Aus der Geschichte Roßlebens (1)
Dienstag, 15. Oktober 2013, 11:20 Uhr
In Schriften aus der Geschichte Roßlebens hat unser Leser Ernst Pannen recherchiert und einige interssante Zeitdokumente (Aufzeiuchnungen) ans Licht gefördert, die er in loser Folge vorstellt. Hier der Start..
Er schreibt:
Peter Willrodt leitete nach seinem Dienst in der Kaiserlichen Marine den technischen Bereich der Kaliwerke. Nach dem 2. Weltkrieg erwartete er die Rückkehr seines Sohnes aus der Kriegsgefangenschaft.
Die weiteren Seiten der Aufzeichnungen von Peter Willrodt, die über das Ende des Krieges berichten, gebe ich an dieser Stelle wieder:
Ernst Pannen
Der Krieg geht weiter. Landung der US- und britischen Armeen in Frankreich, fluchtartiger Rückzug aus dem Osten. In Frankreich bleiben unsere Flugzeuge liegen, bei Warschau unsere Panzer und LKW – Treibstoffmangel. Klar erkennbar ist, welchen Ausgang dieser Krieg nehmen wird. Die Ereignisse sind zu scharf in unserem Gedächtnis eingegraben, so dass ich sie nicht aufzuschreiben brauche. Der Krieg wird für uns verloren werden, wie ich von Anfang an geglaubt habe und wie es jetzt der Dümmste allmählich lernen muss zu begreifen. Unser Raum innerhalb der deutschen Grenzen wird immer mehr eingeengt. Es geht dem Ende entgegen.
Aus der Geschichte Roßlebens (Foto: Ernst Pannen)
Am 12. April 1945 ging die amerikanische Welle über uns hinweg. Wir sind heil hindurchgekommen, unser Haus ist unbeschädigt geblieben. Ich hatte große Sorge, dass, wenn die Amerikaner den Kamm der Finne überschreiten mit Artillerie und Widerstand finden, sie das Unstruttal und den ihnen gegenüberliegenden Hang, besonders den Rand des Ziegelrodaer Forstes, mit Artilleriefeuer bestreichen. Dabei wäre unser Haus und das Werk wahrscheinlich schwer in Mitleidenschaft gezogen worden. Es verlief anders. Nur schwache Kräfte kamen in Richtung von Lossa und Wiehe her über die Finne. Die Hauptmacht zog von Erfurt und Weimar über Kölleda, Lauscha nach Naumburg. Eine andere von Heldrungen über Artern, Kalbsrieth und Schönwerda weiter nach Ziegelroda und Querfurt in Richtung Halle. Der Gefechtslärm dauerte bis zum Abend und war dann in weiter Ferne immer noch zu hören.
Wir waren am Abend gänzlich erschöpft, weil wir an den vorherigen Tagen Daueralarm gehabt hatten wegen der Luftangriffe, die in der Nähe stattfanden. Tiefflieger waren von 7h bis 21h ständig über uns und griffen alles an, was sich bewegte. Den Werkszugverkehr hatten wir schon vom 7.4.45 ab fast vollständig eingestellt, weil die Lokomotiven beschossen wurden. Eine Lok von uns wurde angeschossen, jedoch nur leicht beschädigt. Auf der Reichsbahn wurde durch Tieffliegerbeschuss eine Lok bei Wendelstein und eine bei Donndorf abgeschossen. Die Geschosse haben 2 cm Durchmesser und einen Sprengsatz. Bei der oben genannten Lok war ein Geschoss in einen Kurbelzapfen aus hartem Stahl 6,5 cm tief eingedrungen.
Die Amerikaner richteten dann die Besetzung ein. In Querfurt bestand eine Kommandantur, die alle Fragen regelte oder links liegen ließ, in Roßleben lagen etwa 200 Mann und viele Panzer und Kraftwagen.
Sie redeten davon, dass sie die Wirtschaft wieder in Gang bringen wollten, sie ließen jedoch alles laufen bzw. liegen und taten nichts. Autos beschlagnahmen war ihre Stärke. Ihre Herrschaft endete Ausgang des Monats Juni 45. Ob man ihnen Tränen nachgeweint hat, ich weiß es nicht.
Dann kamen die Russen! Wir befanden uns auf unserem Werk in verhältnismäßig großer Sicherheit und haben auch bisher keinerlei Belästigungen erfahren bis auf kleine Zwischenfälle. Diese Schilderungen, ebenso über den weiteren Verlauf der russischen Besetzung will ich mir ersparen, weil mir nur daran liegt, über Peters weiteres Ergehen zu schreiben. Er ist im Februar1946 von USA mit einem Transport abgefahren und in Frankreich gelandet. Hier ist er einige Zeit – gegen 6 Wochen – im Lager von Attichy (ein berüchtigtes Lager) gewesen. Wenn ich nicht irre, war er in der ersten Hälfte des März 1946 in Deutschland. Zuerst war er einige Tage in dem Krankenhause eines katholischen Schwesternordens, obgleich er gar nicht krank war, sondern weil er unterwegs gehört hatte, dass es in dieser Pflegestätte – die war in Westfalen – täglich Fleisch und bei der Entlassung ein Hemd gäbe.
Er kam dann im März 1946 zum ersten Mal nach dem Kriege zu uns. Seine Ankunft hatte er uns irgendwie, ich glaube telegraphisch angezeigt. Er kam über Artern und von dort zu Fuß nach Rossleben. Ich bin ihm entgegengegangen, weil ich annahm, daß er den Feldweg von Schönewerda durch die Bottendorfer und Rossleber Feldflur gehen würde. Diese Gegend kannte er ja in jedem Winkel von den jugendlichen Geländespielen her.
