Do, 11:03 Uhr
05.03.2026
Uwe Hager zum 70.
Es war einfach eine geile Zeit”
Es ist mitunter nicht so einfach, über einen Menschen etwas zu schreiben, über den bereits viel geschrieben wurde. Aber dieser Mensch ist auch im Jahr 2026 noch interessant. Und das aus vielerlei Gründen. Unter anderem weil…
Hier lebt Uwe seit 70 Jahren (Foto: PSG)
Ja, das klingt pathetisch, aber die Welt der bewegten Jugend in Zeiten, die manchen steinern und eingefroren vorkamen, die verriegelt und abgeschottet waren, diese kleine und manchmal auch große Welt wäre ohne Uwe Hager doch ärmer gewesen. War das tatsächlich so?
Und so saßen in dieser Woche zwei alte und dazu noch zwei weiße Männer zusammen in einer Küche im beschaulichen Steinbrücken. Beide erzählten sich von damals, von einer Zeit, die jemand, der sieben Jahrzehnte auf dem Buckel” hat, durchaus einzuschätzen vermag. Und auf die jeder so seinen eigenen Blickwinkel auf das heute” hat. Aber eigentlich sollte der eine, also der Uwe erzählen, während der andere zuhörte und Notizen machte.
Zur Vorgeschichte der beiden Männer. Der Autor dieser Zeilen wusste nach drei Jahrzehnten in Nordhausen natürlich über Hager Bescheid. Das ist der, der einst legendäre Open Air Muggen organisierte, der mit den Rammsteinen” feiert, der von ihnen eingeladen wird und von denen einige jetzt noch immer in Steinbrücken zu Besuch sind. Einfach mal abhängen. Das blöde nur: Bis Ende 2024 waren wir beide uns noch nicht persönlich begegnet.
Kontakt zu Uwe aufzunehmen war und ist schwer möglich, da er digitale Kommunikationsmöglichkeiten ablehnt. Er mag sie nicht, diese Wischtelefone”. Doch dann, es war Mitte Oktober 2024, telefonierten wir. Auf meine Frage, wo er denn im überschaubaren Steinbrücken anzutreffen sei, meinte er: Du kommst von der B4 rein, fährst vorbei an vielen normalen Häusern, wenn du auf ein nicht ganz so normales trifft, dann komm' einfach auf den Hof.” Es sind die ersten Begegnungen zwischen Menschen, die manchmal die Zukunft des Miteinanders bestimmen. Man spürt es, ob es stimmt oder nicht!”
Dieser Rammstein ist von historischer Natur (Foto: PSG)
Es stimmte und es entwickelte sich eine Freundschaft, die ich nicht mehr missen möchte und die auch ihm vielleicht gefällt”. Das hat Gründe: Beide sind wir Baujahr 56. Die 56 stand bei der Deutschen Reichsbahn für eine Güterzuglokomotive, die schwere Lasten zu ziehen hatte und als nahezu unverwüstlich galt.
Uwe, um den es in diesem Artikel geht, wurde in dem Haus geboren, in dem er heute noch lebt und das immer noch zwei- oder dreimal im Jahr zum Anziehungspunkt von Musikliebhabern wird. Gebaut haben das Haus seine Urgroßeltern. Nach Schule und Ausbildung zum Zerspanungsmechaniker arbeitete Uwe in der Nobas und im Schachtbau. Während seiner NVA-Zeit hatte er die Tankstelle des Regimentes unter sich und fuhr einen Ural”. Über diese Zeit fällt Uwe ein Urteil, das sich in einem Satz zusammenfassen lässt: Das war eine geile Zeit. Was haben wir nicht alles erlebt…” Kurz zur Erklärung, hier ist die Zeit bis 1989 gemeint. Überall war was los, ob in der Burg” in Halle oder in Roßla im Schloss.
Dann der Wechsel zum ACZ, dem Agrochemischen Zentrum, das nach der Wende zum Südharzer Landhandel firmierte. Uwe saß von nun an auf dem Bock”. Vier Jahrzehnte lang. Der Bock war ein W50 und Uwe war somit sehr mobil, hatte das Wolfental” in Steinbrücken als Festivalgelände vom Eigentümer genehmigt bekommen und irgendwann dachte er, so eine Fete kann man doch in Steinbrücken organisieren. 1984 war es, da wurde mit rund 100 Typen”, die natürlich mit einem Shelli” bekleidet waren, das erste Pfingsten gefeiert, sprich, es wurde durchgesoffen. Ein Jahr später kamen mehrere Hundert Freunde und zum Beispiel die Band Pasch”. Die folgenden Jahre entwickelte sich das Wolfental in Steinbrücken zum Mekka der Blueser und Punker. 1985 spielten zehn Bands bei uns, zum Beispiel Feeling B” oder Engerling.”
