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Jubiläum der Ebelebener Werkstattlesung

Sonntag, 21. April 2013, 15:04 Uhr
Wer hätte am 3.Oktober 2009 gedacht, dass sich die Ebelebener Werkstattlesungen so fest im Veranstaltungskalender der Region etablieren würden? Jetzt fand bereits die 10. Lesunng statt und die Zuhörerzahl steigt.

Etwa 120 Zuhörer gaben dem gemeinsamen Ansinnen der Stadtverwaltung und der Mühlhäuser Werkstätten Recht.
Mit Kathrin Behr war bereits die 10. Autorin im großen Saal der Mühlhäuser Werkstätten zu Gast. Bereits zum 8.Mal wurden die Lesungen in Kooperation mit der Landeszentrale für politische Bildung durchgeführt. Kathrin Behr (Jahrgang 1967), die heute in Berlin lebt, legte in einem emotionalen Vortrag, der aus Textpassagen ihres Buches "Entrissen, der Tag als die DDR mir meine Mutter nahm" und zusätzlichen eigenen Schilderungen ihr persönliches Schicksal dar. Noch heute leidet Frau Behr an Depressionen bzw. an der Verarbeitung traumatischer Erlebnisse. Seit dem Jahre 2007 hatte sie sich mit ihrer eigenen Geschichte beschäftigt und zwei Jahre später damit begonnen, ein Buch darüber zu schreiben. Viel Zeit hat sie damit verbracht, ihre eigene Adoptionsakte intensiv zu lesen. Dabei ist es ihr ebenso wichtig, einen Verein, der sich mit der Thematik Zwangsadoptionen beschäftigt, zu leiten sowie ein Internetportal zu betreuen.

In der Lesung begann sie mit den Schilderungen eines kalten Februartages des Jahres 1972. Es ist ein kalter Morgen, als die Männer in den langen, dunklen Mänteln kommen und ihre Mutter abholen. Vier Jahre ist Katrin Behr damals alt. Sie und ihr zwei Jahre älterer Bruder werden von der Mutter getrennt. Panik bricht bei der kleinen Kathrin aus, die nur durch das Versprechen der Mutter beruhigt werden kann, dass sie abends wieder bei den Kindern sei. Über einen Kurzaufenthalt bei der Großmutter werden die Kinder in ein Heim der Stadt Gera gebracht, wo 20 Kinder einen Schlafsaal teilen und in der blau- weiß karierten Einheitsbettwäsche schlafen. Bald schon werden die Geschwister voneinander getrennt. Während der Bruder eine "Heimkarriere" durchläuft kommt Katrin nacheinander in drei Pflegefamilien und wird schließlich von einer linientreuen Familie aufgenommen und zwangsadoptiert.

In der ersten Pflegefamilie war gerade mal auf dem Hundesofa für sie Platz. Viele Jahre hatte sie vergeblich auf die Rückkehr ihrer Mutter gewartet. Diese war wegen des so genannten Assozialenparagrafen verurteilt worden. Der eigentliche Grund der Verhaftung war Staatsbeleidigung gewesen. Kathrin Behr sprach davon, dass der erwähnte Paragraf in der damaligen Zeit mehrfach genutzt wurde, um allein stehende Mütter, die nicht in das normale öffentliche Bild passten, zu kriminalisieren. Die DDR- Justiz nutzte die gesetzlichen Möglichkeiten, um durch ein Vormundschaftsgericht den Sorgerechtsentzug der Mutter zu erreichen. Erst 40 Jahre nach dieser willkürlichen Verurteilung wurde die Mutter, damals schon eine schwer kranke Frau, rehabilitiert. Die Trennung von ihren Kindern und viele Jahre Haft hatten sie gezeichnet und gebrochen.

Frau Behr sagte in ihrem Vortrag, dass Adoptionen jener Zeit noch immer schwer aufzuarbeiten sind. Hilfe von staatlichen Stellen ist auch heute noch nicht selbstverständlich. Auch sind in den Wirren der Wende so manche Akten verschwunden.

In der Diskussion gefragt, ob es ihr in der letzten Adoptivfamilie denn nicht gut gegangen sei, antwortete die Autorin: "Was nützt ein goldener Käfig, wenn das Herz fehlt." Ein emotionaler Aufschrei, der viel davon wiedergibt, wie ihr Leben im Alter von vier Jahren eine böse Wende nahm.

Uwe Vogt
Ebeleben
Autor: khh

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