Mo, 14:09 Uhr
19.01.2009
Schlange der Not wird länger
Schlange der Not wird länger - Gift der Armut breitet sich aus, so eine Aussage von Andreas Links. Zum Thema – Förderungsgesellschaft ( FAU ) will Kindertafel ins Leben rufen - äußert sich Andreas Links, Landesgeschäftsführer des Volksinteressenbundes Thüringen VIBT, gegenüber kn...
Die Armut in unseren Kreis breitet sich immer spürbarer aus. Statt wachsenden Wohlstands, kommt wachsende Armut. Die Zahl der Bedürftigen, die auf die Tafel in Sondershausen, Greußen und anderen Orten des Kyffhäuserkreises angewiesen sind, ist ständig gestiegen. Die Schlangen vor dem Tafelhaus werden länger.
Was aber sind die Ursachen für die steigende Armut?
Kinder die kein Pausenbrot mit in die Schule bringen und auch nicht am Schulessen teilnehmen können? Langzeitarbeitslose, Alleinerziehende oder kinderreiche Familien? – Nein! Sie sind besonders von der oft verschwiegenen Armut in unseren Kreis betroffen. Ihr Schicksal liegt im Alltäglichen. Es muss in unserem Land nichts Außergewöhnliches mehr geschehen, damit Menschen sozial abstürzen. Immer mehr Haushalte sind überschuldet. Das Zusammenleben in unserer Gesellschaft wird härter und unsolidarischer. Das Land teilt sich wieder in die da oben und die da unten, in Gewinner und Verlierer. Es ist ein gesellschaftlicher Skandal angesichts dieser Entwicklung in Richtung Armut.
Fast unmöglich in unserem Land ist es, über Armut zu reden. Als wäre das Problem der Armut dadurch gelöst, wird man ständig genötigt zu betonen, dass unser Land reich ist. Dabei wird es nur noch komplizierter. Es gibt immer mehr Langzeitarbeitslose, Hartz IV-Empfänger, Niedriglohnempfänger und Rentner die mit ihren Einkommen nicht mehr über den Monat kommen und somit auf die Tafel angewiesen sind.
Unsere Gesellschaft ist, was Armut betrifft, autistisch.
Sie diskutiert und predigt den Umbau des Sozialstaates, sie wägt den Vorteil von Teil-habegerechtigkeit gegenüber der Verteilungsgerechtigkeit ab, sie kennt tausende Statistiken über die deprimierende Lage auf den Arbeitsmarkt. Sie spuckt Zahlen, Diagramme und so genannte Krisenpläne aus.
Aber den Kontakt zu denen, die das betrifft, die damit klar kommen müssen, die darunter leiden, hat die Gesellschaft verloren. Sie ist unfähig, sich in die Lage armer Menschen hineinzuversetzen oder sie gar zu verstehen. Es wird stets eine völlig andere Welt dargestellt, aber nicht die wahre Welt, die Armut und Arbeitslosigkeit heißt. Das liegt auch daran, dass die Debatten über die Armut von denen geführt werden, die noch nie in ihrem Leben unten waren. Politiker die in Talkshows behaupten, das wahre Elend am Rande unserer Gesellschaft sei gar keine Armut. Aus der Perspektive von oben verschwimmen ganz schnell die feinen Unterschiede, die für viele Menschen im Alltag existenziell sind.
Was die von Armut, betroffenen Menschen am allerwenigsten benötigen, ist geheucheltes Mitleid.
Wir können uns von der Armut unter uns weder mit Mitgefühl noch mit Geld freikaufen. Nur genaues Hinsehen und der Wille zur Veränderung können helfen, das Problem in seiner ganzen Schärfe wahrzunehmen.
Dies ist, das sei vorweggenommen, noch kein Beitrag zur Beantwortung der Frage, wie den Armen geholfen werden kann – aber eine wichtige Voraussetzung dafür. Wir dürfen nicht hinnehmen, dass den Armen die Anerkennung ihrer Bedürftigkeit versagt bleibt, nur weil es am anderen Ende der Welt Menschen gibt, die noch viel weniger haben. Wir brauchen eine Haltung von Empörung – darüber, dass wir es zulassen, dass Tausende Menschen in Armut stürzen und kaum Chancen haben, sich daraus befreien können. Wer diese Empörung nicht aufbringt, dem sei angesichts von Elend und Ausgrenzung wenigstens Scham zu wünschen. Scham empfinden leider nur die Betroffenen selbst. Das Ansehen eines Gemeinwesens bemisst sich am Wohl der Schwachen in unserem Land. Ihnen muss die gleiche Würde zuerkannt werden wie den Starken. Erkennen wir uns in diesem Blick wieder?
