Konzertrezension zu Harries
Montag, 22. April 2013, 19:47 Uhr
Zum Auftritt von JAMES HARRIES und dessen Support, DIE KELLERBAND, am 19. April, in der Eingangshalle des Panorama Museums Bad Frankenhausen, die Konzertrezension von Fred Böhme
Am vergangenen Freitagabend startete nun das vierte Konzert aus der diesjährigen Jubiläumsreihe 20 Jahre Kino und Konzerte im Panorama Museum, bei der alte Bekannte in neuen Konstellationen präsentiert werden. Dieses Mal gastierte der englische Singer & Songwriter JAMES HARRIES mit seinem Soloprogramm und wer ihn vor drei Jahren mit seinen tschechischen Mitmusikern bereits erlebt hatte, wusste natürlich, welche Vokalperformance ihn erwarten wird.
Seinem Auftritt ging aber erst einmal das halbstündige Panoramabühnendebüt der KELLERBAND voraus. Die fünfköpfige regional verwurzelte Band mit Mitgliedern aus Ichstedt, Allstedt, Borxleben und Heygendorf bot ihr Programm mit erstaunlicher Professionalität, hatten sie doch versichert, dass sie sich als Hobbymusiker vor einiger Zeit zusammen gefunden haben, um lediglich mit der Musik bei einer Flasche Bier und mit der Gitarre von ihrem Berufsalltag auszuspannen. Das heißt, man feiert die alten Helden von Neil Young bis Bob Dylan, vielleicht auch mal Curt Cobain oder Stoppok, das alles ohne technische Mätzchen, drei Gitarren, ein Bass, Mundharmonika und ein Cajon und genießt die Geselligkeit.
Und da sitzen Vater und Sohn auf der Bühne oder auch zwei Brüder, man mag sich und pflegt die Geselligkeit. Und diese positive Ausstrahlung, bei der die Musik einfach als Mittel dient, Menschen zusammen zu bringen und ein bisschen gemeinsamen Spaß zu haben, das vermittelte die fünf Herren auf der Bühne sofort den anwesenden mehr als hundert Gästen. Die Allüren lose Kumpelhaftigkeit traf sofort den Nerv des Publikums, das sehr positiv auf den Auftritt der Band reagierte. Schön auch die vorgetragenen selbst geschriebenen Songs, die von der Liebe, vom Freitag oder dem mühseligen Alltag erzählten und das ohne Bitterkeit oder Selbstmitleid. Natürlich könnten sie an ihren Songs noch etwas feilen, den Satzgesang perfektionieren oder ihre Liedarrangements jenseits des Gitarrendreiklangs mit weiteren instrumentalen Farben und Nuancen bereichern, doch Musik sollte vor allem Spaß machen und diese Botschaft zündete.
Nach diesem 35 minütigen Auftakt und einer kleineren Umbaupause betrat James Harries die Bühne. Nach der Frage, ob er jetzt mit seinen Sondcheck fertig sei, entschuldigt er diesen und fragt ins Publikum: "Are you ready?", setzt hinzu: "My german is very Scheiße." und erntet damit erste Lacher. Freitags zu fahren ist ziemlich hart, volle Straßen, Staus, sagt er auf Englisch und ergänzt lakonisch: "It´s better you drive at the Fußgängerzone." Und dann beginnt er mit seiner markanten hohen Stimme und der für ihn typischen Intensität sein "All I Want".
Da steht nun jemand ganz allein auf der Bühne, lediglich mit der Gitarre gewappnet, ganz allein vor mehr als hundert erwartungsvollen Leuten und beginnt zu singen. Er kann seinen Gesang nicht richtig auf der Bühne hören und bittet singend im Song "Fred, please more vocal on my monitor" und erntet damit weitere Lacher und setzt das Lied fort. Es ist unübersehbar, seit seinem letzten Auftritt wirkt er selbstbewusster und noch sicherer auf der Bühne und überrascht mit einem feinen, sehr britischen Humor.
