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kn Forum: Rückkehrerprogramm

Mittwoch, 21. Mai 2014, 11:59 Uhr
Der symbolische rote Knopf wurde gedrückt und ein Rückkehrerprogramm WELCOME-CENTER KYFFHÄUSERKREISgestartet. Dazu erreichte kn folgende Lesermeinung und persönliche Erfahrungen die gewonnen wurden...

Dass der Knopf aber seit 20 Jahren knallrot blinkt, dies hatte all die Jahre niemand bemerkt. Jetzt startet man eine Kampagne, welche man selbst verschuldet hat. Man möchte berufliche Auswanderer zurück in den Kyffhäuserkreis holen. 50.000 Euro will man noch dieses Jahr für die Imagepflege ausgeben und mit Sicherheit wird dieser Etat für die nächsten Jahre ähnlich sein.
Warum versucht man nicht die Ursachen der Abwanderung zu bekämpfen? Denn dies ist der Punkt, der Nagel mit dem Kopf! Hat man dies geschafft, so ergibt sich der Rest von selbst – ohne Kampagne und Imagepflege. Alles Augenmerk auf das Welcome-Center. Man hat wieder etwas Neues, man hat was geschafft und kann sich gegenseitig auf die Schultern klopfen, man bemüht sich ja um alles. Dabei kann man aber vom eigentlichen Versagen der Verantwortlichen in der Region ablenken. Stolz und mit der Nase nach oben schreiten die Volksvertreter zu Wahlzeiten durch unsere Gassen. Zum Beispiel kommt ja der Mindestlohn (Wann? Wie? Wo? – steht aber noch in den Sternen bzw. weit in der Zukunft).

Abwanderung, demografischer Wandel, Fachkräftemangel – hierfür braucht man keine Statistiken oder Tendenzen, geht man durch die Städte und Dörfer, so sieht man was los ist. Die der Region den Rücken gekehrt haben, die haben es sich genau überlegt bzw. es gab keine andere Wahl. Arbeitsagentur, Jobcenter, Landratsamt – ihr alles habt doch dafür gesorgt, dass die Menschen abgewandert sind.

Ein Betroffener Arbeitssuchender Facharbeiter (Industrie / Handwerk) muss unverschuldet den Gang zur Arbeitsagentur machen. Er will und kann arbeiten, damit er vor allem seinen Lebensunterhalt finanzieren kann. Dort erhält er einige Angebote aus der Region, Arbeitsplätze sind also vorhanden. Aufgrund der Entfernungen von 20, 30 oder 50 km benötigt er ein Auto, welches unterhalten werden muss. Wegen Flexibilität der Arbeitszeiten ist es so auch nicht möglich, dass man öffentliche Verkehrsmittel nutzt. Die fahren ja nicht immer und nicht überall. Außerdem sorgt man ja dafür, dass in Zukunft in der Region noch weitere Bahnhaltepunkte geschlossen werden! Man soll einen Bruttostundenlohn von 7 Euro erhalten, vielleicht 8 Euro. Dann rechnet man. Man überlegt, man sieht die Kosten, man sieht dass man vielleicht auch noch eine Familie ernähren muss. Dass man Miete oder ein Haus bezahlen muss, Nahrung, Kleidung, Versicherungen, Rente. Man sieht die Kosten, welche alleine für das Erreichen der Arbeitsstelle entstehen. Und dann sagt man, dass dies ja viel zu wenig Geld ist. Der freundliche Arbeitsvermittler gibt aber dann gleich den Hinweis, dass dieses Geld für unsere Region hier schon sehr sehr viel ist.

Einige Wochen später sitzt man dem Vermittler wieder gegenüber. In der Zeit schrieb man Bewerbungen und hatte Vorstellungsgespräche. Allerdings erhielt man hier nur Angebote mit 6,50 Euro und 7 Euro Stundenlohn. Und dies als Facharbeiter mit jahrelanger Berufserfahrung. Der Vermittler der Agentur war auch nicht mehr so freundlich und man wurde richtig gedrängt, entweder nimmt man die Angebote an oder das ALG wird gekürzt.
Und wieder einige Wochen später hat sich die Lage nicht verbessert. Nur der Vermittler hat neue Ideen. Man sollte doch wegziehen, dort wo es mehr Geld gibt für die gleiche Arbeit. Oder man nimmt den Billiglohnjob hier an – denn sonst wird einem das ALG gekürzt, ja gar gestrichen. Man erhält noch die großzügige Information, dass der Umzug von der Agentur gestützt wird. Vielen Dank!

