Sa, 11:01 Uhr
26.02.2011
Der radelnde Rentner ist 80 geworden!
Legende, Idol, Jahrhundertsportler aus dem Volke, Phänomen, Mythos, Sympathieträger, Klassenkämpfer und zufriedenener Rentner - das sind Bezeichnungen, die in dieser Form nur auf sehr wenige Menschen unserer Zeit zutreffen. Bei dem noch heute, besonders in allen Winkeln der früheren DDR, bekannten und beliebten Gustav-Adolf Schur ist das einfach so. Er ist am vergangenen Mittwoch 80 Jahre alt geworden! Dazu ein Beitrag von nnz-Autor Hans-Ullrich Klemm.
Täve im Mai 1955 (Foto: Deutsches Bundesarchiv )
Wo immer diese äußerst fidele, schlanke, freundliche und schlagfertige Person auftaucht, wird sie regelrecht von Leuten, die ihn sofort erkennen, umlagert. Wenn er vor die Mikrofone oder Fernsehkameras tritt, werden besonders bei den älteren Leuten Erinnerungen wach, was dieses schmale Persönchen in seiner über zehnjährigen Glanzzeit als Straßenradrennfahrer für ein Rieseninteresse unter der Bevölkerung entfachte.
Unvergessen sind besonders die alljährlichen Friedensfahrten, die tausende Zuschauer an die Straßenränder trieben und die Stadien der jeweiligen Etappenorte bei uns und in den beiden östlichen Nachbarländern regelrecht überfüllten. Wir Hörer an den Radios erinnern uns noch genau, als nach jeder halben Stunde etwa drei Minuten nach den Nachrichten die Friedensfahrthymne den nächsten Streckenbericht ankündigte. Jeder wollte wissen, wo Täve mit seinen Mannen gerade ist, wird der Vorsprung in das Ziel gerettet, schaffen wir noch, die Spitze einzuholen oder gewinnt einer von uns den Spurt auf der glatten Aschenbahn? Ja, das waren Fragen, die ein gewisses Wir-Gefühl zum Inhalt hatten!
Bevor es so weit war, hatte sich Gustav-Adolf als größtes der fünf Kinder seines bäuerlichen Elternhauses speziell um die Tiere zu kümmern, ehe er später einige Kilometer weiter in die Lehre per Fahrrad fuhr. Doch dazwischen war Krieg. Die Familie Schur verschanzte sich in den Bunker des nahen Waldes, um nicht Opfer der Luftangriffe zu werden. Diese Zeit hat den jungen Schur besonders geprägt und gestählert.
Bei den schon erwähnten Fahrten zur Lehre fuhr der junge Schur mit den Bussen um die Wette und fand darin großen Spaß. Der Vater meldete seinen Ältesten bei dem Aufbau-Börde Verein in Magdeburg an und war ganz stolz, als er nach seinem ersten Rennen Magdeburg-Wolmierstedt gleich als Sieger in der Zeitung stand. Das war 1950. Nur zwei Jahre später war dieser Draufgänger bereits Teilnehmer der Friedensfahrt, die 1948 aus der Taufe gehoben wurde. 12- mal nahm dieser nur noch Täve genannte Radsportler daran teil. Dabei gewann er neun Etappen. 1955 und 1959 wurde er Gesamtsieger dieses größten Amateurradrennens der Welt.
Besonders wichtig waren für ihn aber die fünf Siege in der Mannschaftswertung am Schluss der Fahrt, die damals viele Nationen anstrebten. Neben einen 2. Platz in der Mannschaft und den 3. Rang im Einzel bei den Olympischen Spielen bleiben den älteren Sportanhängern besonders die drei Weltmeisterschaften von 1958 bis 1960 in Erinnerung.
