Di, 07:00 Uhr
10.08.2010
Im Totaleinsatz
Ein Themenfeld dem die Historiker der KZ-Gedenkstätte Mittelbau Dora ihre Aufmerksamkeit widmen, ist die Geschichte der Zwangsarbeit im Dritten Reich. Die Ausstellung "Im Totaleinsatz", die am gestrigen Abend eröffnet wurde, rückt das Schicksal der tschechischen Zwangsarbeiter exemplarisch in den Mittelpunkt...
"Das KZ Mittelbau Dora kann als exemplarisch für KZ-Zwangsarbeit im Dritten Reich gesehen werden. Die Konzentrationslager sind gleichfalls aber nur der grausame Kern des Nationalsozialistischen Lagersystems", so der Leiter der Gedenkstätte Dr. Jens-Christian Wagner, der die Ausstellung "Totaleinsatz" heute eröffnete. Da die wahren Ausmaße und die Systematik der Zwangsarbeit während der NS-Herrschaft den wenigsten bekannt sind, will man am Beispiel tschechischer Zwangsarbeiter, auch Mittels der Ausstellung, das Thema vertiefen.
Etwa 450.000 tschechische Zwangsarbeiter verrichteten die ihnen aufgezwungenen Dienste in Nazi-Deutschland zwischen 1939 und 1945. Sie waren, neben den Juden, die erste, und somit auch die am längsten ausgebeutete Bevölkerungsgruppe im Dritten Reich. Nachdem die Tschechischen Grenzgebiete anno 1939 annektiert und zum Protekorat Böhmen und Mähren umbenannt worden waren, kamen viele Tschechen, oder "Protektoratsangehörige", noch freiwillig ins Reich um zu arbeiten. Mit der Intensivierung des Krieges in den folgenden Jahren stieg der Bedarf der Rüstungsindustrie an billigen Arbeitskräften. Je weiter der Krieg voranschritt, desto unverhohlener wurden "Fremdarbeiter" per Gesetz und unter Drohungen dazu gezwungen, im Reich zu arbeiten. Das waren neben Polen und anderen "Ostarbeitern" vor allem auch Tschechen.
Die reich bebilderte Ausstellung zeigt, neben dem Schicksal der Arbeiter, chronologisch wie die Nazis die Methoden der Zwangsrekrutierung und Repression im besetzten Tschechien immer weiter ausbauten und radikalisierten. Warben die Nazis zu Anfang noch um Arbeitskräfte, ging man bald dazu über, die Arbeitspflicht einzuführen. Ab 1942 wurden ganze Jahrgänge tschechischer Männer zwangsverpflichtet. Im Protektorat selbst errichtete man sogenannte "Arbeitserziehungslager" in denen die Strafen zwar drakonisch, aber kurz waren, und vor allem der Abschreckung von etwaigen anderen Quertreibern und dem Erhalt der Arbeitskraft dienten.
Die tschechischen Zwangsarbeiter wurden vor allem in Rüstungsbetrieben, bei der Post und der Bahn, später auch in Sondereinheiten zum Befestigungsbau oder der Trümmerbeseitigung eingesetzt. Eingepfercht in Lagern, Zwölfstundenschichten, sechs Tage die Woche, mangelhafte Ernährung und Unterbringung, durch den Einsatz in der Kriegswirtschaft häufig dem alliierten Bombardement ausgesetzt, trotz der harten Bedingungen hatten es die Tschechischen Zwangsarbeiter immer noch vergleichsweise besser als die meisten Polen, Russen, Sinti und Roma, von den Juden ganz zu schweigen. Ihre Arbeitskraft wurde aus taktisch-wirtschaftlichen Gründen längerfristig gebraucht, die Arbeit sollte sie nicht vernichten. Viele Zeitzeugen gibt es heute dennoch nicht mehr. Um den tausenden geschundenen Arbeitern auch ein Gesicht zu geben, zeigt die Ausstellung "Totaleinsatz" auch drei Biographien ehemaliger Zwangsarbeiter auf.
