nnz/kn-Forum: Desaster Deutsche Bahn
Sonntag, 25. Dezember 2011, 11:11 Uhr
Wieder ist ein ICE der Deutschen Bahn, diesmal bei Gardelegen liegengeblieben. Reisende kritisieren vor allem die Informationspolitik des Staatskonzerns. Eine Meinung dazu von nnz-Leser Bodo Schwarzberg...
Gerade erst hat die Bahn die Fahrkartenpreise um 3,9 Prozent erhöht. Die übliche Empörung bei pro bahn folgte nach der entsprechenden Ankündigung auf den Fuß. - Ohne Folgen natürlich.
Brav fahren die Bürger Bahn und berappen überteuerte Preise. Überteuert sind sie aus verschiedenen Gründen: Erstens müssen natürlich ein riesiges aber schon ganz schön gesundgeschrumpftes Streckennetz und ein krankmodernisierter Fuhrpark finanziert werden. Zweitens will die Bahn an die Börse, und das verlangt ein dickes Bankkonto.
Einst war die Eisenbahn ein Massentransportmittel, dessen einzige Aufgabe Menschen darin bestand, Menschen von A nach B zu bringen. Heute jedoch proklamiert die Bahn in erster Linie den Event-Charakter einer Zugfahrt für die Reisenden: Nicht mehr also mit Schaffner und Speisewagen, sondern mit "Bordservice" und "Bordrestaurant" - sofern es ein letzteres noch gibt. Bunte Blättchen mit aufgedonnerten Blondinen und beschlipsten und laptopbepackten Juppis bestimmen das Image.
Noch vor 20 Jahren wurden die Fenster aufgerissen, wenn es im Zug warm war. Heute sind die Wagen, wenn es funktioniert, klimatisiert, die Fenster entsprechend verschlossen. Es gibt "Bordfunk", Zugtelefon und neckische Monitore. Der Reisende indes wird tatsächlich immer mehr zum Statisten, zum Geldbringer degradiert.
Irgendwie wurden sie mit alledem übertölpelt, weil durch all das halt die Fahrpreise explodierten. Die PC-gesteuerte Fahrtechnik wurde anfälliger. Fällt ein Mikrochip aus, ist Pumpe mit der Weiterfahrt.
Ist aber das Bahn-Fahren wirklich auch sicherer geworden? 101 Tote forderte das Unglück von Eschede mit dem ICE 884 Wilhelm Konrad Röntgen im Juni 1998, wegen eines gebrochenen Radreifens. Die Untersuchungen ergaben eine Kette von Schusslichkeiten als Ursache. Vor etwa einem Jahr starben zehn Menschen bei Halberstadt, weil die Strecke Magdeburg-Halberstadt noch immer nicht mit der Indusi, also der Induktiven Zugsicherung ausgestattet war und so ein überfahrenes rotes Signal nicht zum automatischen Stopp eines Zuges führt. Die Indusi gibt es aber schon seit den 20er Jahren!
Was zeigt uns das? An den einfachen Dingen spart die Bahn. Investiert wird nur in das "Eventfahren". Und die Bahn suggeriert uns, dass dies von den Reisenden auch so gewünscht wird. Mit der Folge immer höherer Preise, über die sich kaum jemand aufregt.
Dass allenthalben moderne ICEs hilflos liegenbleiben zeigt zudem die Anfälligkeit des hochgezüchteten elektronischen Firlefanzes. Früher kam eine neue Lok und der Zug fuhr weiter. Heute muss ein Ersatzzug kommen, mit noch mehr Unbequemlichkeiten für die Reisenden. Und auf Grund der Sparmaßnahmen steht in der Nähe oft kein Ersatzmaterial zur Verfügung.
Und dann sind da noch die vielen Streckenstillegungen: Mit der Begründung, der Bedarf sei nicht mehr gegeben, werden immer mehr Nebenstrecken aus dem Angebot genommen. Aber die Bahn lügt oftmals: Denn sie selbst ist es oft, die die Leute zwingt, ihre Autos zu nutzen, und zwar indem sie heimlich, still und leise auf von ihr ungeliebten Strecken weniger Züge fahren lässt. Scheinheiligkeit nennt man so etwas.
Manchmall erinnere ich mich an die Worte meines Urgroßvaters, der mit D-Zügen als stolzer Eisenbahner durch deutsche Landen dampfte. Zwischen Halle und Magdeburg fuhr er mit seiner 01 Zeiten, die noch heute nicht wieder erreicht wurden. Verspätungen gehörten in den 30-er Jahren zu den peinlichsten Vorfällen überhaupt, für die sich die Lokführer und andere Bedienstete der Bahn persönlich verantworten mussten, auch mein Urgroßvater. Es ging ihm schon zu DDR-Zeiten gegen seine Eisenbahnerehre, dass all das allmählich keine Rolle mehr spielte.
Und heute? Die Bahn ist ein Konzern, der nach Maximalprofit strebt: Der Reisende steht angeblich im Mittelpunkt, ist aber nur das Vehikel auf dem Weg der Bahn in Richtung Börse, ein gesichtsloser Statist und Geldbringer. Das, was die Bahn einst stark machte, ihre Präsenz in der Fläche als Transportmittel für alle, spielt kaum mehr eine Rolle. Und alle Reisenden machen wie so oft mit.
