Von der 7. Ebelebener Werkstattlesung
Donnerstag, 22. März 2012, 10:05 Uhr
Mit Klaus- Michael von Keussler und seinem Buch "Fluchthelfer" hatte die 7. Ebelebener Werkstattlesung wieder ein spannendes Thema für die über 50 Zuhörer, die aus der Helbestadt und der Umgebung gekommen waren. Dazu erreichte kn folgender Bericht...
Der in Königsberg geborene Autor, der an der Freien Universität Berlin Anfang der 60-er Jahre Jura studiert hatte, zog mit einem spannenden Kapitel deutsch- deutscher Geschichte die Zuhörer in seinen Bann.
Bürgermeister Uwe Vogt konnte wieder zahlreiche Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens aus dem Kreis begrüßen, darunter die Landratskandidatin der SPD Antje Hochwind, die Vize- Bürgermeisterin der Kreisstadt Cornelia Kraffzick und den weit gereisten Vizebürgermeister Jürgen Kern aus Ebelebens Partnergemeinde Mitwitz. Positiv erwähnte er, dass das Interesse am Thema quer durch alle Altersgruppen gehe, was die Anwesenheit von Schülern bis Senioren beweise. Er dankte dem Gastgeber der Veranstaltung, den Mühlhäuser Werkstätten, sowie dem seit Jahren bewährten Kooperationspartner, der Landeszentrale für Politische Bildung.
Deren Leiter, Franz- Josef Schlichting gab den Einstieg in die Lesung und erinnerte an die Zeit der Mauer, die von 1961 bis 1989 Berlin teilte. "Sowohl der Mauerbau als auch der Mauerfall waren Zeichen der Freiheit. Der Bau schränkte die Freiheit der Ostdeutschen auf drastische Weise ein. Der Fall der Mauer ist das Zeichen der Sehnsucht nach Einheit gewesen", so Herr Schlichting. Er stellte den Autor vor, der nach seinem Studium viele Jahre bei den Vereinten Nationen arbeitete und nach der Wende nach Thüringen kam, um in leitenden Stellen im Finanzministerium zu arbeiten.
Klaus von Keussler berichtete, dass 1961auch zahlreiche Studenten aus Ostberlin an der Freien Universität studierten. Mit dem Bau der Mauer konnten diese Kommilitonen von heute auf morgen nicht mehr an den Vorlesungen teilnehmen. Mit dem Bau der Mauer endete für manchen von ihnen jäh der Traum von einer unbeschwerten Zukunft. Dieser Tatsache geschuldet, begannen die westdeutschen Studenten, ihren Kommilitonen bei der Flucht helfen zu wollen. Im Herbst 1961 war das zum Beispiel noch auf dem Weg der Kanalisation möglich, hier besorgten sich die Studenten entsprechende Unterlagen von den Ämtern. Kanalausstiege wurden genutzt, um den Hilfeersuchen zu entsprechen.
Klaus von Keussler sagte, dass er als Student nicht nur verbal gegen den Mauerbau protestieren wollte sondern vielmehr aktiv etwas dagegen unternehmen wollte. Und bei diesen Gedanken gab es in der damaligen Studentenschaft viele Gleichgesinnte. Er berichtete davon, dass beispielsweise die Theologiestudenten in Ostberlin kontrovers über Flucht oder Bleiben diskutierten. In Westberlin waren Aktionen gegen die Mauer ohne großes nachfragen in der Bevölkerung akzeptiert. Erste Fluchtaktionen, die von der Studentenschaft unterstützt wurden, geschahen über die Dächer von Berlin. Mit ausgeklügelten, spektakulären Aktionen wurden so unter anderem Seile und Drähte mittels Pfeil und Bogen von der einen auf die andere Seite gebracht.
Kontakte wurden zum amerikanischen Journalisten James P. O`Donell geschaffen, der die Gruppe unterstützte. Als die Fluchtaktionen immer schwieriger wurden, kamen neue Wege ins Gespräch. Der Tunnelbau war zwar mit einem immensen Aufwand und Risiko verbunden, aber die Überwachung der Grenze durch die Volkspolizei und NVA begrenzte die Möglichkeiten der Fluchthilfe. Klaus von Keussler berichtete über den ersten Versuch eines Tunnelbaus, der im Winter 1962 bei rauem Wetter begonnen wurde, aber letztendlich wegen Verrat scheiterte.
