Di, 10:08 Uhr
21.04.2009
nnz-Bücherkiste: Eine Insel
Er hat über 21 Millionen seiner Bücher verkauft, in mehr als dreißig Sprachen wurden seine Romane übersetzt. Terry Pratchett zählt zu den bedeutendsten und erfolgreichsten Autoren unserer Zeit. Jetzt legte er seinen neuen Roman "Eine Insel" vor. Olaf Schulze hat ihn für die nnz gelesen.
Terry Pratchett
EINE INSEL
(Goldmann Verlag)
Ein Tsunami entvölkert eine südländische Inselwelt. Der Junge Mau kehrt von seinem Initiationsritual zurück und muss feststellen, dass er der einzige Überlebende seines Volkes ist. Doch dann trifft er auf ein geisterhaftes, weißes Mädchen. Sie ist mit einem riesigen Kanu der Hosenmenschen gekommen, das einfach in den Wald geschwommen ist. Die vorsichtige Annäherung des Südseeinsulaners und einer jungen Aristokratin des viktorianischen Englands beginnt. Sie beide sind die neue Nation auf Maus Insel.
Der kürzlich zum Ritter geschlagene Engländer Terry Pratchett ist mit seinen Scheibenwelt-Romanen zu einem der erfolgreichsten Schriftsteller unserer Zeit aufgestiegen. Sein neues Werk Eine Insel ist kein Scheibenweltroman, dafür aber eine allumfassende Parabel. Geprägt von seinem Leitsatz: Die wahrhaft menschliche Qualität besteht nicht aus Intelligenz, sondern aus Phantasie erzählt Pratchett im witzigsten Plauderton von unterschiedlichen Lebensauffassungen verschiedener Kulturen, starren gesellschaftlichen Konventionen, menschlichen Zweifeln und vor allem vom Glauben. Dem Glaube an Götter und Mythen, an Technik, an Rituale, an die Natur und den Geist an sich. Es ist eine Frage des Standpunkts, wo oben ist und wo unten, wo der Anfang ist und wo das Ende.
Des Autors philosophischer Ansatz ist ein Angebot; ein Vorschlag an die Leser, sich selbst auf eine mentale Reise zu begeben, Inseln zu entdecken, störende Trümmer wegzuräumen, neue Denkgebäude zu errichten. Hier wird mit leichter Feder und freiem Geist ein Plädoyer für die Menschlichkeit und die Freundschaft gehalten, wie es schöner kaum sein könnte. Fast wirkt dieser Roman schon wie ein Vermächtnis, wie ein Credo. Geübte Pratchett-Leser werden mitunter Ähnlichkeiten zu Scheibenwelt-Geschichten und -figuren feststellen. Die junge Heldin bspw. erinnert mich an die kleine Hexe Tiffany, die auf der Scheibenwelt gerade zu einer neuen Hauptfigur avanciert. Und dann ist da noch der englische Über-Dramatiker Shakespeare und sein finales Werk Der Sturm, zu denen sich reihenweise Parallelen aufdrängen.
A pro pos Parallelen: Pratchett siedelt sein Buch ausdrücklich in einem Parallel-Universum an; also einer Welt, in der vieles so gelaufen ist wie in unserer Welt, aber eben nicht alles. Der vom Schreiber durchgängig verwendete typisch britische Humor ist tiefschwarz. Beispiel gefällig? Zum Eingeborenen Mau lässt er die kleine englische Lady sagen:
Ich denke nicht, dass wir klüger sind. Ich glaube eher, dass man einfach lernen muss, neue Dinge zu machen, wenn es ein halbes Jahr lang so kalt ist. Ich schätze, wir haben unser Empire nur wegen des Wetters erobert. Alles war besser, als zu Hause im Regen zu sitzen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass einige Leute aus dem Fenster gesehen haben und dann lieber losgestürmt sind, um Indien und Afrika zu entdecken.
Pratchett hat in seiner unnachahmlichen Art einstmals postuliert: Ein Schriftsteller, der behauptet tiefsinnig zu sein, ist ein Idiot. Das mag durchaus sein, Sir Pratchett.
Bezeichnen wir also deshalb den Autor nicht als tiefsinnig. Sein hier vorliegendes Meisterwerk verdient aber durchaus dieses Etikett. Im Sommer erscheint Eine Insel noch einmal in einer Jugendbuchausgabe. Eine gute Idee.