Nachdem Täveerstmals 1958 im französischen Reims Weltmeister wurde, gelang ihm dieses Husarenstück erneut ein Jahr später im holländischen Zandvoort. Unsere Sportanhänger erwarteten natürlich 1960 am einheimischen Sachsenring in Hohenstein-Ernstthal den dritten Sieg von ihm hintereinander! Das wollten natürlich seine Kontrahenten verhindern und beschatteten den Doppelweltmeister besonders. Der Taktik-Fuchs hatte sich aber trotzdem zusammen mit dem damals bärenstarken Dritten der Friedensfahrt, Vandenbergen aus Belgien und seinem Clubkameraden Bernhard Eckstein in der letzten der ca. 8 km langen 20 Runden uneinholbar absetzen können.
Einige hundert Meter vor dem Ziel erwartete der Belgier den Antritt von Täve, doch dafür schlich sich Ecke aus dem Windschatten mit letzter Kraft davon…. und gewann, vor dem Favoriten, der dafür aber zum Volkshelden wurde. Das bekannte Wir-Gefühl, wie in den vielen Friedensfahrt-Etappen bewiesen, hatte erneut gesiegt!
Heute ist der wahre Held von damals längst ein rüstiger Rentner, der mit seinem Carbon-Rad aus dem Geschäft seines zweiten Sohnes Gus-Erik noch einige Tage in der Woche einige Kilometer durch die Umgebung seines östlich von Magdeburg liegenden Ortes Heyrothsberge strampelt und genauestens darüber Buch führt. Fast neunmal(!) ist der Ex-Kapitän der Landstraße bisher um den Äquator geradelt, zählt man seine zurückgelegten km zusammen. Das ist ein wahres Lebenswerk!
Eigentlich wollte der 4-fache Familienvater (7 Enkelkinder) längst nicht mehr im Mittelpunkt stehen. Doch die vielen Anfragen der Radsportfreunde aus allen Gebieten des Landes flattern ständig in den nur mit Täve bezeichneten Briefkasten seines bescheidenen Hauses und füllen seinen prallen Terminkalender immer wieder. Er nimmt gern die Einladungen zu Foren und Buchlesungen an, wenn es seine Zeit erlaubt. Überhaupt, wo dieser Vorzeigesportler auch unterwegs ist, wird er schnell umlagert.
Wie schon erwähnt, hat der Jubilar durch seine erlebten unangenehmen Erinnerungen eine gefestigte politische Meinung. Als SED-Genosse hatte er stets das Gefühl, sich nicht von den in der DDR Führenden vereinnehmen zu lassen, die ihn mit Ehrungen und sonstigen Auszeichnungen regelrecht überhäuften. Der nicht zu den Wendehälsen zählende Bürger Schur wurde nach seiner aktiven Laufbahn Abgeordneter der Volkskammer. Als PDS-Mitglied saß er von 1998 bis 2002 im gesamtdeutschen Bundestag.
Täve ärgert es immer wieder feststellen zu müssen, dass das Kapital einen höheren Stellenwert erfährt, als das Proletariat. Deshalb widmet er sich besonders gern dem Breitensport und ist traurig, dass nach angestrebten, doch gescheiterten Millionenplänen verschiedener Banken diese mehr staatlich unterstützt werden, als ein Wiederaufbau vergammelter Sportanlagen oder Hallenkomplexe. Er liest fast täglich die drei bekannten heute noch gleichnamigen Zeitungen aus der DDR-Vergangenheit. Ein großes Auto oder Konto zu besitzen, war nie das Ziel der Familie Schur.
Mit seiner Frau Renate, einer ehemaligen Schwimmerin, ist er bereits seit 1962 verheiratet. Beide lernten sich übrigens im Konsum-Erholungsheim Oberhof bei einem der vielen Lehrgänge kennen, das sich heute Berghotel nennt. Sie ist der stille Koordinator vieler Termine und gibt sich sehr gern als Gastgeber mit Kaffee und leckeren Kuchen, wovon auch der Autor dieser Zeilen profitieren konnte.