1963 wurde im Stadtteil Wedding eine Bäckerei angemietet. Hier wurde erst einmal zehn Meter abwärts gegraben. Das Unternehmen wurde als Filmatelier getarnt. Der Tunnel erhielt eine Länge von 145 Metern, man landete im Osten der Stadt auf einem Kohlenplatz. Nach der Flucht von drei Mädchen wurde der Tunnel entdeckt und von der NVA gesprengt. Drei Monate später entschloss man sich zum Bau eines neuen Tunnels, der parallel zum gesprengten verlief. Hier landete man nach ca. 150 Metern in einem stillgelegten Toilettenhäuschen. Insgesamt diente dieser Tunnel 57 Menschen zur Flucht.
Bei der Enttarnung wurde beim Schusswechsel mit NVA- Soldaten der Unteroffizier Egon Schultz durch die Verkettung unglücklicher Umstände durch eigene Soldaten getötet. Lange wurde der Mythos in der DDR aufrechterhalten, das dieser von westlichen Agenten erschossen worden sei. Als Schultz mit zwei Angehörigen des MfS den Hof der Strelitzer Straße 55 betrat, kam es zu einem Schusswechsel, in dessen Verlauf Schultz von einer Kugel aus der Pistole eines Fluchthelfers in die Schulter getroffen wurde. Er ging zu Boden und wurde beim Versuch, wieder aufzustehen, versehentlich von einem Soldaten mit dessen Kalaschnikow erschossen. Erst durch die Öffnung der Stasi-Akten konnte richtig gestellt werden, dass die tödlichen Schüsse aus der Waffe eines Grenzsoldaten abgegeben wurden.
Nach der Lesung und dem verdienten Applaus für den Autoren konnten die Anwesenden sich noch das Buch von Herrn von Keussler signieren lassen. Wieder einmal war die Werkstattlesung ein voller Erfolg und Lohn für die Arbeit aller Organisatoren.
Text und Foto: U. Vogt
Autor: khhDer in Königsberg geborene Autor, der an der Freien Universität Berlin Anfang der 60-er Jahre Jura studiert hatte, zog mit einem spannenden Kapitel deutsch- deutscher Geschichte die Zuhörer in seinen Bann.
Bürgermeister Uwe Vogt konnte wieder zahlreiche Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens aus dem Kreis begrüßen, darunter die Landratskandidatin der SPD Antje Hochwind, die Vize- Bürgermeisterin der Kreisstadt Cornelia Kraffzick und den weit gereisten Vizebürgermeister Jürgen Kern aus Ebelebens Partnergemeinde Mitwitz. Positiv erwähnte er, dass das Interesse am Thema quer durch alle Altersgruppen gehe, was die Anwesenheit von Schülern bis Senioren beweise. Er dankte dem Gastgeber der Veranstaltung, den Mühlhäuser Werkstätten, sowie dem seit Jahren bewährten Kooperationspartner, der Landeszentrale für Politische Bildung.
Deren Leiter, Franz- Josef Schlichting gab den Einstieg in die Lesung und erinnerte an die Zeit der Mauer, die von 1961 bis 1989 Berlin teilte. "Sowohl der Mauerbau als auch der Mauerfall waren Zeichen der Freiheit. Der Bau schränkte die Freiheit der Ostdeutschen auf drastische Weise ein. Der Fall der Mauer ist das Zeichen der Sehnsucht nach Einheit gewesen", so Herr Schlichting. Er stellte den Autor vor, der nach seinem Studium viele Jahre bei den Vereinten Nationen arbeitete und nach der Wende nach Thüringen kam, um in leitenden Stellen im Finanzministerium zu arbeiten.
