt. Friedrich Wilhelm III. von Preußen traf nach der verlorenen Schlacht bei Jena und Auerstedt am 16. Oktober 1806 morgens gegen 09 Uhr in Sondershausen ein und wollte weiter nach Berlin. Er war auf der Flucht vor den französischen Truppen. Sein Vater, der damals regierende Fürst Günter Friedrich Carl I., stellte dem König sechs seiner besten Pferde für den königlichen Reisewagen zur Verfügung, damit er schnell und sicher durch den Harz entkam.
Gegen Mittag erreichte der Befehlshaber der französischen Truppen, Marschall Soult, die Stadt, stieg am Schloss ab und aß auf Einladung des Fürsten dort zu Mittag. Nachdem der Marschall das Schloss wieder verlassen hatte, plünderten seine Truppen drei Tage lang die Stadt und das Schloss. Beinahe alle Pferde wurden aus dem Marstall geraubt.
Die zum Fürstentum gehörende Stadt Greußen wurde ebenso Opfer der Truppen, obwohl sich das Fürstentum neutral verhalten hat. Das war also ihr Dank für die erwiesene Gastfreundschaft. Der junge Fürst fragt sich, ob das wohl die Zukunft der Menschen sein soll. Krieg und Undank, die Uneinigkeit der Menschen. Das kann er nicht verstehen. Er würde lieber den Park in einen großen Landschaftsgarten mit Teichen, seltenen und exotischen Bäumen sowie schönen Plätzen zum Verweilen vorantreiben.
Sein Blick geht hinauf zum Schloss. Auch hier hat er sich vorgenommen noch Vieles zu verändern. Er hat bereits mit einigen Umbauten begonnen und es gibt noch viel zu tun, schließlich soll der ganze Schlosskomplex klassizistisch umgestaltet werden.
Dazu engagierte er einen der besten Architekten, den er bekommen konnte, den Berliner Architekten Carl Scheppig, der von nun an bis zu seinem Lebensende in Sondershausen wirken sollte. Scheppig war ein Schüler des berühmten Architekten Carl Friedrich Schinkel in Berlin.
Jetzt denkt der Fürst an seine Kinder. Die sollen, wie er, gut behütet und in Frieden aufwachsen und eines Tages sein Werk fortsetzen.
Heute, etwa 180 Jahre nach dem Besuch des Fürsten, sitze ich, wie schon oftmals, auf einer Bank am Großen Parkteich in Sondershausen. Ich schaue über den Teich hinauf zum Schloss, denke an die Zeit des Fürsten, was damals war und was heute geschieht. Heute war etwas anders, als sonst. Beinahe alle Bewohner des Parkteiches waren zusammengekommen.
Den Nilgänsen wird invasives und aggressives Verhalten vorgeworfen. Ihre eigentliche Heimat ist Afrika. In den letzten Jahren haben sie sich jedoch immer mehr in Europa ausgebreitet, eben auch bis zu unserem Parkteich. Über dieses Verhalten der Nilgänse wurde auch in einem Artikel in den Kyffhäuser-Nachrichten berichtet. Hat denn diese Uneinigkeit, der Hass und Neid der Menschen untereinander jetzt auch schon unsere Tiere befallen?
Weiterhin sind die Schwäne, inklusive des diesjährigen Nachwuchses, erschienen. Die Kleinen sind seit ihrem Schlüpfen enorm gewachsen. Bei Lufttemperaturen höher als 25°C ziehen sie sich schon auch mal an die Ufer der Wipper mit ihren schattenspendenden Schilfbewuchs, den Kleinen Parkteich oder den Hamma-Teich, zurück. Heute sind sie hier erschienen. Die Schwäne leben vermutlich ebenso wie die anwesenden heimischen Stockenten seit Erbauung der Parkteiche hier.
Seit einiger Zeit leben auch zwei oder drei Reiher an den Parkteichen. Wenn es denen zu bunt wird, findet man sie auch einmal auf einem Baum.