Außerdem umfasst sie auch einen Teil, der sich mit der jüngeren Vergangenheit, der Entschädigung, auseinandersetzt. Bis Ende der neunziger Jahre galten gerade die Tschechen als "die vergessenen Opfer". Erst mit der Gründung des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds im Jahr 1997 kam Bewegung in die Sache. Der Fonds, dessen Hauptaufgabe es ist die Auszahlungen von Entschädigungen zu überwachen und die ehemaligen Opfer zu betreuen, hat maßgeblich an der Entstehung der Ausstellung mitgewirkt. "Das Bewusstsein über die NS-Verbrechen muss in unserem historischem Gedächtnis immer einen Platz haben" so Dr. Thomas Jelinek, der den Fonds bei der Eröffnung vertrat.
Das die Ausstellung gerade von Nordhausen aus auf Wanderschaft gehen wird, liegt indes nicht nur am Interesse der hiesigen Historiker. "Es ergeben sich aus historischen Gründen enge regionale Verbindungslinien zwischen Nordhausen und dem ehemaligen Protektorat Böhmen und Mähren. Zum einem waren etwa 1700 politische Häftlinge aus Tschechien in Dora inhaftiert, zum anderen bildete Nordhausen während des "Totaleinsatzes" mit seinen zwei großen Zwangsarbeiterlagern einen regionalen Schwerpunkt." berichtete Dr. Jens-Christian Wagner. Gemeint sind die Außenstelle des Lagers Dora in Niedersachswerfen, sowie die berüchtigte Boelke Kaserne in Nordhausen selbst, in der etwa 6000 Zwangsarbeiter aus ganz Europa für lokale Unternehmen schuften oder auch Flugzeugteile für Junkers bauen mussten.
Neben der Ausstellung selbst ist ein hervorragender zweisprachiger Begleitband entstanden, in dem die historischen Fakten und Abläufe noch einmal auf deutsch sowie auf tschechisch im Detail und anhand vieler eindrucksvoller Bilder und Momentaufnahmen erläutert werden.
Zur gestrigen Eröffnung war Dr. Jens-Christian Wagner freudig überrascht wie viele Besucher gekommen waren. Wenn die Ausstellung im Januar die Gedenkstätte wieder verlässt werden sie sicher noch viele weitere Besucher gesehen haben.
Autor: agl"Das KZ Mittelbau Dora kann als exemplarisch für KZ-Zwangsarbeit im Dritten Reich gesehen werden. Die Konzentrationslager sind gleichfalls aber nur der grausame Kern des Nationalsozialistischen Lagersystems", so der Leiter der Gedenkstätte Dr. Jens-Christian Wagner, der die Ausstellung "Totaleinsatz" heute eröffnete. Da die wahren Ausmaße und die Systematik der Zwangsarbeit während der NS-Herrschaft den wenigsten bekannt sind, will man am Beispiel tschechischer Zwangsarbeiter, auch Mittels der Ausstellung, das Thema vertiefen.
Etwa 450.000 tschechische Zwangsarbeiter verrichteten die ihnen aufgezwungenen Dienste in Nazi-Deutschland zwischen 1939 und 1945. Sie waren, neben den Juden, die erste, und somit auch die am längsten ausgebeutete Bevölkerungsgruppe im Dritten Reich. Nachdem die Tschechischen Grenzgebiete anno 1939 annektiert und zum Protekorat Böhmen und Mähren umbenannt worden waren, kamen viele Tschechen, oder "Protektoratsangehörige", noch freiwillig ins Reich um zu arbeiten. Mit der Intensivierung des Krieges in den folgenden Jahren stieg der Bedarf der Rüstungsindustrie an billigen Arbeitskräften. Je weiter der Krieg voranschritt, desto unverhohlener wurden "Fremdarbeiter" per Gesetz und unter Drohungen dazu gezwungen, im Reich zu arbeiten. Das waren neben Polen und anderen "Ostarbeitern" vor allem auch Tschechen.
