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Mo, 18:51 Uhr
08.11.2010

Vier Zugaben abgetrotzt

Am vergangenen Freitagabend traten James Harries & Band im Panorama Museum von Bad Frankenhausen auf. Für Sie dabei war Fred Böhme...

Auf der Bühne steht ein schlaksiger, junger Mann mit dunkler, wuschlig-ungebändigter Lockenpracht und wucherndem Bart am Kinn und schaut etwas schüchtern ins Publikum. Die Gitarre gibt ihm Halt und Sicherheit und er begrüßt sein Publikum mit seinen vorgekramten wenigen Brocken Deutsch, die ihm zur Verfügung stehen und sagt: "Tschüß!". Dieser unfreiwillige Irrtum löst Heiterkeit im Publikum aus, da erst bemerkt der junge Mann sein Versehen. Er ist doch wohl in einem anderen Land und sagt nun: "Hallo, guten Abend". Das Publikum klatscht. Er greift in die Saiten seiner Gitarre und beginnt das erste Lied…

James Harries (Foto: Fred Böhme) James Harries (Foto: Fred Böhme) James Harries ist im besten Sinne ein Europäer. Dieser englische Liedschreiber, Gitarrist und herausragende Sänger lebt seit 11 Jahren in Prag, spricht fließend Tschechisch, ein paar Brocken Holländisch und Deutsch, ist gerade aus Los Angeles zurückgekehrt, wo er die Songs seiner nächsten CD im Studio aufgenommen hat, präsentierte gerademal zwei Konzerte in Deutschland und eines davon just im Panorama Museum in Bad Frankenhausen. Mehr als 80 Besucher waren zu diesem außerordentlichen Konzert gekommen, sehr viele Kurpatienten, auch einige neue Gesichter und leider nur wenige Gäste aus Bad Frankenhausen und Umgebung. Das lässt sich mit Gewissheit sagen, die dieses Konzert versäumten, den entging eines der eindrucksvollsten Konzerte in der fast zwanzigjährigen Veranstaltungsgeschichte des Panorama Museums.

Der Auftakt des ersten Sets, den er solistisch bestritt, ein paar sparsam gezupfte Gitarrenakkorde auf der akustischen Gitarre und dazu sich voll entfaltend seine überaus wandlungsfähige Stimme, mal leise-zerbrechlich und dann wirklich an Tim Buckley erinnernd ohne dessen Düsternis, dann kraftvoll-energetisch, geriet sehr melancholisch. Seine simplen Melodien dazu der eindringliche Gesang machten, dass sich diese Lieder schnell ins Gedächtnis einbrannten und tatsächlich zu berühren wussten. So simpel das alles im ersten Set auch anmutete, Langeweile kam dennoch nicht auf. Eindrucksvoller Höhepunkt des ersten Sets war neben "Angelina" sein äußerst intensives "Café del Mar", eine ergreifende Herz-Schmerz-Geschichte, wo sich das wunderbare Mädchen aus der Beziehung verabschiedet und ihn in aller Einsamkeit allein zurücklässt. Und dazu die Vocalisen im Mittelteil des Songs, die wie ein instrumentales Zwischenspiel anmuteten. Und dann noch dieses an frühe Bob-Dylan- oder Tim-Hardin-Songs erinnernde "Cold, cold night". Diese Intensität war nicht mehr zu steigern.

James Harries Band (Foto: Fred Böhme) James Harries Band (Foto: Fred Böhme)

Im zweiten Set wurde er durch seine beiden Mitstreiter Mikolaš Miucka am Bass solide groovend und Jan Janecka, nuanciert und varianten- und einfallsreich am Schlagzeug verstärkt und arbeitete sich vor allem durch das Repertoire seiner formidablen letzten CD "Days like these" hindurch, zu der die Kritiker von Glitterhouse-Records schwärmerisch anmerkten:
drittes Vollwerk des britischen Singer-Songwriters und uneingeschränkter Quell der Freude für Freunde des Wahren, Schönen und Guten im weiten Americana-Feld.

Gänzlich unaufdringlich gelingt es dem Autor Harries in seinen 13 großartigen Songs Qualitäten zu vereinigen, für die es sonst gleich mehrerer Künstler bedarf: Trompeten-bejauchzte Calexico-Tex-Mex-Lässigkeiten, Folk-nahe Akustik-Puritäten, Rock-Eindeutigkeiten von deftigem Big Bang-Groove, Harmonie-leuchtende Wohlklang-Perlen mit britischen Pop-Vorbildern von Beatles bis hin zu Starsailor, die romantische Gefühlstiefe und Klangbreite eines Rufus Wainwright und die grenzenlose Americana-Intensität und -Vielfalt eines Ryan Adams… er trägt sein Herz, seine Gefühle auf der Zunge, voll Inbrunst steigert er seinen Vortrag bis zu einer überschäumenden Euphorie, die unwiderstehlich mitreißt. Days Like These vermag auch den Abtrünnigem und Verirrten den Glauben an die unendliche Vielfalt des Americana wiederzugeben." Und das kann man auch bezogen auf dieses Konzert nur unterstreichen.

Allein vier Zugaben trotzte das begeisterte Publikum dem Musiker am vergangenen Freitagabend ab und verließ im Bewusstsein das Panorama Museum, ein eindrucksvolles Konzert erlebt zu haben.
Fred Böhme
Autor: khh

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