Dann waren noch die Fische da. Man sieht sie nicht. Sie können ja nicht aus dem Wasser kommen. Aber man sieht ab und zu einige Luftblasen aufsteigen und sich ausbreitende kreisrunde Wellen.
Ebenso unsichtbar aber deutlich hörbar sind die Kröten und Frösche in Gras und Büschen. Auch sie haben zum Thema etwas zu sagen.
Ab und zu kommen einzelne Vertreter der heimischen Singvögel vorbei, setzen sich am Uferrand nieder, geben ihr Statement ab und verschwinden wieder.
Aus der Runde heraus werden die Nilgänse gefragt, warum sie überhaupt Afrika verlassen haben und jetzt hier am Parkteich seien.
Dazu argumentieren die Nilgänse, dass der Klimawandel auch in Afrika Auswirkungen hat, die ihren Lebensraum einschränkten. Steigende Temperaturen führen zunehmend zu Trockenheit und Dürren. Starkregen führen zu großflächigen Überflutungen. Im Übrigen seien sie hier nicht mit offenen Armen empfangen worden und manchmal müsse man sich eben auch seines Federkleides wehren.
Ein Kommuniqué konnte ich zu diesem Gipfeltreffen bisher noch nicht lesen. Aber vielleicht hat man ja auch Stillschweigen vereinbart. Ich hoffe, die Tiere haben sich darauf geeinigt, auch künftig gemeinsam und friedlich die Parkteiche zu bewohnen. Das liegt schließlich auch im Interesse der Menschen, ob jung oder alt. Ich jedenfalls möchte mich noch oft auf die Bank am Großen Parkteich setzten und mit den Tieren plaudern.
Ich frage mich auch, was der Fürst zu dieser Sache gesagt hätte. Vermutlich hätte er sich über das Dasein der Nilgänse an seinem Parkteich gefreut. Als Kind und Jugendlicher hat er zusammen mit seiner Mutter mehrere Auslandsreisen unternommen und hat viel gesehen.
Am Fürstenhof stand man exotischen Dingen schon immer offen gegenüber. Zur Regierungszeit des Fürsten waren in den Hofgärten zum Beispiel Lorbeerbäume, Zypressen, Zitrusfrüchte, Kamelien, Passionsblumen und mehr als 1200 Ananaspflanzen zu finden. Ananasfrüchte züchtete man schon seit Ende des 18. Jahrhunderts. Sie schmeckten nicht nur den Fürsten und ihren Gästen gut. Verkäufe füllten die fürstliche Kasse. Zu ihrer Zucht wurde einst die Orangerie am Südhang des Lustgartens errichtet.
Diese wurde beim Bombenangriff auf Sondershausen am 08. April 1945 zerstört. Im Schloss selbst findet man unter anderen ein Römisches und ein Maurisches Zimmer mit spanisch-islamischer Ornamentik.
Sicher würde Günther Friedrich Carl II. uns heute sagen, dass wir den Park sauber halten sollten. Plastikflaschen und sonstiger Müll gehören nicht hierhin. Schon gar nicht ist es erlaubt, alte und wertvolle Bäume anzuzünden.
Das gilt auch für Gebäude. Für solche Schandtaten hätte man einige Tage auf dem Marktplatz am Pranger gestanden, wenn ein milder Richter das Urteil gesprochen hätte. Vielleicht hätte er auch noch gesagt, dass es gut ist, dass wir mittlerweile in Frieden mit Frankreich leben. Da braucht man keine plündernden französische Soldaten mehr zu fürchten.
Ich stand nun auf von der Bank am Großen Parkteich, aber ich ging nicht direkt nach Hause.
Ich ging westwärts entlang der Mühlwipper bis zum Lohplatz. Hier ließ unser Fürst Günther Friedrich Carl II. durch seinen Landesbaumeister Scheppig eine Musikhalle errichten. Erstmals 1837 spielte die Hofkapelle dort. Wie schon zu Zeiten des Vaters unseres Fürsten, waren alle Sondershäuser zum kostenfreien Besuch dieser Konzerte eingeladen. Sie kamen zu Hunderten und lauschten der Musik.
