kyffhaeuser-nachrichten.de

Sonderbares aus Sondershausen (13)

Donnerstag, 13. September 2012, 22:23 Uhr
Welche eine Parallele, heute zum 13. kommt die 13. Ausgabe von "Sonderbares as Sondershausen". Heute das Thema: Die Mücke


Im Zweistromland von Wipper und Bebra, zwischen Windleite und Heinleite ist es nun doch soweit. Nach fast überstandenem Sommer schlägt die Gemeine Stechmücke (Culex pipiens) wieder zu und in diesem Fall steht die Artenbezeichnung "gemein" wohl nicht nur als Synonym für gewöhnlich, sondern mindestens gleichwertig für heimtückisch, niederträchtig und boshaft:

Nach einem wunderbar warmen Spätsommerabend lag ich zufrieden im Bett. Die Grillen zirpten unermüdlich und ein paar Sterne funkelten durch das offene Fenster. Ihre Jahrmillionen alten Lichtstrahlen verfingen sich nach der langen Reise durch die Weiten des Weltalls im engmaschigen Fliegengitter und zersprangen dort lautlos zu bunt glitzernden Perlen.

Ich war fast am eindösen, da erhielt ich von der Seite eine unerfreuliche Mitteilung mit unterschwellig inkludierter Handlungsaufforderung. "Schatz, ich kann nicht einschlafen, hier ist eine Mücke.“

Kann nicht sein, dachte ich zunächst, wir haben ja ein Fliegengitter. Doch ob dieser wohl völlig uneigennützige Hinweis auf den Eindringling nun einen uralten Jagdinstinkt in mir weckte, das Beschützergen aktivierte oder einfach nur eine egoistische Selbstschutzfunktion triggerte, kann und will ich gar nicht beurteilen. Die Feststellung "…hier ist eine Mücke" war jedenfalls die Ursache dafür, dass ich nun mit starrem Blick in die Dunkelheit horchte und ein leises Summen nahe der Ultraschallgrenze zu orten versuchte. Nichts. Reinweg gar nichts. Nach einer Weile angespannten Lauschens, bei dem ich das Gefühl hatte, mit riesigen Radar-Ohren bis in die Tiefen des Universums vorzudringen, glaubte ich schließlich fast hören zu können, wie die Funkellichter am Fliegengitter zu Sternenstaub zerplatzen.

Doch dann ein akustisches Ereignis, dass ich nicht sofort zuordnen konnte, da es sich in einem anderen, nicht aktiv überwachten Frequenzbereich zutrug. Das Geräusch wurde bereits vom Hirnstamm als störend eingestuft und verursachte ein genetisch tief verwurzeltes Unbehagen, ähnlich dem Summen einer Stechmücke. Es war ein verhaltenes aber nachdrückliches Schnarchen. Soviel zum Thema "Ich kann nicht einschlafen."

Um meiner Aufgabe trotz des erhöhten Geräuschpegels gerecht werden zu können, schaltete ich die Nachttischlampe ein. Ein supernovaähnlicher Lichtblitz traf meine geweiteten Pupillen und übersteuerte sämtliche Synapsen. Ich war temporär blind, doch das Geräusch verstummte augenblicklich und ich regelte die Helligkeit auf "moonlight" herunter, um im Halbdunkel alle potentiellen Mückenlandeplätze zu scannen.

Damit ich meine Chance nicht verpassen würde, vergewisserte ich mich, dass die elektrische Fliegenklatsche in Reichweite lag, starrte mit unfokussiertem Blick ins Nichts und lauschte nach einem fast unhörbaren Summen. Das Jagdinstrument Fliegenklatsche zu nennen, war eigentlich irreführend, denn Fliegen lachen und genießen, wenn man es benutzt. Man hört sie förmlich kichern, wenn sie sich vor Nervenkitzel zwischen den elektrisierten Stäben schütteln, bevor sie davonfliegen. Eine weidgerechte Erlegung von Fliegen ist damit jedenfalls nicht zu bewerkstelligen. Im Kampf gegen Mücken ist die Waffe allerdings ideal. Die kleinen Biester verursachen geradezu ein leuchtendes Feuerwerk, wenn sie gegen das Hochspannungsnetz fliegen.

Die Zeit verging. Endlos viel Zeit. Der Zeitpunkt, in dem das Universum wieder in sich zusammenfallen würde, rückte immer näher. Doch dann passierte es plötzlich und unerwartet. Vom Dopplereffekt getrieben senkte sich eine winzige Mücke unter anschwellendem Turbinendonner langsam herab, als folgte sie den Armen eines galaktischen Spiralnebels. Sie führ ihren sechsbeinigen Landapparat aus und setzte zielsicher und ohne die geringste Erschütterung auf dem glatten, makellosen, braungebrannten, im Sternenlicht seidig schimmernden Oberarm des potentiellen Opfers auf.

Ich griff vorsichtig nach dem Insektenvernichter, näherte mich lautlos und in Zeitlupe dem gefährlichen Tier auf wenige mikrokosmische Einheiten, betätigte konzentriert den Hochspannungsknopf, vernahm das Surren der sprungbereiten Elektronen, spürte die Spannung des sich aufbauenden elektrischen Feldes, stellte mir die Frage, ob "Mücke Tod“ im Handbuch der Deutschen Jagdsignale aufgeführt ist, überbrückte die
letzten Zentimeter in Richtung Ziel mit maximaler Beschleunigung, sah den Funkenregen, hörte das tödliche Knistern… doch dann ein jäher Schrei! Und ein unbeherrschter Schlag in mein Gesicht, der keinesfalls von der toten Mücke herrühren konnte.

Im Jagdfieber hatte ich völlig vergessen, dass auch Frauenarme über Nervenenden verfügen.

Eric Sommer
Autor: khh

Drucken ...
Alle Texte, Bilder und Grafiken dieser Web-Site unterliegen dem Urherberrechtsschutz.
© 2026 kyffhaeuser-nachrichten.de