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Aus der Geschichte Roßlebens (3)

Montag, 04. November 2013, 07:35 Uhr
In Schriften aus der Geschichte Roßlebens hat unser Leser Ernst Pannen recherchiert und einige interessante Zeitdokumente (Aufzeichnungen) ans Licht gefördert, die er in loser Folge vorstellt. Hier die dritte Folge...

Er schreibt:
Dr. Stephanie Willrodt, die Ehefrau von Peter Willrodt, führte ein Tagebuch. Die Aufzeichnungen ihres Mannes ergänzend, sende ich Ihnen für Roßleben wohl recht interessante Auszüge zu.

Do. 27. 11. 41

Es wurde mir heute von jem. gesagt, in einer Versammlung von Ortsgruppenführern habe der Kreisbauernführer darauf hingewiesen, dass die Lage sehr ernst sei.- Cigarren u. sonstige Rauchwaren gibt es jetzt nur noch auf Karten. auch die Frauen haben
½ Karte auf Cigaretten. Peter bekommt in der Woche 3 Cigarren.

Wir haben hier 30 Russen. Sie sind im Stroh in einer Scheune untergebracht ohne Decken. 3 sind schon gestorben. Sie bekämen nur Kartoffeln mit Salz und hätten vor Hunger erfrorene Zuckerrüben gegessen. Was ich an Rohheit in den letzten Tagen von Frauen über Russen gehört habe, ist scheusslich und für mich aufreizend. Frau (Name unkenntlich), eine 150% sagte mir, sie hätten im Elsass auch Russen! Man „kuriere“ sie. Was dahinter steckt, weiss derjenige, der das Vorgehen der NSDAP 33 gegen die Kommunisten erlebt und ab und an etwas über Konzentrationslager gehört hat.

29. 11. 41

Heute erzählte (Name unkenntlich), dass der (unkenntlich) ihrem Mann gesagt habe, einer der 30 Russen sei an Diphtherie erkrankt. Der Wachposten sei aufgefordert worden, (von wem nicht zu erfahren) den Mann zu erschiessen, was er ablehnte zu tun. Er brächte das nicht fertig. ( 4 Zeilen unkenntlich)

2. Dez. 41

Im Gefangenenlager in Bad Sulza soll Fleckthyphus ausgebrochen sein.

3. 12.41

Seiffert erzählt von einem Verwandten seiner Frau, einem 20-jährigen Neffen, der in Kreuznach gestorben ist im Lazarett. Ein Bein ab, die Wade des anderen zerschmettert. Der Vater ist sofort hingefahren. 2 Min. vor dem Sterben sagte der Junge: Pappa nimm mich mit nach Hause.

Ein Junge, 19 Jahre alt, hat seiner Mutter von Leningrad geschrieben: Sie lägen in Erdlöchern. Es seien bis -32°, jetzt, da er schreibe, seien es -10° und es erscheine ihnen lau, wie herrlicher Frühling. Sie bekämen erfrorene Kartoffeln, da die Züge genug damit zu tun hätten, Munition heranzuschaffen. Zum Schluss schreibt er: Der allmächtige Gott, der unsere Waffen gesegnet
hat, wird ja wohl auch dafür sorgen, dass dieser Krieg einmal zu Ende geht. Er schrieb auch, seine Eltern sollten nicht glauben, dass Leningrad eingeschlossen sei. Seine Mutter hat furchtbar geweint.

18.2.42

Peter Klaus (Stephanies Sohn) ist am 13. 2., am letzten Freitag gekommen. Ich bin tief niedergeschlagen, statt fröhlich zu sein. Sich mit ihm unterhalten über das, was uns heute bewegt, ist ganz unmöglich. Mittags erzählte ich, dass der junge Bruchlacher, Herta Crammes Mann in russische Gefangenschaft geraten, bzw. tot sei. Ich hatte heute Vormittag Frau Crammes deswegen besucht, und sie hatte mir nun alles erzählt. Ich erzählte, dass der Junge in seinem letzten Brief vom 24. Nov. geschrieben habe, wie schwer sie es hätten. Er trüge die wollenen Handschuhe noch immer, die seine Frau ihm im Spätsommer gesandt habe. Die Finger der Handschuhe seien ganz zerschlissen. Er fühle nie vor Kälte seine Hände und Füsse.

Am verschimmelten Brot müssten sie sich die essbaren Teile heraussuchen. Ich erzählte dann noch, dass mir Frau Cr. einen Brief der Mutter Bruchlacher vorgelesen habe, in dem sie berichtet, was ein Neffe schreibt: Die schlimmste Phantasie könne nicht ausmalen, was sie zu leiden hätten. sie hätten keine Hoffnung, je heimzukommen. Würden sie aber einmal zurückkommen, dann würden sie in ihrem Leben immer unter der Last der Erlebnisse verbringen müssen. Und so wohl der eine wie der andere schrieben wie einen Hilferuf: „Betet, Betet!“
Autor: khh

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