Seinen immer wieder zahlreichen Zuhörern lässt der Referent Schur wissen, wie wichtig für ihn die Friedensfahrt war. Er kannte das zerbombte Magdeburg, doch werden die Trümmerberge, durch die bei seiner ersten Teilnahme 1952 die Tour in Warschau führte, nie aus seinem Kopf gehen. Er nimmt schon allein wegen diesen Geschehnissen noch gern an gut organisierte Radtouren durch europäische Städte teil, um daran zu erinnern. Es ist aus seiner Sicht sehr schade, dass anfängliche Versuche, die Friedensfahrt nochmals aufleben zu lassen, am fehlenden Geld scheiterten.
Das Zusammengehörigkeitsgefühl bei unseren Rennen war sehr groß. Wenn einer von uns bei den Prämienspurts oder Bergwertungen während den Etappen die Nase vorn hatte, wurden die Preise untereinander gerecht aufgeteilt. So konnten wir uns immer über lebende Ferkel, Mopeds, Reisegutscheine, Sektflaschen usw. freuen. Stolz waren wir, für unser Land fahren zu können. Besondere Höhepunkte sind natürlich Gesprächsthemen bei Treffen der ehemaligen Aktiven untereinander. Dazu zählt garantiert das jeweilige Erlebnis, nach der Kurve die Steile Wand von Meerane vor sich zu sehen, wo links und rechts am Berg scheinbar die ganze Stadt unterwegs war und kein Fenster leer blieb! Trotz weicher Knie musste dieser Wahnsinnsberg bewältigt werden, einige Fahrer nur laufend, das Rad neben sich her schiebend…..
Als der älteste Sohn Jan, der u.a. Olympiasieger im Vierer auf der Straße wurde, durch die Verbindungen seines Vaters in das Profi-Lager eines italienischen Rennstalls wechselte, sah das Täve mit gemischten Gefühlen, weil er nicht gerade zu den Verehrern dieses Sportes zählte. Dort geht es um viel Geld, und die Gefahr der Einnahme von unerlaubten Mitteln, egal, mit welchen Tricks das passiert, ist sehr groß. Aus meiner Sicht fehlt es an der allgemeinen Spannung bei den Etappenabläufen. Jeder Fahrer hat einen Knopf im Ohr und muss nur nach den Anweisungen der Sportlichen Leiter aus den mitfahrenden Autos spontan handeln, egal, wie man gerade drauf ist. Der Sportler selbst bzw. der Kapitän kann deshalb nicht mehr, wie bei uns früher, je nach Situation einen Plan schmieden, um dann ganz schnell zu reagieren. Bei den jeweiligen Spurts zum Schluss einer Flachetappe geht natürlich die Post bei den Profis ab, weil alle Fahrer eines Teams, die aus verschiedenen Ländern zusammengewürfelt und meist nicht lange dabei sind, meistens nur für ihren Spezialsprinter bei den letzten Kilometern arbeiten müssen, meint der Heyrothsberger.
Was diese Fahrer allerdings in den fast unvorstellbaren steilen Bergen bei der Tour de France leisten, ist toll. Von diesen Leistungen ist Täve immer wieder begeistert und organisiert deshalb mit Freunden dorthin fast alljährlich eine Bustour, um bei diesen Bergetappen als Zuschauer dabei zu sein. Im Gepäck sind natürlich auch eigenen Rennmaschinen…….
Kürzlich stellte das Idol in den Räumen des damaligen Mitorganisators, der Redaktion Neues Deutschland, in der Stadt, wo er das erste große Radrennen Rund um Berlin 1950 gewann, sein elftes Buch vor, das schlicht und einfach Täve heißt. Autobiografische Gedanken werden dem Leser nochmals näher gebracht.
An diesem Wochenende hat er allein seinen großen Tag. Seine Ziellinie ist dann das Friedensfahrtmuseum im kleinen Ort Kleinmühlingen, wo rührige Sportfreunde seit Jahren alles zusammentragen, was mit diesem Rennen in Verbindung steht. Dazu zählen tausende Briefe Pokale, Ehrengeschenke, Trikots usw. Wieder wird dieser Täve mit seinen unglaublichen 80 Jahren im Mittelpunkt stehen, diesmal aber vorrangig umringt von seinen (auch überraschenden) echten Wegbegleitern, die aus nah und fern anreisen und ihren, unseren, Helden gebührend feiern!
