Mo, 07:41 Uhr
20.09.2010
Reihe "Sonderbares aus Sondershausen" (4)
Was ist eine Zeitung ohne Glossen, die aktuelle Probleme auf die Schippe nimmt. In unserer Reihe "Sonderbares aus Sondershausen" wird sich Eric Sommer heute dem Thema Ökofalle Brenntage widmen...
Seit die Kartoffel vor 500 Jahren nach Europa kam, hat man das Kraut im Herbst nach der Ernte aufgehäuft und verbrannt, um die Ausbreitung von Krankheiten und Pflanzenschädlingen einzudämmen. Da die Kartoffelernte erst nach dem Absterben der oberirdischen Pflanzenteile und aus nachvollziehbaren Gründen möglichst bei trockenem Herbstwetter erfolgte, hielt sich die Luftbelastung in Grenzen, obgleich aufsteigende Rauchschwaden mit charakteristischem Geruch ankündigten, dass es bald frische Kartoffeln geben würde. Ähnlich verfuhr man mit anderen befallenen oder nicht zur Kompostierung geeigneten Pflanzenteilen. Damals richtete man sich bei der Auswahl des Zeitpunktes nach den Erfordernissen der Natur und den Wetterverhältnissen und zur Kontrolle reichte die Vernunft und das verantwortungsvolle Handeln der Bauern.
Heute leben wir in einer modernen, freien, aber dennoch immer mehr fremdbestimmten Gesellschaft. Bürokratische Schreibtischgesetze bestimmen, ob und wann das Ritual der herbstlichen Verbrennung vollzogen werden darf, oder ob es nicht unter dem Deckmantel der Ökologie gar ganz zu unterbleiben hat.
Und wir, die wir da glauben ein ökologisches Bewusstsein entwickelt zu haben, haben ein Einsehen und tappen blindlings in die nächste Ökofalle. Schließlich kann man ja riechen, wie die Luft durch die Kleingärtner mit verbranntem Kohlenstoff verseucht wird, wie unverbrannte Partikel die Feinstaubproblematik über der Stadt ins schier Unerträgliche steigern und sich gelegentlich sogar aggressive Rußteilchen an unsere chemisch gebleichte, antibakteriell behandelte, magnolienaromaweichgespülte Synthetikwäsche setzen.
Bereitwillig folgen wir den Parolen zur Abschaffung der leidigen Verbrennerei, ohne zu bemerken, dass erst die restriktiven Festlegungen zu diesen unangenehmen Nebenwirkungen geführt haben, denn heute in unserer zivilisierten, geregelten Gesellschaft verbrennen wir regenfeuchtes Gesträuch an nebelschweren Samstagnachmittagen im Herbst, weil wir unter der Woche arbeiten und sich das legalisierte Zeitfenster bereits nach wenigen Tagen wieder schließt. Dabei, und das kann man behaupten, ohne explizit den numerischen Beweis antreten zu müssen, sind ja die hobbytären Ackerbauaktivitäten im Zeitalter der Bioläden und Supermarktketten hinsichtlich ihrer Intensität nicht annährend mit der vom Broterwerb geprägten Naturbewirtschaftung im Sondershäuser Umland des Präkapitalismus zu vergleichen.
Was wir allerdings nicht zur Kenntnis nehmen, ist der Umstand, dass handfeste monetäre Interessen hinter all dem stecken, denn Mehrwert lässt sich überall dort erzielen, wo es gelingt, den Menschen mehr oder weniger von seiner natürlichen Basis abzukoppeln, von der Natur zu entfernen, um aus der Befriedigung grundlegender Lebensbedürfnisse Profit zu schlagen. Begonnen hat das bereits im Zweistromland mit der Herausbildung von Ackerbau und Viehzucht. Inzwischen ist uns der direkte Zugriff auf fast alle Lebensgrundlagen weitestgehend entzogen und diese sind entweder privatisiert, monopolisiert oder verstaatlicht. Das trifft mehr oder weniger zu auf Boden, Wasser, Abwasser, Nahrung, Energie, Müll und zunehmend auch auf den gesamten ökologischen Lebensraum. Damit einher geht ein seltsames Phänomen. Je mehr wir sparen, trennen, sortieren, dämmen, recyceln ect. umso teurer werden Wasser, Energie & Co.
