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Erfahrungen einer Sondershäuserin

Mittwoch, 25. Januar 2012, 22:25 Uhr
Nudeln mit Tomatensoße dank Bildung und Teilhabe. Nachstehend finden sie einen Presseartikel des Projekts „Lernen vor Ort im Kyffhäuserkreis“ zur Erfahrung einer Sondershäuserin mit dem Bildungs- und Teilhabepaket der Bundesregierung...


Theresa*, sieben Jahre alt und seit letztem Jahr endlich Schulkind, weiß nichts vom Bildung- und Teilhabepaket der Bundesregierung. Und ihrer Mutter Sandra K.* ist das ganz recht. Sandra K. hat eine für die Region Nordthüringen nicht ungewöhnliche Erwerbsbiografie hinter sich: Ausbildung zur Köchin, Umschulung zur Bauzeichnerin und anschließend zahlreiche vom Jobcenter vermittelte „Maßnahmen“. Einen festen Job hat die Alleinerziehende seit Jahren nicht gefunden. Zurzeit ist sie Bürgerarbeiterin im Kreisjugendring, kümmert sich dort um die Organisation der diesjährigen Jugendhilfefachtage. An Ideen, Erfahrung und Elan mangelt es der 43-Jährigen nicht, nur an einer freien Arbeitsstelle. Als alleinerziehende Mutter ist sie nicht so flexibel wie andere Bewerber, allein dieser Umstand prädestiniert sie für die scheinbar nicht enden wollende Warteschleife zwischen Hartz IV und klitzekleiner Hoffnung.

Die Sondershäuserin hatte im März 2011 erstmals von „Bildung und Teilhabe“ erfahren. Die Leiterin von Theresas Kindergarten machte damals bedürftige Eltern in Eigeninitiative auf die Fördermöglichkeiten für Mittagessen, Ausflüge, Schulbedarf und Vereinsmitgliedschaften aufmerksam. „Wenn mir die Kita-Chefin nicht von dem neuen Gesetz berichtet hätte, wüsste ich vielleicht jetzt noch nichts davon“, sagt K. Bis zu besagtem Märztag kostete das Mittagessen im DRK-Kindergarten ohnehin nur 95 Cent. Ab diesem Zeitpunkt sollten 2,05 Euro berappt werden, also kam für K. die Förderung der Mittagsversorgung für alle ALG II-, Wohngeld-, Sozialgeld-, Sozialhilfe- oder Kinderzuschlagempfänger gerade rechtzeitig. Sie holte sich ein Antragsformular an der Infotheke des Jobcenters, füllte es aus und gab es bei ihrem Sachbearbeiter ab. Kurz darauf kam die Bewilligung.

Fortan zahlt sie einen Euro pro Mittagessen dazu, den Rest übernimmt das Jobcenter. Auch beim Wechsel in die Grundschule änderte sich daran nichts. Dort füllt Theresas Mutter nun allmonatlich den Essensplan aus und gibt zudem regelmäßig eine Kopie des neusten ALG-II-Bewilligungsbescheids ab. Den Rest erledigen Essensanbieter und Behörde.

Die engagierte Bürgerarbeiterin zahlt nun statt des Vollbetrags von rund 45 Euro pro Monat „nur“ 20 Euro und kann Theresa ein warmes Mittagessen garantieren. „Die Differenz macht sich natürlich bei Menschen mit kleinem Einkommen bemerkbar“, schätzt die Arbeitsuchende. Von dem Geld könne sie Theresa neue Anziehsachen kaufen, vielleicht auch mal ein Spielzeug außer der Reihe. Die Förderung von Vereinsmitgliedschaften steht für K. derzeit nicht auf dem Plan, denn Theresa ist eher ein Sportmuffel. „Wir haben es mal mit Fußball probiert, aber die Kleine hatte schnell keine Lust mehr“, berichtet K. Und Klassenfahrten hat die Grundschule bislang noch nicht unternommen. „Falls es irgendwann dazu kommt, werde ich einen Antrag auf Förderung stellen“, so K.

Erfahrungen einer Sondershäuserin (Foto: Lernen vor Ort Kyffhäuserkreis) Erfahrungen einer Sondershäuserin (Foto: Lernen vor Ort Kyffhäuserkreis)

Die Alleinerziehende Sandra K. beim Ausfüllen eines Formulars für „Bildung und Teilhabe“. Foto: LvO KYF

Grundsätzlich empfiehlt die antragserprobte Mutter allen bedürftigen Eltern, „Bildung und Teilhabe“ in Anspruch zu nehmen. Immerhin verringere man so die Fixkosten für die Grundversorgung der Kinder und könne das gesparte Geld in andere wichtige Dinge investieren. Sie wünscht sich dennoch, dass es in den zuständigen Behörden konkrete Ansprechpartner für „Bildung und Teilhabe“ gäbe, die Ratsuchende über Fördermöglichkeiten aufklären, Anträge ausgeben und beim Ausfüllen helfen.

„Es wäre natürlich wunderbar, wenn alle Kinder in der Bundesrepublik ein kostenloses Mittagessen erhielten“, äußert K. am Ende des Gesprächs, „denn dann würde nicht nach arm und reich unterschieden und alle Beteiligten könnten sich viel Aufwand sparen.“ Währenddessen spielt Theresa im Kinderzimmer mit ihrer Lieblingsbarbie. „Morgen gibt es Nudeln mit Tomatensoße in der Schule“, ruft die Erstklässlerin ihrer Mama zu. „Ihr Lieblingsessen“, lächelt Sandra K. und durchforstet die Stellenanzeigen im Internet.

*Name geändert
Autor: khh

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