Hans-Ullrich Klemm
Autor: nnz
Täve im Mai 1955 (Foto: Deutsches Bundesarchiv )
Wo immer diese äußerst fidele, schlanke, freundliche und schlagfertige Person auftaucht, wird sie regelrecht von Leuten, die ihn sofort erkennen, umlagert. Wenn er vor die Mikrofone oder Fernsehkameras tritt, werden besonders bei den älteren Leuten Erinnerungen wach, was dieses schmale Persönchen in seiner über zehnjährigen Glanzzeit als Straßenradrennfahrer für ein Rieseninteresse unter der Bevölkerung entfachte. Unvergessen sind besonders die alljährlichen Friedensfahrten, die tausende Zuschauer an die Straßenränder trieben und die Stadien der jeweiligen Etappenorte bei uns und in den beiden östlichen Nachbarländern regelrecht überfüllten. Wir Hörer an den Radios erinnern uns noch genau, als nach jeder halben Stunde etwa drei Minuten nach den Nachrichten die Friedensfahrthymne den nächsten Streckenbericht ankündigte. Jeder wollte wissen, wo Täve mit seinen Mannen gerade ist, wird der Vorsprung in das Ziel gerettet, schaffen wir noch, die Spitze einzuholen oder gewinnt einer von uns den Spurt auf der glatten Aschenbahn? Ja, das waren Fragen, die ein gewisses Wir-Gefühl zum Inhalt hatten!
Bevor es so weit war, hatte sich Gustav-Adolf als größtes der fünf Kinder seines bäuerlichen Elternhauses speziell um die Tiere zu kümmern, ehe er später einige Kilometer weiter in die Lehre per Fahrrad fuhr. Doch dazwischen war Krieg. Die Familie Schur verschanzte sich in den Bunker des nahen Waldes, um nicht Opfer der Luftangriffe zu werden. Diese Zeit hat den jungen Schur besonders geprägt und gestählert.
Bei den schon erwähnten Fahrten zur Lehre fuhr der junge Schur mit den Bussen um die Wette und fand darin großen Spaß. Der Vater meldete seinen Ältesten bei dem Aufbau-Börde Verein in Magdeburg an und war ganz stolz, als er nach seinem ersten Rennen Magdeburg-Wolmierstedt gleich als Sieger in der Zeitung stand. Das war 1950. Nur zwei Jahre später war dieser Draufgänger bereits Teilnehmer der Friedensfahrt, die 1948 aus der Taufe gehoben wurde. 12- mal nahm dieser nur noch Täve genannte Radsportler daran teil. Dabei gewann er neun Etappen. 1955 und 1959 wurde er Gesamtsieger dieses größten Amateurradrennens der Welt.
Besonders wichtig waren für ihn aber die fünf Siege in der Mannschaftswertung am Schluss der Fahrt, die damals viele Nationen anstrebten. Neben einen 2. Platz in der Mannschaft und den 3. Rang im Einzel bei den Olympischen Spielen bleiben den älteren Sportanhängern besonders die drei Weltmeisterschaften von 1958 bis 1960 in Erinnerung.
Nachdem Täveerstmals 1958 im französischen Reims Weltmeister wurde, gelang ihm dieses Husarenstück erneut ein Jahr später im holländischen Zandvoort. Unsere Sportanhänger erwarteten natürlich 1960 am einheimischen Sachsenring in Hohenstein-Ernstthal den dritten Sieg von ihm hintereinander! Das wollten natürlich seine Kontrahenten verhindern und beschatteten den Doppelweltmeister besonders. Der Taktik-Fuchs hatte sich aber trotzdem zusammen mit dem damals bärenstarken Dritten der Friedensfahrt, Vandenbergen aus Belgien und seinem Clubkameraden Bernhard Eckstein in der letzten der ca. 8 km langen 20 Runden uneinholbar absetzen können.