Bild: Wohnhaus Angestellte Kalibergbau
Autor: khhEr schreibt:
Peter Willrodt leitete nach seinem Dienst in der Kaiserlichen Marine den technischen Bereich der Kaliwerke. Nach dem 2. Weltkrieg erwartete er die Rückkehr seines Sohnes aus der Kriegsgefangenschaft.
Die weiteren Seiten der Aufzeichnungen von Peter Willrodt, die über das Ende des Krieges berichten, gebe ich an dieser Stelle wieder:
Ernst Pannen
Der Krieg geht weiter. Landung der US- und britischen Armeen in Frankreich, fluchtartiger Rückzug aus dem Osten. In Frankreich bleiben unsere Flugzeuge liegen, bei Warschau unsere Panzer und LKW – Treibstoffmangel. Klar erkennbar ist, welchen Ausgang dieser Krieg nehmen wird. Die Ereignisse sind zu scharf in unserem Gedächtnis eingegraben, so dass ich sie nicht aufzuschreiben brauche. Der Krieg wird für uns verloren werden, wie ich von Anfang an geglaubt habe und wie es jetzt der Dümmste allmählich lernen muss zu begreifen. Unser Raum innerhalb der deutschen Grenzen wird immer mehr eingeengt. Es geht dem Ende entgegen.
Aus der Geschichte Roßlebens (Foto: Ernst Pannen)
Am 12. April 1945 ging die amerikanische Welle über uns hinweg. Wir sind heil hindurchgekommen, unser Haus ist unbeschädigt geblieben. Ich hatte große Sorge, dass, wenn die Amerikaner den Kamm der Finne überschreiten mit Artillerie und Widerstand finden, sie das Unstruttal und den ihnen gegenüberliegenden Hang, besonders den Rand des Ziegelrodaer Forstes, mit Artilleriefeuer bestreichen. Dabei wäre unser Haus und das Werk wahrscheinlich schwer in Mitleidenschaft gezogen worden. Es verlief anders. Nur schwache Kräfte kamen in Richtung von Lossa und Wiehe her über die Finne. Die Hauptmacht zog von Erfurt und Weimar über Kölleda, Lauscha nach Naumburg. Eine andere von Heldrungen über Artern, Kalbsrieth und Schönwerda weiter nach Ziegelroda und Querfurt in Richtung Halle. Der Gefechtslärm dauerte bis zum Abend und war dann in weiter Ferne immer noch zu hören.Wir waren am Abend gänzlich erschöpft, weil wir an den vorherigen Tagen Daueralarm gehabt hatten wegen der Luftangriffe, die in der Nähe stattfanden. Tiefflieger waren von 7h bis 21h ständig über uns und griffen alles an, was sich bewegte. Den Werkszugverkehr hatten wir schon vom 7.4.45 ab fast vollständig eingestellt, weil die Lokomotiven beschossen wurden. Eine Lok von uns wurde angeschossen, jedoch nur leicht beschädigt. Auf der Reichsbahn wurde durch Tieffliegerbeschuss eine Lok bei Wendelstein und eine bei Donndorf abgeschossen. Die Geschosse haben 2 cm Durchmesser und einen Sprengsatz. Bei der oben genannten Lok war ein Geschoss in einen Kurbelzapfen aus hartem Stahl 6,5 cm tief eingedrungen.
Die Amerikaner richteten dann die Besetzung ein. In Querfurt bestand eine Kommandantur, die alle Fragen regelte oder links liegen ließ, in Roßleben lagen etwa 200 Mann und viele Panzer und Kraftwagen.
Sie redeten davon, dass sie die Wirtschaft wieder in Gang bringen wollten, sie ließen jedoch alles laufen bzw. liegen und taten nichts. Autos beschlagnahmen war ihre Stärke. Ihre Herrschaft endete Ausgang des Monats Juni 45. Ob man ihnen Tränen nachgeweint hat, ich weiß es nicht.
Dann kamen die Russen! Wir befanden uns auf unserem Werk in verhältnismäßig großer Sicherheit und haben auch bisher keinerlei Belästigungen erfahren bis auf kleine Zwischenfälle. Diese Schilderungen, ebenso über den weiteren Verlauf der russischen Besetzung will ich mir ersparen, weil mir nur daran liegt, über Peters weiteres Ergehen zu schreiben. Er ist im Februar1946 von USA mit einem Transport abgefahren und in Frankreich gelandet. Hier ist er einige Zeit – gegen 6 Wochen – im Lager von Attichy (ein berüchtigtes Lager) gewesen. Wenn ich nicht irre, war er in der ersten Hälfte des März 1946 in Deutschland. Zuerst war er einige Tage in dem Krankenhause eines katholischen Schwesternordens, obgleich er gar nicht krank war, sondern weil er unterwegs gehört hatte, dass es in dieser Pflegestätte – die war in Westfalen – täglich Fleisch und bei der Entlassung ein Hemd gäbe.
Er kam dann im März 1946 zum ersten Mal nach dem Kriege zu uns. Seine Ankunft hatte er uns irgendwie, ich glaube telegraphisch angezeigt. Er kam über Artern und von dort zu Fuß nach Rossleben. Ich bin ihm entgegengegangen, weil ich annahm, daß er den Feldweg von Schönewerda durch die Bottendorfer und Rossleber Feldflur gehen würde. Diese Gegend kannte er ja in jedem Winkel von den jugendlichen Geländespielen her.
Bild: Wohnhaus Angestellte Kalibergbau