Die reich bebilderte Ausstellung zeigt, neben dem Schicksal der Arbeiter, chronologisch wie die Nazis die Methoden der Zwangsrekrutierung und Repression im besetzten Tschechien immer weiter ausbauten und radikalisierten. Warben die Nazis zu Anfang noch um Arbeitskräfte, ging man bald dazu über, die Arbeitspflicht einzuführen. Ab 1942 wurden ganze Jahrgänge tschechischer Männer zwangsverpflichtet. Im Protektorat selbst errichtete man sogenannte "Arbeitserziehungslager" in denen die Strafen zwar drakonisch, aber kurz waren, und vor allem der Abschreckung von etwaigen anderen Quertreibern und dem Erhalt der Arbeitskraft dienten.
Die tschechischen Zwangsarbeiter wurden vor allem in Rüstungsbetrieben, bei der Post und der Bahn, später auch in Sondereinheiten zum Befestigungsbau oder der Trümmerbeseitigung eingesetzt. Eingepfercht in Lagern, Zwölfstundenschichten, sechs Tage die Woche, mangelhafte Ernährung und Unterbringung, durch den Einsatz in der Kriegswirtschaft häufig dem alliierten Bombardement ausgesetzt, trotz der harten Bedingungen hatten es die Tschechischen Zwangsarbeiter immer noch vergleichsweise besser als die meisten Polen, Russen, Sinti und Roma, von den Juden ganz zu schweigen. Ihre Arbeitskraft wurde aus taktisch-wirtschaftlichen Gründen längerfristig gebraucht, die Arbeit sollte sie nicht vernichten. Viele Zeitzeugen gibt es heute dennoch nicht mehr. Um den tausenden geschundenen Arbeitern auch ein Gesicht zu geben, zeigt die Ausstellung "Totaleinsatz" auch drei Biographien ehemaliger Zwangsarbeiter auf.
Außerdem umfasst sie auch einen Teil, der sich mit der jüngeren Vergangenheit, der Entschädigung, auseinandersetzt. Bis Ende der neunziger Jahre galten gerade die Tschechen als "die vergessenen Opfer". Erst mit der Gründung des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds im Jahr 1997 kam Bewegung in die Sache. Der Fonds, dessen Hauptaufgabe es ist die Auszahlungen von Entschädigungen zu überwachen und die ehemaligen Opfer zu betreuen, hat maßgeblich an der Entstehung der Ausstellung mitgewirkt. "Das Bewusstsein über die NS-Verbrechen muss in unserem historischem Gedächtnis immer einen Platz haben" so Dr. Thomas Jelinek, der den Fonds bei der Eröffnung vertrat.
Das die Ausstellung gerade von Nordhausen aus auf Wanderschaft gehen wird, liegt indes nicht nur am Interesse der hiesigen Historiker. "Es ergeben sich aus historischen Gründen enge regionale Verbindungslinien zwischen Nordhausen und dem ehemaligen Protektorat Böhmen und Mähren. Zum einem waren etwa 1700 politische Häftlinge aus Tschechien in Dora inhaftiert, zum anderen bildete Nordhausen während des "Totaleinsatzes" mit seinen zwei großen Zwangsarbeiterlagern einen regionalen Schwerpunkt." berichtete Dr. Jens-Christian Wagner. Gemeint sind die Außenstelle des Lagers Dora in Niedersachswerfen, sowie die berüchtigte Boelke Kaserne in Nordhausen selbst, in der etwa 6000 Zwangsarbeiter aus ganz Europa für lokale Unternehmen schuften oder auch Flugzeugteile für Junkers bauen mussten.
Neben der Ausstellung selbst ist ein hervorragender zweisprachiger Begleitband entstanden, in dem die historischen Fakten und Abläufe noch einmal auf deutsch sowie auf tschechisch im Detail und anhand vieler eindrucksvoller Bilder und Momentaufnahmen erläutert werden.
Zur gestrigen Eröffnung war Dr. Jens-Christian Wagner freudig überrascht wie viele Besucher gekommen waren. Wenn die Ausstellung im Januar die Gedenkstätte wieder verlässt werden sie sicher noch viele weitere Besucher gesehen haben.