Einige hundert Meter vor dem Ziel erwartete der Belgier den Antritt von Täve, doch dafür schlich sich Ecke aus dem Windschatten mit letzter Kraft davon…. und gewann, vor dem Favoriten, der dafür aber zum Volkshelden wurde. Das bekannte Wir-Gefühl, wie in den vielen Friedensfahrt-Etappen bewiesen, hatte erneut gesiegt!
Heute ist der wahre Held von damals längst ein rüstiger Rentner, der mit seinem Carbon-Rad aus dem Geschäft seines zweiten Sohnes Gus-Erik noch einige Tage in der Woche einige Kilometer durch die Umgebung seines östlich von Magdeburg liegenden Ortes Heyrothsberge strampelt und genauestens darüber Buch führt. Fast neunmal(!) ist der Ex-Kapitän der Landstraße bisher um den Äquator geradelt, zählt man seine zurückgelegten km zusammen. Das ist ein wahres Lebenswerk!
Eigentlich wollte der 4-fache Familienvater (7 Enkelkinder) längst nicht mehr im Mittelpunkt stehen. Doch die vielen Anfragen der Radsportfreunde aus allen Gebieten des Landes flattern ständig in den nur mit Täve bezeichneten Briefkasten seines bescheidenen Hauses und füllen seinen prallen Terminkalender immer wieder. Er nimmt gern die Einladungen zu Foren und Buchlesungen an, wenn es seine Zeit erlaubt. Überhaupt, wo dieser Vorzeigesportler auch unterwegs ist, wird er schnell umlagert.
Wie schon erwähnt, hat der Jubilar durch seine erlebten unangenehmen Erinnerungen eine gefestigte politische Meinung. Als SED-Genosse hatte er stets das Gefühl, sich nicht von den in der DDR Führenden vereinnehmen zu lassen, die ihn mit Ehrungen und sonstigen Auszeichnungen regelrecht überhäuften. Der nicht zu den Wendehälsen zählende Bürger Schur wurde nach seiner aktiven Laufbahn Abgeordneter der Volkskammer. Als PDS-Mitglied saß er von 1998 bis 2002 im gesamtdeutschen Bundestag.
Täve ärgert es immer wieder feststellen zu müssen, dass das Kapital einen höheren Stellenwert erfährt, als das Proletariat. Deshalb widmet er sich besonders gern dem Breitensport und ist traurig, dass nach angestrebten, doch gescheiterten Millionenplänen verschiedener Banken diese mehr staatlich unterstützt werden, als ein Wiederaufbau vergammelter Sportanlagen oder Hallenkomplexe. Er liest fast täglich die drei bekannten heute noch gleichnamigen Zeitungen aus der DDR-Vergangenheit. Ein großes Auto oder Konto zu besitzen, war nie das Ziel der Familie Schur.
Mit seiner Frau Renate, einer ehemaligen Schwimmerin, ist er bereits seit 1962 verheiratet. Beide lernten sich übrigens im Konsum-Erholungsheim Oberhof bei einem der vielen Lehrgänge kennen, das sich heute Berghotel nennt. Sie ist der stille Koordinator vieler Termine und gibt sich sehr gern als Gastgeber mit Kaffee und leckeren Kuchen, wovon auch der Autor dieser Zeilen profitieren konnte.
Seinen immer wieder zahlreichen Zuhörern lässt der Referent Schur wissen, wie wichtig für ihn die Friedensfahrt war. Er kannte das zerbombte Magdeburg, doch werden die Trümmerberge, durch die bei seiner ersten Teilnahme 1952 die Tour in Warschau führte, nie aus seinem Kopf gehen. Er nimmt schon allein wegen diesen Geschehnissen noch gern an gut organisierte Radtouren durch europäische Städte teil, um daran zu erinnern. Es ist aus seiner Sicht sehr schade, dass anfängliche Versuche, die Friedensfahrt nochmals aufleben zu lassen, am fehlenden Geld scheiterten.