OLAF SCHULZE
Terry Pratchett - Eine Insel (Originaltitel: Nation), erschienen April 2009, beim Goldmann Verlag, München. 19,95 €.
Der nnz online freundlicherweise zur Verfügung gestellt vom Buchhaus Rose, Nordhausen.
Autor: nnzTerry Pratchett
EINE INSEL
(Goldmann Verlag)
Ein Tsunami entvölkert eine südländische Inselwelt. Der Junge Mau kehrt von seinem Initiationsritual zurück und muss feststellen, dass er der einzige Überlebende seines Volkes ist. Doch dann trifft er auf ein geisterhaftes, weißes Mädchen. Sie ist mit einem riesigen Kanu der Hosenmenschen gekommen, das einfach in den Wald geschwommen ist. Die vorsichtige Annäherung des Südseeinsulaners und einer jungen Aristokratin des viktorianischen Englands beginnt. Sie beide sind die neue Nation auf Maus Insel.
Der kürzlich zum Ritter geschlagene Engländer Terry Pratchett ist mit seinen Scheibenwelt-Romanen zu einem der erfolgreichsten Schriftsteller unserer Zeit aufgestiegen. Sein neues Werk Eine Insel ist kein Scheibenweltroman, dafür aber eine allumfassende Parabel. Geprägt von seinem Leitsatz: Die wahrhaft menschliche Qualität besteht nicht aus Intelligenz, sondern aus Phantasie erzählt Pratchett im witzigsten Plauderton von unterschiedlichen Lebensauffassungen verschiedener Kulturen, starren gesellschaftlichen Konventionen, menschlichen Zweifeln und vor allem vom Glauben. Dem Glaube an Götter und Mythen, an Technik, an Rituale, an die Natur und den Geist an sich. Es ist eine Frage des Standpunkts, wo oben ist und wo unten, wo der Anfang ist und wo das Ende.
Des Autors philosophischer Ansatz ist ein Angebot; ein Vorschlag an die Leser, sich selbst auf eine mentale Reise zu begeben, Inseln zu entdecken, störende Trümmer wegzuräumen, neue Denkgebäude zu errichten. Hier wird mit leichter Feder und freiem Geist ein Plädoyer für die Menschlichkeit und die Freundschaft gehalten, wie es schöner kaum sein könnte. Fast wirkt dieser Roman schon wie ein Vermächtnis, wie ein Credo. Geübte Pratchett-Leser werden mitunter Ähnlichkeiten zu Scheibenwelt-Geschichten und -figuren feststellen. Die junge Heldin bspw. erinnert mich an die kleine Hexe Tiffany, die auf der Scheibenwelt gerade zu einer neuen Hauptfigur avanciert. Und dann ist da noch der englische Über-Dramatiker Shakespeare und sein finales Werk Der Sturm, zu denen sich reihenweise Parallelen aufdrängen.
A pro pos Parallelen: Pratchett siedelt sein Buch ausdrücklich in einem Parallel-Universum an; also einer Welt, in der vieles so gelaufen ist wie in unserer Welt, aber eben nicht alles. Der vom Schreiber durchgängig verwendete typisch britische Humor ist tiefschwarz. Beispiel gefällig? Zum Eingeborenen Mau lässt er die kleine englische Lady sagen:
Ich denke nicht, dass wir klüger sind. Ich glaube eher, dass man einfach lernen muss, neue Dinge zu machen, wenn es ein halbes Jahr lang so kalt ist. Ich schätze, wir haben unser Empire nur wegen des Wetters erobert. Alles war besser, als zu Hause im Regen zu sitzen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass einige Leute aus dem Fenster gesehen haben und dann lieber losgestürmt sind, um Indien und Afrika zu entdecken.
Pratchett hat in seiner unnachahmlichen Art einstmals postuliert: Ein Schriftsteller, der behauptet tiefsinnig zu sein, ist ein Idiot. Das mag durchaus sein, Sir Pratchett.
Bezeichnen wir also deshalb den Autor nicht als tiefsinnig. Sein hier vorliegendes Meisterwerk verdient aber durchaus dieses Etikett. Im Sommer erscheint Eine Insel noch einmal in einer Jugendbuchausgabe. Eine gute Idee.
OLAF SCHULZE
Terry Pratchett - Eine Insel (Originaltitel: Nation), erschienen April 2009, beim Goldmann Verlag, München. 19,95 €.
Der nnz online freundlicherweise zur Verfügung gestellt vom Buchhaus Rose, Nordhausen.
