Fr, 09:39 Uhr
27.11.2009
nnz/kn-Betrachtung: Der Rausschmiss
Herr Lochthofen, intern das "Große L" genannt, muss seinen Sessel als Chef-Redakteur der Thüringer Allgemeine räumen. Eigentlich ein ganz normaler Vorgang? Nein! Deshalb der Versuch einer Betrachtung.
Eigentlich kann mir das, was da zwischen Essen und Erfurt derzeit passiert, völlig egal sein. Was den Menschen Lochthofen anbelangt, ist es das auch. Es geht jedoch um mehr. Es geht um eine Tendenz, die ich an dieser Stelle bereits mehrfach beschrieben und beklagt habe. Es geht um den Verlust von Werten: Im Umgang mit Menschen und was noch viel erdrückender ist, im Umgang mit der Gesellschaft.
Fakt ist: Ein Chefredakteur ist eine Instanz. Immer. Er muss tagtäglich den Spagat zwischen "Liebe" und Hass" aushalten, der ihm sowohl von seinen Redakteuren als auch seiner Leserschaft in ihrer Gesamtheit entgegen schlägt. Und er muss den Spagat zwischen Redaktion und Verlag aushalten können (ich habe da eigene Erfahrungen überstanden). Dieses Spiel zwischen den kaufmännischen Zahlen und den Inhalten, den Grundpositionen redaktioneller Unabhängigkeit, gab und gibt es so lange, wie Zeitungen gedruckt oder Nachrichten im virtuellen Raum verbreitet werden.
Nur, das Aushalten dieses Spiels, das Einhalten von Regeln, das Verständnis beider Seiten füreinander, hat das letztlich ausgemacht, was schlechthin als Journalismus in diesem Lande bezeichnet wird. Es gab große verlegerische Persönlichkeiten - Augstein auf der einen, Springer auf der anderen Seite - die dem Ethos des Verlegertums gerecht wurden. Dazu gehörte vor vielen vielen Jahren auch die Westdeutsche Allgemeine Zeitung, heute als die WAZ-Mediengruppe bekannt.
Die Generationen der "Alten" hat das Schiff längst verlassen, hat das Steuer an die nächste Generation übergeben. Und da spielen plötzlich nicht mehr der Leser, die journalistische Arbeit, der qualitative Anspruch eine Rolle, die nächste Generation nach den "Alten" setzt auf Zahlen, auf Gier nach Profit, nach Befriedigung der Anteilseigner, die oftmals nicht mehr in jenem Land Zuhause sind, in dem die Rezipienten des jeweiligen Medium beheimatet sind.
Ein Mediengeschäftsführer der Radiobranche brachte es mir gegenüber auf den Punkt: Wenn mit dem Abspielen polnischer Volkslieder mehr Geld zu verdienen ist, dann werden eben 24 Stunden polnische Volkslieder gespielt. Punkt.
Das große "L", so hört man nun in Kollegenkreisen, wollte sein "Kind", die TA, weiter qualitativ entwickeln. Qualität im Journalismus jedoch hat ihren Preis: Gehalt und Honorar. Es sind Ausgaben, die den sinkenden Einnahmen aus dem Anzeigengeschäft und dem Verkauf gegenüberstehen. Statt eine Zeitung so attraktiv zu machen, dass sie tagtäglich gekauft, ja förmlich begehrt wird, geht man in Essen einen anderen Weg. Die drei Ruhrgebietszeitungen haben es vorgemacht. Man schafft Synergien. Das wird wohl auch in Thüringen so kommen.
Sergej Lochthofen ist ein Opfer dieser Synergien geworden, die anderen Chefredakteure der Zeitungsgruppe Thüringen hatten gegen diese Synergien keinen Widerstand aufgebracht. Mit dem Abschied des TA-Chefredakteurs geht in Erfurt nicht nur eine personelle Ära zu Ende, es geht vermutlich auch die Ära der Überparteilichkeit, der Unabhängigkeit zu Ende. Das Steuer wird in den kommenden Wochen und Monaten das Kapital übernehmen und viele freundliche Berichte über Unternehmen, Unternehmer, über Wirtschaftsverbände werden zu lesen sein. Ob dann noch eine schützende Hand wie die des großen "L" über den Redaktionen liegen wird, scheint fraglich.
Eine Entwicklung wird einsetzen, die außerhalb der Redaktionen kaum bemerkt wird. Das ist auch so gewollt. Diese Prozesse müssen schleichend geschehen. Mitunter gibt es einen Paukenschlag, wenn es Hindernisse gibt. Ein Hindernis heißt Sergej Lochthofen.