Haben Sie es schon mal bemerkt? Wirtschaftlich betrachtet macht es heute keinen Sinn mehr, Obst oder Gemüse im Garten anzubauen. Alles was man dazu benötigt, ist, wenn man es nicht selbst herstellt und dabei die aufgewendete Zeit außer Acht lässt, teurer als die erzeugten Produkte gleich im Supermarkt zu kaufen.
Warum? Das System ist so organisiert. Grundsteuern, Wassergeld, Gebühren für Abwasser, das eigentlich die Pflanzen aufnehmen und in die Atmosphäre verdunsten, Saatgut, Dünger, Pflanzenschutz ect., Strom für Schredder und tausend andere Undinge schlagen zu Buche, damit eine einzige Johannesbeere wachsen kann. Und dann darf man den Strauchschnitt mittels brauner Tonne oder Biosack, ein Euro das Stück, der staatlichen Kompostieranlage andienen, um anschließend zweifelhafte Blumenerde zu kaufen und die eingeschleppten Krankheiten mit teurer Chemie zu bekämpfen. Inzwischen gibt es schon fast keine gesunde Kastanie mehr und die früher so beliebte Birne folgt ihr auf dem Fuße. Mehltau, Gitterost, Spitzendürre & Co. feiern indes wahre Feste und sammeln bereits Unterschriften zur Verschärfung der Brenntageregelungen.
Dabei hätte ein Streichholz genügt, das kranke Geäst durch kontrolliertes Abbrennen über den Umweg kostbarer Holzasche in wertvollen Dünger zu verwandeln. Und ganz nebenbei bemerkt, ist die Kompostierungsanlage auch nicht gerade ein ökologischer Königsweg, denn von den externen Energie- und Transportkosten abgesehen, setzt diese große Mengen des Treibhausgases Methan frei, das in der Regel einfach in die Atmosphäre entweicht. Die im kompostierten Biomaterial enthaltene Energie wird ebenfalls in keiner Weise genutzt, wenn man von der vorübergehenden Erhöhung der Lebensqualität der beteiligten Klein- und Mikroorganismen mal absieht.
Die einzige verantwortungsbewusste und ökologisch wertvolle Schlussfolgerung kann also nur eine Liberalisierung der Brenntage sein.
Klingt doch alles logisch. Oder?
Eric Sommer © ES
Autor: khhSeit die Kartoffel vor 500 Jahren nach Europa kam, hat man das Kraut im Herbst nach der Ernte aufgehäuft und verbrannt, um die Ausbreitung von Krankheiten und Pflanzenschädlingen einzudämmen. Da die Kartoffelernte erst nach dem Absterben der oberirdischen Pflanzenteile und aus nachvollziehbaren Gründen möglichst bei trockenem Herbstwetter erfolgte, hielt sich die Luftbelastung in Grenzen, obgleich aufsteigende Rauchschwaden mit charakteristischem Geruch ankündigten, dass es bald frische Kartoffeln geben würde. Ähnlich verfuhr man mit anderen befallenen oder nicht zur Kompostierung geeigneten Pflanzenteilen. Damals richtete man sich bei der Auswahl des Zeitpunktes nach den Erfordernissen der Natur und den Wetterverhältnissen und zur Kontrolle reichte die Vernunft und das verantwortungsvolle Handeln der Bauern.
Heute leben wir in einer modernen, freien, aber dennoch immer mehr fremdbestimmten Gesellschaft. Bürokratische Schreibtischgesetze bestimmen, ob und wann das Ritual der herbstlichen Verbrennung vollzogen werden darf, oder ob es nicht unter dem Deckmantel der Ökologie gar ganz zu unterbleiben hat.
Und wir, die wir da glauben ein ökologisches Bewusstsein entwickelt zu haben, haben ein Einsehen und tappen blindlings in die nächste Ökofalle. Schließlich kann man ja riechen, wie die Luft durch die Kleingärtner mit verbranntem Kohlenstoff verseucht wird, wie unverbrannte Partikel die Feinstaubproblematik über der Stadt ins schier Unerträgliche steigern und sich gelegentlich sogar aggressive Rußteilchen an unsere chemisch gebleichte, antibakteriell behandelte, magnolienaromaweichgespülte Synthetikwäsche setzen.