Doch das ist alles nebensächlich, will man den Auftritt dieses Musikers kommentieren, denn James Harries ist ein Ausnahmesänger und die Intensität seiner Darbietung führte augenblicklich dazu, dass völlige Stille beim Publikum einkehrte. Zu verblüfft waren wohl die Anwesenden, als sie erleben durften, wie dieser Musiker mit seiner Stimme umging und von der tiefen Lage spielend in die Höhen der Kopfstimme wechselte, sein wandlungsreiches Gesangsorgan wie ein Musikinstrument einsetzte und damit innerhalb eines Songs ungeheure dramatische Spannungsbögen aufbaute. Danach sein "I will comfort you", ein typischer James-Harries-Song mit perkussiver an- und abschwellender Gitarrenbegleitung, dazu die ironische Reflektion über das Komfortdenken seiner Partnerin und alles höchst eigenwillig-expressiv vorgetragen. Dabei ist das musikalische Repertoire an Harmonien oder bestimmten Melodiebögen für diesen Musiker offenkundig nicht grenzenlos, es schleichen sich auch in seinen Songs Wiederholungen und Gleichförmigkeiten ein, erst Recht wenn die Arrangements wie in diesem Fall so reduziert sind, doch immer wieder gelingen ihm derartig unverwechselbare Stücke, die sich in die Erinnerung seines Zuhörers förmlich einbrennen.
Da wären sein beschwingtes "Lets Hope", eine Aufforderung, die Hoffnungen nicht fahren zu lassen, mit diesen wunderschönen Vocalisen, die förmlich Ermunterung sind, über alle Sprachgrenzen hinweg in diesen Gesang einzustimmen; das expressiv-rockige "Sticks & Stones", welches er mit noch größerer Intensität zelebrierte als auf seiner CD "Growing Pains", bei dem er sich auf seiner 50-Euro-Elektrogitarre vom Trödlermarkt sehr effektiv begleitete und das zumindest einen Vorgeschmack auf sein das Konzert beschließende "Goodbye" darstellte, welches mit nicht zu überbietender Kraft vorgetragen wurde. Kann ein Solist rocken, ganz ohne Band? Eine Frage, die man im Falle von James Harries mit ja beantworten muss. Nuanciert lyrisch- leise bis laut brüllend, stets die Kraft wohl dosiert einsetzend, so war sein Gesang ein virtuoser Balanceakt auf dem Kraterrand, dem man fasziniert und zugleich erschüttert folgte, ihn für seinen Mut bewunderte und gleichsam seinen Absturz fürchtete. Die Dramaturgie seines Auftritts war über weite Strecken sehr gekonnt.
Er bezog das Publikum mit ein, indem er es Passagen singen ließ und als Begleitung nutzte, wechselte immer wieder zwischen lyrischen und äußerst expressiven Passagen. Doch nach mehr als einer Stunde einer solch Darbietung stellten sich bei einigen Hörern Ermüdungserscheinungen ein, denn dieses Konzert war keine nette unverbindliche Nebenbeiunterhaltung sondern eine Herausforderung an die Hörer.
Ungeachtet seiner Erkältung zelebrierte James Harries 90 Minuten lang diese Performance und man musste annehmen, dass dies eine wohldurchdachte und genau kalkulierte Show war, wie sonst konnte er solche Konzerte Abend für Abend kräftemäßig durchhalten. Doch stand dem entgegen, dass er diese Lieder nicht einfach abspulte, sondern ihnen im Augenblick des Vortrags interpretatorisch neues Leben einhauchte, was besonders auffällig an dem Wunschstück "Cafe Del Mar" war, dem er ein deutlich andere Note gab als auf seiner CD "The Straight Street Session". Als er nach dem Konzert um eine Titelliste gebeten wurde, stellte sich heraus, dass es eine solche überhaupt nicht gab und er vielmehr seiner eigenen Stimmung gehorchend dieses Konzert gestaltete.
