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Mo, 18:50 Uhr
09.11.2009

nnz/kn-doku: Super-Gedenk-Jahr

Roland Meixelsberger und Dorothea Marx haben einen Text geschrieben, den Meixelsberger auf Einladung der jüdischen Gemeinde in Nordhausen zum Gedenken an die Nazipogrome gehalten hat. Innerhalb der doku-Reihe veröffentlicht die nnz das Manuskript...


Wir befinden uns in einem gefühlten »Super-Gedenk-Jahr«. Da nimmt sich der 09. November nicht aus. Im Gegenteil, ein Blick in die Geschichte sollte genügen um sich bewusst zu machen, wessen nicht alles gedacht werden könnte. Nun wollte es der Lauf der Zeit und Geschehnisse so, dass auf den 09. November das »Novemberpogrom« von 1938 fällt, ebenso wie der Fall der Mauer 1989.

Überall liest und hört Mensch in den letzten Tagen von Feierlichkeiten zum 20. Jahrestag des Mauerfalls, dem friedlichen und erfolgreichen Kampf um die Freiheit, durch das Volk der DDR. Sicher, es ist gut das die Mauer fiel und das ein System als gescheitert erklärt wurde, welches weder kommunistisch (im Marx’schen Sinne) noch per-se antifaschistisch war, aber den
Anspruch daran erhob. Das die DDR durch den Stalinismus geprägt war, machte es nicht einfach, in ihr [DDR] zu leben und zu überleben.

Weder als »normaler« Mensch, noch bspw. als Gastarbeiter_in oder als Jüdin oder Jude. In der DDR gab es rassistische, wie antisemitische Einstellungen, wie auch eine faschistische extrem rechte Strömung, welche sich der Vorurteile bedienten und Ausgrenzung stützten und ermöglichten. In der DDR wurde, wie in der parallel existierenden BRD, vieles aus den Strukturen der NS-Organisationen übernommen. Seien es Personen aus Amt und Würden, Organisationsformen oder Erziehungsmethoden. Eine Aufarbeitung der NS-Geschichte hat es in der DDR, das belegen mittlerweile etliche Veröffentlichungen, nicht wirklich gegeben. Und das schließt den 09. November mit ein.

Darum die Frage: »Wie begehen wir einen Tag, der für die Einen den Beginn einer totalen Vernichtung zum Bild hat und für Andere Befreiung bedeutet?« und »Warum fällt es vielen mittlerweile so leicht, die Bedeutung des 09. 11. nur auf den Fall der Mauer zu legen und die »Novemberpogrome« von 1938 zu verdrängen?«

Für uns liegt bei aller Freude über den Fall der Mauer die Bedeutung klar auf dem Gedenken der »Novemberpogrome« von 1938. Der 9. November ist somit kein Tag, um zu feiern, sondern der Tag, an dem die Deutschen 1938 ihre Bereitschaft zum Holocaust erklärten. Dem Gedenken an die deutschen Verbrechen im Nationalsozialismus auch weiterhin Gehör zu verschaffen bleibt die wichtigste Aufgabe. Der Schwur der Überlebenden von Buchenwald war und ist für uns immer Verpflichtung zum Handeln und muss es auch in Zukunft bleiben, denn ihr Traum von einer »neuen Welt des Friedens und der Freiheit« ist noch lange nicht erfüllt.

Der ehemalige Vize-Präsident des Internationalen Buchenwald-Komitees, Emil Carlebach, brachte es anlässlich der Feierlichkeiten zum 50.Jahrestag der Befreiung auf den Punkt: »Zu Frieden und Freiheit aber gehört auch die Tradition des Kampfes gegen den Faschismus, gegen Antisemitismus und Herrenmenschentum. In diesem Kampf waren wir vereint, in diesem Kampf bleiben wir vereint.« Im leisen frage wir uns: »Sind wir nicht schon längst wieder auf dem Weg, auf dem Weg hin zu einem akzeptierten und als solchen nicht mehr wahrgenommen Antisemitismus?… und was folgt als nächstes?

Waren die Deutschen, und auch die Europäer, nicht schon einmal soweit, dass sie antisemitische Einstellungen als »normal«, als alltäglich und gesellschaftsfähig ansahen?« Was dem kollektiven Antisemitismus seiner Zeit folgte, dass wissen wir heute. Im Gedenken der »Novemberpogrome« von 1938 und der damit einhergehenden beginnenden Judenverfolgung und systematischen Judenvernichtung sollte dementsprechend der heutige Antisemitismus mit zur Sprache gebracht werden.

Das gefährliche an Ihm ist, dass er von vielen als solcher nicht (mehr) wahrgenommen wird. Was zum einen an seiner Alltäglichkeit – in Witzen, Sprüchen und häufig verwendeten Wort- und Redensformen – liegt, aber auch daran, dass er sich nicht mehr offen zur Schau stellt. Zu versteckt sind Andeutungen, die sich beispielsweise hinter einer vermeintlichen Kapitalismuskritik oder einem Anti-Amerikanismus verstecken. Der nicht aufgearbeitete Antisemitismus in Ostdeutschland trifft auf einen neuen, gesamtdeutschen und globalisierten Antisemitismus, der sich jugendkulturell Bahn bricht und verschwörungstheoretisch nährt. Er reicht aktuell von globalisierungskritischen,
antisemitischen Karikaturen über eine antisemitische Israel-Feindschaft bis hin zu Hassdiskussionen über den Nahost-Konflikt in den sozialen Netzwerken wie »Studi-VZ« und
»Facebook«.