Andreas Links
Landesgeschäftsführer des
Volksinteressenbundes Thüringen VIBT
Autor: khhDie Armut in unseren Kreis breitet sich immer spürbarer aus. Statt wachsenden Wohlstands, kommt wachsende Armut. Die Zahl der Bedürftigen, die auf die Tafel in Sondershausen, Greußen und anderen Orten des Kyffhäuserkreises angewiesen sind, ist ständig gestiegen. Die Schlangen vor dem Tafelhaus werden länger.
Was aber sind die Ursachen für die steigende Armut?
Kinder die kein Pausenbrot mit in die Schule bringen und auch nicht am Schulessen teilnehmen können? Langzeitarbeitslose, Alleinerziehende oder kinderreiche Familien? – Nein! Sie sind besonders von der oft verschwiegenen Armut in unseren Kreis betroffen. Ihr Schicksal liegt im Alltäglichen. Es muss in unserem Land nichts Außergewöhnliches mehr geschehen, damit Menschen sozial abstürzen. Immer mehr Haushalte sind überschuldet. Das Zusammenleben in unserer Gesellschaft wird härter und unsolidarischer. Das Land teilt sich wieder in die da oben und die da unten, in Gewinner und Verlierer. Es ist ein gesellschaftlicher Skandal angesichts dieser Entwicklung in Richtung Armut.
Fast unmöglich in unserem Land ist es, über Armut zu reden. Als wäre das Problem der Armut dadurch gelöst, wird man ständig genötigt zu betonen, dass unser Land reich ist. Dabei wird es nur noch komplizierter. Es gibt immer mehr Langzeitarbeitslose, Hartz IV-Empfänger, Niedriglohnempfänger und Rentner die mit ihren Einkommen nicht mehr über den Monat kommen und somit auf die Tafel angewiesen sind.
Unsere Gesellschaft ist, was Armut betrifft, autistisch.
Sie diskutiert und predigt den Umbau des Sozialstaates, sie wägt den Vorteil von Teil-habegerechtigkeit gegenüber der Verteilungsgerechtigkeit ab, sie kennt tausende Statistiken über die deprimierende Lage auf den Arbeitsmarkt. Sie spuckt Zahlen, Diagramme und so genannte Krisenpläne aus.
Aber den Kontakt zu denen, die das betrifft, die damit klar kommen müssen, die darunter leiden, hat die Gesellschaft verloren. Sie ist unfähig, sich in die Lage armer Menschen hineinzuversetzen oder sie gar zu verstehen. Es wird stets eine völlig andere Welt dargestellt, aber nicht die wahre Welt, die Armut und Arbeitslosigkeit heißt. Das liegt auch daran, dass die Debatten über die Armut von denen geführt werden, die noch nie in ihrem Leben unten waren. Politiker die in Talkshows behaupten, das wahre Elend am Rande unserer Gesellschaft sei gar keine Armut. Aus der Perspektive von oben verschwimmen ganz schnell die feinen Unterschiede, die für viele Menschen im Alltag existenziell sind.
Was die von Armut, betroffenen Menschen am allerwenigsten benötigen, ist geheucheltes Mitleid.
Wir können uns von der Armut unter uns weder mit Mitgefühl noch mit Geld freikaufen. Nur genaues Hinsehen und der Wille zur Veränderung können helfen, das Problem in seiner ganzen Schärfe wahrzunehmen.
Dies ist, das sei vorweggenommen, noch kein Beitrag zur Beantwortung der Frage, wie den Armen geholfen werden kann – aber eine wichtige Voraussetzung dafür. Wir dürfen nicht hinnehmen, dass den Armen die Anerkennung ihrer Bedürftigkeit versagt bleibt, nur weil es am anderen Ende der Welt Menschen gibt, die noch viel weniger haben. Wir brauchen eine Haltung von Empörung – darüber, dass wir es zulassen, dass Tausende Menschen in Armut stürzen und kaum Chancen haben, sich daraus befreien können. Wer diese Empörung nicht aufbringt, dem sei angesichts von Elend und Ausgrenzung wenigstens Scham zu wünschen. Scham empfinden leider nur die Betroffenen selbst. Das Ansehen eines Gemeinwesens bemisst sich am Wohl der Schwachen in unserem Land. Ihnen muss die gleiche Würde zuerkannt werden wie den Starken. Erkennen wir uns in diesem Blick wieder?
Andreas Links
Landesgeschäftsführer des
Volksinteressenbundes Thüringen VIBT