In den Jahren bis 1989 war Steinbrücken in aller Munde und das ohne Whats App oder Facebook. Wir haben hier auch schon mal 5.000 Fans drei Tage lang bespaßt”, schwärmt Uwe immer noch. Um das alles zu finanzieren, hatte er sich eine raffinierte” Methode ersonnen. Als Eintrittskarte fungierte der Einzahlungsbeleg einer Postüberweisung von genau 100 Ostmark”. Heute spricht man von Vorkasse.
Freundschaften, die Systeme überdauern: Hager mit Christian "Flake" Lorenz, Keyboarder bei "Rammstein" (Foto: privat)
Und wie war das mit der Verpflegung? Die Dorfkneipe fungierte als Stützpunkt und von dort gab es auch schon mal eine Polonaise bis zum Wolfental. Eine Bekannte arbeitete in einer Kaufhalle im Prenzlauer Berg und besorgte uns drei Zentner Linsen. Steaks und echte Thüringer Rostbratwürste wurden das ganze Jahr über besorgt und größtenteils in einer Kühlzelle eingefroren”.
Eingefroren war das Festivalgeschehen kurz nach der Wende, denn schon 1990 war Steinbrücken und die Umgebung zugeparkt. In den Jahren zuvor wurde getrampt, nun wurde mit dem Auto gefahren. Hinzu gesellten sich Auflagen, Formulare. Da kam vom Nordhäuser Rathaus auch schon mal die Anweisung zum Aufstellen von Seifenspendern”. Mit der neuen Freiheit kamen letztlich auch die Drogen, die richtig harten”, erzählt Hager, der zwei Söhne mit zwei Frauen zeugte, die beide den Namen Birgit haben. Die Jungs heißen Christian und Thomas. Nun ist eine weitere Frau an seiner Seite. Anja arbeitet bei der Marine, ist Stabsbootmann und vielleicht wird Uwe nun ein wenig ruhiger…
Auch wenn es in Steinbrücken kein Open Air mehr im Wolfental gab, auch wenn die Dorfkneipe zumachte, weil Bier aus der Flasche lieber im Dorfgemeinschaftshaus getrunken wurde”, es kribbelte Uwe immer wieder in den Händen. Zu seinem 50. Geburtstag, also vor zwei Jahrzehnten, wollte es Hager noch einmal wissen. Mit seinen zwei Söhnen, beide Zimmermannsleute, begann er Weihnachten 2015 mit dem Bau der Scheune” und vier Wochen später wurde Geburtstag gefeiert.
Seitdem gibt es in Steinbrücken wieder musikalische Highlights zu erleben. Karfreitag und am 1. Weihnachtsfeiertag meine privaten Veranstaltungen. Die Einladungen erfolgen per Telefon”, schmunzelt Uwe, der mittlerweile Opa geworden ist und mit diesem Status auch einige Pflichten zu erfüllen hat.
Oft Gast in Steinbrücken: Paul Landers, Gitarrist bei "Rammstein". (Foto: privat)
Uwe Hager, auch mit 70 Lenzen barfuß in Jesus-Latschen unterwegs, denkt nur mit einer kleinen Portion Wehmut zurück. Eigentlich kann er stolz sein, denn er hat in einem abgeschlossenen Land tausenden von jungen Menschen für drei Tage einen Hauch von Freiheit geben können. Auch die Leute auf der Bühne sind dem Typen aus Steinbrücken immer noch dankbar: Die Rammsteiner Flake und Paul Landers waren erst vor einigen Tagen wieder zu Gast bei Uwe.
Sie und die anderen Musiker haben nicht vergessen, was ein Mensch mit einer Idee in einer geschlossenen Gesellschaft” zu leisten vermochte. Die Freundschaft hielt und hält auch deshalb, weil Hager kein Freund des Kommerzes war und kein Geld mit den Punks und Bluesern verdienen wollte, sondern weil er Spaß daran hatte, anderen Gleichgesinnten von dieser Freude möglichst viel abzugeben. Stellvertretend für die, die dabei sein durften: danke Uwe.