So sieht es wirklich aus liebe Freunde der Imagekampagne, des Welcome-Centers und Volksvertreter. Man wird gedemütigt und gedrängt zur Abwanderung.

Fangt endlich an und sorgt für vernünftig bezahlte Arbeitsplätze. Redet nicht immer alles nur schön, sondern handelt! Und könnt ihr es nicht beeinflussen, so geht zu denen die es können und macht dort Druck. Geht nach Erfurt oder nach Berlin. Aber ihr habt Angst, dass ihr unbequem seit und dann eure gut bezahlten Posten im öffentlichen Dienst verliert. Deutschlandweit sind hier in der Gegend die höchsten Spritpreise und die Lebensunterhaltungskosten sind auch nicht ohne. Schulen und Kindergärten werden geschlossen. Mit Abgaben und Steuern ist man auch nicht dort, wo eigentlich ein Niedriglohnland sein müsste. Ärzte gibt es gerade im ländlichen Raum immer weniger. In den Dörfern gibt es kaum noch Einkaufsmöglichkeiten. Mit Subventionen hätte man auch dieses erhalten können. Gasthäuser verkommen, Freizeitangebote gibt es kaum und das gesellschaftliche Leben stirbt aus wie die Einwohner. Die B4 Erfurt – Nordhausen ist eine tödliche Schleichstrecke geworden. 25 Jahre nach der Wende hätte diese längst 4-spurig ausgebaut sein müssen. Die A71 ist seit über 10 Jahren von Erfurt bis Meiningen komplett fertig – ein Stück fehlt noch und es liegt natürlich im Kyffhäuserkreis. Größere Betriebe gibt es nur wenige und sieht man dort genauer hinter die Fassaden, so erkennt man die moderne Sklaverei. Arm trotz Arbeit – der sogenannte Aufschwung ist kaum spürbar. Gewiefte Unternehmer nutzen die Billiglohnregion nur so aus – Politik und Verwaltungen lassen es einfach so zu.

Man sollte sich besser um solche Probleme kümmern, um die Region, die Wirtschaft und vor allem um die Menschen, welche hier in Lohn und Brot stehen oder einen Job suchen – bevor man sich Rückkehrer holt. Denn unter solchen Bedingungen kommt kein Mensch zurück. Die Region wird dann noch mit Schweinemastanlagen und Pumpspeicherwerk zugepflastert, was mit Sicherheit für Zuwanderer auch sehr sehr interessant sein wird.

Und wären hier die Gehälter der Mitarbeiter in öffentlichen Behörden/Dienstleistern (welche hier die wirtschaftliche, soziale und politische Verantwortung haben) auf dem niedrigen Lohnniveau der anderen Bevölkerung, so würde man sich viel intensiver und mit Erfolg gegen Billiglohnjobs zur Wehr setzen. Man stellt sich aber lieber zur Schau und verteilt Ostereier. Kultur, Tourismus, Gewerbe oder Industrie? Was will man überhaupt genau?

Natürlich liegen viele Probleme auch bei der Bundesebene. Aber das Komische ist, dass es viele Regionen und Kreise gibt, welche es geschafft haben und der Kyffhäuserkreis? Seit fast 25 Jahren in den untersten Reihen der Schlusslichter anzufinden. Selbst wenn sich 2012 die Führung im Kreis geändert hat, sind die, die die Fäden ziehen im Hintergrund geblieben. Ich halte an der Meinung fest, dass man sich um die Ursache der Abwanderung kümmern muss, es beseitigen muss – der Rest kommt dann von selbst, ohne Schönfärberei, Imagepflege, Kampagnen und Welcome-Center.

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Anmerkung der Redaktion:
Die im Forum dargestellten Äußerungen und Meinungen sind nicht unbedingt mit denen der Redaktion identisch. Für den Inhalt ist der Verfasser verantwortlich. Die Redaktion behält sich das Recht auf Kürzungen vor.
Autor: khh

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