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So, 16:28 Uhr
19.10.2025
Meine Meinung zur Bildungsmisere

Fehlendes Schulwissen mit dramatischen Folgen

Mit dem Satz „Zwischen 2018 und 2024 sind die Leistungen der Neuntklässler in Mathematik und den Naturwissenschaften deutlich gesunken“, beschreibt das Online-Portal der Tagesschau einen zentralen Inhalt der IQB-Bildungsstudie zu Kompetenzen von Neuntklässlern. nnz-Kolumnist Bodo Schwarzberg mit einem Beispiel...

Ein Insekt (wahrscheinlich eine Sand-Wespe) besucht im Jahr 2021 die Blüten der Orchidee Spätblühendes Brand-Knabenkraut im Landkreis Nordhausen. (Foto: Bodo Schwarzberg) Ein Insekt (wahrscheinlich eine Sand-Wespe) besucht im Jahr 2021 die Blüten der Orchidee Spätblühendes Brand-Knabenkraut im Landkreis Nordhausen. (Foto: Bodo Schwarzberg)
Mein Nordhäuser Großonkel Werner Koch (1926-2019) berichtete mir von seinem Biologie-Lehrer aus den 30er Jahren, dass dieser gern mit seinen Schülern hinaus gegangen sei, um Blumen zu pflücken und selbige zu benennen. Der von den Schülern gesammelte Klassen-Blumenstrauß wurde später auf den Lehrertisch gestellt und die Arten wurden noch einmal im Detail betrachtet und wiederholt. Diese pädagogisch und psychologisch sinnvolle Vorgehensweise setzte natürlich voraus, dass der Lehrer eine gewisse Artenkenntnis hatte.

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Die Episode aus der Schulzeit meines Großonkels ist 90 Jahre alt. Ob sie sich heute noch in vielen Schulen wiederholen könnte, ist jedoch zunehmend fraglich, was ich aus folgender Information zu schließen begann: Denn der wissenschaftliche Mitarbeiter einer deutschen Universität im Fachbereich Biologie berichtete mir Folgendes:

Erstens, Artenkenntnis spiele in der Hochschulausbildung von Biologen und Biologie-Lehrern eine zunehmend geringere Rolle, da die Wissenschaft oft von Drittmitteln vor allem aus der wachstumsorientierten Industrie lebe, für die Artenkenntnis jedoch eine untergeordnete Rolle spiele. Das wiederum wirke sich auf die Stellenbesetzung an den Hochschulen und in der Folge auf die Lehre aus, in der dann Artenwissen eine geringere Rolle spiele, als früher.

Angehende Biologie-Lehrer seien dann zunehmend weniger in der Lage, ihren Schülerinnen und Schülern gegenüber mehr als nur Stiefmütterchen, Löwenzahn und Stubenfliege zu benennen. Etwa wörtlich sagte der wissenschaftliche Mitarbeiter: „Immer mehr Biologielehrer trauen sich nicht einmal mehr, mit ihren Schülern vor die Schultür zu gehen, weil sie Fragen der Kinder befürchten.“ – Was natürlich keinesfalls bedeutet, dass es nicht auch in der Gegenwart noch Biologie-Lehrer mit guter Artenkenntnis gibt.

Das fehlende Wissen wird also an den potenziellen wissenschaftlichen oder pädagogischen Nachwuchs ebenso durchgereicht, wie eine gut ausgebildete und mit Leidenschaft vermittelte Artenkenntnis. Ich selbst bin leidenschaftlicher Botaniker, und der zündende Funke dafür kam von meinem Biologie-Lehrer an der früheren EOS Wilhelm von Humboldt in Nordhausen, Werner Schroeter (1922-1992), der sich intensiv mit der heimischen Pflanzenwelt beschäftigte.

Das zunehmende Fehlen solcher Begeisterungsvermittlungen auf dem Gebiet der Artenkenntnis aber hat noch weitere Folgen:

Nicht nur artenkennende Biologielehrer fehlen zunehmend, sondern auch Spezialisten, die sich beispielsweise mit schwierigen Insektengruppen auskennen, mit dem Ergebnis, dass es immer schwieriger wird, in den Bundesländern aller zehn Jahre die Roten Listen gefährdeter Arten auf den neuesten Stand zu bringen und überhaupt den Überblick über das Arteninventar und dessen Veränderungen zu gewinnen bzw. zu behalten.

Sie werden jetzt vielleicht sagen, liebe Leserinnen und Leser, dass das ja nur Spezialisten tangiert, aber so ist es nicht: Denn die Negativkette setzt sich fort: die Auswirkungen des in unserem Bildungssystem zu wenig vermittelten und auch per Lehrplan geforderten Artenwissens betreffen auch die Wirtschaft und damit den Geldbeutel von uns allen:

Denn wenn wir über die Arten zu wenig wissen, dann kann die Wissenschaft angesichts des freien Falls der Biodiversität auch weniger gut gegensteuern und der Politik Handlungsempfehlungen geben.