Bereitwillig folgen wir den Parolen zur Abschaffung der leidigen Verbrennerei, ohne zu bemerken, dass erst die restriktiven Festlegungen zu diesen unangenehmen Nebenwirkungen geführt haben, denn heute in unserer zivilisierten, geregelten Gesellschaft verbrennen wir regenfeuchtes Gesträuch an nebelschweren Samstagnachmittagen im Herbst, weil wir unter der Woche arbeiten und sich das legalisierte Zeitfenster bereits nach wenigen Tagen wieder schließt. Dabei, und das kann man behaupten, ohne explizit den numerischen Beweis antreten zu müssen, sind ja die hobbytären Ackerbauaktivitäten im Zeitalter der Bioläden und Supermarktketten hinsichtlich ihrer Intensität nicht annährend mit der vom Broterwerb geprägten Naturbewirtschaftung im Sondershäuser Umland des Präkapitalismus zu vergleichen.
Was wir allerdings nicht zur Kenntnis nehmen, ist der Umstand, dass handfeste monetäre Interessen hinter all dem stecken, denn Mehrwert lässt sich überall dort erzielen, wo es gelingt, den Menschen mehr oder weniger von seiner natürlichen Basis abzukoppeln, von der Natur zu entfernen, um aus der Befriedigung grundlegender Lebensbedürfnisse Profit zu schlagen. Begonnen hat das bereits im Zweistromland mit der Herausbildung von Ackerbau und Viehzucht. Inzwischen ist uns der direkte Zugriff auf fast alle Lebensgrundlagen weitestgehend entzogen und diese sind entweder privatisiert, monopolisiert oder verstaatlicht. Das trifft mehr oder weniger zu auf Boden, Wasser, Abwasser, Nahrung, Energie, Müll und zunehmend auch auf den gesamten ökologischen Lebensraum. Damit einher geht ein seltsames Phänomen. Je mehr wir sparen, trennen, sortieren, dämmen, recyceln ect. umso teurer werden Wasser, Energie & Co.
Haben Sie es schon mal bemerkt? Wirtschaftlich betrachtet macht es heute keinen Sinn mehr, Obst oder Gemüse im Garten anzubauen. Alles was man dazu benötigt, ist, wenn man es nicht selbst herstellt und dabei die aufgewendete Zeit außer Acht lässt, teurer als die erzeugten Produkte gleich im Supermarkt zu kaufen.
Warum? Das System ist so organisiert. Grundsteuern, Wassergeld, Gebühren für Abwasser, das eigentlich die Pflanzen aufnehmen und in die Atmosphäre verdunsten, Saatgut, Dünger, Pflanzenschutz ect., Strom für Schredder und tausend andere Undinge schlagen zu Buche, damit eine einzige Johannesbeere wachsen kann. Und dann darf man den Strauchschnitt mittels brauner Tonne oder Biosack, ein Euro das Stück, der staatlichen Kompostieranlage andienen, um anschließend zweifelhafte Blumenerde zu kaufen und die eingeschleppten Krankheiten mit teurer Chemie zu bekämpfen. Inzwischen gibt es schon fast keine gesunde Kastanie mehr und die früher so beliebte Birne folgt ihr auf dem Fuße. Mehltau, Gitterost, Spitzendürre & Co. feiern indes wahre Feste und sammeln bereits Unterschriften zur Verschärfung der Brenntageregelungen.
Dabei hätte ein Streichholz genügt, das kranke Geäst durch kontrolliertes Abbrennen über den Umweg kostbarer Holzasche in wertvollen Dünger zu verwandeln. Und ganz nebenbei bemerkt, ist die Kompostierungsanlage auch nicht gerade ein ökologischer Königsweg, denn von den externen Energie- und Transportkosten abgesehen, setzt diese große Mengen des Treibhausgases Methan frei, das in der Regel einfach in die Atmosphäre entweicht. Die im kompostierten Biomaterial enthaltene Energie wird ebenfalls in keiner Weise genutzt, wenn man von der vorübergehenden Erhöhung der Lebensqualität der beteiligten Klein- und Mikroorganismen mal absieht.
Die einzige verantwortungsbewusste und ökologisch wertvolle Schlussfolgerung kann also nur eine Liberalisierung der Brenntage sein.
Klingt doch alles logisch. Oder?
Eric Sommer © ES