Irgendwie stellte sich bei mir am Ende der Eindruck ein, nicht an irgendeinem Konzert sondern an einem wirklich außerordentlichen Ereignis teilgenommen zu haben. Die vom Publikum eingeforderten Zugaben wie auch zahlreiche verkaufte CDs waren Beleg genug für seine Wirkung auf den größeren Teil des Publikums. Natürlich gab es auch Konzertgäste, die er ratlos und irritiert zurückließ, denn seine Darbietung war sicher für einige von ihnen sehr weit entfernt von ihren sonstigen Hörgewohnheiten. Fred Böhme
Fred Böhme
Foto: "Die Kellerband, live", Rechteinhaber: Fred Böhme / Archiv Panorama Museum
Fotos: "James Harries", Rechteinhaber: Fred Böhme / Archiv Panorama Museum
Autor: khhAm vergangenen Freitagabend startete nun das vierte Konzert aus der diesjährigen Jubiläumsreihe 20 Jahre Kino und Konzerte im Panorama Museum, bei der alte Bekannte in neuen Konstellationen präsentiert werden. Dieses Mal gastierte der englische Singer & Songwriter JAMES HARRIES mit seinem Soloprogramm und wer ihn vor drei Jahren mit seinen tschechischen Mitmusikern bereits erlebt hatte, wusste natürlich, welche Vokalperformance ihn erwarten wird.
Seinem Auftritt ging aber erst einmal das halbstündige Panoramabühnendebüt der KELLERBAND voraus. Die fünfköpfige regional verwurzelte Band mit Mitgliedern aus Ichstedt, Allstedt, Borxleben und Heygendorf bot ihr Programm mit erstaunlicher Professionalität, hatten sie doch versichert, dass sie sich als Hobbymusiker vor einiger Zeit zusammen gefunden haben, um lediglich mit der Musik bei einer Flasche Bier und mit der Gitarre von ihrem Berufsalltag auszuspannen. Das heißt, man feiert die alten Helden von Neil Young bis Bob Dylan, vielleicht auch mal Curt Cobain oder Stoppok, das alles ohne technische Mätzchen, drei Gitarren, ein Bass, Mundharmonika und ein Cajon und genießt die Geselligkeit.
Und da sitzen Vater und Sohn auf der Bühne oder auch zwei Brüder, man mag sich und pflegt die Geselligkeit. Und diese positive Ausstrahlung, bei der die Musik einfach als Mittel dient, Menschen zusammen zu bringen und ein bisschen gemeinsamen Spaß zu haben, das vermittelte die fünf Herren auf der Bühne sofort den anwesenden mehr als hundert Gästen. Die Allüren lose Kumpelhaftigkeit traf sofort den Nerv des Publikums, das sehr positiv auf den Auftritt der Band reagierte. Schön auch die vorgetragenen selbst geschriebenen Songs, die von der Liebe, vom Freitag oder dem mühseligen Alltag erzählten und das ohne Bitterkeit oder Selbstmitleid. Natürlich könnten sie an ihren Songs noch etwas feilen, den Satzgesang perfektionieren oder ihre Liedarrangements jenseits des Gitarrendreiklangs mit weiteren instrumentalen Farben und Nuancen bereichern, doch Musik sollte vor allem Spaß machen und diese Botschaft zündete.
Nach diesem 35 minütigen Auftakt und einer kleineren Umbaupause betrat James Harries die Bühne. Nach der Frage, ob er jetzt mit seinen Sondcheck fertig sei, entschuldigt er diesen und fragt ins Publikum: "Are you ready?", setzt hinzu: "My german is very Scheiße." und erntet damit erste Lacher. Freitags zu fahren ist ziemlich hart, volle Straßen, Staus, sagt er auf Englisch und ergänzt lakonisch: "It´s better you drive at the Fußgängerzone." Und dann beginnt er mit seiner markanten hohen Stimme und der für ihn typischen Intensität sein "All I Want".
Da steht nun jemand ganz allein auf der Bühne, lediglich mit der Gitarre gewappnet, ganz allein vor mehr als hundert erwartungsvollen Leuten und beginnt zu singen. Er kann seinen Gesang nicht richtig auf der Bühne hören und bittet singend im Song "Fred, please more vocal on my monitor" und erntet damit weitere Lacher und setzt das Lied fort. Es ist unübersehbar, seit seinem letzten Auftritt wirkt er selbstbewusster und noch sicherer auf der Bühne und überrascht mit einem feinen, sehr britischen Humor.
