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Energiewende in Deutschland

Donnerstag, 29. August 2013, 22:36 Uhr
Wärme aus Stroh. Deutschland hat sich entschlossen, seine Energieversorgung umzubauen – und das grundlegend. Ein Leser hat sich dazu Gedanken gemacht.

Das Energiekonzept der deutschen Bundesregierung, im Einklang mit der Wissenschaft und Wirtschaft, setzt Maßstäbe für eine sichere, bezahlbare und umweltverträgliche Energieversorgung. Ziel ist es, die Energieversorgung bis Mitte des Jahrhunderts auf eine neue Grundlage zu stellen. In 40 Jahren soll Strom zu 80% aus erneuerbaren Energien erzeugt werden.

Bereits 2022 soll das letzte Kernkraftwerk vom Netz gehen. Dazu werden neue Leitungsnetze, neue Kraftwerke und neue Speichermöglichkeiten benötigt. Schon heute stammt fast ein Viertel des deutschen Stroms aus Wind, Sonne, Biomasse und Wasser. Das entscheidende Steuerungsinstrument für den Ausbau der erneuerbaren Energien im Wärmemarkt ist das erneuerbare – Energien – Wärmegesetz. Das Grundprinzip lautet: Fördern und Fordern. Neubauten müssen mindestens einen Teil ihrer Wärme aus Solar- oder Geothermie, Biomasse oder Biogas beziehen. Das führte dazu, dass die Neubauten der Jahre 2009 bis 2011 pro Jahr 2,4 Terrawattstunden weniger fossile Brennstoffe verbrauchten und somit auch 640.000 Tonnen Treibhausgase nicht in die Atmosphäre geblasen wurden. Das Marktanreizprogramm hat sich seit vielen Jahren bewährt. Gefördert werden so beispielsweise solarthermische Biomasseanlagen mit Wärmenetzen.

Die Energiewende ist ein großer Transformationsprozess. Ihr Erfolg hängt maßgeblich auch davon ab, dass modernste Techniken zum Einsatz kommen. Herr Minister Altmeyer strahlt Vertrauen und Energie aus. Deutschland muss die Energiewende schaffen, sonst sind wir nach der Sprechanlage im Wasserwerk Bonn, den ICE Ausfällen, dem Flughafen Berlin/Brandenburg und den Drohnen, weltweit die Blamierten. Ein Novum ist, dass alle an einem Strang ziehen, und auch in die gleiche Richtung.
In Niedersachsen entstehen große Solarparks, Onshore und Offshore Windenergieanlagen und Biogasanlagen. Somit liegt das Land mit einem Anteil von 39% des Stromverbrauchs aus Erneuerbaren Energien, bereits deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 25 %.
Die BEKW Bioenergiekraftwerk Emsland GmbH & Co. KG baut in Emlichheim /Niedersachsen ein strohbefeuertes Heizkraftwerk - bisher einzigartig in Deutschland.

Das Kraftwerk ist für ca.13 Megawatt Bruttostromerzeugung und 49,8 Megawatt Wärmeerzeugung konzipiert. An die benachbarte Stärkefabrik der Emsland Group werden Heizungswärme und Prozessdampf geliefert.
Nach Frankreich verfügt Deutschland über das größte Strohpotential innerhalb der EU. Bei einer Ernte von ø 42 Mio. Tonnen Getreide (ohne Mais) fallen in Deutschland ca. 37 Mio. Tonnen Stroh an. Das ifo-Institut schlägt unter Berücksichtigung einer Vielzahl verschiedener Studien vor, etwa ein Drittel des anfallenden Getreidestrohs als energetisches Nutzpotential anzusetzen. Dies ergibt ein jährliches Strohpotential von ca. 12 Mio. Tonnen für die energetische Nutzung.