Bodo Schwarzberg
Gerade erst hat die Bahn die Fahrkartenpreise um 3,9 Prozent erhöht. Die übliche Empörung bei pro bahn folgte nach der entsprechenden Ankündigung auf den Fuß. - Ohne Folgen natürlich.
Brav fahren die Bürger Bahn und berappen überteuerte Preise. Überteuert sind sie aus verschiedenen Gründen: Erstens müssen natürlich ein riesiges aber schon ganz schön gesundgeschrumpftes Streckennetz und ein krankmodernisierter Fuhrpark finanziert werden. Zweitens will die Bahn an die Börse, und das verlangt ein dickes Bankkonto.
Einst war die Eisenbahn ein Massentransportmittel, dessen einzige Aufgabe Menschen darin bestand, Menschen von A nach B zu bringen. Heute jedoch proklamiert die Bahn in erster Linie den Event-Charakter einer Zugfahrt für die Reisenden: Nicht mehr also mit Schaffner und Speisewagen, sondern mit "Bordservice" und "Bordrestaurant" - sofern es ein letzteres noch gibt. Bunte Blättchen mit aufgedonnerten Blondinen und beschlipsten und laptopbepackten Juppis bestimmen das Image.
Noch vor 20 Jahren wurden die Fenster aufgerissen, wenn es im Zug warm war. Heute sind die Wagen, wenn es funktioniert, klimatisiert, die Fenster entsprechend verschlossen. Es gibt "Bordfunk", Zugtelefon und neckische Monitore. Der Reisende indes wird tatsächlich immer mehr zum Statisten, zum Geldbringer degradiert.
Irgendwie wurden sie mit alledem übertölpelt, weil durch all das halt die Fahrpreise explodierten. Die PC-gesteuerte Fahrtechnik wurde anfälliger. Fällt ein Mikrochip aus, ist Pumpe mit der Weiterfahrt.
Ist aber das Bahn-Fahren wirklich auch sicherer geworden? 101 Tote forderte das Unglück von Eschede mit dem ICE 884 Wilhelm Konrad Röntgen im Juni 1998, wegen eines gebrochenen Radreifens. Die Untersuchungen ergaben eine Kette von Schusslichkeiten als Ursache. Vor etwa einem Jahr starben zehn Menschen bei Halberstadt, weil die Strecke Magdeburg-Halberstadt noch immer nicht mit der Indusi, also der Induktiven Zugsicherung ausgestattet war und so ein überfahrenes rotes Signal nicht zum automatischen Stopp eines Zuges führt. Die Indusi gibt es aber schon seit den 20er Jahren!
Was zeigt uns das? An den einfachen Dingen spart die Bahn. Investiert wird nur in das "Eventfahren". Und die Bahn suggeriert uns, dass dies von den Reisenden auch so gewünscht wird. Mit der Folge immer höherer Preise, über die sich kaum jemand aufregt.
Dass allenthalben moderne ICEs hilflos liegenbleiben zeigt zudem die Anfälligkeit des hochgezüchteten elektronischen Firlefanzes. Früher kam eine neue Lok und der Zug fuhr weiter. Heute muss ein Ersatzzug kommen, mit noch mehr Unbequemlichkeiten für die Reisenden. Und auf Grund der Sparmaßnahmen steht in der Nähe oft kein Ersatzmaterial zur Verfügung.
Und dann sind da noch die vielen Streckenstillegungen: Mit der Begründung, der Bedarf sei nicht mehr gegeben, werden immer mehr Nebenstrecken aus dem Angebot genommen. Aber die Bahn lügt oftmals: Denn sie selbst ist es oft, die die Leute zwingt, ihre Autos zu nutzen, und zwar indem sie heimlich, still und leise auf von ihr ungeliebten Strecken weniger Züge fahren lässt. Scheinheiligkeit nennt man so etwas.
Manchmall erinnere ich mich an die Worte meines Urgroßvaters, der mit D-Zügen als stolzer Eisenbahner durch deutsche Landen dampfte. Zwischen Halle und Magdeburg fuhr er mit seiner 01 Zeiten, die noch heute nicht wieder erreicht wurden. Verspätungen gehörten in den 30-er Jahren zu den peinlichsten Vorfällen überhaupt, für die sich die Lokführer und andere Bedienstete der Bahn persönlich verantworten mussten, auch mein Urgroßvater. Es ging ihm schon zu DDR-Zeiten gegen seine Eisenbahnerehre, dass all das allmählich keine Rolle mehr spielte.
Und heute? Die Bahn ist ein Konzern, der nach Maximalprofit strebt: Der Reisende steht angeblich im Mittelpunkt, ist aber nur das Vehikel auf dem Weg der Bahn in Richtung Börse, ein gesichtsloser Statist und Geldbringer. Das, was die Bahn einst stark machte, ihre Präsenz in der Fläche als Transportmittel für alle, spielt kaum mehr eine Rolle. Und alle Reisenden machen wie so oft mit.
Bodo Schwarzberg
Anmerkung der Redaktion:
Die im Forum dargestellten Äußerungen und Meinungen sind nicht unbedingt mit denen der Redaktion identisch. Für den Inhalt ist der Verfasser verantwortlich. Die Redaktion behält sich das Recht auf Kürzungen vor.
Autor: nnzDie im Forum dargestellten Äußerungen und Meinungen sind nicht unbedingt mit denen der Redaktion identisch. Für den Inhalt ist der Verfasser verantwortlich. Die Redaktion behält sich das Recht auf Kürzungen vor.