Das Zusammengehörigkeitsgefühl bei unseren Rennen war sehr groß. Wenn einer von uns bei den Prämienspurts oder Bergwertungen während den Etappen die Nase vorn hatte, wurden die Preise untereinander gerecht aufgeteilt. So konnten wir uns immer über lebende Ferkel, Mopeds, Reisegutscheine, Sektflaschen usw. freuen. Stolz waren wir, für unser Land fahren zu können. Besondere Höhepunkte sind natürlich Gesprächsthemen bei Treffen der ehemaligen Aktiven untereinander. Dazu zählt garantiert das jeweilige Erlebnis, nach der Kurve die Steile Wand von Meerane vor sich zu sehen, wo links und rechts am Berg scheinbar die ganze Stadt unterwegs war und kein Fenster leer blieb! Trotz weicher Knie musste dieser Wahnsinnsberg bewältigt werden, einige Fahrer nur laufend, das Rad neben sich her schiebend…..
Als der älteste Sohn Jan, der u.a. Olympiasieger im Vierer auf der Straße wurde, durch die Verbindungen seines Vaters in das Profi-Lager eines italienischen Rennstalls wechselte, sah das Täve mit gemischten Gefühlen, weil er nicht gerade zu den Verehrern dieses Sportes zählte. Dort geht es um viel Geld, und die Gefahr der Einnahme von unerlaubten Mitteln, egal, mit welchen Tricks das passiert, ist sehr groß. Aus meiner Sicht fehlt es an der allgemeinen Spannung bei den Etappenabläufen. Jeder Fahrer hat einen Knopf im Ohr und muss nur nach den Anweisungen der Sportlichen Leiter aus den mitfahrenden Autos spontan handeln, egal, wie man gerade drauf ist. Der Sportler selbst bzw. der Kapitän kann deshalb nicht mehr, wie bei uns früher, je nach Situation einen Plan schmieden, um dann ganz schnell zu reagieren. Bei den jeweiligen Spurts zum Schluss einer Flachetappe geht natürlich die Post bei den Profis ab, weil alle Fahrer eines Teams, die aus verschiedenen Ländern zusammengewürfelt und meist nicht lange dabei sind, meistens nur für ihren Spezialsprinter bei den letzten Kilometern arbeiten müssen, meint der Heyrothsberger.
Was diese Fahrer allerdings in den fast unvorstellbaren steilen Bergen bei der Tour de France leisten, ist toll. Von diesen Leistungen ist Täve immer wieder begeistert und organisiert deshalb mit Freunden dorthin fast alljährlich eine Bustour, um bei diesen Bergetappen als Zuschauer dabei zu sein. Im Gepäck sind natürlich auch eigenen Rennmaschinen…….
Kürzlich stellte das Idol in den Räumen des damaligen Mitorganisators, der Redaktion Neues Deutschland, in der Stadt, wo er das erste große Radrennen Rund um Berlin 1950 gewann, sein elftes Buch vor, das schlicht und einfach Täve heißt. Autobiografische Gedanken werden dem Leser nochmals näher gebracht.
An diesem Wochenende hat er allein seinen großen Tag. Seine Ziellinie ist dann das Friedensfahrtmuseum im kleinen Ort Kleinmühlingen, wo rührige Sportfreunde seit Jahren alles zusammentragen, was mit diesem Rennen in Verbindung steht. Dazu zählen tausende Briefe Pokale, Ehrengeschenke, Trikots usw. Wieder wird dieser Täve mit seinen unglaublichen 80 Jahren im Mittelpunkt stehen, diesmal aber vorrangig umringt von seinen (auch überraschenden) echten Wegbegleitern, die aus nah und fern anreisen und ihren, unseren, Helden gebührend feiern!
Hans-Ullrich Klemm