Doch das ist alles nebensächlich, will man den Auftritt dieses Musikers kommentieren, denn James Harries ist ein Ausnahmesänger und die Intensität seiner Darbietung führte augenblicklich dazu, dass völlige Stille beim Publikum einkehrte. Zu verblüfft waren wohl die Anwesenden, als sie erleben durften, wie dieser Musiker mit seiner Stimme umging und von der tiefen Lage spielend in die Höhen der Kopfstimme wechselte, sein wandlungsreiches Gesangsorgan wie ein Musikinstrument einsetzte und damit innerhalb eines Songs ungeheure dramatische Spannungsbögen aufbaute. Danach sein "I will comfort you", ein typischer James-Harries-Song mit perkussiver an- und abschwellender Gitarrenbegleitung, dazu die ironische Reflektion über das Komfortdenken seiner Partnerin und alles höchst eigenwillig-expressiv vorgetragen. Dabei ist das musikalische Repertoire an Harmonien oder bestimmten Melodiebögen für diesen Musiker offenkundig nicht grenzenlos, es schleichen sich auch in seinen Songs Wiederholungen und Gleichförmigkeiten ein, erst Recht wenn die Arrangements wie in diesem Fall so reduziert sind, doch immer wieder gelingen ihm derartig unverwechselbare Stücke, die sich in die Erinnerung seines Zuhörers förmlich einbrennen.
Da wären sein beschwingtes "Lets Hope", eine Aufforderung, die Hoffnungen nicht fahren zu lassen, mit diesen wunderschönen Vocalisen, die förmlich Ermunterung sind, über alle Sprachgrenzen hinweg in diesen Gesang einzustimmen; das expressiv-rockige "Sticks & Stones", welches er mit noch größerer Intensität zelebrierte als auf seiner CD "Growing Pains", bei dem er sich auf seiner 50-Euro-Elektrogitarre vom Trödlermarkt sehr effektiv begleitete und das zumindest einen Vorgeschmack auf sein das Konzert beschließende "Goodbye" darstellte, welches mit nicht zu überbietender Kraft vorgetragen wurde. Kann ein Solist rocken, ganz ohne Band? Eine Frage, die man im Falle von James Harries mit ja beantworten muss. Nuanciert lyrisch- leise bis laut brüllend, stets die Kraft wohl dosiert einsetzend, so war sein Gesang ein virtuoser Balanceakt auf dem Kraterrand, dem man fasziniert und zugleich erschüttert folgte, ihn für seinen Mut bewunderte und gleichsam seinen Absturz fürchtete. Die Dramaturgie seines Auftritts war über weite Strecken sehr gekonnt.
Er bezog das Publikum mit ein, indem er es Passagen singen ließ und als Begleitung nutzte, wechselte immer wieder zwischen lyrischen und äußerst expressiven Passagen. Doch nach mehr als einer Stunde einer solch Darbietung stellten sich bei einigen Hörern Ermüdungserscheinungen ein, denn dieses Konzert war keine nette unverbindliche Nebenbeiunterhaltung sondern eine Herausforderung an die Hörer.
Ungeachtet seiner Erkältung zelebrierte James Harries 90 Minuten lang diese Performance und man musste annehmen, dass dies eine wohldurchdachte und genau kalkulierte Show war, wie sonst konnte er solche Konzerte Abend für Abend kräftemäßig durchhalten. Doch stand dem entgegen, dass er diese Lieder nicht einfach abspulte, sondern ihnen im Augenblick des Vortrags interpretatorisch neues Leben einhauchte, was besonders auffällig an dem Wunschstück "Cafe Del Mar" war, dem er ein deutlich andere Note gab als auf seiner CD "The Straight Street Session". Als er nach dem Konzert um eine Titelliste gebeten wurde, stellte sich heraus, dass es eine solche überhaupt nicht gab und er vielmehr seiner eigenen Stimmung gehorchend dieses Konzert gestaltete.
Irgendwie stellte sich bei mir am Ende der Eindruck ein, nicht an irgendeinem Konzert sondern an einem wirklich außerordentlichen Ereignis teilgenommen zu haben. Die vom Publikum eingeforderten Zugaben wie auch zahlreiche verkaufte CDs waren Beleg genug für seine Wirkung auf den größeren Teil des Publikums. Natürlich gab es auch Konzertgäste, die er ratlos und irritiert zurückließ, denn seine Darbietung war sicher für einige von ihnen sehr weit entfernt von ihren sonstigen Hörgewohnheiten. Fred Böhme
Fred Böhme
Foto: "Die Kellerband, live", Rechteinhaber: Fred Böhme / Archiv Panorama Museum
Fotos: "James Harries", Rechteinhaber: Fred Böhme / Archiv Panorama Museum