Klaus von Keussler berichtete, dass 1961auch zahlreiche Studenten aus Ostberlin an der Freien Universität studierten. Mit dem Bau der Mauer konnten diese Kommilitonen von heute auf morgen nicht mehr an den Vorlesungen teilnehmen. Mit dem Bau der Mauer endete für manchen von ihnen jäh der Traum von einer unbeschwerten Zukunft. Dieser Tatsache geschuldet, begannen die westdeutschen Studenten, ihren Kommilitonen bei der Flucht helfen zu wollen. Im Herbst 1961 war das zum Beispiel noch auf dem Weg der Kanalisation möglich, hier besorgten sich die Studenten entsprechende Unterlagen von den Ämtern. Kanalausstiege wurden genutzt, um den Hilfeersuchen zu entsprechen.
Klaus von Keussler sagte, dass er als Student nicht nur verbal gegen den Mauerbau protestieren wollte sondern vielmehr aktiv etwas dagegen unternehmen wollte. Und bei diesen Gedanken gab es in der damaligen Studentenschaft viele Gleichgesinnte. Er berichtete davon, dass beispielsweise die Theologiestudenten in Ostberlin kontrovers über Flucht oder Bleiben diskutierten. In Westberlin waren Aktionen gegen die Mauer ohne großes nachfragen in der Bevölkerung akzeptiert. Erste Fluchtaktionen, die von der Studentenschaft unterstützt wurden, geschahen über die Dächer von Berlin. Mit ausgeklügelten, spektakulären Aktionen wurden so unter anderem Seile und Drähte mittels Pfeil und Bogen von der einen auf die andere Seite gebracht.
Kontakte wurden zum amerikanischen Journalisten James P. O`Donell geschaffen, der die Gruppe unterstützte. Als die Fluchtaktionen immer schwieriger wurden, kamen neue Wege ins Gespräch. Der Tunnelbau war zwar mit einem immensen Aufwand und Risiko verbunden, aber die Überwachung der Grenze durch die Volkspolizei und NVA begrenzte die Möglichkeiten der Fluchthilfe. Klaus von Keussler berichtete über den ersten Versuch eines Tunnelbaus, der im Winter 1962 bei rauem Wetter begonnen wurde, aber letztendlich wegen Verrat scheiterte.
1963 wurde im Stadtteil Wedding eine Bäckerei angemietet. Hier wurde erst einmal zehn Meter abwärts gegraben. Das Unternehmen wurde als Filmatelier getarnt. Der Tunnel erhielt eine Länge von 145 Metern, man landete im Osten der Stadt auf einem Kohlenplatz. Nach der Flucht von drei Mädchen wurde der Tunnel entdeckt und von der NVA gesprengt. Drei Monate später entschloss man sich zum Bau eines neuen Tunnels, der parallel zum gesprengten verlief. Hier landete man nach ca. 150 Metern in einem stillgelegten Toilettenhäuschen. Insgesamt diente dieser Tunnel 57 Menschen zur Flucht.
Bei der Enttarnung wurde beim Schusswechsel mit NVA- Soldaten der Unteroffizier Egon Schultz durch die Verkettung unglücklicher Umstände durch eigene Soldaten getötet. Lange wurde der Mythos in der DDR aufrechterhalten, das dieser von westlichen Agenten erschossen worden sei. Als Schultz mit zwei Angehörigen des MfS den Hof der Strelitzer Straße 55 betrat, kam es zu einem Schusswechsel, in dessen Verlauf Schultz von einer Kugel aus der Pistole eines Fluchthelfers in die Schulter getroffen wurde. Er ging zu Boden und wurde beim Versuch, wieder aufzustehen, versehentlich von einem Soldaten mit dessen Kalaschnikow erschossen. Erst durch die Öffnung der Stasi-Akten konnte richtig gestellt werden, dass die tödlichen Schüsse aus der Waffe eines Grenzsoldaten abgegeben wurden.
Nach der Lesung und dem verdienten Applaus für den Autoren konnten die Anwesenden sich noch das Buch von Herrn von Keussler signieren lassen. Wieder einmal war die Werkstattlesung ein voller Erfolg und Lohn für die Arbeit aller Organisatoren.
Text und Foto: U. Vogt