Dabei ist Gegensteuern keine Zukunftsaufgabe, sondern ein Gebot der Stunde: Allein in Thüringen sind laut aktueller Roter Liste 40,6 Prozent der Farn- und Blütenpflanzen ausgestorben, oder mehr oder weniger stark gefährdet. Bei den Bienen sind es sogar 57,5 Prozent, was sich unmittelbar auf die Landwirtschaft und deren Leistungsfähigkeit auswirkt: Mit 3,8 Milliarden Euro jährlich beziffern Wissenschaftler der Universität Hohenheim die Bestäubungsleistungen der Insekten allein in Deutschland. – Dabei tun die Insekten uns diesen Gefallen kostenlos.

Die Produkte und den Gewinn aus deren Verkauf aber füllen die Supermarktregale, unsere Geldbörsen und Konten. Laut NABU sind rund 60 Prozent der 2.500 Produkte eines deutschen Supermarktes direkt oder indirekt von der Bestäubungsleistung von Insekten abhängig. Stellen Sie sich vor, man müsste einer Wildbiene ihre Bestäubungsleistung mit nur einem Cent jährlich bezahlen. Wahrscheinlich würde unsere Wirtschaft daran kollabieren.

Dann würden wir auch die schon deutlich gestiegenen Preise bestäubungsabhängiger Nutzpflanzen wie Zitrusfrüchte, Apfel und Kakao gar nicht mehr bezahlen können.

Investitionen in eine Bildung, die letztlich mithilft, die für uns kostenlose Arbeit der Insekten zu erhalten, sind also ökonomisch und ökologische Zukunftsinvestitionen. Denn was wird aus unserer Wirtschaft und aus uns, wenn es die Insekten nicht mehr gibt?

Die Artenkenntnis und die jahrzehntelange Forschung ehrenamtlicher Krefelder Insektenforscher war es zum Beispiel, die im Rahmen der international berühmt gewordenen Krefelder Insektenstudie zwischen 1989 und 2016 den dramatischen Rückgang der Insektenbiomasse in 63 deutschen Schutzgebieten um 76 Prozent ermittelte. – Diese wohlgemerkt ehrenamtlich erbrachte Spitzenleistung führte auch zur Sensibilisierung zumindest einiger Politiker bis hin zu einem Volksbegehren in Bayern.

Und ich als Botaniker komme nicht umhin, zu ergänzen, dass Wildpflanzen und Insekten unmittelbar voneinander abhängen. Botanischer Artenschutz ist Insektenschutz und hat unmittelbaren ökonomischen Nutzen.

Dass die zu geringe Vermittlung von Artenwissen, das zu geringe Wecken des Interesses daran in unserem Bildungssystem und das zu geringe Interesse des Staates daran unter Umständen und im Endeffekt tödlich sein können, sollen am Ende meiner heutigen Kolumne folgende Zahlen belegen:

In den drei Thüringischen Bezirken Erfurt, Gera und Suhl gab es 1988 noch 244 Ortspilz- und Kreispilzsachverständige. Nach 1945 und bis 1989 waren allein im Landkreis Nordhausen 22 Pilzsachverständige registriert (Quelle: „Die populäre Mykologie und die Pilzaufklärung von 1945 bis zur Wende.“ Autor: G. Müller). Laut einem Bericht einer regionalen Tageszeitung vom August 2025 gibt es in Thüringen heute noch ganze 42, meist ältere Pilzsachverständige, also 17 Prozent ihrer Anzahl von 1988.

Wie ist dieser dramatische Verlust an Pilzsachverständigen und Pilzartenkenntnis zu erklären? Ganz einfach: Das DDR-Pilzberatungssystem war im Gesundheitsministerium angesiedelt und galt als Bestandteil der Gesundheitsvorsorge. Dementsprechend legte man großen Wert auf die Ausbildung von Pilzsachverständigen, die sogar ein kleines Honorar bekamen.

Wenigstens gibt es heute noch die Giftnotrufzentrale. Und bei dieser steigt die Zahl der Anrufe seit Jahren: Als einer von vielen Gründen wird fehlende Artenkenntnis angegeben. Und das kann tödliche Folgen haben.
Bodo Schwarzberg
Autor: psg

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Kommentare
rasska86
19.10.2025, 20:34 Uhr
👍 so ist das, danke
für diesen Artikel. Als Kind habe ich fast alle Gartenpflanzen kennen gelernt. Schon im Kindergarten wurde uns im Wald und Flur die wichtigsten Pflanzen gezeigt, welche giftig sind und welche essbar .
Heute wird soviel über Umweltschutz und Artenschutz geredet aber in der Praxis wird's so gut wie nicht gelebt.
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