Peter-Stefan Greiner
Autor: nnz/knEigentlich kann mir das, was da zwischen Essen und Erfurt derzeit passiert, völlig egal sein. Was den Menschen Lochthofen anbelangt, ist es das auch. Es geht jedoch um mehr. Es geht um eine Tendenz, die ich an dieser Stelle bereits mehrfach beschrieben und beklagt habe. Es geht um den Verlust von Werten: Im Umgang mit Menschen und was noch viel erdrückender ist, im Umgang mit der Gesellschaft.
Fakt ist: Ein Chefredakteur ist eine Instanz. Immer. Er muss tagtäglich den Spagat zwischen "Liebe" und Hass" aushalten, der ihm sowohl von seinen Redakteuren als auch seiner Leserschaft in ihrer Gesamtheit entgegen schlägt. Und er muss den Spagat zwischen Redaktion und Verlag aushalten können (ich habe da eigene Erfahrungen überstanden). Dieses Spiel zwischen den kaufmännischen Zahlen und den Inhalten, den Grundpositionen redaktioneller Unabhängigkeit, gab und gibt es so lange, wie Zeitungen gedruckt oder Nachrichten im virtuellen Raum verbreitet werden.
Nur, das Aushalten dieses Spiels, das Einhalten von Regeln, das Verständnis beider Seiten füreinander, hat das letztlich ausgemacht, was schlechthin als Journalismus in diesem Lande bezeichnet wird. Es gab große verlegerische Persönlichkeiten - Augstein auf der einen, Springer auf der anderen Seite - die dem Ethos des Verlegertums gerecht wurden. Dazu gehörte vor vielen vielen Jahren auch die Westdeutsche Allgemeine Zeitung, heute als die WAZ-Mediengruppe bekannt.
Die Generationen der "Alten" hat das Schiff längst verlassen, hat das Steuer an die nächste Generation übergeben. Und da spielen plötzlich nicht mehr der Leser, die journalistische Arbeit, der qualitative Anspruch eine Rolle, die nächste Generation nach den "Alten" setzt auf Zahlen, auf Gier nach Profit, nach Befriedigung der Anteilseigner, die oftmals nicht mehr in jenem Land Zuhause sind, in dem die Rezipienten des jeweiligen Medium beheimatet sind.
Ein Mediengeschäftsführer der Radiobranche brachte es mir gegenüber auf den Punkt: Wenn mit dem Abspielen polnischer Volkslieder mehr Geld zu verdienen ist, dann werden eben 24 Stunden polnische Volkslieder gespielt. Punkt.
Das große "L", so hört man nun in Kollegenkreisen, wollte sein "Kind", die TA, weiter qualitativ entwickeln. Qualität im Journalismus jedoch hat ihren Preis: Gehalt und Honorar. Es sind Ausgaben, die den sinkenden Einnahmen aus dem Anzeigengeschäft und dem Verkauf gegenüberstehen. Statt eine Zeitung so attraktiv zu machen, dass sie tagtäglich gekauft, ja förmlich begehrt wird, geht man in Essen einen anderen Weg. Die drei Ruhrgebietszeitungen haben es vorgemacht. Man schafft Synergien. Das wird wohl auch in Thüringen so kommen.
Sergej Lochthofen ist ein Opfer dieser Synergien geworden, die anderen Chefredakteure der Zeitungsgruppe Thüringen hatten gegen diese Synergien keinen Widerstand aufgebracht. Mit dem Abschied des TA-Chefredakteurs geht in Erfurt nicht nur eine personelle Ära zu Ende, es geht vermutlich auch die Ära der Überparteilichkeit, der Unabhängigkeit zu Ende. Das Steuer wird in den kommenden Wochen und Monaten das Kapital übernehmen und viele freundliche Berichte über Unternehmen, Unternehmer, über Wirtschaftsverbände werden zu lesen sein. Ob dann noch eine schützende Hand wie die des großen "L" über den Redaktionen liegen wird, scheint fraglich.
Eine Entwicklung wird einsetzen, die außerhalb der Redaktionen kaum bemerkt wird. Das ist auch so gewollt. Diese Prozesse müssen schleichend geschehen. Mitunter gibt es einen Paukenschlag, wenn es Hindernisse gibt. Ein Hindernis heißt Sergej Lochthofen.
Peter-Stefan Greiner