Peter-Stefan Greiner
Autor: psg
Hier lebt Uwe seit 70 Jahren (Foto: PSG)
Ja, das klingt pathetisch, aber die Welt der bewegten Jugend in Zeiten, die manchen steinern und eingefroren vorkamen, die verriegelt und abgeschottet waren, diese kleine und manchmal auch große Welt wäre ohne Uwe Hager doch ärmer gewesen. War das tatsächlich so?
Und so saßen in dieser Woche zwei alte und dazu noch zwei weiße Männer zusammen in einer Küche im beschaulichen Steinbrücken. Beide erzählten sich von damals, von einer Zeit, die jemand, der sieben Jahrzehnte auf dem Buckel” hat, durchaus einzuschätzen vermag. Und auf die jeder so seinen eigenen Blickwinkel auf das heute” hat. Aber eigentlich sollte der eine, also der Uwe erzählen, während der andere zuhörte und Notizen machte.
Zur Vorgeschichte der beiden Männer. Der Autor dieser Zeilen wusste nach drei Jahrzehnten in Nordhausen natürlich über Hager Bescheid. Das ist der, der einst legendäre Open Air Muggen organisierte, der mit den Rammsteinen” feiert, der von ihnen eingeladen wird und von denen einige jetzt noch immer in Steinbrücken zu Besuch sind. Einfach mal abhängen. Das blöde nur: Bis Ende 2024 waren wir beide uns noch nicht persönlich begegnet.
Kontakt zu Uwe aufzunehmen war und ist schwer möglich, da er digitale Kommunikationsmöglichkeiten ablehnt. Er mag sie nicht, diese Wischtelefone”. Doch dann, es war Mitte Oktober 2024, telefonierten wir. Auf meine Frage, wo er denn im überschaubaren Steinbrücken anzutreffen sei, meinte er: Du kommst von der B4 rein, fährst vorbei an vielen normalen Häusern, wenn du auf ein nicht ganz so normales trifft, dann komm' einfach auf den Hof.” Es sind die ersten Begegnungen zwischen Menschen, die manchmal die Zukunft des Miteinanders bestimmen. Man spürt es, ob es stimmt oder nicht!”
Dieser Rammstein ist von historischer Natur (Foto: PSG)
Es stimmte und es entwickelte sich eine Freundschaft, die ich nicht mehr missen möchte und die auch ihm vielleicht gefällt”. Das hat Gründe: Beide sind wir Baujahr 56. Die 56 stand bei der Deutschen Reichsbahn für eine Güterzuglokomotive, die schwere Lasten zu ziehen hatte und als nahezu unverwüstlich galt.
Uwe, um den es in diesem Artikel geht, wurde in dem Haus geboren, in dem er heute noch lebt und das immer noch zwei- oder dreimal im Jahr zum Anziehungspunkt von Musikliebhabern wird. Gebaut haben das Haus seine Urgroßeltern. Nach Schule und Ausbildung zum Zerspanungsmechaniker arbeitete Uwe in der Nobas und im Schachtbau. Während seiner NVA-Zeit hatte er die Tankstelle des Regimentes unter sich und fuhr einen Ural”. Über diese Zeit fällt Uwe ein Urteil, das sich in einem Satz zusammenfassen lässt: Das war eine geile Zeit. Was haben wir nicht alles erlebt…” Kurz zur Erklärung, hier ist die Zeit bis 1989 gemeint. Überall war was los, ob in der Burg” in Halle oder in Roßla im Schloss.
Dann der Wechsel zum ACZ, dem Agrochemischen Zentrum, das nach der Wende zum Südharzer Landhandel firmierte. Uwe saß von nun an auf dem Bock”. Vier Jahrzehnte lang. Der Bock war ein W50 und Uwe war somit sehr mobil, hatte das Wolfental” in Steinbrücken als Festivalgelände vom Eigentümer genehmigt bekommen und irgendwann dachte er, so eine Fete kann man doch in Steinbrücken organisieren. 1984 war es, da wurde mit rund 100 Typen”, die natürlich mit einem Shelli” bekleidet waren, das erste Pfingsten gefeiert, sprich, es wurde durchgesoffen. Ein Jahr später kamen mehrere Hundert Freunde und zum Beispiel die Band Pasch”. Die folgenden Jahre entwickelte sich das Wolfental in Steinbrücken zum Mekka der Blueser und Punker. 1985 spielten zehn Bands bei uns, zum Beispiel Feeling B” oder Engerling.”
