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„Reinheitsmärchen“ für Erwachsene

Mittwoch, 23. April 2014, 08:43 Uhr
Nüchtern betrachtet handelt es sich beim Tag des Deutschen Bieres um einen vom Deutschen Brauer-Bund initiierten Gedenktag, an dem Brauereien, gastronomische Einrichtungen und Getränkefachhändler mit zahlreichen Aktionen die Reinheit des deutschen Bieres feiern...

Tag des Bieres (Foto: privat) Tag des Bieres (Foto: privat)

Wasser, Malz, Hopfen und Hefe sind die Zutaten, die bereits seit 1516 die Qualität des deutschen Bieres bestimmen, denn seit dieser Zeit gilt das sogenannte Reinheitsgebot zur Bierherstellung, niedergeschrieben in der Bayerischen Landesverordnung, dem „ältesten Lebensmittelgesetz der Welt“.

Mit mehr als 1.000 Brauereien bzw. Braustätten und über 5.000 verschiedene Biersorten ist Deutschland ein wahres Paradies für Bierliebhaber. Die viel gepriesene Reinheit des Bieres verspricht einen gesunden Konsum und damit einen gewissen Schutz der Verbraucherinnen und Verbraucher. Aber ist das wirklich so?

Der Blick in die jüngere Gesetzgebung zeigt, dass die aktuell geltenden Vorschriften zur gewerblichen Bierherstellung im „Vorläufigen Biergesetz“ von 1993 zu finden sind und durchaus mehr Zutaten erlauben als Wasser, Malz, Hopfen und Hefe. Von 60 weiteren Zusatzstoffen ist in diesem Gesetz die Rede, die „gesundheitlich, geruchlich und geschmacklich unbedenkliche Anteile“ aufweisen können.

Aber mal ganz abgesehen von den erlaubten chemischen Substanzen und lebenden Mikroorganismen, die das Bier unter anderem haltbarer machen und die Geschmacksnerven der Konsumentinnen und Konsumenten treffen sollen, enthält Bier auch das Zellgift Alkohol. Dessen gesundheitsgefährdender Anteil wird selten hinterfragt. Dabei ist Alkohol verantwortlich für 1,3 Millionen abhängigkeitskranke Menschen in Deutschland.

Verbraucherinnen und Verbraucher werden von der Brauereiwirtschaft immer dann besonders umworben, wenn die Absatzzahlen sinken. Dann wird mit neuen Biersorten, deren Alkoholgehalt zum Teil schon die 20 Prozent-Marke überschritten hat, dagegengehalten. Außerdem setzt die Branche verstärkt auf Biermischgetränke. In diesen findet man neben dem „reinen“ Bier auch Zitronenlimonade, Cola, Fruchtsäfte, reichlich Aromen und einen Alkoholgehalt von ca. 2,5 Prozent.

Eine schlechte Nachricht für die Brauereien ist die Tatsache, dass der Bierdurst der Thüringer im Jahr 2013 so niedrig war wie lange nicht. Damit gab es auch ein Rekordtief an Einnahmen aus Biersteuern für den Freistaat. Die Thüringer Bürgerinnen und Bürger greifen zudem statt nach hochprozentigem Starkbier immer mehr auf alkoholfreie Biere und Biermischgetränke wie Radler zurück und tun damit tatsächlich etwas für ihre Gesundheit. Aber wie bereits das „Märchen vom Reinheitsgebot“ ist es auch ein Märchen, dass alkoholfreies Bier auch keinen Alkohol enthält.

Mit dem Tag des Deutschen Bieres wird am 23. April ein Mythos zelebriert, der unreinen Gewissens ein reines und damit gesundes Bier verspricht. Bleibt zu wünschen, dass die Verbraucherinnen und Verbraucher zukünftig die Möglichkeit erhalten, sich über die tatsächlichen Inhaltsstoffe im Bier informieren zu können und selbst zu entscheiden, was gesund für sie ist.
Kathrin Liesegang
Autor: red

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