Zu nahrhaft ist der Boden in Kneipen, an Stammtischen, in Vereinen, in Gremien des sozialen und politischen Lebens und Jugendeinrichtungen. Zu fließend ist die Grenze zu dem, was als antisemitisch wahrgenommen wird und was nicht. Antisemitismus ist nicht nur eine Bedrohung für Jüdinnen und Juden, sondern auch für die Demokratie. Diesen Konsens gilt es immer wieder ins Gedächtnis zu rufen. Das zeigen gerade die jüngsten antisemitischen Übergriffe, wie beispielsweise in Hamburg Ende Oktober: dort konnte ein Film von Claude Lanzmann über Israel nicht gezeigt werden, weil Demonstranten den Eingang zum Kino blockierten und Besucherinnen und Besucher mit Gewalt und Beschimpfungen wie »Judenschweine« von der Vorführung fern hielten.

Auch finden sich wieder verstärkt antisemitische Schmierereien an Häuserwänden in deutschen
Städten: Beispiel Dresden. In der Nacht vom 07. auf den 08. November wurden Hakenkreuze und
anti-jüdische und anti-israelische Schmierereien an der alten Synagoge angebracht. Beispiel Eschwege. Dort wurde im Oktober an eine Hauswand in Großbuchstaben »Jude« und »Huso« (für Hurensohn) gesprüht. Auch die Schändung von »Stolpersteinen« ist an der Tagesordnung, wie beispielsweise im August in Berlin Pankow oder im September in Bremen. Sogar Beleidigung oder Bedrohung jüdischer Menschen sind keine Seltenheit: Ende August wurde ein jüdischer Mann und sein Begleiter in Berlin Zehlendorf mit Bierflaschen geworfen und beschimpft und eine Gruppe von Jugendlichen aus Israel in Waren an der Müritz vor wenigen Tagen angegriffen.

In Nordhausen findet sich der Antisemitismus beispielsweise in Kneipen wieder, die nicht als reine »Nazikneipen« bezeichnet werden können. Wo aber die extreme Rechte und der Antisemitismus einen Raum einnehmen, der Ihnen meist unhinterfragt und ohne oder wenig Gegenwehr überlassen wird. Die daraus resultierende Freiheit in der Argumentation kann schnell in ein aggressives Auftreten und Handeln umschlagen. Beispiele dafür hat Nordhausen trauriger weise auch schon erleben müssen. Erinnert sei dabei nur an Parolen wie: »Wir bauen eine U-Bahn von Nordhausen bis Auschwitz« oder »Jena bzw. Sondershausen-Judenschweine« bei Fußballspielen.

Erinnert sei hier aber auch an SS-/ und anti-jüdische Schmierereien an Hauswänden oder an Drohbriefe an die jüdische Gemeinde. Das dies nur die Spitze des Eisberges ist und sein kann, sollte in Anbetracht der Erfahrungen und den Erkenntnissen aus NS-Zeit, DDR oder jüngerer deutscher Geschichte, durchaus bewusst sein. Darum ist es und bleibt es wichtig, Tage wie die der »Novemberpogrome« von 1938, der Befreiung von Auschwitz oder der Niederschlagung der NS-Diktatur im allgemeinen Gedächtnis zu behalten.

Doch nicht in einem verklärten, weich gespülten, Geschichtsbild, wo unter anderem eine NS-Diktatur mit der der DDR gleichgesetzt wird. Sondern mit einem offenen, wachen und vor allem klar differenzierenden Blick für das, was war und für das, was ist. Aussagen wie: »Wir haben davon nichts gewusst« oder »Das gab/gibt es bei uns nicht« können in dem Kontext einer sich selbst bezeichnenden aufgeklärten und sich demokratisch freiheitlich nennenden Gesellschaft nur als Ausreden angesehen werden. Sie können gar als Leugnung und Relativierung des Geschehenen betrachtet werden, welche das eigene aber auch das kollektive Gewissen entlasten und frei sprechen sollen.

…wir hoffen nicht! Doch die Augen mögen wir nicht verschließen. Weder vor der
Vergangenheit des Nationalsozialismus, noch vor der der DDR oder der jüngeren deutschen Geschichte. Zu vieles ging gemeinsam einher, zu vieles wird mit dem Anderen versucht gleichzusetzen. Beides, NS und DDR, waren Diktaturen und damit hört es für uns an Gleichnis auf. Der Rest, der sollte differenziert betrachtet und gewertet werden. Nichts spielt der »Neuen Rechten« und »extremen Rechten«, sowie den »Alt-Stalinisten« und »Alt-Kommunisten« und verklärten »DDR-Romantikern« mehr in die Hände, als Gleichsetzung und Verharmlosung. –

Das sollte mit ein Grund sein, warum am 09. November der »Novemberpogrome« von 1938 und den jüdischen Opfern gedacht werden muss und warum ein Feiern an dem Tag bedacht und ausgewogen sein sollte. Nichts ist schlimmer, als Geschichte zu verharmlosen oder im schlimmsten Fall zu negieren.

Schließen möchten wir mit den Worten von Paul Spiegel. Der ehemalige Vorsitzende des
Zentralrats der Juden in Deutschland warnte schon in seiner Rede zum 9.November 2000: »(…) dieses Datum für alle Deutschen auch ein Tag der Freude. Es darf aber niemals das Gedenken an den 9. November 1938 – an den staatlich organisierten Pogrom – verdrängen und schon gar nicht zu einem ›Feiertag 9.November‹ führen. Denn Volksfeststimmung mit Würstchenbuden und Bierzelten, die der Freude über die Niederreißung der Mauer angemessen sind, taugen nicht zum Gedenken an die Millionen von Toten des Nazi-Terrors.«
Dorothea Marx // Roland Meixelsberger // November 2009
Autor: nnz/kn

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