In den Jahren bis 1989 war Steinbrücken in aller Munde und das ohne Whats App oder Facebook. Wir haben hier auch schon mal 5.000 Fans drei Tage lang bespaßt”, schwärmt Uwe immer noch. Um das alles zu finanzieren, hatte er sich eine raffinierte” Methode ersonnen. Als Eintrittskarte fungierte der Einzahlungsbeleg einer Postüberweisung von genau 100 Ostmark”. Heute spricht man von Vorkasse.
Freundschaften, die Systeme überdauern: Hager mit Christian "Flake" Lorenz, Keyboarder bei "Rammstein" (Foto: privat)
Und wie war das mit der Verpflegung? Die Dorfkneipe fungierte als Stützpunkt und von dort gab es auch schon mal eine Polonaise bis zum Wolfental. Eine Bekannte arbeitete in einer Kaufhalle im Prenzlauer Berg und besorgte uns drei Zentner Linsen. Steaks und echte Thüringer Rostbratwürste wurden das ganze Jahr über besorgt und größtenteils in einer Kühlzelle eingefroren”. Eingefroren war das Festivalgeschehen kurz nach der Wende, denn schon 1990 war Steinbrücken und die Umgebung zugeparkt. In den Jahren zuvor wurde getrampt, nun wurde mit dem Auto gefahren. Hinzu gesellten sich Auflagen, Formulare. Da kam vom Nordhäuser Rathaus auch schon mal die Anweisung zum Aufstellen von Seifenspendern”. Mit der neuen Freiheit kamen letztlich auch die Drogen, die richtig harten”, erzählt Hager, der zwei Söhne mit zwei Frauen zeugte, die beide den Namen Birgit haben. Die Jungs heißen Christian und Thomas. Nun ist eine weitere Frau an seiner Seite. Anja arbeitet bei der Marine, ist Stabsbootmann und vielleicht wird Uwe nun ein wenig ruhiger…
Auch wenn es in Steinbrücken kein Open Air mehr im Wolfental gab, auch wenn die Dorfkneipe zumachte, weil Bier aus der Flasche lieber im Dorfgemeinschaftshaus getrunken wurde”, es kribbelte Uwe immer wieder in den Händen. Zu seinem 50. Geburtstag, also vor zwei Jahrzehnten, wollte es Hager noch einmal wissen. Mit seinen zwei Söhnen, beide Zimmermannsleute, begann er Weihnachten 2015 mit dem Bau der Scheune” und vier Wochen später wurde Geburtstag gefeiert.
Seitdem gibt es in Steinbrücken wieder musikalische Highlights zu erleben. Karfreitag und am 1. Weihnachtsfeiertag meine privaten Veranstaltungen. Die Einladungen erfolgen per Telefon”, schmunzelt Uwe, der mittlerweile Opa geworden ist und mit diesem Status auch einige Pflichten zu erfüllen hat.
Oft Gast in Steinbrücken: Paul Landers, Gitarrist bei "Rammstein". (Foto: privat)
Uwe Hager, auch mit 70 Lenzen barfuß in Jesus-Latschen unterwegs, denkt nur mit einer kleinen Portion Wehmut zurück. Eigentlich kann er stolz sein, denn er hat in einem abgeschlossenen Land tausenden von jungen Menschen für drei Tage einen Hauch von Freiheit geben können. Auch die Leute auf der Bühne sind dem Typen aus Steinbrücken immer noch dankbar: Die Rammsteiner Flake und Paul Landers waren erst vor einigen Tagen wieder zu Gast bei Uwe. Sie und die anderen Musiker haben nicht vergessen, was ein Mensch mit einer Idee in einer geschlossenen Gesellschaft” zu leisten vermochte. Die Freundschaft hielt und hält auch deshalb, weil Hager kein Freund des Kommerzes war und kein Geld mit den Punks und Bluesern verdienen wollte, sondern weil er Spaß daran hatte, anderen Gleichgesinnten von dieser Freude möglichst viel abzugeben. Stellvertretend für die, die dabei sein durften: danke Uwe.
Peter-Stefan Greiner