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Lichtblick: Running Gag

Freitag, 10. Januar 2014, 07:00 Uhr
Unter den Pfarrern gibt es einen „Running Gag“ – also einen Dauerwitz. Der hat es in sich. Der Witz lautet... Mehr dazu im heutigen Lichtblick der Nordthüringer Online-Zeitungen von Pfarrer Reinhard Süpke aus Oldisleben...


Unter den Pfarrern gibt es einen „Running Gag“ – also einen Dauerwitz. Der hat es in sich. Der Witz lautet: Die Gemeinde in Besserdorf sucht einen neuen Pfarrer oder eine Pastorin! Dazu formuliert sie eine Ausschreibung. Sie haben dort ein tolles Pfarrhaus, Autobahnanschluss, gut ausgestattetes Büro und eine frisch renovierte Kirche! Und, wo liegt der Haken? Die Ausschreibung steht schon zum zehnten Mal drin! Wieso bewirbt sich keiner dort? Na, ganz einfach. Die Ausschreibung kann man so zusammenfassen:
„Wir suchen einen jungen, dynamischen Pfarrer/Pfarrerin, möglichst im Alter von zwanzig Jahren (Plusminus 3 Jahre), der die Weisheit und Berufserfahrung von mindestens fünfzig Jahren mit sich bringt!“

Das regt erst mal zum Schmunzeln an. Aber auch zum Nachdenken. Denn ich glaube, dahinter verbirgt sich eine Sehnsucht, die Menschen bewegt, die nach vielen Jahren auf ihr Leben zurückblicken. Da sitzt ein junges Ehepaar bei einem Eheberater und heult sich die Augen aus, weil sie beide so viel verkehrt gemacht haben. Und der Eheberater, ein alter weiser Mann sagt zu ihnen: „Ich bin jetzt fünfzig Jahre verheiratet. Ich habe erst jetzt die Erfahrungen die ich brauche, um zu heiraten! Und um alles richtig zu machen.“ Da stellt sich bloß die Frage: Wer dürfte dann heiraten? Wer ist von Anfang an so klug und weise, dass er oder sie ein gemeinsames Leben anfangen können?

Noch tiefer gefragt: Wer ist von Anfang an so klug und weise, das Leben zu bestehen? Wenn wir an manche Erfahrungen und Fehler denken, die wir gemacht haben, dann wünschen wir uns auch die Weisheit von 50 oder mehr Lebensjahren. Und wir wünschen uns die Kraft und die Zeit, unser Leben noch einmal von vorne anzufangen.

Was würden wir nicht alles besser machen!
Was würden wir nicht alles für Fehler vermeiden!
Wem würden wir nicht mehr so leicht trauen?
Wir wissen alle, dass das nicht geht.

Übrigens: Wie sehr diese Frage uns bewegt, wird auch in Science – fiction Filmen oder Büchern deutlich.
Sehr oft, wenn es darum geht, ob wir Menschen in der Zeit reisen können, geht es um die Frage: Können Fehler aus der Vergangenheit wieder gut gemacht werden? Einer der Jünger Jesu verrät uns im hohen Alter, welche hilfreiche Erfahrung  er in seinem langen Leben gemacht hat. Ich meine den Apostel Johannes. Die alte Kirche sagt von ihm, dass er sein Evangelium im hohen Alter verfasst hätte. Und gleich im ersten Kapitel schreibt er einen Rückblick auf seine Erlebnisse und Erfahrungen mit Jesus Christus: „Aus seiner Fülle haben wir genommen Gnade um Gnade.“

Durch die Gnade Gottes erfahren wir Vergebung. Das haben wir so oft gehört: Jesus ist darum in die Welt gekommen, um am Kreuz alle Sünde zu tragen. Damit unsere Schuld vergeben werden kann. Und ER ist auferstanden, damit wir wissen dürfen: Gottes Gnade zu uns ist stärker als der Tod. Gott bleibt uns im Leben, im Sterben – und über das Sterben hinaus in Gnade zugewandt. ER lässt uns nicht los, wenn wir unser Vertrauen in Jesus setzen.

Aber Seine Gnade bedeutet auch: Wir müssen nicht alles richtig machen. Wir dürfen auch Fehler machen. Keiner wäre so dumm, Fehler einzuplanen. Aber leider sind sie nicht zu vermeiden. Gott kommt trotzdem mit uns und mit seinen Plänen ans Ziel. Das wird uns deutlich, wenn wir die Geschichte im Matthäusevangelium von den sogenannten „Drei Weisen aus dem Morgenland“ lesen.