Absolut trockenes Stroh hat einen Heizwert von 4,72 kWh/kg. In der Praxis weist Stroh aufgrund einer verbleibenden Restfeuchte von ca. 10 - 15 % einen Heizwert von etwa 4 kWh/ kg auf. Damit hat Stroh einen leicht höheren Heizwert als Holz ( 3,3 kWh/kg).
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Ein Rechteckballen Stroh mit den Maßen 2,5 x 1,2 m x 1 m (3 m³) wiegt etwa 500 kg. Er verfügt somit über eine Energiemenge von ca. 2.000 kWh. Dieses entspricht etwa 300 kg Kohle oder 200 Liter Heizöl. Ein herkömmliches Strohtransportfahrzeug, welches im Durchschnitt mit 20 Tonnen Stroh beladen wird, befördert somit ein Heizöläquivalent von 8.000 Litern. Mit modernster Press- und Bergetechniken für Quaderballen sind heute LKW-Ladungen von bis zu 24,5 Tonnen möglich.

Stroh gilt als CO2-neutraler Brennstoff, da das Getreide während des Wachstums auf dem Feld dieselbe Menge CO2 aus der Atmosphäre aufgenommen hat wie bei der Verbrennung wieder freigesetzt wird, so dass Netto keine Zufuhr von CO2 an die Atmosphäre erfolgt. Für den Betrieb des Kraftwerkes in Emlichheim werden jährlich etwa 75.000t Stroh benötigt. Es stammt aus dem regionalen Getreideanbau von Landwirten im Umkreis von durchschnittlich 60 km.

Die energetische Nutzung des Reststoffes Stroh steht in keiner Konkurrenz zur Futter- oder Nahrungsmittelerzeugung. Den Landwirten erschließt sich somit eine zusätzliche Erwerbsquelle. Zudem wird durch den Bau des Bioenergiekraftwerks die regionale Veredelungswirtschaft durch den Abtransport von Nährstoffen unterstützt und somit Freiräume zur Ausbringung von Wirtschaftsdünger geschaffen.

Das Strohheizkraftwerk mit seiner kombinierten Strom- und Wärmeerzeugung basiert auf dem klassischen Kreisprozeß, welcher auf der Erzeugung von Dampf in einer Kesselanlage und dessen Entspannung in einer Turbine beruht. Somit ist der Aufbau weitgehend mit dem eines konventionellen Kraftwerkes identisch. Die Strohballen werden über eine Brennstoffbrücke vom Strohlager zum Kesselhaus geführt. Am Ende der Förderbänder befinden sich neuentwickelte Ballenauflöser , die durch langsame Rotation von stirnseitig angeordneten Schaufeln die Ballen aufreißen. Nach der Einbringung des losen Strohs in den Feuerraum verbrennt dieses auf einem speziellen wassergekühlten Vibrationsrost. Die anfallende Asche wird über eine Nassentaschung aus dem Kessel geführt. Die Rauchgase werden zur Minimierung von Emissionen gereinigt.

Einen weiteren Baustein dieses hocheffizienten Kraft-Wärme-Kopplungskonzepts bildet ein Nahwärmenetz, das öffentliche Liegenschaften und private Wohngebäude in der Gemeinde Emlichheim mit umweltfreundlicher und klimaschonender Wärme versorgt.
An diesem Beispiel ist zu erkennen, dass jede Maßnahme ein Beitrag zur Erreichung unseres gemeinsamen Zieles ist. Ein geflügeltes Wort während des Studiums war: “Und wenn der ganze Schnee verbrennt, die Asche bleibt uns doch“. Mit“ Schnee“ war die Vorlesung in ML gemeint.

In 20 Jahren sehen unsere Heizungskeller anders aus, die Verbräuche, oder die Einspeisung der Energieträger werden vom Unternehmen über ein Datenkabel abgelesen und die Zentralisierung der Elektroenergieerzeugung hat ein Ende. Jedes 3. bis 4. Haus hat einen Stromerzeuger, durch Nahwärmerohre sind sie verbunden.

Der Besuch in Emlichheim regte mich an, eine öffentliche Diskussion über die Wärme- und Elektroenergieversorgung in unserem ländlichen Umfeld zu führen. In Österreich und Norditalien haben sich eigens Genossenschaften gebildet, die bis zu 3 Gemeinden mit Strom und Wärme versorgen. Dadurch haben die Kommunen und Agrargenossenschaften eine zusätzliche Einnahmequelle, die Energieunternehmen werden nicht mehr so mächtig sein. Diese Chance haben wir nach der Wende nicht genutzt.
gms
Anmerkung der Redaktion:
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Autor: khh

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