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Venediger Luft

Samstag, 19. November 2011, 12:42 Uhr
Das Theater Nordhausen kann sich rühmen, eine vergessen geglaubte Operette des großen Berliner Komponisten Paul Lincke wieder entdeckt zu haben. Gestern Abend erlebte das Werk mit dem schlichten, aber anziehenden Titel "Casanova" seine Wiederauferstehung. Unter den Premierengästen war auch Olaf Schulze.

Ob Linckes Spätwerk "Casanova" aus dem Jahre 1913 zu Unrecht von den Theatern der Welt verschmäht wird oder ob sich seine Inszenierung auch heute noch lohnt, dieser Frage ging das Nordhäuser Ensemble mit Verve und viel Spielfreude nach. Natürlich um die aufgeworfene Frage dahingehend zu beantworten, dass der "Casanova" durchaus seine Berechtigung hat. Auch wenn er vermutlich seit 1931 nicht mehr auf geführt worden war.

casanova (Foto: theater nordhausen) casanova (Foto: theater nordhausen)
Können ihrem Affen Zucker geben: Joshua Farrier, Aaron Judisch als Casanova und Michael Schober

Und in der Tat: sie legten sich mächtig ins Zeug! Allen voran Aaron Judisch als in Vendigs Zitadelle gefangener Meister der Verführung, der gerade an seinen Memoiren bastelt. Aber es gefielen auch Sandra Schütt, Sabine Mucke und Brigitte Roth als die verführten Damen, über deren wahre Indentität der Charmeur hin und wieder mal den Überblick verliert.

Oliver Weder als Kapellmeister des Loh-Orchesters behält ihn aber jederzeit und führt seine Musiker beschwingt durch die Berliner Schlagerwelt des beginnenden 20. Jahrhunderts. Das klingt angesichts der venezianischen Bilder, die wir sehen (oppulente, liebevolle Operettenaustattung durch Bernhard Niechotz) mitunter etwas grotesk, aber es tut dem Spaß keinen Abbruch. Thomas Kohl als Festungskommandant, Michael Schober als versoffener Aufseher und vor allem Joshua Farrier als vertrottelter Edelmann können chargieren, was das Zeug hält. Das nutzen sie weidlich aus und das Publikum hat sichtlich Freude am Bühnengeschehen. Obwohl die Handlung - in deren Mittelpunkt natürlich ein zünftiger Maskenball steht - ein wenig simpel gestrickt ist.

casanova (Foto: theater nordhausen) casanova (Foto: theater nordhausen)
Stimmungsvolle Bilder: Sabine Mucke verbrennt Liebesbriefe

Doch auf die große Dramatik kommt es in Wolfgang Doschs Inszenierung auch gar nicht an. Vielmehr gibt es operettentaugliche Musik, farbenfrohe Kostüme, ansehnliche Balletteinlagen und Solisten und Choristen, die ihre Besucher einfach gut unterhalten wollen. So wird aus dem musketierhaften "Einer für alle (Frauen)" am Ende ein operettiges "Alle für ein Publikum!".

Die Premierengäste jedenfalls nahmen die gestrige Darbietung dankbar auf und so entstand ein Theaterabend, an dem alle ihren Spaß hatten. Außer vielleicht diejenigen, die gedacht haben, hier eine ausgeklügelte Story mit überraschenden Wendungen oder gar einem gewagten Plot zu erleben. Das war allerdings auch nicht wirklich zu erwarten. Vergleicht man nun Paul Linckes "Casanova" mit anderen Operetten oder Singspielen, dann erweist sich die Nordhäuser Inszenierung dank ihrer engagierten Mitwirkenden als absolut bühnentauglich.
Olaf Schulze
Autor: nnz

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