Damals lebten etwa 5000 Menschen in Sondershausen. Wie ich da in der Sonne stand, hörte ich das Lohorchester die 9. Sinfonie Beethovens spielen, ein Chor sang gerade Schillers An die Freude. Ich hörte den Vers: Alle Menschen werden Brüder… und ich wurde wach: Wo ist die Musikhalle? Wo ist das Lohorchester? Wo sind die Menschen?
Viel ist passiert, seit Fürst Günther Friedrich Carl II. auf der Parkbank saß. Die klassizistische Umgestaltung des Schlosses hat er abgeschlossen, auch wenn manche Vorhaben infolge knapper Finanzen, kleiner ausgeführt wurden, als geplant oder ganz entfielen. Hier haben ihm seine Reisen mit der Mutter und auch spätere und das Gesehene sehr geholfen. Seine Nachfolger haben später noch einige historistische Umbauten vorgenommen.
Was der Fürst nicht wissen konnte, als er auf der Parkbank saß, war, dass die Märzrevolution im Jahr 1848, die weite Teile Europas überzog, auch sein Fürstentum erfasste.
In Sondershausen, Arnstadt, Ebeleben und Gehren kam es zu großen Versammlungen und auch zur Errichtung von Barrikaden. Jetzt war der politisch handelnde Fürst gefragt. Würde es ihm gelingen, diesen Konflikt friedlich und für alle Seiten annehmbar zu lösen? Den Werken von Heimatforschern und Chronisten dieser Zeit, kann man entnehmen, dass die Revolution im Fürstentum, anders als in Berlin, unblutig verlief. Am 14. März erschienen Abgeordnete aus allen Landesteilen auf dem Marktplatz in Sondershausen und übergaben eine Petition in der die Abstellung schwer drückender Lasten und um Erlasse zur Besserung der bürgerlichen Zustände gefordert wurden. Noch am gleichen Tag wurde eine Proklamation des Fürsten verkündet, in der möglichste Erfüllung der vorgetragenen Wünsche zugesagt wurde. Dazu gehörte auch die Forderung nach Pressefreiheit, der am 18. März mit ersten Bestimmungen entsprochen wurde. Am 28. März genehmigte der Fürst die Errichtung von Bürgerwehren. Die Bundesversammlung beschloss Truppen in die gefährdeten Staaten zu entsenden. Vertreter der fürstlichen Regierung trugen in Frankfurt die Bitte vor, diese Truppen im Fürstentum nicht zu stationieren. Dieser Bitte wurde jedoch nicht entsprochen und Anfang November zogen diese Truppen in Sondershausen, Ebeleben, Arnstadt und Gehren ein und rückten Anfang 1849 wieder ab. Als Folge der Revolution trat im Fürstentum am 12.Dezember 1849 eine neue, liberale Verfassung in Kraft, in der auch die Rechte des Fürsten beschnitten wurden. Allerdings wurde diese im Sommer 1857 wieder zurückgenommen und die alte Ordnung weitgehend wieder hergestellt. Die nun folgende Verfassung galt als eine der rückständigsten im Reich.
Was wurde aus Schillers Gedicht An die Freude? Wurden wirklich alle Menschen Brüder? Wird es vielleicht in naher Zukunft so sein oder wird das weitere Jahrhunderte nur Fantasie bleiben? Auch heute toben wieder fürchterliche Kriege und niemand scheint diese beenden zu können. Niemand weiß, was noch alles passieren kann. Nach wie vor herrscht große Uneinigkeit unter den Menschen.
Der Fürst, neben den Tieren eine Hauptfigur dieser kleinen Geschichte, wer war er? Welche Rolle spielte er in der Geschichte? War er der skrupellose Monarch? Oder war er der aufgeklärte, fortschrittlich denkende Mann, wie es seine Eltern wünschten?
Wolfgang Lehmann
Anmerkung der Redaktion:
Die im Forum dargestellten Äußerungen und Meinungen sind nicht unbedingt mit denen der Redaktion identisch. Für den Inhalt ist der Verfasser verantwortlich. Die Redaktion behält sich das Recht auf Kürzungen vor.
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