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Forum: Kraftwerk im Kyffhäuserkreis?

Donnerstag, 03. Oktober 2013, 08:53 Uhr
Nicht nur im Landkreis Nordhausen, sondern auch Kyffhäuserkreis sind nun Planungen für ein Pumpspeicherlraftwerk im Gange. Dazu Anmerkungen eines Lesers der Nordthüringer Online-Zeitungen...


Wann endlich begreifen die Verantwortlichen in diesem Land, dass man Probleme, die durch unserem überdurschnschnittlich hohen materiellen Wohlstand verursacht werden (z.B. hoher Energieverbrauch), nicht durch noch mehr Naturzerstörung, als ohnehin schon, gelöst werden können.

Der obige Beitrag zu einer weiteren Pumpspeicherkraftwerksplanung kommt mir wie die Verkündung eines SED-Parteitagsbeschlusses aus DDR-Zeiten vor: Da wird ein Projekt vorgestellt, dass im Politbüro schon längst abgesegnet wurde. Die Darstellung in der Öffentlichkeit erfolgt dann so, als ob schom alles geprüft und von den hohen Damen und Herren natürlich auch durchdacht ist.

Selbstverständlich mit rundherum positivem Ausgang: Das Wort Naturzerstörung fällt im konkreten Beispiel gar nicht erst, nur im Wort "Ausgleich" kann man es erahnen. Und letzterer ist natürlich möglich. Eine andere Denkweise gibt es nicht oder sie hat es nicht zu geben. Das ist wie früher. Jeder menschliche Eingriff in die Natur ist ausgleichbar,wie wir an der höchsten Aussterberate seit den Dinosauriern und wie wir am höchsten, (menschgemachten) Temperaturanstieg seit Jahrzehntausenden auf unserem Globus sehen können. Widerstand ist nicht vorgesehen, man geht davon aus, dass die Bevölkerung mitspielt.

Und das wird sie im Land der weitgehend einheitlichen politischen Meinung natürlich tun. Westdeutsche, die ich interviewte, schüttelten mehrfach den Kopf über den Phlegmatismus, mit dem die Ossis auf das Überstülpen von Seilschaftsbeschlüssem reagieren. "Das würde in Hessen oder Baden-Württemberg ganz anders ablaufen. Ihr lasst Euch viel zu viel gefallen", hörte ich des öfteren.

Konkret: Wir können davon ausgehen, dass das längst beschlossene Pumpspeicherwerk im Kyffhäuserkreis Realität wird. In Erfurt bzw. den mit den führenden Parteien befreundeten Konzernzentralen rechnet man ganz fest damit, dass die Bevölkerung eines der wirtschaftlich ärmsten Regionen Thüringens mitspielt. Diese ist überaltert, da muss man nicht lange überzeugen. Die karriereorientierte und dazu noch vor allem um ihr eigenes Wohl besorgte Jugend ist weitestehend abgewandert.

Was bleibt, ist ein fader bis saurer Beigeschmack: Ein Poltiker, der am Ende seiner Amtszeit nur auf eine intakte Kulturlandschaft verweisen kann, steht dumm da. Dass der Kyffhäuserkreis die an Pflanzenarten reichsten Gebiete des Freistaates beherbergt, wird als Wert selten publiziert. Ein Pumpspeicherwerk ist da doch etwas ganz anderes. Ein Denkmal eben. Machnig in Stein gemeißelt.

Das Problem der Energiespeicher ist übrigens ein Scheinproblem: Weil niemand aus der Politik den Mut hat, Wirtschaft und Bürger zum echten Sparen zu zwingen, zum Nachdenken über das, was wirklich notwendig ist, muss in der Fläche gebaut werden, brauchen wir also Pumpspeicherkraftwerke. - Nein wir brauchen die nicht. Erst wenn der Mensch das Faktum anerkennt, dass sich der exzessive Verbrauch von Ressourcen (und auch Landschaft ist eine Ressource) in seiner Endkonsequenz gegen ihn wenden wird, hat er verstanden.