Ich nenne sie „sogenannte Weise“, weil sie in dieser Geschichte zu Beginn nicht sehr weise erscheinen. Sie kommen mir sogar sehr einfältig vor. Lassen wir mal außen vor, wer sie waren, wie viele sie waren und alle diese Fragen. Worin bestand ihre Weisheit? Sie kannten sehr, sehr alte Schriften, die von einem aufgehenden Stern erzählten, der die Geburt eines neuen Königs in Israel ankündigt. Nun wurden ständig neue Könige geboren zu der damaligen Zeit. Das war meistens nur für das jeweilige Volk interessant, zu dem dieser Prinz dann gehörte.

Heute haben die königlichen Kinder, die in London oder sonst wo geboren werden, oft nicht mehr als einen gewissen folkloristischen Wert. Macht sich immer gut für die Yellow – Press und für das Fernsehen. Wir brauchen heute nicht mehr so weit zu reisen wie die drei Weisen.

Fernseher an genügt! Nur die eingefleischten Fans des Adels würden wegen der Geburt eines kleinen Royals nach London reisen. Denn zu sagen haben die nicht mehr so viel wie einst die richtigen Könige. Hier aber machen sich studierte Männer aus Babylonien auf einen langen, langen Weg. Nicht nur, um dem stolzen Herrn Papa zu gratulieren zum Stammhalten. Nein! Ihre erklärte Absicht ist: „Wir sind gekommen, ihn anzubeten!“ Sie haben ein tiefes Wissen – oder eine gewisse Ahnung – davon, dass dieses Kind mehr ist als irgend ein königlicher Stammhalter.

Ihre lange Reise, die sie auf sich genommen haben und ihre Absicht zeigen einen ganz tiefen und auch einfältigen Glauben. Aber  sie scheinen nicht viel Menschenkenntnis zu haben. Und sie kennen Gottes Absichten mit der Welt auch noch nicht so gut. Und darum machen sie in ihrer Arglosigkeit und Einfalt erst einmal alles falsch. Sie bringen den neugeborenen König der Juden in größte Gefahr. Alle Welt wusste doch, wie grausam und unberechenbar der König Herodes in Jerusalem war!

Ein Zeitgenosse – Kaiser Augustus höchstpersönlich – hat über ihn gesagt: "Es ist besser, das Schwein des Herodes als sein Sohn zu sein." Denn Schweine wurden bei den Juden nicht geschlachtet, weil ihr Fleisch nicht gegessen wurde. Aber seine Söhne hat Herodes töten lassen, wenn sie ihm verdächtig vorkamen. Jetzt stehen also diese weisen, studierten Männer vor ihm und fragen ihn nach dem Thronfolger! Nach dem „neugeborenen König der Juden!“ Herodes war ja nicht einmal Jude. Er stammt aus einem verwandten Volk, den Idumäern. (Im AT: Edomiter) Herodes war nur an der Macht, weil er eine Marionette der verhassten Römer war. Ein Günstling des römischen Imperiums.

Und nun das! Er hatte von den Hoffnungen der frommen Juden gehört, dass Gott mal einen Retter, einen König schickt. Wahrscheinlich hat ihn schon der Stern beunruhigt. Und jetzt diese fremden Männer, die behaupten: Es ist soweit. Dieser „neugeborenen König der Juden“ steht vor der Tür und was nun? König Herodes weiß: Entweder er dankt ab, aber dann gibt es Ärger mit den Römern, dankt er nicht ab, gibt es Ärger mit den Juden. Und wenn die Ärger machen, gibt es auch Ärger mit den Römern. Und außerdem: Wieso soll er für irgendjemanden den Thron hergeben, der nicht mal aus seiner Familie ist? Die Stadt Jerusalem weiß, wenn Herodes durchdreht, „dann gnade uns Gott!“

Aber unsere einfältigen drei Weisen bekommen in ihrer Arglosigkeit scheinbar nichts davon mit. Sie machen den Eindruck, dass sie gutgläubig, blauäugig und treuherzig sind.

Wie sonst kann es dazu kommen, dass sie sich von Herodes so aushorchen lassen? Der hat die studierten Theologen der Juden erst ausgefragt. Die haben ihm artig Antwort gegeben, dass der Geburtsort Bethlehem heißt. Merkwürdigerweise haben die, die aus dieser Hoffnung auf den „neugeborenen König der Juden“ leben, auch nichts gemerkt. Sie hätten sie ja fragen können, warum Herodes so einen Aufstand um diese Frage macht, wo der „neugeborenen König der Juden“ geboren wird! War ihr Wissen um diese Hoffnung nur totes Wissen?
Kommen wir zurück zu Herodes und den einfältigen Weisen.

