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Leistung macht Spaß oder Freude?

Freitag, 11. Oktober 2013, 10:45 Uhr
Unter dem Motto „Leistung macht Spaß“ hatte die FDP-Landtagsfraktion am 7. Oktober zur bildungspolitischen Diskussion nach Nordhausen eingeladen. Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes und Gastredner des Abends, war damit nicht ganz glücklich...


„Freude“ wäre ihm lieber als „Spaß“, denn Schule sei schließlich kein Freizeitvergnügen und müsse zur Anstrengung anhalten. Eine Auffassung, die Franka Hitzing teilt. Dennoch wollte die bildungspolitische Sprecherin der Fraktion ihren Slogan nicht zurücknehmen. Leistung könne auch durchaus Spaß machen, wie man beispielsweise im Sport sehen könnte, sagte die Regelschullehrerin.

Zu der gut besuchten Veranstaltung in der „Echter Nordhäuser Traditionsbrennerei“ konnte sie zahlreiche Schulleiter, Lehrer und Eltern begrüßen, die interessiert den Ausführungen des bayerischen Schulexperten folgten. In seiner kritischen Analyse der Entwicklung des Bildungssystems in Deutschland setzte er sich zunächst mit dem „pädagogischen Irrglauben“ der letzten Jahre auseinander. Eine leistungsfreie Schule, die Kompetenzen statt Inhalte vermittle, sei eine gravierende Fehlentwicklung. Schule sei keine Einrichtung zur Herstellung von Gleichheit, es sei denn, man senke das Anspruchsniveau. Das Bildungswesen müsse mehr an Freiheit orientiert sein, forderte Kraus, der selbst Direktor eines Gymnasiums ist.
Einheits- und Gesamtschule hätten jahrelange Erfolglosigkeit hinter sich. Studien belegten, dass Absolventen der 10. Klassen um 2 bis 3 Jahre hinter der Lernleistung der Schüler im differenzierten Schulsystem zurück seien. Eine verlängerte Grundschulphase habe ähnliche Auswirkungen. Auch der Abschaffung des Sitzenbleibens erteilte er eine deutliche Absage. „Das ist kein Stigma, sondern eine Chance.“ Schließlich könne man in Bayern damit sogar Ministerpräsident werden.

Er lobte die Thüringer als „bodenständig“, die sich erst kürzlich in einer Umfrage mit großer Mehrheit gegen die Abschaffung von Klassenwiederholungen und Noten ausgesprochen hatten. Die Inflation von Spitzennoten durch die Absenkung des Anforderungsniveaus nannte er eine „planwirtschaftliche Erfolgssteuerung“. „Wer das Leistungsprinzip außer Kraft setzt, gefährdet den Sozialstaat“, warnte er. Kraus, der seit 1987 an der Spitze des Deutschen Lehrerverbandes steht, kritisierte die von Kompetenzgläubigkeit durchdrungenen Lehrpläne. Inhalte müssten vor Kompetenzvermittlung kommen. „Wir brauchen eine Renaissance des Wissens, denn wer nichts weiß, muss alles glauben.“

In der anschließenden Diskussion wurden viele Punkte von den Teilnehmern der Runde noch einmal verstärkt. Eine falschverstandene „Liberalisierung“ bei der Notengebung sei nicht das Ding der Liberalen, versicherte Franka Hitzing. Beklagt wurde, dass Schule heute zunehmend mit Nebentätigkeiten belastet und erzieherische Aufgaben von der Gesellschaft und den Eltern übertragen bekomme. „Die Zeit für solide Schule werde so immer mehr verkürzt“, stelle auch Kraus fest. In der Hysterie, die mit PISA eingesetzt habe, sei alles schlecht geredet und über Bord geworfen worden. Dabei hätte man viele Reisekosten nach Finnland sparen können, wenn man sich in Deutschland an Bayern, Sachsen oder Thüringen orientieren würde. Ein Zentralismus oder auch ein „egalisierender“ Föderalismus würde aber überall zu PISA-Ergebnissen wie in Hamburg oder Bremen führen, warnte Kraus.

„Nachdem wir nun mit Ihnen zu Veranstaltungen in der Landeshauptstadt und in Nordhausen zu Gast waren, würden wir Ihnen auch gern noch den Osten und den Westen Thüringens zeigen“, erneuerte Franka Hitzing ihre Einladung an Josef Kraus. „Wenn Sie mir einen Helikopter besorgen – gern“, konterte Kraus in Anspielung auf sein aktuelles Buch „Helikopter-Eltern“, das er im Anschluss an die Diskussion signierte.
Autor: red

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