Nur dann ist es wahrscheinlich bereits zu spät. Die Ignoranz der Realität, der unzähligen Fakten von Wissenschatlern (auch Ökonomen) und Umweltorganisationen nützt dem Menschen am Ende nichts, wenn er ihnen nicht folgt und anerkennt, dass es ein unbegrenztes Wachstum schon aus der Logik heraus nicht geben kann.

Und es bliebe noch ein weiteres Fragezeichen: Wieso soll nach Appenrode/Rothesütte im Landkreis Nordhausen mit einem Mal in Nordthüringen noch ein weiteres dieser Kraftwerke gebaut werden? Davon habe ich in früheren Prognosen nie etwas gelesen. Es könnte aber sein, dass die Planer eingesehen haben, dass eine Zerstörung des Kleinen Ehrenberges und des Gebietes N Appenrode selbst aus Sicht eingefleischter Schreibtischentscheider nicht verantwortbar ist und nun ein eventuell weniger sensibler Standort her muss.

Wahrscheinlicher aber erscheint mir, dass das Kapital/Politik-Konglomerat alle Register zieht: Grenzen gibt es nicht für diese Interessengruppen: Wo ein Pumpspeicherwerk geplant ist, hat also auch noch ein zweites Platz. Alles ist ausgleichbar, hört man zumindest. Aber das stimmt nicht. Ich als Biologe kartiere seit 1996 unsere Region hinsichtlich der Pflanzenwelt. Wenn Standorte bedrohter Arten NICHT verschwinden, dann ist das nach meiner Beobachtung und aktiven Mitwirkung überwiegend kein Erfolg von am Schreibtisch beschlossenen Ausgleichsmaßnahmen, sondern vom Wissen und vom Einsatz Einzelner oder einiger weniger, meist ehrenamtlich tätiger Personen, die nicht müde werden, Behörden und Politiker auf ihre Unterlassungssünden aufmerksam zu machen sowie selbst mit anzupacken. Da nützt Reinholz' rosarote Biodiversitätsstrategie für Thüringen überhaupt nichts.

Das offizielle deutsche Ausgleichssystem für wirtschaftliche Eingriffe in unsere an sich schon gebeutelte Landschaft ist ein Desaster. Es zeigt, wie wenig den Verantwortlichen tatsächlich bewusst ist, was sie zerstören. Das Ausgleichssysytem in Deutschland ist eine ungeschminkte Refernz an die Interessen der Großindustrie, allen voran die Bau- und Berbaukonzerne.

Der Verlust eines Jahrtausende alten Buchenwaldes, also eines Waldes, der dort praktisch schon immer war, ist nicht mit der Pflanzung von ein paar Pappeln am Wegesrand ausgleichbar. Die menschliche Anmaßung, das Gegenteil zu behaupten und diese dann auch noch in Gesetzestexte zu packen, entspricht keineswegs der wissenschaftlich erwiesenen Realität auf unserem Planeten mit immer mehr kollabierenden Ökosystemen.

Optimismus, dass die fürchterlichen Zerstörungen zumindest in der Hainleite verhindert werden können, habe ich wenig: Die Bevölkerung ist, politisch gewollt, mit der Absicherung ihres eigenen Wohstandes beschäftigt, was für sie schon, auch gewollt bzw. gern gesehen, schon stressig genug ist. Zudem fehlt ihr im Zeitalter von GPS im übertragenden Sinne ein wenig der Blick aus dem seitlichen PKW-Fenster.
Nachdem es auch kaum Widerstand gegen hunderte Gewerbegebiete und Straßenbaumaßnahmen gegeben seit der Wende gegeben hat, wird es den gegen ein Pumpspeicherwerk im Kyffhäuserkreis erst recht nicht geben. Dafür sprechen allein schon die letzten Wahlergebnisse.
Bodo Schwarzberg

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Autor: red

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