Herodes ist gar nicht einfältig. Er ist gerissen, clever, schlau und raffiniert – das ganze Gegenteil von Einfältig. Er ist so raffiniert, dass die Weisen keinen Argwohn schöpfen, als er sie ausfragt! Wie peinlich ist das denn für so kluge Männer! Es ist so peinlich wie immer, wenn wir im Rückblick auf unser Leben fragen: „Wie konnten wir nur manchmal so blauäugig sein!“

Aber diese Geschichte ist nicht dazu da, um die Einfältigen zu kritisieren. Sondern um uns Hoffnung zu machen: Die Gnade Gottes kommt mit den Einfältigen ans Ziel. Die Gerissenen und Raffinierten, die Gott außen vor lassen im Leben, nicht. Herodes glaubt, mit seiner Gerissenheit ans Ziel zu kommen. Er will diesen „neugeborenen König der Juden“ vernichten. Darum schickt er die drei Weisen als seine „inoffiziellen Mitarbeiter wider Willen“ los und bittet um Informationen. Er lügt ihnen ins Gesicht und gaukelt den frommen König vor. Wie gesagt: die drei Weisen merken es nicht. Sie sind eben einfältig.

Einfalt war nicht immer ein Schimpfwort. In der germanischen Sprache bedeutete es Einfachheit und Ungeteiltheit. Die drei Weisen sind der ungeteilten Sehnsucht ihres Herzens gefolgt. Nicht die Gerissenheit der Mächtigen, nicht die Raffiniertheit der Intriganten ist ihr Herzschlag. Sondern die Sehnsucht nach einem erfüllten Herzen. Irgendwann ist diese Sehnsucht in ihnen geweckt worden. Diesem „neugeborenen König der Juden“ zu begegnen, der die Welt zu den Zielen Gottes führt.

Als sie Jerusalem in Richtung Bethlehem verlassen, sehen sie den Stern endlich wieder. Und die wahre Größe und Schönheit ihrer Einfalt zeigt sich in dem, was jetzt passiert: „Als sie den Stern wiedererkannten, brachen sie in freudigen Jubel aus!“. Sie sind nicht kühl, reserviert und abwägend. Sie wissen auf einmal wieder: Wir sind auf dem richtigen Weg!

Und auf dem Weg der Sehnsucht, die Gott irgendwann in ihren Herzen angezündet hat, finden sie zu dem Kind Jesus. Ihre Geschenke – Gold, Weihrauch und Myrrhe – zeigen etwas von ihrer tiefen, einfältigen aber gewissen Ahnung, dass ihnen in diesem Kind Gott selber begegnet. Und dieser Gott führt sie weiter. Denn er gebietet ihnen im Traum, nicht wieder zu Herodes zurückzukehren. Sie begeben sich auf der Heimreise auf einem anderen Weg.

Sie sind ans Ziel gekommen. Dorthin, wo Gott sie haben wollte. Wo Gott uns alle hinhaben will. Trotz unserer Fehler. Trotz unserer Begrenztheiten in dem, was wir über Gott, das Leben und die Menschen wissen. Das Geheimnis liegt in der Einfalt, und zwar im besten Sinn des Wortes: Dass unsere Herzen auf Gott zuerst ausgerichtet sind. Dass wir ihm vertrauen – an jedem neuen Tag, in jeder Begegnung, bei jeder Entscheidung. Wer weiß, wie die Geschichte weitergeht, der kann natürlich fragen: Wo war Gott, als Herodes dann die Kinder in Bethlehem durch seine Soldaten so grausam ermorden ließ?

Dazu kann ich nur antworten: Das war nicht die Schuld der einfältigen drei Weisen. Das war die Verantwortung des Herodes. Und wer genauer- mit einfältigem Herzen weiterliest, der ahnt auch, dass dieses Unheil nicht aus Gottes Ratschluss herausfiel.

Bei allen offenen Fragen bleibt es dabei: Wer in guter Einfalt Gottes Wegen folgt, der kommt zum Ziel.
Hören wir noch einmal, was Bonhoeffer dazu sagt:
„Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen [Hinweis auf Röm.“
Wenn das kein Lichtblick zu Beginn des neuen Jahres ist! Amen.
Reinhard Süpke, Pfarrer aus Oldisleben
Autor: red

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